soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 18 (2017) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Standort St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/543/969.pdf


Arbeitsgemeinschaft „Altern und Soziale Arbeit“:

Zur Zukunft der Sozialen Altenarbeit in Österreich

Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft „Altern und Soziale Arbeit“ der Österreichischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (OGSA)


1. Einleitung: Soziale Arbeit in der Gesellschaft der Langlebigkeit

Die gegenwärtige und prognostizierte demografische Entwicklung in Österreich mit der Zunahme der Zahl alter Menschen stellt die Gesellschaft, die Politik und die existierenden Sozial- und Gesundheitssysteme vor neue Herausforderungen. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist das Altern in erster Linie als menschheitsgeschichtliche Errungenschaft und nicht als individuelle Krankheit oder gesellschaftliche Last zu betrachten. Um dies zu sichern, muss aus Sicht der Menschenrechte für eine weitere Inklusion Älterer gesorgt sowie altersfeindlichen Stereotypen, Diskriminierungen und der Gewalt gegen Ältere wirksam entgegengetreten werden.

Für Österreich ist zu konstatieren: Mehr Menschen werden immer älter, und zwar im internationalen Vergleich bei relativ hohem Lebensstandard, relativ gutem Gesundheitszustand und relativ stabiler sozialer Sicherheit. Die angemessene Bezeichnung für das Resultat dieses demografischen Wandels ist nicht die negativ konnotierte „alternde Gesellschaft“, sondern eher die „Gesellschaft der Langlebigkeit“.

Österreich, seine Bundesländer, alle Städte und Gemeinden sind darauf angewiesen, den hohen Wert der Langlebigkeit durch soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit zu sichern, die Befriedigung von auftretenden biopsychosozialen Bedürfnissen zu fördern und Notlagen intergenerationell abgestimmt abzufedern.

Eine wesentliche Ansprechpartnerin für bedürftige alte Menschen und deren Angehörige, für Träger der Altenhilfe und für Entscheidungsträger in Bund, Ländern und Gemeinden ist die Soziale Arbeit mit älteren Menschen. Soziale Arbeit als historisch gewachsene Profession und Disziplin stellt in den lebensweltlichen und biografischen Bezügen von Menschen Hilfen zur Lebensbewältigung bereit, kann als sozialpolitische Handlungsinstanz einen maßgeblichen Beitrag zur Bearbeitung von praktischen und sozialen Problemlagen leisten und zielt präventiv auf deren Vermeidung ab.

Das vorliegende Positionspapier weist auf das fachspezifische Kompetenzprofil und das professionelle Handlungsrepertoire Sozialer Arbeit im Hinblick auf die Zielgruppe älterer und alter Menschen hin. Bei entsprechender Ausgestaltung sozialpolitischer und rechtlicher Rahmenbedingungen wird Soziale Arbeit mit älteren Menschen dabei als unverzichtbarer Bestandteil und bedeutsames Qualitätsmerkmal der Altenhilfestrukturen und Altenpolitik in Österreich sichtbar.

Das Positionspapier gliedert sich in folgende Abschnitte:

  • Sozio-demografische und altersstrukturelle Entwicklungstendenzen
  • Ältere Menschen aus Sicht der Sozialen Arbeit
  • Profil Sozialer Arbeit mit älteren Menschen
  • Handlungsfelder und zentrale Aufgabenbereiche Sozialer Arbeit mit älteren Menschen
  • Soziale Arbeit mit älteren Menschen in Gesellschaften der Langlebigkeit


2. Sozio-demografische und altersstrukturelle Entwicklungstendenzen

Durch demografische Entwicklungen und veränderte Lebenssituationen (Arbeitswelt, Mobilität, Familienformen, Geschlechterbeziehungen u.v.m.) stellen sich dem/der Einzelnen, den Angehörigen und der Gesellschaft neue Herausforderungen in Bezug auf die Gestaltung des Lebens älterer Menschen.

Der Beginn der Lebensphase des Alters als Teil des Lebenslaufes lässt sich zeitlich weder eindeutig am biologischen Alter noch an Ereignissen wie etwa der Pensionierung festmachen. Differenzierungen älterer Menschen etwa in die Gruppe der jungen Alten, der Alten und der Hochaltrigen sind Versuche, die Vielfältigkeit dieser Lebensphase zum Ausdruck zu bringen und zu verdeutlichen, dass ältere Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Interessen, Möglichkeiten und Bedürfnisse haben.

  • Eine Vielfalt an Lebenswelten und Lebenslagen im Alter erfordert eine differenzierte Wahrnehmung der Gruppe der Älteren auch in Hinblick auf ihre Möglichkeiten und Wünsche, aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen, z. B. durch zivilgesellschaftliches Engagement.
  • Unterschiede in Werthaltungen, Bildungs- bzw. Berufsbiografien, familiärer und sozialer Eingebundenheit und finanziellen Ressourcen führen zu unterschiedlichen Ansprüchen bzw. Wünschen an ein gutes Leben im Alter, insbesondere in Bezug auf Versorgung und Betreuung bei Pflegebedürftigkeit.
  • Der steigende Anteil älterer Beschäftigter erfordert auch neue Strategien der betrieblichen Sozialarbeit und eine sukzessive Humanisierung der Arbeitswelt. Es sind mehr alters- und generationenangemessene Anforderungen an das Management gerichtet. Ältere wurden bislang bei Weiterbildungen zu wenig berücksichtigt und es müssen auch ältere Arbeitssuchende wirksam einbezogen und gefördert werden.
  • Die Zeit nach dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben bietet älteren Menschen grundsätzlich die Chance, sich mit mehr Zeit als in vergangenen Jahrzehnten individuellen Interessen zuwenden zu können. Viele erbringen beachtliche Leistungen in Form von Betreuung der Enkelkinder und materiellen Zuwendungen für die Nachfolgegenerationen und zunehmend in Form von ehrenamtlicher Tätigkeit und bürgerschaftlichem Engagement. Nicht selten betätigen sich ältere Menschen selbst als Pflegende von Angehörigen.
  • Auch wenn viele über 80-Jährige in guter gesundheitlicher und körperlicher Verfassung sind, wächst der Anteil an pflegebedürftigen Personen, insbesondere jener mit dementiellen Erkrankungen. Maßgebliche Beeinträchtigungen treten im Bereich der Mobilität, der Sinneseinschränkungen oder aufgrund chronischer Beschwerden in Bezug auf die Aktivitäten des täglichen Lebens meist erst im späteren Lebensalter auf. In vielen Betreuungskontexten ist der Schutz körperlicher und psychischer Unantastbarkeit immer noch prekär. Die Sicherung der Menschenwürde bis an das Lebensende wird zunehmend zum gesellschaftlichen Thema.
  • Die Zahl der alleinlebenden Menschen steigt überdurchschnittlich stark an. Während Männer bis in die höchsten Altersgruppen zu einem großen Teil in Partnerschaften leben, verbringen ältere Frauen ihren Lebensabend häufig als Alleinlebende, vor allem in der Altersgruppe ab 80 Jahren. Alleinleben kann auch zu Formen sozialer Isolation führen.
  • Derzeit leben über 80 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause, unterstützt von (überwiegend weiblichen) Angehörigen und ambulanten/teilstationären Diensten oder durch 24-Stunden-Betreuung. Mit einer Betreuung im familiären Rahmen kann in Zukunft nicht mehr im gleichen Ausmaß gerechnet werden, da die Gruppe der weiblichen Familienangehörigen (Töchter, Schwiegertöchter, Partnerinnen) vermehrt erwerbstätig ist und aktuell nicht von einer erhöhten Pflegebereitschaft männlicher Familienangehöriger auszugehen ist, die dies ausgleichen könnte. Auch pflegebedürftige Personen wünschen sich adäquate Unterstützung jenseits von familiären Abhängigkeiten.
  • Bereits jetzt sind ArbeitsmigrantInnen der sogenannten ersten Generation im betreuungs- und pflegebedürftigen Alter. Vor allem jene aus bildungsferneren Milieus sind häufig mit Barrieren im Zugang zu Informations-, Beratungs-, und Betreuungsangeboten konfrontiert. Zudem ist ihr Vertrauen in bestehende Angebote durch oftmalige herabwürdigende Erfahrungen nicht leicht herzustellen. Soziale Arbeit mit kulturübergreifenden Kompetenzen und Fertigkeiten ist erforderlich, um bestehende Barrieren zu überwinden und passende Lösungen zu entwickeln.


3. Ältere Menschen aus Sicht der Sozialen Arbeit

Im Mittelpunkt der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen stehen die Bedürfnisse und gewachsenen Bedarfe der älteren Bevölkerung und ihrer Angehörigen, im Sinne eines guten Lebens im Alter bzw. mit älteren Personen.

Ältere Menschen verfügen über eine Vielfalt an Lebenserfahrungen, Wissen und Kompetenzen, die ein beträchtliches gesellschaftliches Potenzial haben, das bislang jedoch in Österreich wenig Anerkennung erfährt. Eine zunehmend größer werdende Gruppe älterer Menschen kann ein gesundes und weitgehend einschränkungsfreies Leben bis ins hohe Alter führen.

Für manche bringt allerdings der Übergang in die neue Lebensphase eine Reihe von Überforderungen mit sich. Dazu kann der Umgang mit dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben zählen, insbesondere wenn er früher als geplant und nicht freiwillig erfolgt. Damit einher geht unter Umständen ein vermindertes Einkommen, das besonders für ältere Frauen mit einer geringen Pension ein existenzielles Problem darstellen kann: Altersarmut ist in Österreich nach wie vor weiblich.

Hinzu kommen z. B. Verlusterfahrungen im Zusammenhang mit dem Tod des Partners/der Partnerin und anderer nahestehender Personen sowie der Umgang mit körperlichen und mitunter auch kognitiven Einschränkungen und unterschiedlichen Krankheitsbildern (Multimorbidität).

Jene, die auf kein ausreichend starkes soziales Netzwerk zurückgreifen können, das im Bedarfsfall auch Sorgearbeit für sie übernimmt, sind gefährdet zu vereinsamen. Nicht zuletzt stellen auch die Themen Sterben, Tod und Trauer eine große Herausforderung für die betroffenen alten Menschen und ihre Angehörigen dar.

Die genannten Risikofaktoren, krisenhafte Lebensereignisse und mögliche Desintegrationsprozesse stellen Anknüpfungspunkte für professionelle Soziale Arbeit dar. Dabei ist für die Profession ein Altersbild handlungsleitend, das sich primär an den Kompetenzen, Ressourcen und Potenzialen des älteren und alten Menschen orientiert.

Soziale Arbeit mit älteren Menschen wendet sich entschieden gegen ein einseitiges Defizitbild des Alters und gegen Altersdiskriminierung in all ihren Erscheinungsformen. Der Zugang von alten Menschen zu den gesellschaftlichen Ressourcen, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und ihre Entscheidungsfreiheit soll gewährleistet werden. Beeinträchtigungen bei den Möglichkeiten der Lebensführung, wie sie im höheren Alter mit der Verringerung der physischen, psychischen und kognitiven Funktionsfähigkeit einhergehen können, dürfen nicht zur Beschneidung von Menschenrechten führen. Für diese Personen gelten auch die weitreichenden Ziele der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Zudem wird das Bemühen von Altenhilfeorganisationen im In- und Ausland nach einer UN-Konvention über die Rechte älterer Menschen unterstützt.


4. Profil Sozialer Arbeit mit älteren Menschen

Das professionelle Potenzial der Sozialen Arbeit kommt besonders an Lebensübergängen und bei kritischen Lebensereignissen zum Tragen, wo Menschen ihr Leben neu organisieren müssen und fachlich fundierte, lebenspraktische Unterstützung und emotionale Entlastung benötigen.

Vorrangiges Ziel Sozialer Arbeit mit älteren Menschen ist es, Exklusion aus gesellschaftlichen Funktionssystemen zu verhindern und Inklusion zu fördern. Insbesondere für ältere Menschen mit physischen, kognitiven und/oder finanziellen Einschränkungen und deren Angehörige besteht ein erhöhtes Risiko, in soziale Problemlagen oder Lebensübergangskrisen zu geraten. Diese haben meist multifaktorielle Ursachen, deren Bearbeitung die Einbindung sowohl auf der individuellen als auch auf der strukturellen Ebene erfordert.

Professionelle Soziale Arbeit interveniert somit auf der Mikro-Ebene der Einzelfallhilfe und Arbeit mit Familien, um vorhandene soziale Netzwerke zu eruieren, zu stärken, ggf. zu reparieren und neue aufzubauen, um diese mit staatlichen Hilfssystemen zu verknüpfen. Auf der Meso-Ebene bringt sich Soziale Arbeit im Sinne institutioneller und kommunalpolitischer Gestaltung, auf makropolitischer Ebene z. B. durch Berufspolitik und Lobbying-Arbeit für benachteiligte bzw. vulnerable Bevölkerungsgruppen ein.

Soziale Arbeit mit älteren Menschen agiert durch existenzsichernde Maßnahmen bei Altersarmut, prekären Wohnsituationen und häuslicher Gewalt. Sie unterstützt beim Zugang zu verständlicher Information und bei der Anspruchsklärung in Bezug auf Sozialleistungen, sozialrechtliche Fragestellungen, Wissen über Vorsorgemöglichkeiten und die Überblickbarkeit von Hilfeangeboten im Alter. Sie bietet Hilfestellung im Umgang mit Behörden und Institutionen. Weiters bindet Soziale Arbeit die psychosoziale Ebene in Form von Entlastungsgesprächen und Begleitung bei Entscheidungsprozessen in ihre Beratungsprozesse ein.

Auf Grundlage einer individuellen und strukturellen Situations- und Ressourcenanalyse werden gemeinsam mit den Betroffenen die erforderlichen Unterstützungslösungen entwickelt, um einen Beitrag zur Inklusion älterer und alter Menschen in die Gemeinschaft und Gesellschaft zu leisten und die Erhaltung des Selbstwertgefühls, der Selbstständigkeit und der Selbstbestimmung zu fördern. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit der Pflegebedürftigkeit alter Menschen und in Bezug auf Demenzerkrankungen mit ihren multiplen Auswirkungen auf die Betroffenen und ihr soziales Umfeld. In diesem Zusammenhang ist es eine besondere Aufgabe Sozialer Arbeit, den Betroffenen bei der Durchsetzung der in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen zugestandenen Rechte behilflich zu sein. In der Arbeit mit pflegebedürftigen älteren Menschen sind Konzepte von Empowerment, Ressourcenorientierung und sozialer Netzwerkarbeit ebenso bedeutsam, wie die multiprofessionelle Kooperation mit anderen Sozial- und Gesundheitsberufen.


Was kann Soziale Arbeit mit älteren Menschen?

Das Qualifikationsprofil und Aufgabenspektrum Sozialer Arbeit ist vielfältig. Zentrale Agenden der Profession sind:


Beratung:

Beratung ist eine Querschnittsaufgabe und Kernkompetenz Sozialer Arbeit. Ein breites Basiswissen über die Lebenslagen und Lebensprobleme älterer Menschen sowie eine interdisziplinäre Sichtweise sind dabei grundlegend. Bedeutsam sind Kenntnisse über die Auswirkungen von körperlichen, kognitiven und sozialen Einschränkungen im Alter in Bezug auf den Alltag und die sozialen Beziehungen sowie ein empathisch-sozialtherapeutischer Zugang zur Stärkung von Lebensbewältigungskompetenzen.


Beziehungs- und Biografiearbeit:

Voraussetzung für einen kooperativen Unterstützungsprozess ist der gelingende Aufbau einer Beziehung, in der die KlientInnen ihre Bedürfnisse zur Geltung bringen können. So können auch unter erschwerten Bedingungen die Voraussetzungen für ein professionelles Arbeitsbündnis geschaffen werden. Der Aufbau von kooperativen Beziehungen unter erschwerten Bedingungen gehört zu den zentralen professionellen Kompetenzen, die SozialarbeiterInnen und akademisch ausgebildete SozialpädagogInnen im Rahmen ihres Studiums erwerben. In der Arbeit mit alten Menschen geht es dabei unter anderem um das Sich-Einstellen auf deren anderes Lebenstempo, gekoppelt mit einem besonderen Augenmerk auf eine vertrauensbildende Gesprächsführung sowie auf Halt gebende, ermutigende und motivierende Unterstützung, die reflexiv das Geschehen gestaltet. Ebenso wichtig ist eine grundlegende Orientierung an der Biografie des Menschen, die mit zunehmendem Alter zur entscheidenden Bezugsdimension der Lebensbewältigung wird.


Aufsuchende Soziale Arbeit mit älteren Menschen:

Um alte Menschen zu erreichen, besonders wenn sie isoliert leben und deren soziale Unterstützungsnetzwerke unzureichend sind, sind aufsuchende, präventive Maßnahmen unerlässlich. Eine zugehende Altensozialarbeit, bei der auch Beratung als niederschwellige Angebotsform eine wichtige Rolle spielt, sollte im Stadtteil bzw. in der Gemeinde institutionell verankert und vernetzt sein.


Angehörigenarbeit:

Sozialarbeiterische Beratung und Begleitung von pflegenden Angehörigen zur Orientierung und Entscheidungsfindung in Bezug auf entlastende Hilfemöglichkeiten und zur Vorbeugung von sozialer Isolation, insbesondere bei langer Pflegephase, sind ebenso bedeutsam. Insbesondere, wenn durch Überforderung und veränderte Machtverhältnisse die Gefahr von Misshandlungs- und Gewalthandlungen besteht, verfügen SozialarbeiterInnen über spezielle Interventionskompetenzen in Familiensystemen. In palliativen Teams ist die Sozialarbeiterin bzw. der Sozialarbeiter Teil einer qualitätsvollen Beratung und Begleitung im Rahmen des Sterbe- und Trauerprozesses.


Psychosoziale Unterstützung und Krisenintervention:

Eine weitere Zielgruppe sind alte Menschen mit psychischen Problemen oder psychiatrischen Erkrankungen in Verknüpfung mit sozialer Not und Ausgrenzung. Soziale Arbeit leistet aufgrund ihres niederschwelligen Zugangs psychische Entlastung und Krisenintervention, wo andere Professionen (beispielsweise FachärztInnen für Psychiatrie) (noch) nicht oder nicht mehr von den Betroffenen akzeptiert werden.


Soziale Netzwerkarbeit:

Soziale Netzwerkarbeit umfasst zwei Ebenen: Zum einen die Aktivierung und Koordination von unterstützenden institutionellen Strukturen und den Beziehungen im sozialen Nahraum der Betroffenen, zum anderen die Förderung der sozialen Beziehungen der KlientInnen.

Die Vernetzung von unterstützenden Systemen umfasst die Initiierung, den Aufbau und die Pflege von Kooperations- und Koordinationsstrukturen im lokalen gesundheitlichen und sozialen Versorgungsgefüge mit dem Ziel, ein effizientes und regelhaftes Netz herzustellen. Soziale Arbeit kann individuelle Abstimmungsprozesse zur Erlangung von Regelabläufen in die Wege leiten und begleiten und dabei Schwachstellen und Defizite von Versorgungsstrukturen und Zugangsmöglichkeiten zu Angeboten aufspüren. Es können Initiativen zur Verbesserung entstehen bzw. die Kompetenz der Betroffenen im Umgang mit den Angeboten unterstützt werden. Die Förderung der sozialen Beziehungen der KlientInnen umfasst die Kartographierung und Aktivierung von persönlichen, verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und kooperativen Beziehungen. Damit wird der Ausdünnung von Beziehungsnetzwerken im Alter entgegengewirkt und die Abhängigkeit der KlientInnen von institutionellen Angeboten verringert.


Empowerment und Ressourcenorientierung:

Soziale Arbeit zielt darauf ab, KlientInnen in den Prozess der Unterstützungsplanung einzubeziehen bzw. diesen an ihren Bedürfnissen und Handlungsbereitschaften auszurichten. Damit haben Menschen die Chance, sobald und so weit wie möglich ihre Angelegenheiten selbst, im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe, in die Hand zu nehmen. Grundprinzip dabei ist es, Ressourcen richtig einzuschätzen, zu fördern und zu fordern, aber den alten Menschen dabei nicht zu überfordern.


Anwaltliche Funktion:

Soziale Arbeit nimmt eine anwaltliche Funktion für ihre KlientInnen ein, um deren Interessen und Bedürfnisse durchsetzen zu helfen, sofern sie dabei Unterstützung benötigen. Soziale Arbeit wirkt darüber hinaus als gesellschaftliche Unterstützungsinstanz und wendet sich dabei auch gegen unprofessionell begründete Entmündigungen und alle Formen der Altersdiskriminierung.


5. Handlungsfelder und zentrale Aufgabenbereiche Sozialer Arbeit mit älteren Menschen

Definierte Angebote Sozialer Arbeit mit älteren Menschen existieren derzeit vereinzelt im Bereich der staatlichen Altenhilfe und offenen Altenarbeit sowie in Institutionen privater Träger, die mit den öffentlichen Versorgungssystemen durch finanzielle Förderungen verbunden sind. Sie sind jedoch noch kein integrierter, gesetzlich abgesicherter Bestandteil der staatlichen Betreuungs- und Versorgungssysteme für alte Menschen. Beispielsweise kommt in den Wohn- und Pflegeheimgesetzen bzw. Heimverordnungsgesetzen der Bundesländer Soziale Arbeit noch nicht vor.

In der Ausbildung von SozialarbeiterInnen wird das Praxisfeld „Alter und Altern“ unterschiedlich fokussiert. An manchen Fachhochschul-Studiengängen für Soziale Arbeit ist es verbindlich im Curriculum integriert, in anderen nur als frei wählbares Fach angelegt.

Es findet sich österreichweit, je nach Bundesland in unterschiedlicher Ausprägung und Dichte, Soziale Arbeit in interprofessionellen Teams:

  • Beratungs- und Kompetenzzentren rund um Alter und Pflege (z. B. Fonds Soziales Wien)
  • Stationäre und teilstationäre Einrichtungen des geriatrischen und gesundheitlichen Versorgungssystems (Altenwohn- und Pflegeheime, Tageszentren, Tageskliniken, Krankenhaus)
  • Mobile Dienste für Pflege und Betreuung zu Hause (private Träger, Gemeindeebene)
  • Palliative Care/Hospizarbeit (stationär und ambulant)
  • Alternative Wohnformen (Betreubares/Betreutes Wohnen, Wohngemeinschaften)
  • Spezialisierte Beratungs- und Unterstützungsangebote für bestimmte Zielgruppen (z. B. Demenz, gerontopsychiatrische Erkrankungen, spezialisierte Palliativteams, gesetzliche Vertretung bei eingeschränkter oder fehlender Geschäftsfähigkeit)

Zukunftsbereiche, wo die Soziale Arbeit vermehrt Aufgaben mit bzw. für alte Menschen übernehmen sollte und wird, sind:

  • Soziale Arbeit im Rahmen der Primärversorgung als Gesundheitsberuf
  • Unterstützungsangebote als Alternative zur Sachwalterschaft (neues Erwachsenenschutzgesetz)
  • Beratung und Betreuung alter Menschen mit Migrationshintergrund und deren soziales Umfeld
  • Im sozialen Nahraum verankerte Beratungsangebote für ältere und alte Menschen und deren Angehörige
  • Innovative Angebote für eine präventive Gestaltung des Lebens im Alter
  • Präventive Hausbesuche zur Abklärung des Unterstützungsbedarfs alter Menschen als fixer Bestandteil kommunal-behördlicher Sozialer Arbeit
  • Effiziente Nutzung der regionalen Versorgungsangebote durch Koordination und Vernetzung
  • Mitgestaltung bzw. Adaptierung des Lebensraums (barrierefreies Wohnen, Schaffung von Parkbänken, Abschrägen von Gehsteigen etc.)


Abbildung 1: Schema von Aufgabenbereichen der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen


6. Fazit: Soziale Arbeit mit älteren Menschen als unverzichtbarer Bestandteil der österreichischen Gesellschaft

Was die Politik, die Träger der Altenhilfe und Altenarbeit und die Menschen in Österreich brauchen, sind verlässliche sozialpolitische Strukturen und tragfähige gesetzliche Rahmenbedingungen, in denen Soziale Arbeit mit älteren Menschen als fixer Bestandteil in der Gesellschaft verortet wird.

Soziale Arbeit mit älteren Menschen soll in den bundesgesetzlichen und länderspezifischen Richtlinien und Verordnungen für stationäre und extramurale Versorgungsleistungen für alte Menschen als unentbehrlicher Leistungserbringer verankert werden.

In jedem österreichischen Bundesland soll Soziale Arbeit unverzichtbarer Teil multiprofessioneller Teams im stationären, teilstationären, ambulanten und mobilen Bereich sein und entsprechend in den jeweiligen Personalschlüsseln abgebildet werden.

Die erforderliche Finanzierung Sozialer Arbeit mit älteren Menschen wird in interdisziplinär abgesicherten, hochqualitativen und ganzheitlichen Betreuungs- und Unterstützungsleistungen günstige Auswirkungen auf die Lage von älteren und alten Menschen haben.

Soziale Arbeit ist eine prädestinierte Profession, um die Partizipation und Inklusion älterer und alter Menschen in der Gesellschaft zu fördern, die Belange und Rechte älterer Menschen zu stärken, sich gegen Exklusionstendenzen zu wenden und abwertenden Deutungen entgegenzutreten.

Die ältere Generation, die maßgeblich am Aufbau des österreichischen Wohlstands und Fortschritts mitgewirkt hat, hat ein Anrecht auf ein gutes, gelingendes Leben im Alter.

Die Soziale Arbeit will ihren professionellen Beitrag dazu leisten.



Präsentiert in Villach am 22.9.2017 von der Arbeitsgemeinschaft „Altern und Soziale Arbeit“ der ogsa

An der Erstellung beteiligt (in alphabetischer Reihenfolge):
Mischa Bahringer (Volkshilfe Wien, Innovationsmanagerin), Kai Brauer (FH Kärnten, Institute for Applied Research on Ageing, FH-Professor), Eva Fleischer (Management Center Innsbruck, Department für Soziale Arbeit, FH-Professorin), Angelika Neuer (Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, Fachexpertin für Soziale Arbeit in der Qualitätssicherung), Johannes Pflegerl (Department Soziales FH St. Pölten, FH-Professor und Leiter Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung), Ulrike Rautner-Reiter (Department Soziales FH St. Pölten, FH-Professorin und stv. Studiengangsleiterin Bachelor), Helmut Spitzer (FH Kärnten, Studiengang Soziale Arbeit, FH-Professor), Waltraud Strohmaier (BH Bruck/Mürzzuschlag, Diplomsozialarbeiterin)


Weiterführende Literatur

Amann, Anton (2004): Die großen Alterslügen: Generationenkrieg, Pflegechaos, Fortschrittsbremse? Wien.

Aner, Kirsten / Karl, Ute (Hg.) (2010): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden.

Brauer, Kai / Clemens, Wolfgang (Hg.) (2010): Zu Alt? „Ageism“ und Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Wiesbaden.

Appelt, Erna / Fleischer, Eva / Preglau, Max (Hg.) (2014): Elder Care: Intersektionelle Analysen der informellen Betreuung und Pflege alter Menschen in Österreich. Wien.

Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (Hg.) (2000): Seniorenbericht 2000 – Bericht zur Lebenssituation älterer Menschen in Österreich. Wien.

Knapp, Gerald / Spitzer, Helmut (Hg.) (2010): Altern, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Lebenslagen und soziale Ungleichheit alter Menschen in Österreich. Klagenfurt.

Magistratsabteilung 24 – Gesundheits- und Sozialplanung der Stadt Wien (2016): Einfluss der Migration auf Leistungserbringung und Inanspruchnahme von Pflege- und Betreuungsleistungen in Wien. Wien.

Österreichischer Berufsverband der Sozialen Arbeit: Handlungsfeld alte Menschen. http://www.sozialarbeit.at (21.09.2017).

Pflegerl, Johannes (2014): Handlungsmöglichkeiten und Instrumente für pflegebegleitende Soziale Arbeit. In: Appelt, Erna / Fleischer, Eva / Preglau, Max (Hg.): Elder Care: Intersektionelle Analysen der informellen Betreuung und Pflege alter Menschen in Österreich. Innsbruck, S. 217-232.

Rosenmayr, Leopold (1990): Die Kräfte des Alters. Wien.

Stöckl, Claudia / Kicker-Frisinghelli, Karin / Finker, Susanna (Hg.) (2016): Die Gesellschaft des langen Lebens: soziale und individuelle Herausforderungen. Bielefeld.




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