soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 18 (2017) / Rubrik "Editorial" / Redaktion soziales_kapital
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/549/990.pdf


Editorial Online-Journal „soziales_kapital“

18. Ausgabe Oktober 2017: Kinder- und Jugendhilfe


Auch wenn es in Zeiten politischer und gesellschaftlicher Eskalationsrhetorik etwas abgedroschen klingen mag: Die Kinder- und Jugendhilfe (KJH) als (unter-)stützendes Fördersystem für besonders benachteiligte und damit integrationsgefährdete Heranwachsende steht aktuell in Österreich vor existenziellen Herausforderungen, welche die Konstitution dieses Handlungsfelds Sozialer Arbeit als Ganzes betreffen und deren zukünftige Beantwortung ungewiss sind. Der Stellenwert und damit auch die Erfolge der Maßnahmen stehen und fallen mit den politischen, fachlichen, praktischen und theoretischen Entscheidungen und deren Auswirkungen auf die KlientInnen und die Gesellschaft als Ganzes. Es häufen sich Hinweise darauf, dass aktuell fachliche Selbsteinschätzungen indifferent, finanzielle Rahmenbedingungen eingeschränkt und erkämpfte Standards auch weiterhin strittig bleiben.

Während professionelles Handeln innerhalb der KJH wohl immer ein Handeln in Widersprüchen und Ambivalenzen ist, sollten wir daneben eine ebenso intensive Auseinandersetzung mit instabilen Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe als Profession führen:

  • Ökonomische und fachliche Standards:

    Die inzwischen fast durchgängig rechtlich bindende Ausschreibungslogik für Maßnahmen der KJH wirkt neben wachsendem Ökonomisierungsdruck bei den Einrichtungen auch als Hemmschuh für neue, innovative und dadurch eventuell noch wenig etablierte Projekte und Angebote, deren Effizienz und Effektivität erst noch wissenschaftlich nachgewiesen werden müsste. Sind hier die wirtschaftlichen und sozialen Belange wirklich zielführend ausbalanciert?

  • Abgrenzungs- und Konkurrenzprobleme:

    Neben an Fachhochschulen ausgebildeten SozialarbeiterInnen drängen vielfältige Berufsgruppen (und sogar Personen ohne einschlägige Ausbildung) mit gänzlich anderen Ausbildungsschwerpunkten, unterschiedlicher Schwerpunktsetzung und eigenem Selbstverständnis in die KJH und versuchen ihre jeweiligen Ansprüche gesetzlich zu verankern. Auch die Ausbildungseinrichtungen treten damit in eine zunehmende Konkurrenzsituation, was sich beispielhaft am, in universitärer Herausgeberschaft ab 2018 geplanten „Jahrbuch Soziale Arbeit: Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe“ zeigen lässt: Nur Fachhochschulen qualifizieren Studierende in Sozialer Arbeit, werden hier jedoch scheinbar gewollt übergangen. Ist es wirklich nicht möglich, ein an den Bedürfnissen der KlientInnen orientiertes, eher kooperatives und synergetisches Zukunftsmodell zu entwickeln?

  • Passgenaue Angebots- und Projektvielfalt:

    Nicht erst seit den in den letzten Jahren nochmals zugenommenen globalen Migrationsbewegungen kann die Angebots- und Projektvielfalt in der Kinder- und Jugendhilfe als unzureichend bezeichnet werden. Aktuell diskutiert werden beispielsweise dringend notwendige Hilfeangebote für KlientInnen nach der Volljährigkeit, aber auch Spezialangebote für „besonders auffällige und gefährdete“ Kinder und Jugendliche. Hier wäre an passgenauere Maßnahmen wie intensive sozialpädagogische Einzelfallhilfe, ggf. auch geschlossene Unterbringungsformen oder einen Ausbau sozialer Gruppenarbeit zu denken. Hat also eine erweiterte, flexiblere, breiter aufgestellte, passgenauere Kinder- und Jugendhilfe eine Chance?


Diese Rahmenbedingungen der KJH finden Niederschlag in dieser Ausgabe von soziales_kapital, zu deren Lektüre wir herzlich einladen möchten:

Dagmar Fenninger-Bucher (Die Definitions[ohn]macht der Kinder- und Jugendhilfe in Österreich oder „es ist alles eine Frage der Erziehung“) stellt die Angemessenheit der Grundlagen institutioneller KJH in Frage.

Dagmer Fenninger-Bucher und Judith Ranftler („Aber ich sage, ich bin ein Mädchen!“ Soziale Inklusion von Minderjährigen mit Fluchterfahrung) thematisieren eine diskriminierend wirkende Gruppenzuschreibung („Flüchtling“), welche weitere individuelle Bestimmungsmerkmale (Frau oder Mädchen) unsichtbar werden lässt.

Rifat Haxhijaj und Lulzim Dragidella (Jugendliche albanischer Herkunft zwischen nationaler Identität und Religiosität) verweisen auf zentrale Faktoren der Identitätsbildung mit unterschiedlicher Bedeutung: Religion und nationale Zugehörigkeit.

Hubert Höllmüller und Raphael Schmid (Forschung in der Kinder- und Jugendhilfe Österreich – der weite Weg zur Profession) betonen die bedeutsame, dabei jedoch unzureichende Forschungslandschaft im Bereich der KJH.

Arno Heimgartner (Möglichkeiten kollektiver Zusammenschau in der Kinder- und Jugendhilfe – Forscherische Fragen, die man sich beantworten könnte) analysiert Möglichkeiten kollektiver Forschung im Bereich KJH und fordert einen (jährlichen) österreichischen Bericht, den Ausbau der Forschungsinfrastruktur und eine Ausweitung der einbezogenen Inhalte.

Constanze Mayer (Die Bedeutung von Elternarbeit für die sozialpädagogische Praxis in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe) thematisiert neben der notwendigen Kooperationsbereitschaft die Notwendigkeit eines professionellen sozialpädagogischen Selbstverständnisses für gelingende Elternarbeit.

Miloslav Poštrak (Konzepte und Methoden der Sozialarbeit mit Jugendlichen) skizziert die passgenaue Form der Arbeit mit Jugendlichen, nachvollziehbar angelehnt an die aktuellen Prinzipien der Sozialarbeit und leistet damit einen weiteren Beitrag zur Professionalisierung.

Anna Riegler und Klaus Posch („Anerkennung“ – Grundlage einer kritisch-reflexiven Kinder- und Jugendhilfe) analysieren kritisch-reflexive Thematiken aus einer anerkennungstheoretischen Perspektive nach Axel Honneth.

Petra Wagner und Carina Wimmer (Kindergarten und Kinder- und Jugendhilfe: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?) stellen ein zukunftsfähiges Modell der interdisziplinären Zusammenarbeit am Beispiel Kindergarten in den Fokus.

Wir wünschen gute Gedanken und viel Freude bei der Lektüre! Und anschließend eine konsequente und beherzte Umsetzung.



Martin Lu Kolbinger und Heike Rainer (Standort Salzburg)




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