soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 17 (2017) / Rubrik "Editorial" / Redaktion soziales_kapital
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/518/927.pdf


Editorial Online-Journal „soziales_kapital“

17. Ausgabe Februar 2017: Gewalt / Gewaltprävention


Laut World Health Organization (2002) ist der Gewaltbegriff stark durch kulturelle Werte und Normen sowie den Wandel der Zeit geprägt. Ein Verhalten, das in einer Gesellschaft als angemessen und akzeptiert gilt, kann in einer anderen Gesellschaft einen Straftatbestand erfüllen und mit rechtlichen Konsequenzen verbunden sein. Genauso können Verhaltensweisen in der Vergangenheit toleriert gewesen sein, in der Gegenwart sind sie es nicht mehr. Damit wird der Gewaltbegriff zu einem „Moving Target“ und ist weder allgemein gültig noch dauerhaft festlegbar. Aus diesen Gründen variieren auch die Definitionen von Gewalt, und es muss auch der Bezugsrahmen und der Zweck von Gewalt bzw. Gewalthandlungen mitberücksichtigt werden.

Vor diesem Hintergrund befasst sich die aktuelle Ausgabe von soziales_kapital mit dem Themenschwerpunkt „Gewalt/Gewaltprävention“. Die insgesamt sieben Beiträge betrachten das Thema aus sehr vielfältigen Perspektiven und liefern damit einen spannenden und aktuellen Einblick in die Materie mit sehr heterogenen inhaltlichen, institutionellen und interkulturellen Bezugsrahmen von Gewalt.

Inhaltlich befassen sich die Beiträge mit den Themen Gewalt im Alter (Beitrag 1), Gewalt im Strafvollzug (Beitrag 2), Gewalt in neuen sozialen Medien (Betrag 3), sexualisierter Gewalt (Beitrag 5 und 6) und Gewaltprävention (Beitrag 4 und 7).

Institutionell können drei Beiträge verortet werden: Beitrag 2 im Strafvollzug, Beitrag 4 in einer stationären sozialpädagogischen Einrichtung, Beitrag 7 im schulischen Kontext (Schulsozialarbeit). Interkulturell betrachtet weisen drei Beiträge einen dezidierten Bezug zu Österreich auf (Beitrag 1, 2 und 7). Beitrag 4 ist in Südtirol und Beitrag 5 in Uganda angesiedelt. Darüber hinaus wird über alle Beiträge hinweg ein Bogen über die gesamten Lebensabschnitte gespannt, vom Kindes- und Jugendalter (Beitrag 3, 4, 6 und 7) über das Erwachsenenalter (Beitrag 2 und 5) bis hin zu älteren Menschen (Beitrag 1).

Der erste Beitrag von Anita Buchegger-Traxler thematisiert Gewalt und Vernachlässigung im sozialen Nahraum älterer Menschen aus der Perspektive von Professionen, die mit Altenbetreuung und -pflege im weiteren Sinn konfrontiert sind (Hausärztinnen/-ärzte, Beschäftigte der Sozialberatungsstellen und Koordinationsstellen für Betreuung und Pflege).

Der zweite Beitrag von Petra Hillebrand-Wiesinger beschäftigt sich mit der Bedeutung und Gewichtung protektiver Faktoren bei der Einschätzung des zukünftigen Gewaltrisikos im Maßnahmenvollzug gem. § 21 Abs.1 StGB.

Lea Leingartner setzt sich in ihrem Beitrag mit der Mediennutzung im Kindes- und Jugendalter auseinander und spannt einen Bogen zu Formen von Gewalt in den neuen sozialen Medien. Sie beleuchtet, wer vorwiegend zum Täter/zur Täterin oder auch zum Opfer werden kann, welche Folgen von Gewalt im Internet identifiziert werden können und wie man die Gewalt verringern kann.

Der vierte Beitrag von Andrea Nagy widmet sich dem partizipativen Erarbeiten praktischer Strategien in der Gewaltprävention und im Umgang mit Gewalt bei Jugendlichen am Beispiel einer internen Mitarbeiter/innen/schulung im Südtiroler Kinderdorf.

Claudia Sattler thematisiert die Homophobie und Diskriminierungserfahrungen der LGBTI-Community in Uganda. Der Beitrag macht die aktuell dramatische Lebenssituation von Angehörigen der LGBTI-Community in Uganda anhand einer empirischen Studie sichtbar.

Elli Scambor widmet sich der Frage, was es männlichen Kindern und Jugendlichen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind/waren, erleichtert, die ihnen widerfahrene sexualisierte Gewalt aufzudecken. Dazu führte sie Interviews mit Betroffenen sowie (professionell) Beteiligten, mit dem Ziel, typische Verlaufsmuster der Aufdeckung von sexualisierter Gewalt zu rekonstruieren und helfende Faktoren herauszuarbeiten.

Im siebten Beitrag untersuchte Elisabeth Stefanek anhand einer empirischen Studie, inwieweit Gewalt und Mobbing ein Thema für Schulsozialarbeiter/innen ist, welche Präventions- und Interventionsmaßnahmen von Schulsozialarbeite/inne/n durchgeführt werden und wie in diesen Bereichen die Kooperation mit den Schulpartner/inne/n funktioniert.

Unter der Rubrik „Sozialarbeitswissenschaft“ setzt sich Sarah Barta in ihrem Beitrag mit „Gemeinwesen“ als Leitbegriff in der Sozialen Arbeit kritisch auseinander. Dazu arbeitet sie ein utopisch sozialphilosophisches, ein harmonisierendes und homogenisierendes sowie ein marxistisches Verständnis heraus. Rainer Loidl und Regina Kaufmann widmen sich der Frage, wie Gewalt, Bedrohungen, Übergriffe und Grenzverletzungen gegen die Integrität in sozialpädagogischen Einrichtungen aus Sicht der Organisationstheorie betrachtet werden können.

In der Rubrik „Junge Wissenschaft“ liegen zwei Beiträge vor. Der erste stützt sich auf eine Forschungsarbeit im Bachelorstudiengang „Soziale Arbeit“ in Wien und befasst sich mit Wohnungslosigkeit und Inklusion. Im zweiten Beitrag beschäftigt sich Marlene Panzenböck mit Erfahrungen, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge während des Asylverfahrens in Österreich und der ersten Zeit nach dem Asylverfahren machten.

In der Rubrik „Werkstatt“ fasst der vorliegende Beitrag Ergebnisse des Workshops „Professionalität und Transdisziplinarität in der Sozialen Arbeit“, der im Rahmen der Bundestagung des OBDS (Österreichischer Berufsverband der Sozialen Arbeit) 2016 in Rust stattfand, zusammen.

In der Rubrik “Nachbarschaft“ präsentiert Ingrid Kromer ausgewählte Ergebnisse eines an der Katholischen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems durchgeführten Forschungsprojekts zum Thema „Kinderarmut“. Die Studie ging der Frage nach, welchen Annahmen, (Alltags-)Theorien und Wissensbeständen Lehrkräfte in der Grundschule zum Thema Kinderarmut folgen und inwieweit diese ihr pädagogisches Handeln leiten.


Insgesamt stellt diese Aussage eine substanzvolle und fundierte Zusammenstellung von wissenschaftlichen Arbeiten aus der Sozialen Arbeit zum Themenschwerpunkt „Gewalt/Gewaltprävention“ dar, ergänzt durch interessante Arbeiten in den weiteren Rubriken.


Petra Wagner (Standort Linz)


Literatur

WHO – World Health Organization (2002): World report on violence and health: Abstract. Genf: WHO.




System hosted at Graz University of Technology