soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 18 (2017) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/530/979.pdf


Betzler, Agnes / Degen, Katrin (2016): Täterin sein und Opfer werden? Extrem rechte Frauen und häusliche Gewalt. Hamburg: Marta Press.


268 Seiten / EUR 27,00

Die beiden Sozialpädagoginnen Agnes Betzler und Katrin Degen widmen sich in ihrem Buch der Sozialarbeit mit rechtsextremen Frauen. Dies alleine ist schon erwähnenswert genug angesichts dessen, dass in der deutschsprachigen Rechtsextremismusforschung die Auseinandersetzung mit rechten Frauen ohne die Arbeiten von Renate Bitzan (der die Autorinnen auch eingangs für ihre Unterstützung danken) und Ursula Birsl eine völlige Leerstelle darstellen würde1. Noch außergewöhnlicher ist, dass Betzler und Degen dieses Thema im Kontext häuslicher Gewalt, in welchem die sonstigen Täterinnen zu Opfern werden, untersuchen.

Eingangs geben die beiden Autorinnen einen historischen Abriss zur Entstehung von Geschlechterrollen und -stereotypen. Dies ist auch deshalb interessant, weil sie das „abendländische Patriarchat“ kritisieren, während aktuell in rassistisch geführten, medialen Debatten patriarchale Gewalt primär bei den „Anderen“, sprich bei Geflüchteten und Migrant_innen, verortet wird. Auch eine Kritik am Konzept der Zweigeschlechtlichkeit, das in vielen Büchern zu geschlechtersensibler Sozialer Arbeit unhinterfragt bleibt, fehlt hier nicht.

Es folgt eine theoretische Verortung zu Frauen im Rechtsextremismus. Mittlerweile hat selbst der deutsche Verfassungsschutz die Präsenz rechtsextremer Frauen erkannt. Die Autorinnen brechen mit stereotypen Darstellungen rechtsextremer Frauen als Mitläuferinnen, indem sie die Vielfalt rechter weiblicher Lebensentwürfe abbilden. Dass das Bild der Mitläuferin nicht korrekt ist, zeigt auch, dass ca. 5-10% der rechtsextremen Straftaten von Frauen und Mädchen ausgeübt werden, wie die Autorinnen unter Bezugnahme auf Arakeljann (2000) und Döhring/Feldmann (2005) feststellen.

Agnes Betzler und Karin Degen geben immer wieder grundlegende Informationen, beispielsweise zum Rechtsextremismusbegriff, so dass auch Leser_innen, die noch nicht mit den Themenkreisen der Rechtsextremismus- und Geschlechterforschung vertraut sind, einen fundierten Einblick in diese Forschungsfelder bekommen. Problematisiert wird auch die häufige Gleichstellung von sogenanntem Linksextremismus und Rechtsextremismus. Die Taten von Beate Zschäpe und ihren Mittätern im Umfeld des NSU geben dem Thema traurige Aktualität, sind in diesem Buch aber kein Thema. Eine Analyse der AFD, in welcher Frauen aktuell tragende Rollen spielen, ist leider ebenfalls nicht inkludiert, da sich die AFD zum Zeitpunkt der Erstellung dieser wissenschaftlichen Arbeit noch im Aufbau befand. Die Autorinnen stellen aber generell fest, dass „sich kein erheblicher Unterschied bezüglich der rechtsextremen Einstellungsebene bei Männern und Frauen erkennen [lässt].“ (S. 57) Was die Faszination rechtsextremer Zusammenhänge ausmacht, nämlich unter anderem die „Konstruktion einer verschworenen Gemeinschaft“ (S. 69), ist auch für Sozialarbeiterinnen im Jugendbereich praxisrelevant.

Besonders interessant sind die Ausführungen der Autorinnen zu den Geschlechterverhältnissen in der extremen Rechten. Der „gemeinsame Kampf von Mann und Frau gegen die Feinde der Volksgemeinschaft“ (S. 69f) findet sich als gepriesenes Thema in diesen Kreisen. Das Geschlechterkonzept ist konservativ und beinhaltet eine „Mystifizierung der Familie“ (S. 74). Männern und Frauen werden fixe Rollen zugeschrieben, der Frau überwiegend jene der „gebärende[n] Mutter als Erhalterin der Nation und des Familienglücks“ (S. 75). Der Fokus auf die Reproduktion der „ethnisch homogene[n] Volkgemeinschaft“ (S. 79) erklärt auch die Homophobie und Ablehnung (queer-)feminstischer Kozepte in weiten Kreisen der extremen Rechten. Aus diesen Gründen existiert kein rechter Feminismus, auch wenn manche rechte Frauen das glauben machen wollen. Wichtig ist aber auch die Erkenntnis der Autor_innen, dass sich auch Rechtsextreme von einigen Klischees abgewandt haben, weshalb diese beispielweise nicht mehr so leicht an ihren Äußerlichkeiten erkannt werden können wie früher.

Anschließend erläutern die Autorinnen verschiedene Begriffe und Formen häuslicher Gewalt. Sie diskutieren die Vor- und Nachteile des Begriffes der „häuslichen Gewalt“ gegenüber des Begriffes der „Gewalt im Geschlechterverständnis“. Im Kapitel über Risikofaktoren wird gezeigt, dass Frauen, die in der Kindheit Gewalt erlebt oder/und mitangesehen haben, auch im Erwachsenenalter eine höhere Vulnerabilität für Gewaltbeziehungen haben. (vgl. S. 101) Auch soziologische Erklärungsmodelle und die Kritik an der Verharmlosung männlicher Gewalt fehlen nicht. Dabei ist auch die Erwähnung dessen, dass Gewalt von Frauen gegen Männern zwar auch stattfindet, aber sowohl qualitativ als auch quantitativ ungleich weniger gewichtig ist als Gewalt von Männern gegen Frauen und letztere strukturell begünstigt wird, wichtig.

Die anschließende Darstellung der Folgen von Gewalt und der Hilfsangebote ist übersichtlich und gut, allerdings werden Leserinnen, die mit der Thematik vertrauter sind, schon ungeduldig auf das titelgebende Hauptthema des Buches warten. Dies folgt endlich nach einer, für eine Abschlussarbeit typischen, Darstellung der methodischen Überlegungen und Vorgehensweise.

Betzler und Degen haben Sozialarbeiterinnen, die im Zuge ihrer Arbeit in Frauenhäusern mit rechtsextremen Frauen als Bewohnerinnen arbeiten, interviewt und festgestellt, dass deren Umgangsstrategien sehr unterschiedlich sind. In manchen Frauenhäusern wurden rechtsextreme Frauen abgewiesen, in manchen Fällen wurde die politische Einstellung thematisiert, in anderen wurde erst nach dem Auszug der Frau deren politische Gesinnung deutlich. Auch wenn die Autorinnen es nur vorsichtig formulieren, ist zwischen den Zeilen doch auch immer wieder heraus zu lesen, dass es im Sozialbereich zu wenig Wissen um rechtsextreme Ideologien gibt und dies auch zu Fehleinschätzungen oder zur Unsichtbarmachung rechter Täter_innen führen kann. Deshalb wäre es meines Erachtens außerdem wichtig, dass mehr politische Bildung zum Thema Einzug in die Curricula der Fachhochschulen findet.



Tina Füchslbauer / tina.fuechslbauer@gmx.at


Verweise
1 In Österreich forscht Judith Goetz zu diesem Thema, siehe: www.fipu.at


Literatur

Arakeljan, Jana (2000): Quantitatives Geschlechterverhältnis in rechtsextremistischen Zusammenhängen in den jeweiligen Bundesländern/Regionalbereichen. Unveröffentlichte Fragebobenerhebung unter Verfassungsschutzämtern; durchgeführt im Sommer 2000.

Döhring, Kirsten / Feldmann, Renate (2005): Akteurinnen und Organisationen. Die Involviertheit von Frauen in der extremen Rechten. In: Antifaschistisches Frauennetzwerk, Forschungsnetzwerk zu Frauen und Rechtsextremismus (Hg.): Braune Schwestern? Feministische Analysen zu Frauen in der extremen Rechten. 1. Auflage, Münster: Unrast, S. 17-33.





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