soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 18 (2017) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Eisenstadt
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/524/943.pdf


Sezen Akgül:

„Meine Nationalität spielt immer eine Rolle“1

Sozialarbeiterinnen mit Migrationshintergrund im Burgenland


1. Fachkräfte mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit

Österreich gilt als Zuwanderungsland: 22% der in Österreich lebenden Personen sind laut Statistik Austria zugewandert (vgl. Statistik Austria 2017a und 2017b). Demnach soll jede/r Fünfte Migrationshintergrund haben. Es gibt viele Studien zum Thema der Migration und Integration, die sich vor allem auf KlientInnen der Sozialen Arbeit konzentrieren. SozialarbeiterInnen mit Migrationshintergrund stellen nach wie vor eine Minderheit in der Sozialen Arbeit dar, obwohl es scheint, als ob der Bedarf nach Mehrsprachigkeit vorhanden ist und das Wissen über diverse Kulturen benötigt wird. Diese qualitative Forschung soll Aufschluss über SozialarbeiterInnen mit Migrationshintergrund im Burgenland geben und Erfahrungen mit KlientInnen und im Team aufzeigen. Sieben Sozialarbeiterinnen bzw. angehende Sozialarbeiterinnen mit Migrationshintergrund, die kurz vor ihrem Abschluss stehen oder bereits mehrjährige Erfahrung im Bereich der Sozialen Arbeit vorweisen können, wurden mittels problemzentrierter Interviews befragt. Im Fokus stehen hierbei der Migrationshintergrund und die Relevanz der Nennung von Herkunft, Nationalität oder Religionszugehörigkeit. Erfahrungen von SozialarbeiterInnen mit Migrationshintergrund sollen Aufschluss auf die Arbeit mit KlientInnen geben. Die Auseinandersetzung mit Vorannahmen, die auch im Team entstehen können, und die kritische Betrachtung des Ist-Standes im Burgenland können wesentliche Auskünfte über diesen Themenbereich geben.

Im Zuge meiner Ausbildung an der FH Burgenland und auch bei den Praktika in den vergangenen Jahren, hatte ich den Eindruck, dass Fachkräfte mit Migrationshintergrund gefragt sind. Aus welchen Gründen werden MigrantInnen oder Menschen mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit benötigt? Sind es nur die Fremdsprachenkenntnisse, die nicht zwangsläufig vorhanden sind, oder geht es hierbei um Vorannahmen von SozialarbeiterInnen ohne Migrationshintergrund, dass Fremdsprachenkenntnisse und ein Migrationshintergrund einhergehen? Aus dieser Beobachtung entwickelte sich ein persönliches Interesse auf diesem Gebiet und die folgende Forschungsfrage entstand:

„SozialarbeiterInnen und angehende SozialarbeiterInnen mit Migrationshintergrund im Burgenland: Inwieweit spielen Nationalität/Herkunft/Religionszugehörigkeit in der Arbeit mit KlientInnen eine Rolle?“


2. Methoden der Datenerhebung und -analyse

Die qualitative Forschung ist im Gegensatz zur quantitativen Forschung als „nicht-statisches Verfahren“ anzusehen und wird eingesetzt, um Hintergründe wenig bekannter Phänomene aufzudecken. Strauss und Corbin (1996) beschreiben die qualitative Forschung als eine Möglichkeit, Erkenntnisse über das Leben, soziale Interaktionen und subjektive Sichtweisen zu erlangen (vgl. Strauss/Corbin 1996: 5f).

Das problemzentrierte Interview wurde von Andreas Witzel im Jahr 1982 entwickelt und soll eine subjektive Darstellung der Thematik bzw. des Problems ermöglichen. Beim problemzentrierten Interview geht es einerseits um eine offene Narration und andererseits um den Dialog zwischen den GesprächspartnerInnen. Theoretisches Vorwissen kann anhand eines Leitfadens ins Gespräch eingebracht werden und soll zu einem Erkenntnisgewinn führen (vgl. Witzel 2000: Abs. 1-4).

Die Grounded Theory stellte die geeignete Analysemethode der qualitativen Forschung dar, da es zur Beantwortung der Forschungsfrage in erster Linie um subjektive Erfahrungen und Deutungen dieser gemachten Erfahrungen geht, die den Interviewpersonen auf bewusster Ebene nicht zugänglich sind. Neue Erkenntnisse sollen durch die Auswertungsschritte aus den Interviews gewonnen werden.


3. Ergebnisse der empirischen Auseinandersetzung

Um einen Einblick in die subjektiven Wahrnehmungen und Erfahrungen der interviewten Personen zu erlangen, wurde folgende Einstiegsfragestellung für die problemzentrierten Interviews verwendet:

„Spielt Ihre Nationalität, Herkunft, Name, Religionszugehörigkeit eine Rolle in der Arbeit mit KlientInnen und welche Erfahrungen haben Sie auch auf die Arbeit im Team bezogen gemacht?“

Die Ergebnisse der empirischen Auseinandersetzung wurden in Unterkapitel, die sich im Forschungsprozess herausstellten, gegliedert. Es ergaben sich folgende Kategorien: Religionszugehörigkeit säkularer SozialarbeiterInnen als Zuschreibung, Sprachkenntnisse und Rollendiffusion zwischen Dolmetscherin und Sozialarbeiterin, Betreuung von KlientInnen: Zwischen Solidaritätserwartungen und Grenzüberschreitung, Erfahrungen im Team und Rassismuserfahrungen.

Die angehenden Sozialarbeiterinnen werden mit den Kürzeln I1 STUD – I5 STUD gekennzeichnet. Die beiden praktizierenden Sozialarbeiterinnen werden in dieser Arbeit unter dem Namen I6 PRAK und I7 PRAK angegeben.


3.1 Die Religionszugehörigkeit säkularer SozialarbeiterInnen als Zuschreibung

„Ahm, meine Religionszugehörigkeit spielt, glaub ich absolut keine Rolle, weil ich auch keiner Religion angehöre. Also ich bin zwar katholisch aufgezogen worden, aber ich hab jetzt, also ich bin nicht religiös oder so.“ (I2 STUD 2016: Z. 5-7)

I2 STUD beginnt die Narration auf die Einstiegsfrage mit ihrer Religionszugehörigkeit und dass sie denkt, dass diese keine Rolle spielt, weil sie selbst zwar römisch-katholisch erzogen wurde, aber jetzt keiner Religion angehört. Zu beachten ist hierbei, dass I2 STUD als ersten Punkt die Religion anspricht, obwohl sie selbst keiner Religion angehört und das auch betont. I2 STUD wollte zu Beginn einen Punkt ansprechen, der nicht relevant sein kann, weil sie sich keiner Religion zugehörig fühlt. Sie spricht davon, dass sie römisch-katholisch erzogen wurde, was darauf deutet, dass es für I2 STUD doch eine gewisse Relevanz hat, es zu erwähnen. Da die christliche Religion in Österreich überwiegt, stellt die römisch-katholische Erziehung bei I2 STUD keine Abweichung zur österreichischen Mehrheit dar.

„Ja, man erkennt halt gleich also an meinem Nachnamen oder an meinem Vornamen erkennt man ja gleich, wo ich herkomme eigentlich, ja. Oft auch welcher Religion ich angehöre, obwohl ich selbst, persönlich keine, ah… religiös bin oder so.“ (I2 STUD 2016: Z. 31-33)

I2 STUD kommt ein weiteres Mal auf ihre zugeschriebene „Religionszugehörigkeit“ zu sprechen, aber dieses Mal im Kontext mit ihrem Namen und meint, dass durch ihren Namen erkannt werden kann, woher sie stammt und welcher Religion sie angehört. Es macht den Anschein, als ob I2 STUD sich auf eine Art vorgeführt fühlt, weil so etwas Persönliches und vor allem oftmals auch Problembehaftetes wie die Religionszugehörigkeit anhand ihres Namens zu erkennen ist. Auch in diesem Teil der Narration erwähnt I2 STUD ein weiteres Mal, dass sie nicht „religiös“ sei.

Warum die anderen sechs interviewten Personen nicht auf die Religionszugehörigkeit eingegangen sind, lässt sich nur vermuten. Einerseits kann es daran liegen, dass die Religion an sich etwas Privates darstellt und deshalb nicht angesprochen wurde. Andererseits wäre ein möglicher Aspekt die fehlende Relevanz für jede einzelne Person bzw. keiner Religion anzugehören.


3.2 Sprachkenntnisse und Rollendiffusion zwischen Dolmetscherin und Sozialarbeiterin

Die Sprache ist in der Sozialen Arbeit Grundvorrausetzung, um mit KlientInnen arbeiten zu können. Wenn es zu sprachlichen Barrieren kommt, beeinflusst das die Arbeit. Im folgenden Kapitel werden die Aspekte bzw. Erfahrungen der interviewten Personen, die sie aufgrund der Sprache gemacht haben, dargestellt.

„(…) weil Österreich ja auch ein Multi-Kulti-Land ist, ja, in dem viele Menschen mit verschiedensten Nationalitäten leben und daher ist es, glaub ich, schon ein großer Vorteil, wenn man noch eine andere Sprache zusätzlich spricht.“ (I2 STUD 2016: Z. 42-43)

I2 STUD sieht im Sprechen mehrerer Sprachen einen großen Vorteil im Bereich der Sozialen Arbeit. Sie argumentiert, dass Österreich ein „Multi-Kulti-Land“ ist, in dem viele Menschen mit verschiedenen Nationalitäten leben. Es scheint, als wäre ein Migrationshintergrund an sich kein Vorteil, allerdings in Verbindung mit weiteren Sprachkenntnissen schon. I2 STUD stellt im Interview auch nur eine Verbindung zwischen verschiedenen Sprachen und dem Begriff „Multi-Kulti-Land“ her. Andere Merkmale von Personen anderer Nationalitäten werden aber vernachlässigt.

Im Gegensatz zu I2 STUD erwähnt I4 STUD in der Narration gleich zu Beginn die positiven Erfahrungen im Bereich der Sozialen Arbeit mit ihren Sprachkenntnissen.

„Ahm, also ich konnte bis jetzt einmal nur positive Erfahrungen im Bereich der Sozialen Arbeit machen, weil, ahm, ich einfach gemerkt habe, dass das eine sehr große Ressource ist, wenn man eine andere Sprache spricht. Ja, bis jetzt ist es halt immer sehr gut angekommen auch bei Bewerbungsgesprächen, ich hab das schon immer angegeben und war auch irgendwo stolz drauf, dass ich das, ich das angeben kann und dass ich diese Ressourcen mitbringen kann.“ (I4 STUD 2016: Z. 5-9)

Der Grund für die positiven Erfahrungen sei „eine andere Sprache“, was vermuten lässt, dass bei dieser Aussage nicht Deutsch und Englisch gemeint sind. Im Interview wurde diese „andere Sprache“ als „große Ressource“ bezeichnet, was den Eindruck macht, als wäre ein Migrationshintergrund ohne weitere zusätzliche Sprachkenntnisse eine weniger große Ressource. I4 STUD beschreibt, dass sie schon immer ihre Sprachkenntnisse angegeben und auch „irgendwo“ stolz darauf war. Der Begriff „irgendwo“ lässt vermuten, dass I4 STUD stolz ist, eine weitere Sprache zu sprechen, aber dennoch gewisse Zweifel hat, ob es andere auch so wie sie, als „große Ressource“ ansehen.

„(…) in der Arbeit mit KlientInnen hat’s mir eigentlich soweit eigentlich geholfen immer, ja, da war halt die Sprache ein ganz ein großes Thema einfach, weil’s Klienten gibt, die mit der Sprache besser zurechtkommen, die sich dadurch halt besser ausdrücken können und ja. Ist auch verständlich. Die sich auch Wert geschätzt fühlen, wenn jemand da ist, der diese Gefühle und der das halt auch so aufnehmen kann, wie sie es meinen. “ (I4 STUD 2016: Z. 10-14)

I4 STUD äußert, dass ihr ihre Sprachkenntnisse in der Arbeit mit KlientInnen immer geholfen haben. Es scheint, als ob I4 STUD die Sprache mit Gefühlen so sehr verknüpft, dass ohne diese Sprachkenntnisse KlientInnen und deren Gefühlslagen nicht so gut verstanden werden können. Diese Aussage könnte auch so gedeutet werden, dass die Kommunikation in der Erstsprache maßgeblich für den „Erfolg“ bzw. „Misserfolg“ in der Arbeit mit KlientInnen ist. I4 STUD spricht von einer gewissen Wertschätzung, wenn KlientInnen in deren Erstsprache betreut werden. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass eine Betreuung, die nicht in der jeweiligen Sprache des bzw. der KlientIn erfolgt, somit auch weniger wertschätzend ist. KlientInnen ohne jegliche Sprachkenntnisse können nur mit viel Aufwand oder mithilfe eines bzw. einer DolmetscherIn betreut werden.

Im Gegensatz zu I4 STUD, die die Sprache als eine große Ressource wahrnimmt, fühlt sich I5 STUD durch die Mehrsprachigkeit unter Druck gesetzt, was sie mit folgendem Wortlaut äußert:

„(…) wie gut kannst du diese Sprache? Und ich muss mich immer rechtfertigen, warum ich welche Sprache nicht kann (…) weil ich bin ja ein Sprachentalent angeblich (…) ich hab immer das Gefühl, dass ich mich rechtfertigen muss, warum ich was nicht so gut kann, wie es von mir erwartet wird…“ (I5 STUD 2017: Z. 38-44).

I5 STUD scheint sich durch die Bezeichnung von anderen als „Sprachtalent“ unter Druck gesetzt zu fühlen, da sie sich selbst scheinbar nicht als Sprachtalent sieht. Dies wird deutlich durch die Wortwahl „angeblich“, welche darauf schließen lässt, dass sie es selbst nicht so wahrnimmt. Sie untermauert ihre Aussage durch folgenden Satz:

„ich bin damit aufgewachsen und die Sprachen, die ich dann in der Schule gelernt habe, ja, in denen bin ich schlecht. Ich will nicht sagen nicht gut, sondern wirklich schlecht.“ (I5 STUD 2017: Z. 41-42).

Es erweckt den Eindruck, dass sie ihre vorhandenen Sprachkenntnisse abschwächt, da sie mit diesen Sprachen aufgewachsen ist und es deshalb nicht als Leistung angesehen werden kann. Die Sprachen, die I5 STUD zusätzlich in der Schule gelernt hat, bewertet sie als unzureichend. Dieser Vergleich soll vermutlich unterstreichen, dass ihre Sprachkenntnisse nicht auf ihre Fähigkeiten zurückzuführen sind. Auffallend ist der Erwartungsdruck bezüglich perfekter Sprachkenntnisse, unter dem sich Personen mit Migrationshintergrund scheinbar befinden. I5 STUD spricht davon, dass sie sich rechtfertigen muss, warum sie die von ihr angeblich erwarteten Fähigkeiten nicht im gewünschten Ausmaß mitbringt.

I5 STUD berichtet von ihren Erfahrungen aus dem Praktikum und kommt erneut auf ihre Sprachkenntnisse und die Sonderstellung dieser zu sprechen.

„(…) was mir im Praktikum noch aufgefallen ist, dass es dann plötzlich Angebote gibt, obwohl diese Praktikumsstelle das nicht angeboten hat. Ahm, und Angebote und Möglichkeiten auf einmal gibt und dass mir Arbeiten zugewiesen werden, die gar nichts mit mir zu tun haben (…) ich plötzlich dieses und jenes übersetzen musste, obwohl es das bis dahin noch nie gegeben hat (…) ich hätte Sachen übersetzen sollen, obwohl das nicht meine KlientInnen waren (…) Du kannst ja so viele Sprachen. Und ich mir denk, ich kann weit mehr als diese Sprachen und ich immer das Gefühl habe ich muss mich in so vielen Bereichen beweisen und zeigen, dass ich das genauso gut kann, obwohl’s total unnötig ist, weil das ja nichts zum Aussagen hat, aber die Argumente von anderen: du kannst ja so viele Sprachen, das wäre so super, du könntest die ganzen Übersetzungen machen.“ (I5 STUD 2017: Z. 70-85)

In der Narration von I5 STUD schwingt eine gewisse Verärgerung mit, da sie sich anscheinend von der Praktikumsstelle ausgenutzt fühlt. Klar wird, dass die Institution, in der I5 STUD ihr Praktikum absolviert hat, scheinbar ihre Fähigkeiten nutzen wollte – ob die angesprochenen Übersetzungen nun benötigt werden oder nicht. Dies erweckt ein Gefühl des Ausnutzens oder Benutzens, weil es, wie I5 STUD es beschreibt, davor kein Angebot der Institution gegeben hat und höchstwahrscheinlich danach auch weiterhin keines geben wird. Weiters erklärt I5 STUD, dass sie das Gefühl hat, sich „in so vielen Bereichen“ beweisen zu müssen. Es wird im Interview klar, dass I5 STUD sich nicht als gleichwertig mit ÖsterreicherInnen sieht und versucht, diese Ungleichheiten durch zusätzliche Leistungen und Fähigkeiten auszugleichen.

Da I5 STUD ihre Sprachkenntnisse nicht als Können, sondern eher als etwas von Geburt an Beigebrachtes ansieht, scheint es, als hätte sie dafür keine Anerkennung verdient. Anscheinend hatte I5 STUD das Gefühl, dass ihre Fähigkeiten als Dolmetscherin mehr Wertschätzung erfuhren, als ihre Fähigkeiten als Sozialarbeiterin, als die sie ja das Praktikum absolvierte. Auch im Interview mit I6 PRAK ist die Sprache ein relevanter Aspekt, der zu Beginn von ihr erwähnt wird. I6 PRAK erwähnt auch in erster Linie die Vorteile einer gemeinsamen Sprache. Im Gegensatz zu den anderen interviewten Personen ist I6 PRAK schon viele Jahre in der Sozialen Arbeit tätig und kann auch durch Erfahrungswerte über einen negativen Aspekt berichten.

„Es ist vor allem die Muttersprache, dass sie eine Betreuerin in ihrer Muttersprache haben und nicht nur eine Dolmetscherin, weil das ist ein Riesenunterschied (…) Ich als Betreuerin vor Ort bin so viele Stunden in der Woche da und wenn sie einen Notruf haben oder irgendetwas passiert, sie rufen mich an und brauchen sich nicht anstrengen oder viele Gedanken machen, was ist los oder es gibt gerade einen Konflikt in der Unterkunft, dann können sie es so sehr leicht ausdrücken. Sie rufen an und sagen, mir geht’s schlecht, das und das ist passiert.“ (I6 PRAK 2017: Z. 16-22)

I6 PRAK beschreibt, dass die Betreuung der KlientInnen in der Erstsprache einen Unterschied im Vergleich zu einem bzw. einer DolmetscherIn macht. Sie verwendet hier die Begriffe „nicht nur“, was heißen könnte, dass sie sehr viel mehr als eine reine Dolmetscherin ist und dementsprechend auch mehr Aufgaben hat. In ihrer Argumentation zu dem Vergleich zwischen ihr und DolmetscherInnen verwendet I6 PRAK einerseits die Tatsache, dass sie mehr Zeit mit den KlientInnen verbringen kann und andererseits, dass es bei Notfallsituationen nicht durch sprachliche Barrieren zu Schwierigkeiten kommt. Es entsteht der Eindruck, dass es I6 PRAK in der Arbeit mit KlientInnen wichtig ist, dass diese ohne großen Aufwand für KlientInnen stattfinden kann.

I6 PRAK erwähnt auch einen Nachteil, der ihrer Meinung nach bei einer Betreuung der KlientInnen in der Erstsprache entsteht:

„Das ist der Nachteil, diese Muttersprache, äh, das ist für mich und nicht für die Klienten ein Nachteil, weil ich bin die Psychotherapeutin, ich bin die Verwandtschaft, ich spiele mehrere Funktionen. Das ist mehr als eine Aufgabe.“ (I6 PRAK 2017: Z. 22-24).

Sie spricht hier von einem Nachteil, der sie betrifft, weil sie durch die gemeinsame Sprache in der Betreuung das Gefühl hat, mehrere Rollen übernehmen zu müssen. Hier könnte argumentiert werden, dass es auch zu so einer Multiprofessionalität vereint in einer Person bei SozialarbeiterInnen ohne Migrationshintergrund kommen könnte. Der ausschlaggebende Punkt in diesem Fall ist jedoch, dass es sich hierbei um Menschen auf der Flucht handelt, von denen die Rede ist. Da hier spezielle Faktoren zu berücksichtigen sind, ist dieser Vergleich nicht valide. Auffallend ist dennoch das Gefühl der Verpflichtung, dass I6 PRAK ihren KlientInnen gegenüber hat. I6 PRAK fühlt sich nicht nur auf der professionellen Ebene der Sozialarbeiterin, sondern auch der Psychotherapeutin verantwortlich. Zusätzlich ist für sie auch der persönliche Bereich relevant.


3.3 Betreuung von KlientInnen: Zwischen Solidaritätserwartungen und Grenzüberschreitung

Dieses Kapitel befasst sich mit Erfahrungen der interviewten Personen in Bezug auf die Arbeit mit KlientInnen. Bei dem Interview von I2 STUD wird diese Thematik relativ früh angesprochen und sie erwähnt folgendes:

„(…) sagen ja, du bist auch ein Jugo, dann können wir gleich so reden und hier per du und wie ist dein Vorname und kannst mir gleich das und das machen – und kannst mir das so und so richten. Also, die erwarten sich das einfach.“ (I2 STUD 2016: Z. 26-29)

Interessant ist hierbei, dass das Argument „du bist auch ein Jugo“ verwendet wird, um das „Du-Wort“ anzuwenden. Hier entsteht ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl, obwohl die Höflichkeitsform in slawischen Sprachen existiert, aber oftmals wie im Deutschen auch vom Alter abhängig ist und es somit nicht nur auf eine Grenzüberschreitung zurückzuführen ist. I2 STUD verwendet in der Narration auch das Wort „Jugos“, das als Synonym für die Bevölkerung der ehemaligen jugoslawischen Mitgliedsstaaten verwendet wird. Von ÖsterreicherInnen verwendet, kann dieser Begriff rassistisch aufgefasst werden. Hier wird ein gewisses Gefühl der Solidarität bzw. der Gemeinschaft empfunden und dadurch der Begriff „Jugos“ verwendet und nicht als rassistisch angesehen. Es scheint, als ob I2 STUD sich der Erwartungshaltung und der damit beeinflussten Arbeitsbeziehung, die unweigerlich durch das „Du“ enger wird, bewusst wäre und es durch die Aussage „die erwarten sich das einfach“ (I2 STUD 2016: Z. 28-29) zu einer Feststellung ihrerseits gekommen ist. Die Aussage hat auch einen endgültigen Charakter und es scheint, als ob I2 STUD es von den anderen abhängig macht und dadurch in eine passive Rolle fällt. Ob und wie I2 STUD auf solche Vorkommnisse reagiert, wird nicht angesprochen.

Im Interview mit I6 PRAK sind ähnliche Aspekte, was das Zusammengehörigkeitsgefühl der KlientInnen zu den Sozialarbeiterinnen aufgrund derselben Nationalität bzw. Sprache anbelangt, zu vernehmen. I6 PRAK beginnt ihre Narration mit folgendem Wortlaut:

„Ah, meine Nationalität spielt immer eine Rolle und zum größten Teil eine positive Rolle. In der Arbeit mit den Klienten, die sehen, ok du bist wie ich und du verstehst mich und vor allem diese Ängste der östlichen Kultur oder östliche Nationalität. Viele Eltern machen sich wirklich große Sorgen: Wie mach ich das in Europa mit der westlichen Kultur und Mentalität? Äh, und da hat er dann eine Ansprechperson, die beruhigt ihn, die versteht ihn und weiß, ok ich kann mir jederzeit einen Rat holen (…)“ (I6 PRAK 2017: Z. 5-10).

In der Arbeit mit KlientInnen ist die Nationalität von I6 PRAK immer relevant und wird auch von ihr als positiv wahrgenommen. Es gibt von Seite der KlientInnen ihr gegenüber ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl aufgrund der Nationalität, Kultur bzw. Sprache. Wodurch KlientInnen sich mit ihr verbunden fühlen, erwähnt sie nicht explizit. Sie erzählt aber, dass es unter anderem auch um das Verstehen von Ängsten geht. Es hat den Anschein, als ob es hier um Sorgen und Ängste geht, die nur verstanden bzw. nachvollzogen werden können, wenn man denselben Migrationshintergrund hat oder aus derselben Kultur stammt. Eine Solidaritätserwartung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit wird hier suggeriert. Interessant ist auch, dass I6 PRAK von der „Mentalität“ in Europa spricht und damit EuropäerInnen als homogene Masse wahrnimmt. I6 PRAK differenziert in ihrer Narration nicht nach Nationen, sondern unterscheidet zwischen östlicher und westlicher Nationalität bzw. Kultur. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass sie im Flüchtlingsbereich tätig ist und ihre KlientInnen aus verschiedenen östlichen Ländern stammen und die Unterschiede der einzelnen östlichen Nationen nicht so groß sind, wie die Unterschiede zu westlichen Ländern. Weiters berichtet sie von Eltern und nicht von KlientInnen. Hier scheint es, als ob I6 PRAK ihre KlientInnen nicht nur als KlientInnen sieht, sondern auf eine persönlichere Ebene wechselt und deshalb von Eltern spricht. I6 PRAK arbeitet viel mit Familien zusammen und spricht deshalb von Eltern und deren Sorgen. I6 PRAK unterscheidet klar von der östlichen und westlichen Kultur und fungiert als Bindeglied zwischen den zwei Welten. I6 PRAK erklärt weiter, dass sie eine „Ansprechperson“ ist, die „beruhigt“. Sie bezeichnet sich selbst nicht als Sozialarbeiterin oder Praktikerin, wodurch der Eindruck entsteht, dass die Beziehung zwischen ihr und den KlientInnen auf gleicher Ebene und ohne Machtverhältnisse auskommt. Das Verb „beruhigt“ deutet darauf, dass es zu einer Aufregung bzw. einer Angst seitens der KlientInnen kommt und sie diese dann mindern kann. Auffallend ist hier, dass sie erwähnt, dass ihre KlientInnen „jederzeit“ einen Rat einholen können. Es scheint, als wäre I6 PRAK wie eine Freundin, die jederzeit kontaktiert werden kann.


3.4 Erfahrungen im Team

In diesem Kapitel werden Erfahrungen von angehenden bzw. praktizierenden Sozialarbeiterinnen, die im Team gemacht wurden, dargestellt. Es werden relevante Aspekte in Bezug auf die Rolle des Migrationshintergrundes im Team genannt.

I2 STUD antwortet auf die Frage nach Erfahrungen im Team folgendes:

„Ah, also ich hab die Erfahrung gemacht, dass es oft heißt, wir brauchen mehr Personal mit, ah, also es muss jetzt nicht unbedingt Migrationshintergrund sein, weil manche können die Muttersprache dann trotzdem nicht, auch wenn sie von einem anderen Land kommen, aber dass andere Sprachen schon gefordert werden.“ (I2 STUD 2016: Z. 38-41)

I2 STUD beginnt den Satz damit, dass sie den Eindruck hat, dass mehr Personal mit Fremdsprachenkenntnissen in der Sozialen Arbeit gebraucht werden. Zuerst wollte sie den Satz mit „Migrationshintergrund“ beenden, macht dann aber eine kurze Pause und erklärt, dass der Migrationshintergrund nicht zwangsläufig auch eine weitere Sprache mit sich bringt. In der Aussage von I2 STUD schwingt ein Vorwurf mit, dass Menschen trotz Migrationshintergrund keine weitere Sprache sprechen können. Es scheint, als ob der Migrationshintergrund für I2 STUD ein Grund sein muss, um weitere Sprachen zu sprechen. I2 STUD erwähnt „auch wenn sie von einem anderen Land kommen“ (I2 STUD 2016: Z. 40) Wenn mehr Sprachkenntnisse in der Sozialen Arbeit gefordert werden, kann es als Zuwachs von KlientInnen ohne ausreichende Deutschkenntnisse gedeutet werden. Es kann aber auch sein, dass die subjektive Wahrnehmung von SozialarbeiterInnen zu dem Schluss kommt, dass bei der Betreuung der KlientInnen weitere Sprachkenntnisse benötigt werden.

Auch die Erfahrungen für I4 STUD als angehende Sozialarbeiterin in ihren Praktika waren durchgehend positiv. Sie äußert in der Narration folgendes:

bdquo;Ja, meine Erfahrungen waren bis jetzt nur positiv. Ich kann da jetzt nichts Negatives, also jetzt rein durch die Praktika und so, aber ich sehe das als eine ganz große Ressource, die ich auch im Team bereichernd ist. Ich glaub auch, dass die KollegInnen da erleichtert sind, wenn da jemand ist, der auch andere Sprachen sprechen kann.“ (I4 STUD 2016: Z. 18-21)

I4 STUD bezieht sich in dieser Textpassage ausschließlich auf ihre Erfahrungen in ihren Praktika und verallgemeinert ihre Aussage nicht. Auch in diesem Teil der Narration spricht I4 STUD von ihren Fremdsprachenkenntnissen als „ganz große Ressource“. Das Vorhandensein dieser Ressource und auch das Benennen dieser als solche macht den Eindruck, als wäre ein Bedarf an Fremdsprachen vorhanden. I4 STUD spricht in ihrer Narration von einer Erleichterung der KollegInnen, wenn es eine KollegIn im Team gibt, die Fremdsprachen spricht. Hier entsteht der Eindruck, dass es zu einer Überforderung der Teammitglieder bei der Betreuung von KlientInnen kommt, die keine ausreichenden Deutschkenntnisse vorweisen können. Durch KollegInnen, die weitere Sprachen sprechen, scheint es, als könnten diese entlastet werden.


3.5 Rassismuserfahrungen

Dass es Rassismus auch in der Sozialen Arbeit gibt oder zumindest von angehenden Sozialarbeiterinnen als solches empfunden wird, soll in diesem Kapitel dargestellt werden.

I4 STUD erwähnt in ihrem Interview, dass sie sich vorstellen könnte, dass es zu rassistischem Verhalten von KlientInnen kommen könnte. I4 STUD spricht in ihrer Narration über folgendes:

„Was ich mir halt schon noch gut vorstellen kann, dass bei mir ist halt so beim Namen merkt man schon, dass ich halt nicht, ahm, also aus Österreich bin und ich könnte mir schon vorstellen, dass das irgendwo mal mit Klienten und Klientinnen vielleicht nicht, also dass das vielleicht nicht so gut ankommen könnte. Dass die vielleicht eine andere Haltung dem gegenüber haben, aber ja da muss man halt einfach dazu stehen.“ (I4 STUD 2016: Z. 14-18)

I4 STUD erklärt im Anschluss auf die positiven Aspekte in der Betreuung der KlientInnen auch die Negativen. Hier spricht sie nicht von Erlebtem selbst, sondern von einer Annahme, die sie sich aber zukünftig vorstellen könnte. Zuerst erwähnt I4 STUD, dass durch ihren Namen, der nicht als ein „typisch“ österreichischer gilt, KlientInnen nicht positiv gestimmt sein könnten. In der Art und Weise wie I4 STUD versucht sich auszudrücken, schwingt auch eine gewisse Unsicherheit mit, was die Ausdrucksweise betrifft. Sie verwendet den Begriff „vielleicht“ und spricht in der Möglichkeitsform, da sie nicht sicher ist und es solche Vorfälle in der Art nicht gegeben hat. Auffallend ist aber, dass hier die Rede von offensichtlichem Rassismus ihr gegenüber ist und I4 STUD es hinnimmt, als wäre es etwas, womit zu rechnen ist. I4 STUD meint, dass „das vielleicht nicht so gut ankommen könnte“ (I4 STUD 2016: Z. 16-17). Hier meint sie ihren Migrationshintergrund und es scheint, als ob sie von einer Tatsache sprechen würde, die sie aktiv beeinflussen oder verändern könnte. Es erweckt den Eindruck, als ob I4 STUD eine Diskriminierung schon in irgendeiner Form aufgrund ihres Migrationshintergrundes erlebt hätte und die Tatsache, dass sie in Zukunft damit konfrontiert werden könnte, akzeptieren würde. Rassismus bzw. eine Diskriminierung bezeichnet I4 STUD als „eine andere Haltung dem gegenüber haben“ (ebd.: Z. 17-18) auch hier scheint es, als würde I4 STUD diese „andere Haltung“ akzeptieren. I4 STUD erklärt weiter „da muss man halt einfach dazu stehen“ (ebd.: Z. 18). Hier wird angedeutet, dass sie zu ihrem Migrationshintergrund stehen muss. Auch wenn I4 STUD den Migrationshintergrund leugnen würde, ändert sich nichts daran. Das Modalverb „müssen“ verleiht der Aussage einen gewissen Zwang bzw. Wahllosigkeit, was im Vergleich zur restlichen Aussage, die sehr locker klingt, paradox erscheint. Handlungsalternativen wie z. B. eine Grenzsetzung oder eine Sanktionierung in Bezug auf KlientInnen und mögliche rassistische Äußerungen, erwähnt sie nicht.

„Es wird auch automatisch angenommen, dass meine Erstsprache nicht Deutsch sein kann, nur weil ich wo anders geboren bin und, ahm, und wenn ich dann Fehler mache, grad in der Rechtschreibung, wird angenommen, dass es aufgrund dessen ist, das meine Erstsprache angeblich nicht Deutsch sei, obwohl sie es ist.“ (I5 STUD 2017: Z. 10-13)

I5 STUD spricht davon, dass „automatisch“ angenommen wird, dass ihre Erstsprache nicht Deutsch sei und fügt kurz darauf hinzu, dass Deutsch jedoch ihre Erstsprache ist. Deutlich wird in ihrer Aussage, dass es bezüglich der Erst- oder Muttersprache einer Person mit Migrationshintergrund universal angewandte Vorannahmen zu geben scheint. Aus der Vorannahme der Erstsprache begründen sich viele weitere Vorannahmen, wie etwa die der schlechten deutschen Rechtschreibung, die I5 STUD im Interview beschreibt. Durch diese Annahmen werden weitere Vorannahmen produziert, wie etwa, dass alle Personen mit Migrationshintergrund schlecht rechtschreiben können oder auch, dass Personen mit anderen Nationalitäten keine angeborene Rechtschreibschwäche haben – sondern dies daraus gründet, dass sie eine andere (angenommene) Erstsprache haben.

„Ahm, jetzt wegen dem Namen: Beim Vornamen, könnte man jetzt nicht unbedingt zuordnen, aber beim Nachnamen kann man sehr klar sagen, woher ich bin, weil es sehr viele wissen, dass diese Namen aus dem und dem Land sind, ahm, und da erkennt man das schon (…) durch den Namen fühle ich mich schon irgendwie stigmatisiert und habe Erfahrungen gemacht, dass auch jetzt im privaten Leben, wenn ich angerufen werde wird gesagt: Ja, hallo Frau sowieso, können Sie mich verstehen? Wo ich mir denk, ok, ja sicher. Sie können mit mir ganz normal reden.“ (I5 STUD 2017: Z. 53-59)

I5 STUD benennt, dass sie bereits oftmalig aufgrund ihres Nachnamens mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert war. Hierbei nennt sie ein konkretes Beispiel, um ihre Aussage über die stigmatisierende Wirkung von Nachnamen, die einem bestimmten Land zuordenbar sind, zu unterstreichen und zu veranschaulichen. Es erweckt den Eindruck, dass sich I5 STUD durch ihren Nachnamen eindeutig stigmatisiert fühlt. Sie geht davon aus, dass jede Person aus Österreich ihren Nachnamen einem bestimmten Land zuordnen kann.


4. Fazit

Ziel der empirischen Forschung war es, die subjektiven Eindrücke bzw. Erfahrungen von SozialarbeiterInnen mit Migrationshintergrund im Burgenland zu ergründen. Inwieweit sind Religionszugehörigkeit, Nationalität, Herkunft und der Name bei der Betreuung von KlientInnen relevant und haben die interviewten Personen den Eindruck, dass dadurch die Arbeit im Team beeinflusst wird.

Auf die Frage zur Religionszugehörigkeit, die explizit bei den Interviews gestellt wurde, kam nur eine Person zu sprechen. I2 STUD schildert demnach, dass ihre offizielle Religionszugehörigkeit keine Relevanz hat und sie selbst sich aber auch keiner Religion zugehörig fühlt. Einerseits gilt die Religionszugehörigkeit als eine sehr privates bzw. intimes Thema, andererseits könnte es auch an fehlenden Erfahrungen in Bezug auf die Religion liegen. Es kann aber auch davon ausgegangen werden, dass die Religion an sich bei den interviewten Personen als eher unwichtig empfunden wird.

Interessant in Bezug auf das Thema Sprache ist hierbei die Tatsache, dass die interviewten Personen nicht ausdrücklich danach gefragt wurden. In einem der Interviews wurde der Vergleich zwischen einer SozialarbeiterIn mit Fremdsprachenkenntnissen und einer DolmetscherIn angestellt und soll veranschaulichen, dass bei der Betreuung in der Fremdsprache nicht nur das Übersetzen im Zentrum steht. Auch soll eine Betreuung in der jeweiligen Sprache der KlientInnen eine Erleichterung für die KlientInnen darstellen. Die gemeinsame Sprache mit KlientInnen bzw. das Beherrschen weiterer Sprachen neben Deutsch und Englisch gilt als zentraler Punkt. Argumentiert wurde nicht nur damit, dass dadurch KlientInnen mit wenig bzw. keinen Deutschkenntnissen adäquater betreut werden können, sondern auch mit dem nonverbalen Verständnis zwischen KlientInnen und SozialarbeiterInnen. So gaben die interviewten Personen an, dass auch Gefühle in der jeweiligen Sprache besser zum Ausdruck gebracht bzw. verstanden werden können. Das Bezeichnen einer weiteren Sprache als „große Ressource“ lässt vermuten, dass die interviewten Personen den Eindruck haben, dass ein Bedarf an Fremdsprachenkenntnissen vorhanden ist. Zwar sind die Aspekte, die in den Interviews genannt, wurden größtenteils positiv, dennoch wurden auch negative Argumente angeführt. Die angehenden Sozialarbeiterinnen fühlen sich sowohl bei Bewerbungsgesprächen, als auch in den Praktika auf ihre Rolle als Dolmetscherin bzw. Übersetzerin reduziert und werden vermehrt für Übersetzungsaufgaben eingesetzt, während sie gleichzeitig für Kompetenzen als Sozialarbeiterin, als die sie das Praktikum absolvieren, weniger Wertschätzung erfahren.

In der Arbeit mit KlientInnen wird die eigene Nationalität bzw. Herkunft von den interviewten Personen auch als eher positiv angeführt. Neben dem Zusammengehörigkeitsgefühl wird auch ein gewisses Verständnis für Sorgen und Ängsten der KlientInnen beschrieben. Durch dieses „Zusammengehörigkeitsgefühl“ ausgehend von KlientInnen wird auch die Arbeitsbeziehung unweigerlich enger. Das kann zu einer höheren Erwartungshaltung gegenüber den SozialarbeiterInnen führen und diese unter Druck setzen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Solidaritätserwartungen nicht aufgrund der nationalen Zugehörigkeit stattgefunden haben, sondern überregionale Kulturkreise wie z. B. der „östlichen Kultur“ oder die Verwendung des Begriffes „Jugos“. Hier wird ersichtlich, wie unterschiedlich sich die Grenzziehung gestaltet und wie dynamisch der Prozess der eigenen Identität bzw. das daraus resultierende Zusammengehörigkeitsgefühl ist. Erwähnt wird auch, dass das Ziehen von Grenzen eine gewisse Relevanz in der Betreuung von KlientInnen hat. Es erweckt den Eindruck, dass Grenzüberschreitungen, wie etwa das ungefragte Verwenden des „Du-Wortes“, durch das Zusammengehörigkeitsgefühl der KlientInnen den SozialarbeiterInnen gegenüber entstehen und dass das Setzen von Grenzen in diesen Fällen relevant ist. Obwohl die Fähigkeit, sich von KlientInnen abzugrenzen, als Kernstück der „professionellen“ Sozialen Arbeit gilt, haben Sozialarbeiterinnen mit Migrationshintergrund dennoch das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, wenn sie eine Abgrenzung zu ihren KlientInnen vornehmen.

Die Erfahrungen im Team werden von den interviewten Personen größtenteils positiv gewertet. So verweisen einige der angehenden und praktizierenden Sozialarbeiterinnen auch auf diese Frage wieder auf die Sprache und dass Fremdsprachenkenntnisse bei KollegInnen eine Unterstützung darstellen. Das Beherrschen einer weiteren Sprache neben Deutsch und Englisch wird in diesem Zusammenhang als „große Ressource“ angesehen, da es für KollegInnen in der Betreuung von KlientInnen zu einer „Erleichterung“ führt. Im Gegensatz dazu fühlt sich eine interviewte Person auf ihre Sprachkenntnisse reduziert und hat den Eindruck, dass KollegInnen aus ihren Fähigkeiten einen persönlichen Nutzen ziehen wollen. Auch im Zusammenhang mit den Erfahrungen im Team ist eine Tendenz in Richtung der Fremdsprachenkenntnisse zu erkennen und lässt eine Deutung zu, dass nur der Migrationshintergrund ohne jeweilige Sprachkenntnisse „kein Problem“ darstellt, aber der Migrationshintergrund in Kombination mit einer weiteren Sprache als wertvoll angesehen wird.

Eine angehende Sozialarbeiterin sprach davon, dass sie zwar im Bereich der Sozialen Arbeit noch keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht hat, sie aber davon ausgehe, dass es zukünftig zu Problemen mit KlientInnen aufgrund ihrer Herkunft kommen könnte. Es macht den Eindruck, dass sie mit rassistischen Haltungen ihr gegenüber rechnet. Als Bewältigungsstrategie für solche Fälle wird eine scheinbar selbstbewusste Haltung eingenommen und damit argumentiert, dass „man dazu stehen muss“. Die Aussagen der anderen interviewten Person deuten darauf, dass die Wahrnehmungen, welche Rassismus betreffen, auch abhängig von der Person selbst sind. Die angehende Sozialarbeiterin spricht von Erfahrungen aus Praktika im Bereich der Sozialen Arbeit, wo es ihres Erachtens zu Vorannahmen in Bezug auf ihren Nachnamen und ihre Sprachkenntnisse kommt. Auch empfindet sie durch intime Fragen, welche ihren Geburtsort betreffen, eine Grenzüberschreitung. Die anderen interviewten Personen haben sich zu diesem Thema nicht geäußert. Einerseits kann hier argumentiert werden, dass es zu keinen Vorfällen kam, anderseits ist das Thema Rassismus speziell in der Sozialen Arbeit tabuisiert und wird vielleicht von den betroffenen Personen nicht als Rassismus oder Diskriminierung angesehen, da es zu „so etwas“ in der Sozialen Arbeit nicht kommen „darf“. Auch wenn rassistische Interventionen in der Sozialen Arbeit lange Zeit nicht wahrgenommen und von der Sozialarbeitsforschung außen vorgelassen wurden, besteht dennoch ein Bedarf für weitere Forschung auf diesem Gebiet.

Die vorliegende Arbeit ist aufgrund des Umfanges einer Bachelorarbeit lediglich eine explorative Studie. Zukünftig sollte sich die Sozialarbeitsforschung damit befassen, inwiefern sich die Erwartungshaltung der KlientInnen aufgrund einer gemeinsamen Erstsprache oder der gleichen nationalen Zugehörigkeit den SozialarbeiterInnen gegenüber verändert und ob SozialarbeiterInnen mit Migrationshintergrund auf ihre Sprachkenntnisse reduziert werden. Inwieweit welche Religionszugehörigkeit oder welche nationale/ethnische Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Rollenerwartungen im Team und von KlientInnen und zu Stereotypisierungen bzw. Fremdzuschreibungen führen, lässt Raum für weitere Forschung auf diesem Gebiet, denn so wie unterschiedliche Zuschreibungen an KientInnen eines bestimmten Herkunftskontexts von SozialarbeiterInnen stattfinden, so existieren diese Zuschreibungen auch von Seiten der KollegInnen bzw. KlientInnen an die SozialarbeiterInnen einer bestimmten ethnischen/religiösen Zugehörigkeit oder Nationalität.


Verweise
1 I6 PRAK 2017: Z. 5


Literatur

Statistik Austria (2017a): Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Bundesländern (Jahresdurchschnitt 2016). http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/bevoelkerungsstruktur/bevoelkerung_nach_migrationshintergrund/033241.html (03.04.2017).

Statistik Austria (2017b): Bevölkerung in Privathaushalten nach Migrationshintergrund. http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/bevoelkerung/bevoelkerungsstruktur/bevoelkerung_nach_migrationshintergrund/index.html (03.04.2017).

Strauss, Anselm / Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Witzel, Andreas (2000): Das problemzentrierte Interview (25 Absätze). Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228 (17.03.2017).


Quellen

I2 STUD – Interview

I4 STUD – Interview

I5 STUD – Interview

I6 PRAK – Interview


Über die Autorin

Sezen Akgül, BA

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Burgenland, Department Soziales (aktuelle Forschungsprojeke: Bedarfs- und Entwicklungsplanung Behindertenhilfe Burgenland, Bedarfs- und Entwicklungsplanung der stationären Pflege im Burgenland, Evaluation der Umsetzungsbezirke Bruck-Mürzzuschlag und Voitsberg), davor Bachelorstudium Soziale Arbeit Fachhochschule Burgenland
Schwerpunkte: Migration, Straffälligenhilfe





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