soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 13 (2015) / Rubrik "Thema" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/367/615.pdf


Elisabeth Stöckl:

Fotopädagogische Projektarbeit mit jugendlichen Flüchtlingen


1. Einleitung
Im vorliegenden Beitrag wird versucht zu begründen, warum die fotopädagogische Projektarbeit als ein innovatives Instrument der Sozialen Arbeit gilt und warum sie gerade in der sozialpädagogischen Praxis der Jugendarbeit vermehrt Anwendung finden kann.

Medien im Allgemeinen gehören heute zum Lebensalltag moderner Zivilisationen und gerade das Medium Fotografie ist durch den digitalen Umbruch im 21. Jahrhundert zum Massenmedium avanciert. Heute ist die Fotografie mehr denn je fixer Bestandteil unseres Alltags. Wir konsumieren tagtäglich Bilder über die unterschiedlichsten Medien, wie Internet oder Fernsehen, über Magazine und Zeitungen und lassen selbst Bilder per Knopfdruck auf Smartphones entstehen. Gerade für Jugendliche gehören Handyfotos, auf denen sie sich selbst oder ihre Freunde und ihr Umfeld fotografisch festhalten und über soziale Netzwerke teilen, zur Alltagspraxis. Durch die Bilder formen und festigen sie ihre Identität und ihren Platz in der Gesellschaft. Das Internet bietet über die Sozialen Netzwerke Präsentationsplattformen, wo sie sich und ihre (An-)Sichten öffentlich der Welt präsentieren. Fragt man Jugendliche aber nach der Funktionsweise einer Kamera, so antworten die meisten nur mit einem „Achselzucken“. Die vollautomatisierte digitale Kameratechnik hat das ursprüngliche Handwerk der Fotografie in Vergessenheit geraten lassen.

Im Folgenden wird versucht, die Bandbreite an Möglichkeiten des Mediums Fotografie in Bezug auf die pädagogische Projektarbeit mit Jugendlichen zu beleuchten. Spezieller Fokus wird auf die Zielgruppe jugendliche Flüchtlinge gelegt. Die aktuellen Krisenherde der Welt lassen die großen Flüchtlingsströme nach Europa nicht abbrechen. Auch die Zahl der Asylanträge unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge nahm laut Angaben der UNHCR Ende 2013 eine Rekordgröße an (vgl. UNHCR 2014). Für die Soziale Arbeit in Österreich bedeutet das, dass jugendliche Flüchtlinge als KlientInnen der Sozialen Arbeit in Zukunft noch mehr in den Fokus professionellen Handelns rücken müssen und gezielte Angebote für diese Jugendlichen zu setzen sind. So wie auch Heinz Fronek anmerkt, bedarf gerade diese Zielgruppe aufgrund ihrer außerordentlichen Situation spezieller pädagogische Betreuung, welche jedoch von Betreuungseinrichtungen aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen oft nicht aufgebracht werden kann. (vgl. Fronek 2010: 128) Katharina Marko betont ebenfalls die enormen psychosozialen Belastungen der Jugendlichen: Unverarbeitete traumatische Erlebnisse, das Zurücklassen der Familie im Herkunftsland, Orientierungslosigkeit in einer neuen Welt, eine fremde Kultur und Sprache, die Unsicherheit über den Verlauf des Asylverfahrens und die langen Wartezeiten auf den Asylbescheid sind nur einige der belastenden Faktoren, mit denen sich diese Jugendlichen konfrontiert sehen. (vgl. Marko 2008: 62) Um diese Jugendlichen bei der Bewältigung ihrer Lebenssituationen im Aufenthaltsland zu unterstützen, bieten gerade medienpädagogische Projekte, welche sich an der Lebenswelt der Jugendlichen orientieren, eine große Chance. Der Fokus dieses Beitrags liegt auf der pädagogischen Projektarbeit mit dem Medium Fotografie und Bildmedien generell und verzichtet bewusst auf die Thematisierung von Tonmedien, audiovisuellen Medien, Film und Internet, grenzt sich also von der allgemeinen Medienpädagogik ab.

Da der Literaturstand zur Fotopädagogik im deutschsprachigen Raum sehr begrenzt ist und der Begriff der Fotopädagogik oft nur in der Diskussion um die Medienkompetenz auftaucht, werden wissenschaftliche Theorien, Prinzipien und Erkenntnisse aus den Bereichen der Sozial- und Medienpädagogik, der interkulturellen Pädagogik, der Öffentlichkeitsarbeit, der Wahrnehmungspsychologie und der RezipientInnenforschung miteinander verknüpft und in einen neuen Kontext der Fotopädagogik gebracht. Als Pionier in diesem Feld ist der Pädagoge Alfred Holzbrecher zu nennen, auf dessen Werke (vgl. Holzbrecher 2004, Holzbrecher 2006, Holzbrecher 2010) ich mich auch zu einem großen Teil beziehen werde.

Nach der Auseinandersetzung mit dem Konzept der Lebensweltorientierung in Kapitel 2 wird in Kapitel 3 ein Überblick über die einzelnen Projektphasen fotopädagogischer Praxis gegeben. In Kapitel 4 werden Ziele und Methoden diskutiert und die Kompetenzen in Bezug auf das Medium Fotografie erläutert. In Kapitel 5 erfolgt die Darstellung des Fotoprojekts „Mein Leben in Österreich 2014“, welches ich im Rahmen meiner Tätigkeiten im Verein ipsum gemeinsam mit einem interdisziplinären Projektteam geleitet habe. ipsum ist ein Verein, der das Medium Fotografie in Projekten in der entwicklungspolitischen und interkulturellen Bildungsarbeit einsetzt. Im Zentrum aller Initiativen stehen zwei Aspekte: Selbstausdruck und der Austausch mit anderen. (vgl. ipsum o. J.a: 1)


2. Lebensweltorientierter Ansatz
Das Konzept der Lebensweltorientierung bildet den Grundstein für die fotopädagogische Projektarbeit mit jugendlichen Flüchtlingen. Die Lebensweltorientierung ist nach Klaus Grunwald und Hans Thiersch eine zentrale Theorieströmung in der Sozialen Arbeit, die „sowohl ein Rahmenkonzept sozialpädagogischer Theorieentwicklung als auch eine grundlegende Orientierung sozialpädagogischer Praxis“ (Grunwald/Thiersch 2001: 1136) beschreibt, welche auf den Alltagswelten der KlientInnen basieren und „Menschen im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe bei ihren individuellen Versuchen der Lebensbewältigung unterstützt“. (Krisch et al. 2011: 52) Nach Eva Bürgermeister und Sascha Düx (vgl. 2002: 11) soll auch die interkulturelle Jugendmedienarbeit auf den Lebenswelten Jugendlicher basieren, mit dem Ziel Kommunikation zu fördern, „Selbstidentifikationsprozesse anzuregen“ (Bürgermeister/Düx 2002: 11) und Öffentlichkeit für die Jugendlichen zu schaffen. Gerade in der Jugendarbeit ist die Lebensweltorientierung zu einem handlungsleitenden Prinzip avanciert. Wie Björn Maurer im Rahmen der aktiven Medienarbeit schreibt, bedeutet, auch für die fotopädagogische Projektarbeit mit jugendlichen Flüchtlingen, die Lebensweltorientierung eine Orientierung an der individuellen materiellen, kulturellen und sozialen Ausgangslage der Jugendlichen. (vgl. Maurer 2004: 48). Für jugendliche Flüchtlinge hat das Medium Fotografie einen besonderen Stellenwert. Erstens hatten viele der Jugendlichen zuvor in ihrem Herkunftsland aufgrund von materiellen oder finanziellen Mittel keine Möglichkeit, selbst eine Kamera zu besitzen, um Fotos zu machen. Somit besitzen sie auch keine fotografischen Erinnerungen an ihre Kindheit und schätzen den Wert eines Bildes sehr. Zweitens ist das Foto nach ihrer Ankunft im Zielland für sie ein Kommunikationsmittel zu ihren Familien im Herkunftsland. Über Facebook und andere soziale Netzwerke kommunizieren sie mit ihren Angehörigen und zeigen Bilder von ihnen in Österreich, um ihren Familien zu demonstrieren, dass sie wohlauf sind und erfolgreich ihre beschwerliche Reise nach Europa geschafft haben. Die Arbeit mit dem Medium Fotografie kann also gerade für jugendliche Flüchtlinge eine große Partizipationsbereitschaft hervorbringen, da das Interesse am Medium selbst oft groß und somit auch die Motivation zur Teilhabe an Fotoprojekten gegeben ist.

Die Lebenswelt der Jugendlichen soll sowohl bei der Projektplanung berücksichtigt werden, als auch im Arbeitsprozess selbst Gegenstand sein (vgl. Maurer 2004: 48).

„Die Produzent/innen haben die Chance sich durch die Bearbeitung eigener Themen, die ihren Ursprung in ihren Lebenswelten haben, selbst bewusst zu werden (...). Derartige selbstreflexive Prozesse können dazu beitragen, eigene Interessen, Bedürfnisse und Fähigkeiten zu erkennen und zu entfalten.“ (Maurer 2004: 48)

Gerade für jugendliche Flüchtlinge wird – durch das bewusste Festhalten von Alltagsmomenten mit einer Kamera – scheinbar Alltägliches von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet und dies in Bezug auf die eigene Handlungsfähigkeit hinterfragt.


3. Phasen der fotopädagogischen Projektarbeit
Um einen Rahmen für einen möglichen Projektablauf festzulegen, werden nun die unterschiedlichen Projektphasen der fotopädagogischen Arbeit skizziert. Nach Maurer (2004: 180) soll in der ersten Phase der „Gruppenkonstituierung“ die Etablierung eines Gruppengefühls im Zentrum stehen. Die TeilnehmerInnen werden in das Projekt eingeführt und sollen zudem erste spielerische Erfahrungen im Umgang mit dem Medium Fotografie machen. In dieser Phase werden auch Interessen und Erfahrungen in Bezug auf das Medium Fotografie und bereits vorhandene Kompetenzen der jugendlichen TeilnehmerInnen erhoben. Die zweite Phase der „Basisqualifikation“ bezieht sich nun auf die Vermittlung von technischem Know-how in Bezug auf das Medium Fotografie (siehe Kapitel 4.1). In der dritten Phase, der „Produktions- und Kommunikationsphase“, fotografieren die Jugendlichen zuerst aktiv in ihrer Lebenswelt und besprechen dann ihre Bilder methodisch in der Gruppe (siehe Kapitel 4.2 u. 4.3). Die vierte und letzte Phase ist die sogenannte „Ausstellungsphase“, in der von den Jugendlichen ausgewählte Ergebnisse der Projektarbeit einer zuvor definierten Öffentlichkeit präsentiert werden (siehe Kapitel 4.4). (vgl Maurer 2004: 180f)


4. Fotopädagogische Zielsetzungen, Methoden und Kompetenzen
Die fotopädagogische Projektarbeit mit jugendlichen Flüchtlingen verfolgt diverse Zielsetzungen, die durch unterschiedliche methodische Vorgehensweisen erreicht werden können und die Arbeit des Vereins ipsum widerspiegeln. Zudem erfolgt eine Bearbeitung der zu erreichenden Kompetenzen der Jugendlichen in Bezug auf das Medium Fotografie. Diese wurden von Holzbrecher (vgl. 2004: 5f) in Anlehnung an das Konzept der „Medienkompetenz“ von Dieter Baacke (1999) definiert.


4.1 Erlernen der fotografischen Technik
Da sich die Jugendlichen in der fotopädagogischen Projektarbeit in erster Linie mit und durch das Medium Fotografie ausdrücken, ist das Erlernen der fotografischen Technik, der Funktionsweise einer Kamera und das Verständnis über die Entstehung von Bildern ein wesentliches Ziel. (vgl. Schafiyah 1997: 59) Grundsätzliche Aspekte wie das Zusammenspiel von Blende, Belichtungszeit und Lichtempfindlichkeit sollten hier mit einfließen und an praktischen Beispielen in der Gruppe erprobt werden. (vgl. Holzbrecher 2004: 6) Es bleibt den ProjektleiterInnen und der Projektgruppe überlassen, mit welchem Kameratyp sie gerne fotografieren möchten. Angefangen von Einwegkameras über analoge oder digitale Kompaktkameras, Polaroidkameras und Handykameras bis hin zu analogen oder digitalen Spiegelreflexkameras kann alles verwendet werden. Die Mitbestimmung der Jugendlichen auf allen Ebenen ist eine wichtige Voraussetzung, deshalb sollte auch die Wahl des Kameratyps in der Gruppe entschieden werden. Jedoch müssen auch finanzielle, materielle und persönliche Ressourcen bei der Entscheidung berücksichtigt werden, denn diese nehmen letztlich ebenso häufig Einfluss auf die Wahl des Kameratyps.

Einen guten methodischen Einstieg in die Fotografie bietet zum Beispiel das Bauen von Lochkameras aus Schuhkartonschachteln. Der Verein ipsum bedient sich zu Beginn eines jeden Projekts dieser Methode (vgl. Verein ipsum o. J.b). Sie veranschaulicht auf eindrucksvolle, aber sehr einfache Art und Weise, wie eine Kamera aufgebaut ist und wie Bilder entstehen. Gerade das Fotografieren und Experimentieren in der Dunkelkammer ist für Jugendliche etwas Besonderes. Sie erlernen die alten chemischen Verfahren zur Entwicklung von Bildern und bekommen so einen Einblick in das ursprüngliche Handwerk der Fotografie. Durch diesen aufwendigen analogen Prozess der Bildherstellung wird ihnen der ursprüngliche Wert analoger Fotografien möglicherweise mehr bewusst. Außerdem können so auch gleich zu Beginn Erfolgserlebnisse verzeichnet werden, die die Jugendlichen zur weiteren Teilhabe am Projekt motivieren. Holzbrecher nennt dies „technische Kompetenz“ (Holzbrecher 2004), sie bildet die Grundlage für das Arbeiten mit dem Medium Fotografie. (vgl. ebd.)


4.2 Förderung des Selbstausdrucks und Subjektentwicklung
Den Selbstausdruck beschreibt Holzbrecher als eine zentrale Funktion des Mediums Fotografie in der Fotopädagogik. (vgl. Holzbrecher 2010: 29) In der Projektarbeit werden jugendliche Flüchtlinge ermutigt, sich mit ihrem Umfeld visuell auseinanderzusetzen, um ihre Geschichten aus der jeweils eigenen Perspektive zu erzählen. (vgl. ipsum o. J.a: 1) Gerade durch das Präsentieren von Bildern aus ihren Lebenswelten können sie unterschiedliche Lebensgefühle ausdrücken – zum Beispiel durch ein Bild, indem ihre Ängste, Wünsche, Träume und Hoffnungen auftauchen. Dieses Bild, so Holzbrecher, ist

„ein kreatives Zum-Ausdruck-Bringen einer zunächst noch vorbewussten Idee, Emotion, welche durch die visuelle Bearbeitung greifbar und begreifbar wird, und oft alleine dadurch ihre belastende Wirkung verliert.“ (Holzbrecher 2010: 29)

Die Förderung des Dialogs und die daraus resultierende Subjektentwicklung sind weitere wichtige Ziele in der fotopädagogischen Projektarbeit mit jugendlichen Flüchtlingen. Dabei ist die Arbeit des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire, der mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ den Begriff „Bewusstseinsbildung“ bis heute wesentlich prägt, von großer Bedeutung. (vgl. Schwinger 2006: 54f) Nach Freires auf Dialog basierendem Bildungsansatz soll der/die Lehrende zum/zur Lernenden und der/die SchülerIn zum/zur Lehrenden werden.

„Niemand bildet niemanden, niemand bildet sich selbst, die Menschen bilden sich untereinander, vermittelt durch die Welt.“ (Freire 1994b: 68 zit. in: Schwinger 2006: 53)

Der Dialog über die Welt, also auch über die Bilder, kann nach Freire als wesentlicher Drehpunkt zur „Befreiung“, also zur intersubjektiven Bewusstseinsbildung, verstanden werden. (vgl. Schwinger 2006: 52f) Indem die selbstfotografierten Bilder in der Gruppe gezeigt und von den ProjektteilnehmerInnen und den ProjektleiterInnen gemeinsam diskutiert und decodiert werden, erfolgt so eine „Reflexion des Gesehenen und die Verbindung zur eigenen Lebenswelt. Damit wird ein Bewusstsein für die eigene Realität geschaffen.“ (Schwinger 2006: 56) Durch verschiedene Methoden können Gruppenprozesse angeleitet werden, die es ermöglichen, sich im Austausch mit anderen neuer Blickwinkel bewusst zu werden und die eigene Situation zu reflektieren. (vgl. ipsum o. J.a: 1) Diese Dialogprozesse bilden eine Schlüsselstelle von fotopädagogischer Projektarbeit mit Jugendlichen, da die durch Selbst- und Fremdreflexion resultierende Subjekt- und Identitätsentwicklung gefördert wird, welche auch im Zentrum des interkulturellen Lernens steht. (vgl. Freise 2005: 148) Interkulturelles Lernen beschäftigt sich mit fremden Kulturen und setzt sich kritisch mit der eigenen historisch gewachsenen und der international verflochtenen Kultur auseinander. (vgl. ebd.: 147) Freise sieht das interkulturelle Lernen als biografisches, soziales und globales Lernen und als „das Erlernen solidarischen Handelns“. (ebd.: 148) Diese Ausprägungen sollen auch in den Dialogprozessen der fotopädagogischen Projektarbeit einfließen.

Eine Methode für solche Dialogprozesse ist die Fotobefragung. Nach Bettina Kolb ist diese ursprünglich „(…) eine partizipative Erhebungsmethode der visuellen Soziologie (…), die im Paradigma der qualitativen Sozialforschung einen interpretativen Zugang zur sozialen Wirklichkeit darstellt.“ (Kolb 2008: 1) Diese Methode lässt sich auch auf die fotopädagogische Projektarbeit übertragen. Durch die Befragung über die Bilder entsteht sowohl für den/die FotografIn als auch für die anderen TeilnehmerInnen im Projekt ein reflexiver Raum, indem Sichtweisen auf die eigene subjektive Realität einmal von anderen hinterfragt, neuinterpretiert und auf den Kopf gestellt werden. Somit wird ein Perspektivenwechsel geschaffen. Verschiedenste Fragen in Bezug auf die Bedeutung des Bildes für den/die Fotografen/in, seine/ihre Gefühle zum Zeitpunkt der Aufnahme, Bildinhalte, Ausschnitt, Perspektive etc. können hier gestellt werden. Diese Fragen lassen sich endlos fortsetzen und werden durch den gruppendynamischen Prozess bestimmt.

Eine weitere Methode, die im Verein ipsum oft Anwendung findet, ist die visuelle Methode des „Bilddialogs“ (Verein ipsum 2014). Darin wählt jede/r der FotografInnen einige selbstgemachte Fotos aus, die er/sie der Gruppe präsentieren möchte. Die Bilder werden dann auf einen Tisch aufgelegt oder in eine gewünschte Präsentationsform gebracht. Die Gruppe versammelt sich rund um die Bilder einer Person und betrachtet diese zunächst nur. Danach wird die Gruppe aufgefordert, über die Bilder zu sprechen, während der/die FotografIn schweigt und den anderen nur aufmerksam zuhört. Dabei kann wiederum auf den Inhalt, eventuelle Bildaussagen, hervorgerufene Gefühle, Details und Personen im Bild, Geschichten hinter den Bildern, Vermutungen über die Intention des/der FotografIn und vieles mehr eingegangen werden. Im nächsten Schritt wird nun der/die FotografIn aufgefordert, ihre Bilder der Gruppe zu präsentieren und über seine/ihre wahren Intentionen und Hintergründe zu erzählen. In diesem Dialogprozess über Bilder wird erstens die Selbst- und Fremdwahrnehmung aktiviert und die Reflexionsfähigkeit gefördert und zweitens ein kritischer Umgang mit dem Medium Fotografie entwickelt. Die subjektive Wahrnehmung von Bildern wird deutlich.

„Denn wahrgenommen wird immer kontextgebunden, interessegeleitet und aufbauend auf Vorwissen, das sich auf bereits gemachten Erfahrungen begründet, die Einfluss auf unser Gedächtnis nehmen, das selbst wiederum auf den Akt des Wahrnehmens einwirkt.“ (Halawa 2008: 85)

Somit ist die Wahrnehmung immer von der Sozialisation des/der Einzelnen abhängig. Die ProjektteilnehmerInnen erkennen die Fülle an Interpretationsmöglichkeiten, die in nur einem Bild stecken kann. Ihnen wird somit bewusst, dass es nie die eine Wahrheit über ein Bild geben kann, sondern immer nur subjektive Sichtweisen. Die Fähigkeit, diese Wahrnehmungsprozesse zu verstehen, nennt Holzbrecher „Semantische Kompetenz“. Bei dieser geht es nicht nur darum,

„(…) Fotos in ihrem jeweiligen situativen und kulturellen Kontext angemessen analysieren und deuten zu können, sondern vor allem zu erkennen, dass Deutungsmuster hochgradig gesellschaftlich, (sozio-)kulturell und biografisch codiert sind: Ein Bild sagt nicht nur etwas über die fotografierte Situation aus, sondern mindestens eben so viel – wenn nicht noch mehr – über die deutende Person, die damit Aussagen über ihre Weltsicht und über ihr Bild von sich selbst macht.“ (Holzbrecher 2010: 31f)

Semantische Kompetenz bedeutet nach Holzbrecher also, „die Kulturbedingtheit von Wahrnehmung anzuerkennen“. (Holzbrecher 2010: 32) Gerade jugendliche Flüchtlinge kommen oft aus ganz anderen Kulturkreisen, die sich sehr von der westlichen Kultur Europas unterscheiden. Die semantische Kompetenz ist für diese Jugendlichen von besonderer Bedeutung, da sie sich einerseits bewusst werden, dass ihre eigene Sicht auf die Welt sehr stark von ihrer kulturellen Sozialisation im Herkunftsland geprägt ist. Andererseits erkennen sie die unterschiedlichen Wahrnehmungen anderer Personen mit anderer Sozialisation. Diese Unterschiede werden reflektierbar und artikulierbar und somit wird auch die Subjektentwicklung im Kontext der Interkulturalität gefördert.


4.3 Befähigung zur Medienkritik
Die Befähigung zur Medienkritik kann als weitere Zielsetzung in der fotopädagogischen Projektarbeit genannt werden. Sowohl Schafiyah (1997: 59) als auch Maurer (2004: 50) verweisen auf diese in Bezug auf die Foto- bzw. Medienpädagogik, und Dieter Baacke nennt die Medienkritik neben der Medienkunde, der Mediennutzung und der Mediengestaltung als eine der vier Dimensionen der Medienkompetenz, die einen zentralen Aspekt in der Medienpädagogik einnimmt. (vgl. Baacke 1999: 34) Auch Sonja Ganguin vergleicht verschiedene Konzepte der Medienkritik und definiert diese daraufhin folgendermaßen:

„Die Kompetenz zur Medienkritik wird (…) definiert als das kritische Wahrnehmen, Decodieren, Analysieren, Reflektieren und Beurteilen von Medien, ihren Inhalten, Formaten, Genres und Entwicklungen. Sie ermöglicht es dem Menschen, eine unbegrenzte Variation von medienkritischen Gedanken, Sätzen und Handlungen zu produzieren, um erfolgreich, selbstbestimmt und mündig in der heutigen Mediengesellschaft zu leben.“ (Ganguin 2004: 5)

„Während die ‚semantische Kompetenz’ stark den subjektiven Faktor im Blick hat, bezieht sich eine analytisch-reflexive Perspektive primär auf gesellschaftliche Kontexte der Bildproduktion und -rezeption“ (Holzbrecher 2004: 6), also „auf das Wissen um die Mechanismen, wie globalisierte Medienstrukturen wesentlich dazu beitragen, ‚Welt-Bilder’ zu konstruieren“. (Holzbrecher 2010: 32)

Der Verein ipsum bedient sich verschiedenster Methoden, um das Thema Medienkritik spielerisch zu bearbeiten. Im „Schlagzeilen-Spiel“ werden zu selbstgemachten Fotos oder auch Fotografien aus Zeitungen oder Magazinen unterschiedlichste Schlagzeilen erfunden. Damit wird deutlich, wie stark wir eine Bildaussage von ihrer Bildunterschrift abhängig machen. Anschließend wird der mediale Gebrauch der Bild-Text-Komponente genauer diskutiert. Bei der Übung „Bilder, die lügen“ werden bekannte Beispiele von Bildern aus der Geschichte gezeigt, die aus ihrem Entstehungskontext gerissen bzw. manipuliert wurden und in der Weltöffentlichkeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. In der Gruppe wird dann die wahre Absicht dieser Bilder thematisiert. Zudem fließen Aspekte wie der generelle Wahrheitsgehalt von Bildern sowie die Absichten, mit denen Bilder entstehen und veröffentlicht werden, in die Diskussion ein. Im Zuge dieses Prozesses wird für die Jugendlichen deutlich, dass Bilder medial oft missbräuchlich verwendet werden und die ursprünglichen Absichten der FotografInnen nicht immer den tatsächlichen Verwendungszwecken entsprechen. Eine weitere Methode ist das Spiel „Wirklich wahr? – Fotografie als Tor zur Welt“. Hier werden Fragen zur Meinungsbildung, Denkfreiheit, Manipulation und der rechtlichen Lage in Bezug auf Bilder bearbeitet. Möglichkeiten und Grenzen der Fotografie werden ausgelotet und die Rolle der Medien in Umgang mit Fotografie und Wirklichkeit wird reflektiert und diskutiert. (vgl. Verein ipsum 2010)

Für jugendliche Flüchtlinge kann die Befähigung zur analytisch-reflexiven Kompetenz dazu beitragen, sich in der Medienlandschaft besser zurechtzufinden, Medien richtig zu nutzen und zu interpretieren. Diese Kompetenz beinhaltet beispielsweise auch das Verstehen von Zusammenhängen wie politisch-interessensgeleiteter medialer Berichterstattung über das Thema Asyl und der vorherrschenden öffentlichen Meinung der Bevölkerung. So erkennen sie, dass die öffentliche Meinung über Flüchtlinge zum großen Teil medial generiert ist.

Es ist wichtig, dass sich die Jugendlichen im Prozess des Fotografierens darüber klar werden, welche Absichten sie mit der Präsentation ihrer Bilder verfolgen. Soll die Fotografie als rein dokumentarisches Mittel, als „künstlerisches Medium zum Selbstausdruck von Lebensgefühlen und Vorstellungsbildern“ (Holzbrecher 2010: 32) oder vielleicht dafür genützt werden, auf soziale Missstände, strukturelle Benachteiligung oder die eigene Lebenssituation aufmerksam zu machen? (vgl. ebd.) In der interkulturellen Pädagogik spielen die Identitätsarbeit und die Subjektentwicklung, wie zuvor schon genannt, eine wesentliche Rolle (vgl. ebd.: 32f). Holzbrecher zufolge erfährt man etwas über sich selbst, indem man sich seine fotografischen Absichten bewusst macht, sich darüber im Klaren ist, welche künstlerischen oder politischen Ziele man verfolgt und mit welchen Gestaltungsmitteln diese am besten vermittelt werden (vgl. ebd.: 33) – er nennt diese Fähigkeit „Gestaltungskompetenz“ (Holzbrecher 2004: 6).


4.4 Förderung der gesellschaftlichen und politischen Partizipation – Schaffung von Öffentlichkeit
Im Fokus der fotopädagogischen Projektarbeit steht weiters die Förderung der gesellschaftlichen und politischen Partizipation und die Schaffung von Öffentlichkeit als zentrale Zielsetzung. Für Franz Hamburger gehört die Öffentlichkeit „als ein notwendiges Element zum sozialpädagogischen Feld“ (Hamburger 1999: 79), da die AdressatInnen Sozialer Arbeit Sichtbarkeit brauchen, um den „öffentlichen Protest gegen den Skandal von Armut und Ausgrenzung“ (ebd.) voranzutreiben. Nur somit können politische Veränderungen erreicht werden. Auch der Verein Wiener Jugendzentren nennt in seinem Leitbild die „politische Partizipation und öffentliche Einflussnahme“ (VJZ o. J.: 2) als eines seiner Ziele. Holzbrecher betont ebenso die Wichtigkeit der gesellschaftlichen Partizipation von Jugendlichen in Bezug auf die Positionierung ihrer eigenen Interessen und Angelegenheiten in der Öffentlichkeit, auf diese Weise können Selbstwirksamkeitserfahrungen in Gang gebracht und Ohnmachtserfahrungen abgebaut werden. (vgl. Holzbrecher 2006: 22) Gerade für jugendliche Flüchtlinge bedeutet dieser Schritt eine enorme Stärkung des Selbstbewusstseins. Außerdem stellt es zusätzlich eine große Motivation im Arbeitsprozess dar, Selbstgemachtes einer breiten Öffentlichkeit vorzuführen. (vgl. Maurer 2004: 50) Wenn jugendliche Flüchtlinge Bilder und Geschichten aus ihren Lebenswelten in die Öffentlichkeit tragen und somit auf ihre individuelle Lebenslage aufmerksam machen, wenn sie sich selbst an der öffentlichen Debatte rund um die Themen Flucht, Asyl und Integration, welche ständig in den Medien präsent ist, beteiligen können, bekommen diese Aktionen eine politische Bedeutung. Die Jugendlichen können mit der Mehrheitsgesellschaft in Dialog treten, es werden Denkprozesse in der Öffentlichkeit angeregt, die sonst nicht möglich wären. (vgl. ebd.: 49) Somit wird die „Akzeptanz und Toleranz gegenüber anderen Lebensformen und Orientierungen“ (ebd.: 50) in den Mittelpunkt gerückt und gestärkt. Personen der Mehrheitsgesellschaft haben wiederum die Möglichkeit, Menschen mit Fluchterfahrungen kennenzulernen und ihre individuellen Geschichten auf einer direkten und persönlichen Ebene zu erfahren. Dabei treten anstelle der in den Medien sonst diskutierten Zahlen und Statistiken über Flüchtlinge persönliche Schicksale in den Vordergrund, was zu einer öffentlichen Bewusstseinsveränderung hin zu mehr Verständnis, Akzeptanz und Empathie für diese Menschen führt. Der Schritt in die Öffentlichkeit ist also in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. Erstens stellt die Präsentation der Bilder in der Öffentlichkeit für Jugendliche ein Werkzeug für Empowerment und aktiver gesellschaftlicher Partizipation dar. Zweitens dient die Ausstellung als Mittel zur Bewusstseinsbildung der Bevölkerung über die Situation von Flüchtlingen in Österreich. Zudem profitiert die Profession Soziale Arbeit davon, die an einer gesellschaftspolitischen Debatte öffentlich für ihre KlientInnen eintritt und somit auch selbst in den Blick der Öffentlichkeit gelangt. Fachkräfte der Sozialen Arbeit dürfen ihre politische Macht nicht unterschätzen und sollten, wenn immer nur möglich, für die Interessen ihrer KlientInnen öffentlich Stellung nehmen sowie durch gezielte Lobbyarbeit versuchen politische Entscheidungen, ihre KlientInnen betreffend, positiv zu beeinflussen. (vgl. Freise 2005: 119)


5. Projektbeispiel „Mein Leben in Österreich 2014“
Das Fotoprojekt „Mein Leben in Österreich 2014“ wurde mit der Intention ins Leben gerufen, einer breiteren Öffentlichkeit Einblick in Alltagserfahrungen, Visionen und Träumen von jungen Flüchtlingen zu bieten. Der Anspruch lag einerseits darin, deren Lebensrealitäten sichtbar zu machen und konkrete Biografien eingebettet in einen breiten Kontext hinsichtlich Flucht und Asyl zu veranschaulichen. Andererseits hatte sich das Projekt zum Ziel gesetzt, durch einen fotopädagogischen Zugang das Medium Fotografie als Werkzeug für Selbstausdruck, Selbst- und Fremdreflexion und zur Identitätsfindung und -stärkung zu nutzen. Außerdem sollten die jungen ProtagonistInnen in ihrem Integrationsprozess aktiv unterstützt und mittels direkter Begegnungen zwischen der ansässigen Bevölkerung und den Jugendlichen, Kontakt- und Interaktionswege ermöglicht werden.

Das Projekt wurde von der Abteilung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des UNHCR Österreich initiiert und vom Verein ipsum in Kooperation mit dem Verein Birdlike* Flexible Cultural Creations und dem Österreichischen Roten Kreuz umgesetzt. Ein dreiköpfiges Projektteam, bestehend aus Mischa Hendel vom Verein Birdlike*, Christiane Gaar vom ÖRK und Elisabeth Stöckl vom Verein ipsum, übernahm die Konzeption und Durchführung des Projekts.

Insgesamt beteiligten sich 17 Jugendliche am Projekt, die ihre fotografischen Dokumentationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten. Von den 17 Jugendlichen nahmen 13 männliche und 4 weibliche Jugendliche aus Afghanistan, Somalia, Kenia, Bangladesch, DR Kongo und Pakistan teil.

Die Realisierungsphase des Projekts, in der die Jugendlichen vom Projektteam begleitet und in ihrem fotografischen Prozess betreut wurden, fand von Anfang Juli bis Anfang November 2014 statt. Als Basis für die gemeinsamen Treffen dienten die Räumlichkeiten des „Lernhaus Wien“ des Österreichischen Roten Kreuzes im 15. Wiener Gemeindebezirk. Während der ersten Phase der „Gruppenkonstituierung“ wurden verschiedene Treffen organisiert, um den Gruppenzusammenhalt zu stärken und einen Austausch zwischen den TeilnehmerInnen zu fördern. Durch das gegenseitige Porträtieren mit Polaroidkameras lernten sich die Jugendlichen spielerisch kennen und bekamen so auch gleich Einblick in verschiedene Kamerasysteme. Anschließend stellten die Jugendlichen ihre großen Leidenschaften und Hobbies visuell auf Plakaten dar und präsentierten sich diese gegenseitig. Außerdem konnten sie sich eine analoge Kompaktkamera mit integriertem Blitz und Zoom-Funktion aussuchen, mit der sie für die Dauer des Projekts ihren Alltag fotografieren sollten. Die Funktionsweise der Kameras wurde dann in der Gruppe erklärt und erste Probebilder wurden gemeinsam geschossen.


Abbildung 1: Phase 1 – Kennenlernphase (Fotos: Elisabeth Stöckl 2014)

In der zweiten Phase, der „Basisqualifikation“, bekamen die Jugendlichen die Möglichkeit, bei einem vom Verein ipsum durchgeführten Lochkameraworkshop das Prinzip der Fotografie kennenzulernen. In der Küche des ÖRK-Lernhauses wurde eine mobile Dunkelkammer eingerichtet. Somit konnten die Jugendlichen mit selbstgebastelten Lochkameras aus Schuhkartonschachteln sich oder ihre Umgebung fotografieren und dann ihre Bilder in der Dunkelkammer entwickeln.


Abbildung 2: Phase 2 – Lochkameraworkshop (Fotos: Elisabeth Stöckl 2014)

In der dritten Phase, der „Produktions- und Kommunikationsphase“, fanden regelmäßige Austauschtreffen statt, bei welchen die bereits entwickelten Fotos im Plenum gemeinsam mit den anderen Jugendlichen und dem Projektteam durch die Methode der Fotobefragung (siehe Kapitel 4.3) besprochen und interpretiert wurden.

In diesen Dialogprozessen wurden verschiedenste Themen aus den Lebenswelten der Jugendlichen sichtbar, die sie beschäftigten bzw. mit denen sie sich aktuell konfrontiert sahen. Es wurde unter anderem über die Wohnsituation in den Betreuungseinrichtungen, Ausbildungschancen und -wünsche, Sport, das Essen, Sprache, Freundschaften, Familie, Kulturunterschiede, den Aufenthaltsstatus, Asylbescheid, Volljährigkeit und einhergehende Konsequenzen etc. diskutiert und reflektiert. Die Jugendlichen wählten bei jedem Treffen die für sie wichtigsten und aussagekräftigsten Fotos zur späteren Präsentation in der Ausstellung aus. Somit konnten die Jugendlichen selbst entscheiden, welchen Einblick in ihr Leben sie dem Publikum gewähren wollten. Anschließend an diese Gruppenbesprechungen und Auswahlverfahren wurden die Jugendlichen individuell vom Projektteam zu ihren Fotos interviewt. Alle Gespräche wurden mit dem Einverständnis der Jugendlichen mit einem Diktiergerät aufgenommen, um gemeinsam Biografien und Beschreibungen anzufertigen, welche die Fotografien in der Ausstellung ergänzen sollten. Die Fotos und Texte wurden mithilfe des ipsum-Grafikers Manuel Radde in eine ansehnliche Form gebracht, auf großen Papierbahnen gedruckt und anschließend auf (von der ÖBB zur Verfügung gestellten) Plexiglasplatten kaschiert.


Abbildung 3: Phase 3 – Produktions- und Kommunikationsphase (Fotos: Elisabeth Stöckl 2014)

Die Ausstellung wurde am 24.09.2014 in der Eingangshalle des Wiener Westbahnhofs mit einer Vernissage im Rahmen der Veranstaltung „Langer Tag der Flucht“ von der UNHCR, dem Projektteam und den FotografInnen eröffnet. Die Wiener Band „Café Olga Sanchéz“ sorgte für die musikalische Unterrahmung des Abends, an welchem rund 120 BesucherInnen teilnahmen. Die Ausstellung war insgesamt für eine Woche (24.09.2014 bis 01.10.2014) am Westbahnhof sowie anschließend für einen Monat (04.10.2014 bis 02.11.2014) im Volkskundemuseum Wien zu sehen.

Durch den Ausstellungsort Westbahnhof wurde eine breitere Öffentlichkeit mit dem Thema Flucht, Migration und Integration konfrontiert. Für interessierte BesucherInnen gab es außerdem die Möglichkeit, an Führungen teilzunehmen, welche das Projektteam gemeinsam mit einem oder mehreren der jugendlichen FotografInnen gestaltete. Die Ausstellung war außerdem während der Veranstaltung „Lange Nacht der Museen“ im Volkskundemuseum zu besichtigen.

Der große Erfolg des Projektes zeigte sich einerseits durch die direkten Rückmeldungen der Jugendlichen, andererseits durch ein breites Interesse der Öffentlichkeit, welches sich sowohl anhand der BesucherInnenzahlen während der Vernissage als auch am großen Interesse an Führungen während der darauffolgenden Wochen veranschaulichen ließ. Großen Anklang fand das Projekt auch bei SponsorInnen. Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der MA17 – Magistrat für Integration und Diversität und von Foto Fayer, infrastrukturelle Ressourcen wurden von der ÖBB Infra AG und dem Volkskundemuseum Wien bereitgestellt. Außerdem stieß „Mein Leben in Österreich 2014“ auf großes mediales Echo. Artikel wurden sowohl in den Zeitungen Der Standard, der Kleinen Zeitung und Heute veröffentlicht als auch auf den Internetportalen heute.at sowie orf.at. Außerdem veröffentlichte der Radiosender FM4 ein Interview mit zwei der teilnehmenden Jugendlichen.


Abbildung 4: Vernissage am Westbahnhof (Fotos: Michael Schöppl 2014)


Abbildung 5: Ausstellung am Westbahnhof und im Volkskundemuseum Wien (Fotos: Michael Schöppl und Manuel Radde 2014)


6. Resümee
Aus einer professionstheoretischen Perspektive ist bei vielen Jugendlichen mit Fluchterfahrungen ein besonderer sozialpädagogischer Unterstützungsbedarf erkennbar. Insbesondere das Begleiten biografischer Brüche, die Etablierung von Kontakten und sozialen Beziehungen im Aufnahmeland sowie das Fördern von Bildungs- und Berufschancen sind wesentlich, um negative psychosoziale Folgen zu vermeiden und eine positive Subjektentwicklung im Sinne aktiver und handlungsfähiger Mitglieder der Gesellschaft zu stützen. Diesbezüglich zeigt die vorliegende Auseinandersetzung, dass die fotopädagogische Projektarbeit ein innovatives Instrument für eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit, insbesondere die Offene Kinder- und Jugendarbeit, darstellt.

Pädagogische Jugendprojekte mit dem Medium Fotografie bieten durch die Alltagsnähe eine vielversprechende Methode, das Interesse der Jugendlichen zu wecken, sie zur Partizipation zu motivieren und Bildungsprozesse zu initiieren.

Das Konzept der Lebensweltorientierung (vgl. Grunwald/Thiersch 2001: 1136) bildet die Basis für die fotopädagogische Projektarbeit mit jugendlichen Flüchtlingen; diese werden dazu eingeladen, sich mit ihrem Alltag visuell auseinanderzusetzen und ihre eigenen Geschichten fotografisch zu erzählen. Somit dient das Medium Fotografie als Mittel zum kreativen Selbstausdruck. Im Dialog über die Bilder in der Gruppe werden Selbst- und Fremdreflexionsprozesse angeregt, welche wesentlich zur Subjektentwicklung beitragen können. Durch die tägliche Konfrontation mit der immensen Bilderflut in den Medien und im öffentlichen Raum ist die Förderung eines medienkritischen Umgangs mit Bildern ein weiteres Ziel der Fotopädagogik, um Jugendliche zu selbstbewussten und kritisch-reflexiven Subjekten in Bezug auf die Medienwahrnehmung, -nutzung und -interpretation zu erziehen. Des Weiteren wird in der fotopädagogischen Projektarbeit die öffentliche, politische und gesellschaftliche Partizipation der Jugendlichen gefördert, indem sie mit ihren Bildern in die Öffentlichkeit treten und sich als aktive und handlungsfähige Subjekte in der Gesellschaft positionieren. Gerade für jugendliche Flüchtlinge können all diese Aspekte einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung des eigenen Selbstwerts leisten und zur Ermächtigung im Umgang mit neuen Situationen und Problemen im Aufenthaltsland beitragen. Dadurch können sie sich trotz der ungewissen Phase des Wartens auf den Asylbescheid mit ihren Gefühlen der Ohnmacht auseinandersetzen und sich in anderen Aspekten ihres Lebens als aktive GestalterInnen ihrer gegenwärtigen Lebenssituation fühlen.


Literatur

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Über die Autorin

Elisabeth Stöckl, Jg. 1987
elisabeth@ipsum.at

Kolleg für Fotografie und audiovisuelle Medien an der Höheren Grafischen Bildungs-, Lehr- und Versuchsanstalt Wien von 2007 bis 2009. Seit 2010 Mitarbeiterin im interkulturellen Bildungsverein ipsum (www.ipsum.at). Seit 2012 BA Studium an der FH Campus Wien, BA Studiengang Soziale Arbeit.