soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 14 (2015) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standort Vorarlberg
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/381/717.pdf


Hubert Höllmüller:

„Geh dich ritzen, Elefant!“

Aktuelle Erfahrungswelten von als „besonders schwierig“ etikettierten Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe


1. Einleitung
Im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe (vormals Jugendwohlfahrt) wird zwar in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gesprochen. Aber bei Entscheidungsprozessen, die sie betreffen, wird hauptsächlich in Zirkeln von Expert_innen über sie verhandelt und befunden. In dieser Forschungsarbeit geht es darum, Jugendliche, die als „besonders schwierig“ identifiziert bzw. etikettiert werden und obdachlos wurden, erzählen zu lassen, durch Leitfragen angeregt ihre Sicht und Sichten auf ihre Jugendhilfebiografie darzulegen. Besonders diese Gruppe von Betroffenen kommt in der Forschung nicht vor – eine Ausnahme bildet die ABiE-Studie (Tornow/Ziegler 2012: 11f, Tornow 2014: 13f, Sewing 2012: 132f) in Deutschland, wo für ein umfassendes Forschungsprojekt ABiE (Abbrüche in Erziehungshilfen) der Evangelische Erziehungsverband EREV das e/l/s-Institut für Qualitätsentwicklung und die Universität Bielefeld beauftragt hat, die Ursachen der Abbrüche zu untersuchen und Lösungen herauszuarbeiten. 2012 wurden die Ergebnisse präsentiert. Ein Teil dieser Studie umfasste Interviews mit 16 Jugendlichen, die zu ihren Erfahrungen bezüglich ihrer Abbrüche von stationären Erziehungshilfen befragt wurden. Eine ausführliche Darstellung der Perspektiven inklusive Belastungen von Eltern und Mitarbeiter_innen der Hilfssysteme wird in dem Buch von Kai Biesel und Reinhart Wolff (2014) „Aus Kinderschutzfehlern lernen“ durchgeführt, in dem ein dramatischer Fall von verfehltem Kinderschutz analysiert wird (Biesel/Wolff 2014: 17f). Aber Sichtweisen von Kindern und Jugendlichen, die eine Jugendhilfekarriere als Scheitern hinter sich gebracht haben, sind schwer auffindbar.


2. Die Interviews
Die Interviews mit den 11 Jugendlichen wurden in den letzten zwei Jahren in der Jugendnotschlafstelle JUNO in Klagenfurt durchgeführt. Die JUNO bietet Jugendlichen zwischen 12 und 21 Jahren niederschwellig eine provisorische Wohnmöglichkeit und Betreuung und hat in den letzten Jahren im Schnitt 12 Jugendliche pro Nacht versorgt.

Das Forschungsinteresse bestand darin, die spezifischen Erfahrungen von obdachlosen Jugendlichen bezüglich der Kinder- und Jugendhilfe zu erfassen. Die Jugendlichen wurden danach ausgewählt, ob ihre Lebensgeschichte Ähnlichkeiten mit anderen Jugendlichen aufweist bzw. diese 11 gemeinsam einen repräsentativen (soweit dies möglich ist) Querschnitt der Nutzerinnen der Notschlafstelle darstellen. Die Gruppe von Jugendlichen, die nur kurz aufgrund einer akuten familiären oder institutionellen Krise die Notschlafstelle beanspruchen, sind hier nicht vertreten. Im Team wurde dazu regelmäßig die Frage gestellt, welche/r Jugendliche sich für ein Interview bereit erklären würde und wie das Team die Biografie des/der Jugendlichen im Bezug Repräsentanz bezüglich der JUNO-Nutzer_innen einschätzt. Die Interviews wurden im Besprechungsraum der JUNO geführt und dauerten zwischen 20 und 50 Minuten. Zur Organisationsdynamik der JUNO generell und dem Wandel der Aufgaben sei auf meine Publikation von 2012 verwiesen. (vgl. Höllmüller 2012: 1f) Zehn Interviews wurden mit Tonband aufgenommen und transkribiert, zu einem wurde ein Gesprächsprotokoll verfasst.

Generell ist zu sagen, dass dies die Erfahrungen sind, mit denen diese Jugendlichen ihre Jugendhilfebiografie beschreiben. Dass es sich dabei um sozial erwünschte Antworten handelt, ist unwahrscheinlich – mit der Teilnahme an einem Interview waren keinerlei Vorteile verbunden und die Interviews wurden weder im Beisein einer JUNO-Mitarbeiterin durchgeführt, noch wurden sie später irgendjemanden zugänglich gemacht. Die narrative Dimension wurde durch eine strukturierende ergänzt: Es wurden gemeinsam die Stationen ihrer Jugendhilfebiografie rekonstruiert, daran anknüpfend wurde gefragt, an wen sie sich in den einzelnen Einrichtungen erinnern können und was sie – im Nachhinein betrachtet – von diesen Personen gelernt haben. Abschließend wurde gefragt, was sie über sich selbst sagen würden, dass sie noch lernen müssten. Es ist systemgemäß ihre eigene Realität, durchsetzt von Übertreibungen, Verharmlosungen, Erfindungen und Auslassungen. (Subjektiv wie jede eigene Realität.) Das soll aber die Bedeutung ihrer Aussagen nicht relativieren: sie erzählen uns einerseits von guten, überwiegend aber von schlechten Erfahrungen, die zum Teil nicht nur rechtlich als Misshandlungen zu verstehen sind. Methodisch betreibe ich keine qualitative Inhaltsanalyse, sondern fasse die Inhalte, die nach Themen geclustert wurden, nur ganz kurz zusammen. Die Interviews wurden sprachlich adaptiert.

Auf Grund des beschränkten Umfangs des Beitrags wähle ich einige der geclusterten Kategorien aus. Der gesamte Text (mit den hier fehlenden Kategorien „die Eltern“, „die guten Betreuungspersonen“, „Gründe für den Rauswurf/Ausstieg“, „die anderen Jugendlichen“, „Selbstkritik“ und „was musst du noch lernen?“ ist wie bei meinem Beitrag über die Sozialraumorientierung Graz – veröffentlicht in soziales_kapital 11 (2014) – auf meiner FH-Homepage1 als Langfassung abrufbar.


3. Zentrale Interviewergebnisse
3.1 Viele Stationen

Die Anzahl der Abbrüche in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (vormals Jugendwohlfahrt) schwankt von 2 bis 13. 10 Jugendliche haben (jeweils mehrere) Psychiatrieaufenthalte hinter sich.

Jugendliche/r J1 J2 J3 J4 J5 J6 J7 J8 J9 J10 J11 
Abbrüche aus Einrichtungen 5 2 2 7 2 3 13  3 3 5 3
mehrere Psychiatrieaufenthalte  ja ja ja ja nein  ja ja ja ja ja ja
dazwischen JUNO nein  nein nein ja nein ja nein nein ja nein nein


3.2 Die üblichen Betreuungspersonen
In den Einrichtungen entwickeln die Jugendlichen zur Mehrzahl der Betreuungspersonen keine funktionierende Beziehung. Auch wenn sie sich arrangieren, fühlen sich nicht verstanden und nicht unterstützt.

J1: „Die [nennt Vornamen] hab ich nie wirklich gemocht, aber im Endeffekt hab ich mich mit ihr zusammengerauft. Das war ja das Witzige [längere Pause], obwohl ich von ihr einmal eine „Tetsch‘n“ gekriegt hab.“

J1: „Ja und den [nennt Vornamen] werde ich sowieso mal „herausfischen“, weil er ein Arschloch war. Weil er die Leute drüben behandelt hat wie Dreck.“

I: „Dich auch, oder nur andere?“

J1: „So ziemlich alle dort. So wie die [nennt einen Spitznamen], kennst du wohl… als es ihr echt scheiße gegangen ist wegen ihrer Mum und danach, schreit er zu ihr, ‚ja dann geh ins Zimmer ritzen, braucht dich ja eh keiner’. Zum Beispiel so etwas.“

J2: „Ja die waren irgendwie, ich weiß nicht, ich hab’s nicht verstanden. Ich war damals schon, weiß nicht, ein bisschen älter schon und dann wollte ich raus gehen. Da haben sie gesagt, ich hab nur zwei Stunden Ausgang am Tag und das hab ich nicht verstanden. Weil, wenn’s mir eh schon so schlecht geht, sollte man einen Menschen nicht noch einsperren. Da ist… das passt nicht zusammen und dann bin ich daraufhin durchgedreht und deswegen war ich dort nur so kurz.“

J3: „[…] mit meiner Bezugsbetreuerin halt, weil mich die immer so genervt hat, dass ich mit ihr Bezug machen soll […] ja, sie muss sich… ich muss mich mit ihr treffen […] nie Bock gehabt.“

J4: „Der [nennt Vornamen] war eher der Fiesling. Die [nennt Vornamen] war meine Bezugsbetreuerin und die Stellvertreterin von der Leitung. Die hat natürlich gern Strafen ausgeteilt und als jüngste bekommst die Schuld halt immer in die Schuhe geschoben und nachher kannst halt nichts sagen [seufzt]. Ja, die sind einfach zu streng, in meinen Augen.“

J4: „Nachher, der Chef von ihnen […], der hat immer Strafen ausgeteilt. […] Wenn wer etwas angestellt hat, haben sie immer gedacht es waren die Schlimmen, dabei waren es immer die ‚angeblich’ Braven.“

J5: „Nein, die haben […] alle nur auf mir herum gehackt.“

J6: „Ja am Anfang schon okay, aber dann hat der Chef angefangen wo ich mit meinem Freund, Exfreund zusammenkam, hat er angefangen Scheiße zu reden. Also er hat meinem Exfreund gesagt, dass ich Scheiße hinter ihm, hinter seinem Rücken red‘ und dann hat er mir gesagt, dass der [nennt einen Spitznamen] Scheiße über mich hinter’m Rücken redet und dann bin ich zum [nennt Spitznamen] und wir haben das ausgeredet und sind dann zum Chef gegangen und der hat gesagt, dass er das nie gesagt hätte. Er erzählt halt Scheiße herum. Er sagt zu meiner Mutter, dass sie eine schlechte Mutter ist und sie eh sehen kann, was aus mir geworden ist […]. Die Betreuer passen ja wohl, nur der Chef ist Scheiße. […] Er sagt, dass ich eine Drogensüchtige bin. Er sagt das zu [nennt Spitznamen] und zum [nennt Spitznamen] und hat keinen Grund dazu. Der redet meiner Mutter ein, dass ich bald noch eine Abtreibung haben werde und so einen Scheiß. Er redet meiner Mutter alles ein. Voriges Mal, als ich in die Psych eingeliefert wurde, hat er meine Mutter angerufen. Meine Mutter hat mich angerufen. Sie sagte zu mir ‚du scheiß Drogensüchtige!’“

J7: „Ja, dass die Betreuer ziemlich arschig waren. […] Na ja, der [nennt einen Vornamen] schreit mich dauernd an, provoziert mich bis aufs Letzte, nur weil er will, dass ich meinen Grant auf ihm auslass', irgendwie und er provoziert nur bis ich wirklich ausflipp', bis ich ihn mit dem Stuhl angegangen bin. So richtig scheiß-provozieren.“

I: „Was haben sie dann gemacht nachdem du ihm mit dem Stuhl angegangen bist?“

J7: „Gar nix. er hat gesagt bei ihm ist es egal. Bei ihm kann ich meine Wut rauslassen. Aber dass er mich so lange provoziert, bis ich eine Wut hab, das finde ich nicht in Ordnung.“

J8: „Die [nennt eine Einrichtung] ist eigentlich nur dafür da gewesen, damit ich lerne mich zu verändern, aber jetzt sag ich, ich bin kein Tocker und werde mich nicht verändern, weil immerhin bin ich so wie ich bin und wenn’s der Mama nicht passt, dann brauchst sie mich zu Hause auch nicht aufnehmen. Ich sag, ich verändere für keinen. Entweder passt’s demjenigen oder er hat Pech.“

J11: „Die Betreuer kommen mit die Jugendlichen einfach net zurecht, i bin dort voll gemobbt worden, i hab mich die meiste Zeit auf meinem Zimmer zurückgezogen. Aber alles halt ich nicht aus, vor allem wenn dich ein kleiner Fratz beschimpft, da hab ich halt einmal gesagt: ‚Ich bring dich um’, da is plötzlich die Polizei kommen und ein Arzt und ich war wieder in der Psych.“


3.3 Negative Erfahrungen
Eine Hypothese in Bezug auf die Zielgruppe der „besonders schwierigen“ Jugendlichen ist, dass sie traumatisiert sind. Damit sind vorrangig Ereignisse und Zustände im Familiensystem oder sozialen Umfeld gemeint, die zur Aktivierung der Kinder- und Jugendhilfe bzw. der Psychiatrie geführt haben. Diese Jugendlichen erzählen hingegen von Erlebnissen, die sie innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe bzw. der Psychiatrie erfahren und erlitten haben.

I: „Wieso bist du in der Psychiatrie im Gurtenbett gelandet?“

J1: „Weil ich drinnen ausgezuckt bin […] I hab mich im Zimmer verbarrikadiert […] ähm […] da hast du so einen Tisch gehabt, da hast du die Höhen verstellen können. Da bin ich rein ins Zimmer, hab die Türe zugehalten, hab den Tisch herangezogen, hab dem Tisch die Bremsen rein getan und hab den Tisch unter die Schnalle hochgefahren. Es ist im Endeffekt kein Schwein mehr reingekommen.“

I: „Was haben sie dann gemacht?“

J1: „Die Security haben sie gerufen. [Nennt einen Firmennamen]. Die sind rein, auf die Station, vier Leute. Alle vier waren größer als ich und breiter als ich. Ich war im Zimmer, hab durch die Türe rausgemault […] [lacht] so auf einmal nimmt der Größte von denen von draußen Anlauf, weil den hab ich als ersten gesehen, wo die Türe auf einmal offen war, nimmt Anlauf und läuft gegen die Türe. Mir ist da (lacht) der Tisch entgegen geflogen und die Tür war auf einmal offen und dann bin ich drinnen gestanden und hab mal blöd geschaut. Auf einmal kommt der Herr [nennt Nachnamen], Doktor [nennt Nachnamen] so ziemlich die ganze [nennt eine psychiatrische Station] von den Stationen. Danach haben sie probiert mit mir zu reden, dann hab ich mit mir nicht reden lassen und hab das Bett genommen, das Bett dann vor ihnen hab ich probiert sie hinauszudrücken, weißt wie ich meine. Dann ist das, danach der Doktor [nennt Nachnamen] auf den G-Stock hinaufgerufen worden, hat das Gurtenbett bestellt […] da gibt’s ja drei Gurtenbetten, das Einser-, das Zweier- und das Dreier-Bett. Das Einser hat vielleicht zwei Zentimeter Lederbänder, das ist so, da gehe ich her und reiß mich los wie nix. Das Zweier hat schon solche Bänder und bei mir kommen sie natürlich sofort mit dem dreier Gurtenbett, was Bänder hat um Elefanten zurückzuhalten. Ja, dann hab ich mich erst gegen die Security gewehrt, dann die zwei Security bei der Türe wieder rausgeboxt, weil sie mich eben auf den Boden haben wollten, damit sie mich ins Gurtenbett reintun können. […] Auf einmal, so schnell hab ich nicht mal schauen können, bin ich am Bett oben gelegen und die haben mich hinten bei den Händen gehalten, dann haben sie das Gurtenbett reingeschoben, rauf aufs Gurtenbett und danach hab ich die erste Spritze nach der anderen bekommen. Ich hab insgesamt 8 Spritzen bekommen. […] Ja, jedenfalls am nächsten Tag, als ich munter geworden bin, mach ich die Augen auf, denke ‚hab ich die Augen zu, ich kann mich nicht bewegen’. Ich hab’s probiert, aber mich nicht bewegen können.“

I: „Ja, also… Was waren die schlimmsten Sachen, die dir passiert sind?“

J1: „…dass ich von einer WG in die nächste geschickt worden bin. Was sonst […] dass sie mich in der [nennt eine psychiatrische Station] immer nur mit Tabletten vollgepumpt haben.“

J2: „Der war vom Jugendamt und der hat mich eben damals von zu Hause weggenommen. Und das hat mir schon sehr wehgetan, weil er mich angelogen hat, weil er zu mir gesagt hat so […] der hat mich nämlich ins [nennt eine Einrichtung] gebracht und der hat zu mir gesagt wir machen einen Ausflug und dann sind wir vier Stunden gefahren und als wir drüben waren, steigt er aus und ich hab gedacht ich kann wieder mitfahren […] und dann ist er einfach vor meiner Nase weggefahren mit dem Auto und ich bin noch hinterher gelaufen und hab geschrien ‚nehmt mich mit, ich mag wieder zurück’ und er hat gesagt, ‚nein, geht nicht’.“

I: „Daran kannst du dich erinnern? Weil da warst du ja fünf, oder so?“

J2: „Ja, weil da hat er mir extra, da hat er mir extra so glitzernde Stifte hat er mir geschenkt, einen Block wo ich zeichnen konnte und hat zu mir gesagt, wir machen einen Ausflug. Das weiß ich noch, das weiß ich noch ganz genau, weil dann hab ich Rotz und Wasser geplärrt, wo er mich drüben gelassen hat. […] Das war schon ziemlich schlimm für mich. Deshalb mag ich das Jugendamt nicht.“

J2: „Ja, ich mein‘ wir haben schon genug zum Essen bekommen und das Ganze, das war kein Problem für uns, aber die Betreuung, das war irgendwie, weiß nicht. Das war kompliziert irgendwie. Weil sie immer neue Regeln aufgestellt haben. Dann hat es immer wieder Zoff gegeben. Also irgendwer hat was gestohlen und dann haben alle zusammensitzen müssen und das Ganze und das war voll anstrengend. Und die haben sich aber nicht richtig drum gekümmert. Die haben einfach irgendwen hergenommen und haben gesagt, du bist jetzt dafür verantwortlich. Du machst jetzt als Strafe zwei Wochen lang die Küche sauber. Und ich weiß nicht, das war zu viel für mich. Ich bin nebenbei noch zur Schule gegangen. Hauptschule eben und Volksschule. Und so viele Leute auf einem Fleck, weil wir waren zehn Kinder in einem Haus, oder meistens sogar fünfzehn Kinder in einem Haus. Und das war nicht größer wie hier.“

J2: „Ja. Damals zum Beispiel, da haben eben ich und der [nennt Namen] die [nennt Vornamen] als Betreuerin gehabt und die war halt die meiste Zeit für uns da und wenn wir was gemacht haben, was aufgeführt haben wie, weiß ich nicht, wie die Wahnsinnigen, hat sie uns einfach eingesperrt und hat gesagt, so da geht’s jetzt rein und hat zugesperrt und wir haben geklopft wie die Wahnsinnigen auf die Türe. Wir wollen, weiß ich nicht, wir wollen ein Glas Wasser und die hat nicht, weiß ich nicht, die hat nicht aufgemacht, gar nichts. Die hat so lange gewartet, bis sie keinen Mux mehr gehört hat und dann ist sie wieder reingekommen und das war für mich schon eine ziemlich schlimme Erfahrung. Weil ich hab zu der gesagt: ‚Bitte, wenn ich wütend bin, bitte lass mich raus und du kannst von mir aus mitgehen, du kannst mit fünf Betreuern mitgehen, damit ich nicht abhau, aber nur eine Runde ums Haus, damit ich mich abreagier, weißt. Aber bitte sperr mich nicht ein. Das ist das schlimmste was du machen kannst.’ Ich hab sogar mal die Fenster kaputt gemacht. Ich hab auch, wie heißt das, so eine Stehlampe hab ich gegen das Fenster gehaut und die ist dann zersprungen, die Fensterscheibe. […] na eben, solche Sachen. Aber weiß nicht, ich und der [nennt Vornamen] waren oft alleine und dann haben wir gefragt, ob wir fernsehen können. Nein, auf keinen Fall. Es gibt die und die Fernsehzeiten und jetzt sicher nicht. Da haben wir die meiste Zeit halt irgendwas gemacht.“

I: „Mhm… Was waren die schlimmsten Erfahrungen?“

J3: „Wenn ich gestritten hab.“

I: „Mit den Jugendlichen oder mit den Betreuern?“

J3: „Mit den Jugendlichen und mit den Betreuern. Ich hab das gehasst. […] Ja, weil ich sie dann am liebsten so niedergeschlagen hätte, echt. […] Nein, sie sind manchmal zu teppert zum […] gewesen, die Person um die’s geht selbst fragen, wie eine Sache zum Beispiel war und lieber den anderen glauben. Und […] woah, alleine das hat mich immer so aufgeregt […] das regt mich heute noch auf.“

J4: „Aber der strenggeregelte Tagesablauf da drinnen, der hat mir überhaupt nicht getaugt. Also von der Schule heim, essen und nachher zwei Stunden Lernstunde, nachher zwei Stunden Ausgang, wenn du überhaupt einen Ausgang gehabt hast […] es war einfach – ich hab mich irgendwie eingesperrt gefühlt und deshalb bin ich nachher gar nicht mehr heimgekommen vom Ausgang.“

J5: „Da hat es einen Vorfall gegeben, da waren laufend Schlägereien dort, da waren […]“

I: „Die Schlägereien waren jetzt unter den… den Jugendlichen?“

J5: „Mhm […] ich bin da drin zusammengedroschen worden, das ich ähh einen Monat lang mit meinem linken Auge nichts mehr gesehen hab. Da hab ich mir das Jochbein angeknackst gehabt, da hab ich ein Cut gehabt und das ganze Auge war zugeschwollen, dass ich nichts gesehen hab.“

J5: „Die, die haben mir gesagt, dass ich mich einliefern lassen sollte, dass ich im Kopf nicht ganz richtig bin […] also und das Jugendamt in [nennt eine Stadt] war überhaupt des Beste, die haben zu meinen Adoptiveltern gesagt ‚Schmeißt ihn raus, lasst ihn fallen bis er ganz am Boden ist, damit er es nachher kapiert, dass er wieder zurück angekrochen kommt!’“

J6: „Ich kann mich an den Chef erinnern, weil der immer so gewalttätig zu mir war. Ja wenn ich durchgedreht bin, hat er immer meine Hände gehalten und so und dann wollte ihn meine Mutter anzeigen, weil ich schon so blau war und dann hat die Sozialarbeiterin immer gesagt, wir können ihn nicht anzeigen und so, weil er einfach so Argumente bringen kann, weil ich durchgedreht bin und so. Er hat mich einmal in die Dusche gestellt, einfach mit Gewand und hat mich abgeduscht.“

I: „Du hast blaue Flecken gehabt, hast du am Anfang gesagt.“

J6: „Ja, überall voll, weil er immer so fest gezwickt hat, also so genommen hat er mich und gegen den Stuhl gedrückt. Ja, dann hab ich’s meiner Mama gezeigt und sie hat’s halt der Sozialarbeiterin gesagt. Der Bezugsbetreuerin eben, aber sie hat halt gesagt, dass es nix bringen wird, mit anzeigen.“

J7: „Ich hab dort, hab ich einem Jugendlichen ähm Geld zahlen müssen, dass er mir nix, dass er mich nicht schlägt. Boah da hab ich ihm das Geld gegeben und ich hab mich den ganzen Tag im Zimmer eingesperrt. Den ganzen Tag. Das war arg.“

J7: „Ahm jetzt fällt's mir wieder ein. In [nennt eine Einrichtung] kann ich mich an meine Betreuerin erinnern. Die heißt [nennt einen Vornamen]. Immer wenn ich schlimm war, hat sie mich aufgehoben und irgendwo in mein Zimmer getragen. Ich weiß nicht ob es auch ein Grund war wo sie weg […] wo sie zugeschlossen haben, aber es war einmal da wo ich […] regelmäßige Wutanfälle gehabt hab. Da haben sie mich in einen Raum eingeschlossen. Seit dem zuck' ich aus, wenn irgendwer mich irgendwo einschließt. Ich flipp' aus. Komplett. Ich krieg' Panikattacken. Wenn mich jetzt zum Beispiel da wer einschließen tät', alleine, ich tät' ausrasten, ich tät' komplette Angstzustände kriegen. Des war aber meist, da war eine Matratze am Bett für eine Nacht, für einen Tag und eine Nacht. Dann, wenn ich brav geworden bin und mich gelernt hab zu benehmen, kann ich wieder rauskommen. Das war schlimm.“

J7: „Was so arg war? Erstens, die Betreuer sind scheiße. Zweitens, ich hab mein Handy abgeben müssen. Ich hab nicht raus dürfen. […] und dann gab's immer so komische Spaziergänge nach dem Essen und am Abend irgendwelche komische [pfh]. Ich war in der, ich bin in der Pubertät, ich brauche nicht irgendwie spazieren gehen, ich bin ein Dirndl, ich muss raus. Nicht irgendwo in der Stub‘n hocken, nur rauchen und über Drogen unterhalten, das interessiert mich nicht. Ja.“

J8: „Der Chef […] mit seinen behinderten Aussagen. […] Er hat provoziert. Es war so: ich und die [nennt Vornamen] sind halt beste Freunde. Wir wissen selber unsere Grenzen, wann aus ist und wann nicht. […] und der Chef hat immer probiert uns auseinander zu bringen, weil er gewusst hat, er hat extra ein Mädchen aufgenommen, welche in [nennt Vornamen] ihrem Alter ist. Dann hat er gemerkt, ‚aha, die vertragen sich gut, das passt nicht’ und hat dann gleich irgendwie so eingeschlagen um uns auseinander zu bringen, weil ich und die [nennt Vornamen] haben uns das nicht gefallen lassen, wo wir schon gesagt haben, ‚Na sicherlich nicht!’ […] Und dann hat er angefangen, wir sind Drogensüchtige und blablabla. […] und irgendwann einmal ist der Faden geplatzt, die [nennt Vornamen] ist suspendiert worden, ich bin beendigt worden, wir haben gesagt, ‚Aus!, ich geh in die JUNO […]’ […] Dann hab ich gesagt ‚na’, ich will nicht mehr zurück, weil ich lass mich von keinem, schon gar nicht vom Chef, als Drogensüchtige oder sonst was bezeichnen. Das ist in meinen Augen kein Chef, das ist in meinen Augen ein Kind. Wenn er so weit hinunter geht, auf so ein Niveau und uns provoziert, gegenseitig fertig macht, da kann nie ein richtiges Zusammenleben entstehen.“

J10: „Ich hab gesagt, sobald ich 18 bin kann mich das Jugendamt am Rücken kratzen. Das hab ich aber schon gesagt, da war ich 11.“

I: „Und das hat sich nicht verändert bis du 18 warst?“

J10: „Nein […] es war ein Hass der die ganzen sieben Jahre gehalten hat.“

I: „Wieso hast du so einen Hass auf das Jugendamt?“

J10: „Wenn man sein ganzen Leben vom Jugendamt irgendwo hingeschoben wird mhh weil das mit der WG, mit den Heimen, das mit der Psychiatrie ist alles über das Jugendamt gegangen und mit dem Jugendamt. Und wenn du dein ganzes Leben lang irgendwo hingeschoben wirst und dann diese Sozialarbeitergespräche, die in [nennt einen Ort] waren, da wo ich bei jedem Sozialarbeitergespräch, da hast du dir den Kalender nach stellen können, bin ich ausgezuckt, weil einfach meine Sozialarbeiterin war ein Fisch […] Sie hat mich knappe zehn Jahre gehabt und sie hat sich nicht einmal anständig meinen Namen gemerkt. Mhh. Und so was brauche ich ehrlich nicht. Mhh. und sie geben Tausende von Euro für WG, Heim und weiß ich nicht was alles aus […] obwohl sie mich einfach nach [nennt einen Ort] hätten tun sollen. Ich meine, das kostet zwar auch 6.000 Euro, aber die WG kostet auch 4.000 Euro und die hat aber gar nichts gebracht. Und […] wenn du das denen dann sagst, meinen sie, nein sie wissen ja was sie tun, sie haben ja studiert und sie wissen das und das. Dann denke ich mir, ma bitte, sei einfach leise und lass mich in Ruhe. Mhh, und das ist es einfach und das hat einfach im Laufe der Jahre […] der Hass hat sich statt verringert, hat er sich noch mehr auf […] weil sie immer dümmer geworden sind. Ich hasse das wenn, wenn Leute kommen und sagen sie wissen was sie tun und ich sehe, dass er nicht weiß was er tut. Mhh, und er meint trotzdem, dass er weiß was er tut. Das ist einfach […] ich meine, das habe ich auch, aber irgendwann sehe ich es dann ein. Aber sie haben es die ganzen zehn Jahre nicht eingesehen, dass sie einen Blödsinn gemacht haben. Ja, und das ist einfach das. Ja […] und jetzt bin ich wieder da und dann war ich halt wieder daheim und jetzt im Jänner bin ich daher gekommen. Mhh, ja.“

J11: „I mag des net, wenn man mich einsperrt, drei Stunden Ausgehzeit, drei Stunden das Handy am Tag. Gebracht hat mir das Ganze absolut nix, Obdachlosigkeit, in die Drogenwelt bin i g‘rutscht, mit dreizehn Alk getrunken, des mach i jetzt nimmer, mit dreizehn gekifft, will damit eh aufhören.“


3.4 Die Psychiatrie
10 der 11 Jugendlichen habe Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich, viele davon erleben dort Episoden im Zwangskontext.

J1: „Weil’s ein Scheiß ist, ich würd‘ keinem empfehlen dorthin zu gehen. [lacht]“

J1: „Damals, im alten Gebäude war’s gleich beschissen wie jetzt im Neuen!“

J2: „Die, tff, die haben mich nicht so gut behandelt, denk‘ ich halt. Ich hab mich halt nicht gut behandelt gefühlt von denen. […] Ja, mit denen hast nicht mal reden können. Die sind gekommen, haben ihren Job gemacht und sind wieder gegangen.“

J4: „Ich weiß nicht warum, in [nennt eine Einrichtung] und Psych, bin ich immer die Bravste [lacht].“

J5: „In da Psychiatrie war ich einmal, da bin ich aber selber hingegangen, weil das hat mir der Vater von meinem besten Freund geraten. Ich habe in [nennt eine Stadt] ziemlich viel Scheiße gebaut, da bin ich hin gegangen und hab gesagt – das habe ich aber nur so gesagt – dass ich Depressionen habe, dass es bei der Verhandlung besser ausschaut.“

J6: „Ich bin immer reingeschickt worden bei Krisen, dann wieder nach Hause, dann wieder rein.“

J6: „Ja, da hab ich immer nur Tabs gekriegt. Ja, also ich bin ja wegen Krisen reingekommen und dann haben sie mich dort ruhig gestellt. Dann, am nächsten Tag hab ich wieder gehen dürfen.“

I: „Also von der WG haben sie dich immer wieder in die Psych-„

J7: „In die Psych gesteckt.“

I: „Wieso haben sie das gemacht?“

J7: „[atmet laut aus] Weil ich impulsiv war, ich war extrem aggressiv damals schon.“

J7: „Ja. Da bin ich nur von der Psych in die WG gependelt, jeden Tag.“

I: „Jeden Tag?“

J7: „Ich bin in die Psych, bin nach Hause gekommen und gleich wieder rein.“

J7: „Ja, sie haben behauptet dass ich fremdgefährdend bin und obwohl ich mich nicht geritzt hab, hat er g'sagt, ich bin suizidal. Ich hab mich nicht geritzt gehabt, gar nix. Ich war einfach grantig. Und, sagen's ich bin suizidal und ab in die Geschlossene. Ich hab gesagt, was ich ritz' mich nicht und ich hab keine Selbstmordgedanken. Warum bin ich's, warum soll ich jetzt soll ich, Suizidgefahr sein? Na.“

I: „Bist du mal ins Gurtenbett gekommen?“

J7: „Am Anfang oft. Dann nicht mehr.“

I: „Was heißt oft?“

J7: „Naa. Zwei Mal.“

J7: „Mir kommt vor, die [meint andere Jugendliche] sind drinnen noch depressiver gewesen als draußen. Die waren drinnen mehr g'stört als draußen. Die waren drinnen extremer als sie jemals draußen waren.“

I: „Hast du von denen auch was gelernt in der Psychiatrie?“

J7: „Ich von ihnen gelernt? Du sagst den Ärzten dir geht's gut und dann kannst gehen. Das einzige was ich gelernt hab.“

J8: „Gar nix eigentlich. Die haben halt immer geschaut das es mir gut geht, dass wir halt Essen haben und so. Eigentlich eben nix. Wir haben Freiraum gehabt, wir haben Ausgang gehabt. Zweimal haben wir nicht lange gehabt, aber ich hab einen gehabt […] Dann haben wir alle Tage was gemacht. Eigentlich so ein WG-Leben, nur dass wenn du raus willst, es dem Betreuer sagen musst und dass nur gewisse Ausgangszeiten hast vom Alter her.“

J9: „Also das ist alles verdrängte Erinnerung. Weil die [nennt eine Stadt] Psychiatrie ist die schlimmste was ich jemals von innen gesehen hab. […] Also, die ganzen Ärzte meinen sie sind so toll und so und wissen alles mehr, nur sie haben alles irgendwie gelernt und einfach sie plappern nur das runter was in einem Buch drinnen steht, bei den meisten so. Und ja, geholfen hat dir keiner, weil wenn du wirklich Hilfe brauchst, wenn die wirklich Hilfe geben sag‘ ich mal, dann hören die in erster Linie mal zu und sagen kein Wort bis die Person mal ausgesprochen hat […] und das kann eigentlich fast keiner von allen Einrichtungen, es kann da keiner Zuhören weil jeder sieht nur das Buch was er vor sich im Studium gehabt hat.“

I: „Was haben die so mit dir gemacht?“

J9: „Nix, gemeint sie müssen einmal die Woche die Visite machen, die eigentlich nichts gebracht hat. Du hast da Einwürfe bringen können und sagen du willst die Tabletten nicht nehmen weil, ich mein‘ Tabletten da kriegst nur wenn du vollgestopft wirst und das du halt irgendwas hast als wow du bist irgendwas Schreckliches und mehr steckt eigentlich nicht dahinter […] dann gesagt, bitte hört’s mir auf so viel Tabletten zu geben ... und das war halt jedes Mal auf jede neue Woche, das Thema was ich eigentlich ansprechen wollte.“

J10: „Ja das hab ich mir eigentlich also ja […] weil ich in der Woche sicher fünf Mal ausgezuckt bin. Also ich bin jeden Tag ausgezuckt. So viel wie ich im Gurtenbett verbracht hab, da hätte ich einiges erreichen können. Es war halt einfach […] weiß ich nicht. Ich hab auf alles geschissen, zu mir hat einer ‚nein’ gesagt und ich bin ausgezuckt. Es waren einfach Kleinigkeiten. [lacht] Ich hab der [nennt einen Namen] da […] der hab ich das Waschbecken nachgesalzen, das was bei mir im Zimmer war.“

I: „Also zuerst hast‘s herausgerissen und dann nach geschmissen.“

J10: „Ja und dann ihr nach gehauen. Also […] wenn man auszuckt, hat man einfach viel, viel, viel mehr Kraft. […] Na das war ja draußen auch schon so. Das war eigentlich auch schon so der Grund, einer der Gründe warum ich drinnen war […] weil ich es draußen genauso gemacht habe wie ich es dann drinnen gemacht habe und ich kann mir bis heute nicht erklären, warum ich so ausgezuckt bin, oder warum ich so ein extremes Autoritätsproblem gehabt habe. Das Autoritätsproblem hab ich jetzt auch noch, aber es ist halt nicht mehr so ausgeprägt. Weil wenn ich das jetzt hätte, wäre ich im Gefängnis wahrscheinlich. Na also ziemlich sicher.“

I: „Und die Psychiatrie?“

J10: „Die hat mich meiner Meinung nach noch fertiger gemacht wie ich vorher schon war. Weil acht Monate da drinnen zu sein […] davon drei geschlossen […] und danach noch gleich drauf zu sein wie vorher ist irgendwie auch nicht so der Sinn der Sache. Mh. Gleich drauf war ich ja nicht ich war ja […] ein bisschen ruhiger weil sie mir weiß ich nicht Betäubungsmittel gegeben haben wo du ein Pferd niederstrecken kannst. […] Ja das hat sich einfach nicht vermeiden lassen würde ich sagen. Also es war bei mir immer so wenn ich ausgezuckt hab bin ich dann in das Gurtenbett gekommen. […] Und ja danach haben sie mich dann so eine Stunde eineinhalb drinnen gelassen, dass sie sicher sein können, dass ich komplett ruhig bin, also nach dem Aufwachen. Ja und dann haben sie sich mich irgendwann eh herausgelassen. […] Wenn sie mir so viel hinein gehackt haben das i einfach […] das ist so wie wenn du zum Beispiel eine Operation hast und Narkose bekommst danach fühlst du dich auch wie ausgespuckt wahrscheinlich. […] Nein geholfen eigentlich nicht […] weil inwiefern sollte das helfen? Das ist ja nicht da dass es hilft sondern einfach dass es im Moment das der Moment unter Kontrolle ist. Finde ich. […] Aber mittlerweile hab ich es schon so drauf also ich bereue es nicht ich schäme mich auch nicht dafür, aber ich bin nicht stolz drauf. Aber ich gebe es halt einfach wenn einer will gebe ich ihm halt Ratschläge weil ich es einfach durchgemacht habe. Mh. Und das ist es eigentlich. Das ist das einzige was gut dabei war. Mh.“

J11: „In der Psych war alles schlimm, die Leut, die sich neben dir geritzt haben, voll ekelig, die andere war komplett magersüchtig und daneben dreht einer durch, is komplett gestört, die andere imma im Gurtenbett.“


3.5 Was hat es Dir gebracht?
Die Urteile der Jugendlichen sind großteils klar und deutlich negativ, trotzdem können sie auch sehr konkrete Lernschritte (regelmäßiger Tagesablauf, reifer geworden, mit Geld umgehen etc.) beschreiben.

J1: „Na, nix. Nicht wirklich was.“

J1: „Rein theoretisch gar nichts. Auf gut Deutsch Urlaub für ein paar Monate. [lacht]“

J1: „Kiffen hab ich auch oben gelernt. [lacht]“

J2: „Ja, die haben mir geholfen, dass ich aufsteh‘, dass ich in die Schule geh‘ und dass ich das und das mach und schau‘, dass ich halbwegs so einen regelmäßigen Tagesablauf hab‘. […] Ich hab‘ von denen gelernt wie mal alleine aufsteht, wie ich lerne und das Ganze. Wäsche waschen, Essen kochen, das Ganze.“

J2: „Nein, nicht wirklich. Nein, denen war das sogar egal ob ich arbeiten geh‘ oder nicht, ob ich Geld bekomme oder nicht. […] Das war egal.“

J2: „Eigentlich gar nichts.“

J2: „Ja selbstständig sein, also kochen, putzen und das Ganze, aber auch nur weil die zu faul dazu waren [lacht] weil ich hätt‘ mich, weiß nicht, ich müsste mich erst jetzt vorbereiten.“

J3: „Ja, ich bin einfach reifer geworden und alles. Ich werde nicht mehr so schnell aggressiv. Ja und ich kann einfach auch Sachen jetzt langsam ausdiskutieren und reden.“

J3: „Von da [nennt Vornamen] hab ich nichts gelernt. Außer, dass man sich auf sie nicht verlassen kann.“

J4: „Viel ist besser geworden, es ist einfach alles besser geworden, also die Beziehung zum Papa und alles.“

J4: „Gar nix ehrlich gesagt, ist immer schlechter geworden. Mit der Schule ist zwar bergauf gegangen, aber nachher ist es immer schlechter worden, weil ich mich mit den Leuten nicht verstanden habe [hustet] und diese auch nichts unternommen haben, wenn wer gestritten hat oder wer durchgedreht ist […] die haben sogar nichts unternommen, wie die Leute sich oben geschnitten haben.“

J4: „Dass man sich auch mit allen Leuten verstehen kann.“

J4: „Dass man so Spaß haben kann, ohne Sauferei, weil dann haben´s den Alk immer gefunden, weggeschmissen und nachher haben wir halt immer so eine Gaude gehabt.“

J4: „Die Urlaube waren die schönsten Sachen, nachher wenn man nach Hause fahren hat können, seine Geschwister gesehen hat und das.“

J4: „Auf mich selber zu schauen. Das muss ich wirklich sagen, da hab ich extrem viel gelernt. Das man nicht auf die anderen schauen sollte, sondern am meisten auf sich selber. Ich hab den Drang zwar noch dazu, anderen zu helfen – ich hilf zwar nur mehr gewissen Leuten, normalerweise habe ich wirklich jedem einzelnen geholfen, der zu mir gekommen ist ‚du das und das Problem, das und das Problem kannst du mir helfen?’. Und jetzt mache ich es nur mehr bei gewissen Leuten, wo ich mir wirklich sicher bin, dass da auch etwas zurück kommt.“

J4: „Mit Geld umgehen [lacht]. Oh ja. Ich bin in den letzten paar Monaten gar nicht mal gescheit zum Sparen gekommen. Da war ich dann schon irgendwie froh, dass ich die Regelung von [nennt eine Einrichtung] hab. Ich habe mit einem gewissen Geld auskommen müssen in der Woche, wenn ich kein Geld mehr gehabt habe, habe ich auch nichts mehr bekommen. […] Das mit den Beziehungen muss ich ein bisschen auf die Reihe bekommen […] ja.“

I: „Hast was gelernt von denen?“

J5: „Nein.“

J5: „Nein, das hat mir nix gebracht, […] gar nichts.“

J5: „Aber das muss ich wirklich sagen, da in der JUNO da ist echt am Besten von allen.“

J6: „Nein, nix hab ich gelernt.“

J7: „Nur Scheiße gelernt, aber von den Jugendlichen. Mhm. Wir haben versucht eine Trafik aufzubrechen.“

I: „Hast du was gelernt, deiner Ansicht nach?“

J7: „Ja, dass ich angeblich mehrere Persönlichkeiten hab. Ich hab angeblich drei oder vier Persönlichkeiten.“

J9: „Ähm, dass einfach Streit im Leben dazugehört, überhaupt in großen Gemeinschaften ist das das A und O, ähm, aber man kann sich mit einer Entschuldigung wo man sich wirklich überlegt entschuldigt man sich oder bringt sich’s gar nicht, wieder alles ins Lot bringen […] und man muss einfach nur kämpfen.“

J9: „Die Zeit an und für sich war ja schon gut, man ist aber jung, man ist dumm, sieht das vielleicht in einem anderen Blickfeld wo man sagt […] scheiße du willst da gar nicht her, dass bringt sich nix... schlussendlich, zum Schluss hin, wenn du dann weg bist, vermisst du das alles weil du weißt okay, du hast alles gehabt, du bist in die Schule gegangen, du hast jeden Tag mit den Leuten reden können, das hilft, nur das checkst du einfach nicht, wenn du einfach grad mittendrin bist weil du dir einfach denkst, die scheiß Wichser da und ja, mittlerweile sag ich das war aber für mich einfach die Zeit wo ich sehr viel an mir bauen hab‘ können und mein Wesen neu erfinden hab können und, ja.“

J9: „Mhm. Dass ich einfach zu dem so stehe wie ich’s grad empfind‘ so wie mir selber in einer gewissen Zeit treu zu bleiben […] und nicht immer schaut, kann dir irgendwer wo helfen, dann kannst du dir selber helfen in erster Linie einmal, […] dass du wirklich einfach noch viel erreichen kannst, denn man is‘ nicht blöd oder nur weil ein Arzt sagt, ähm, du bist krank, du bist psychisch labil oder einfach nur, wenn ich heute aggressiv bin und vielleicht mal durchdreh‘ und einen schlag‘, ist es gleich, ich weiß es nicht, ich bin psychisch krank. Ne, des is‘ einfach nur, ich bin ein Kind und ich bin ein Kind und fang da an zu schlägern. Das ist einfach das Leben […]“

J10: „Nein. Aber ich sag auch immer die WGs und die Heime haben mir nichts gebracht. […] Weil ich war nach den WGs und nach den Heimen immer noch immer gleich wie wo ich acht war und in die Psych gekommen bin – nur älter.“

J10: „Also, gebracht hat es mir direkt glaube ich nichts, also nicht sowas, dass was es direkt was gebracht hat […] aber ich glaube schon, dass es mir a bissl geholfen hat, weil ich eben nicht weiß wie es gewesen wäre, weil [nennt ein Land] ist das Einzige was geholfen hat, finde ich.“

J10: „Dann habe ich irgendwann die Tabletten selber abgesetzt und dann habe ich gemerkt, dass es eigentlich gar keinen Unterschied gemacht hat. Und dann habe ich mich angefangen zu verändern, einzusehen […] dann bin ich nur mehr drei Mal die Woche ausgezuckt dann irgendwann nur mehr ein Mal und dann irgendwann nur mehr einmal im Monat und dann irgendwann nicht mehr. Mh. Und mittlerweile habe ich selber Angst vor meine Auszucker. Mh.“

J10: „Ich habe vorher nicht ruhig sitzen können, vorher hätte ich nie so eine Unterhaltung führen können. Mh. Da hättest du was gesagt da hättest du kurz einmal probiert mir hineinzureden oder irgendwas, ich wäre ausgezuckt, hätt‘ dich beschimpft, hätt‘ dir wahrscheinlich da die Akten ume gesalzen. [lacht] Aber es ist einfach nicht mehr, weil ich einfach eingesehen habe, dass es, dass es nichts bringt, außer Probleme. Mh. Und ich habe mir irgendwann auch gedacht, weil wenn du als Kind so etwas machst, bekommst du eher was du willst. Wenn du das als 15, 16, 17, 18-jähriger machst, sperren sie dich ganz normal ein.“

J11: „Nix, bei was denn, i hab theoretisch ja nur gewartet, i hätt nach [nennt ein Land] sollen. […] Ich hab ein halbes Jahr gewartet für nix. […] I mag des net, dass jemand Gewalt über mich hat, der mich net kennt. Sie weiß einfach nix über mich, wieso soll eine Person die Obsorge haben, die nix von mir weiß. Die will mich nur loswerden, dass sie keine Plage mehr mit mir hat. Ich fühl mich voll enttäuscht. Ich glaub, dass es in der Natur liegt, dass a Jugendliche, die nix hat, sich beweisen will. Aber meine Sozialarbeiterin hat das nicht interessiert. Sie gibt mir das Gefühl, als wäre ihr das scheiß egal. Das einzige, was sie macht is, dass sie mir droht. Eine andere würde sagen, komm, wir machen gemeinsam einen Plan, wie du dein Leben auf die Reihe kriegst. Ich find es schad, dass ich noch so lang im Kreis laufen muss, bis ich 18 bin.“


4. Resümee
Jugendliche erleben ihre Aufenthalte in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als belastend und einschränkend, das Gros des Betreuungspersonals schafft es nicht, eine stabile Arbeitsbeziehung zu den Jugendlichen aufzubauen. Gleichzeitig lässt sich aus den Interviews herauslesen, dass es immer wieder einzelne Betreuer_innen gibt, die einen Zugang zu den Jugendlichen finden und mit entsprechenden Methoden eine Beziehung aufbauen können. Umfangreiche Erziehungseffekte kommen in der Wahrnehmung der Jugendlichen allerdings nur in geringem Umfang vor.

Die ABiE-Studie aus Deutschland untersucht 432 Fälle der Kinder- und Jugendhilfe und führt 16 qualitative Interviews durch, die die Perspektive der betroffenen Jugendlichen auf ihre Abbrüche darstellen. Insgesamt clustert die Studie sechs Typen des Erlebens der Hilfe aus Sicht der Jugendlichen:

Diese sechs Typen lassen sich in den Textpassagen der 11 interviewten Jugendlichen wiederfinden. Speziell der erste Typ ist evident: Hilfe wird als Schaden wahrgenommen, durch die Maßnahme entstehen erneute Verletzungen.

Die ABiE-Studie beschäftigt sich nicht mit Ereignissen von vor einem oder mehreren Jahrzehnten. Mit einem Untersuchungszeitraum zwischen 2010 bis Ende 2011 ist sie aktuell. Sie führt hohe Prozentsätze zwischen 38% und 58% als Abbruchsquoten in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe an. Was sie neben den begünstigenden und vermeidenden Faktoren für einen Abbruch durch die Interviews mit den Jugendlichen dokumentiert, sind die „erneuten Verletzungen durch die Maßnahme&ldoquo;. Statt Unterstützung und Schutz erleben die Jugendlichen Enttäuschung, Isolation und Ungerechtigkeit. Nachdem 16 Interviews bei 432 untersuchten Fällen keine Relation darstellen, bleibt die Frage offen, vor und bei wie vielen Abbrüchen diese Formen der Misshandlung stattgefunden haben. Obwohl die Studie dazu keine klaren Daten liefert, ist meines Erachtens die Hypothese naheliegend, dass es sich nicht nur um Ausnahmefälle handelt, sondern um einen signifikanten Prozentsatz. Empirisches Material dazu fehlt in Österreich ebenfalls. So, wie aber die Ergebnisse der ABiE-Studie übertragbar sind, ist auch die Hypothese übertragbar, dass heute in den stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe Kinder und Jugendliche zu einem signifikanten Prozentsatz „Verletzungen, Enttäuschungen, Isolation und Ungerechtigkeit“ erfahren, die neben anderen Faktoren zu negativen Jugendhilfebiografien führen.


Verweise
1 http://www.fh-kaernten.at/gesundheit-soziales/team/hoellmueller


Literatur

Biesel, Kai (2011): Wenn Jugendämter scheitern. Bielefeld: transcript Verlag.

Biesel, Kai / Wolff, Reinhart (2014): Aus Kinderschutzfehlern lernen. Bielefeld: transcript Verlag.

Höllmüller, Hubert (2012): Jugendobdachlosigkeit in Kärnten. In: soziales_kapital, 8 (2012), http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/244/384.pdf (25.9.2015).

Sewing, Julia (2012): „Da hatt‘ ich keinen Bock mehr drauf, weil…“ Eigene Sichtweisen Jugendlicher auf Abbrüche in der Heimerziehung – Ergebnisse einer Interviewstudie. In: Tornow, Harald / Ziegler, Holger (2012): Ursachen und Begleitumstände von Abbrüchen stationärer Erziehungshilfen (ABiE). EREV-Schriftenreihe, 3/2002, 119-164. Hannover: Schöneworth Verlag.

Tornow, Harald (2014) Ursachen und Rahmenbedingungen stationärer Abbrüche in der Langzeitstudie ABiE. In: EREV-Schriftenreihe, 8-2014. Abbrüche in stationären Erziehungshilfen (ABiE). Praxisforschungs- und Praxisentwicklungsprojekt. Hannover: Schöneworth Verlag.

Tornow, Harald / Ziegler, Holger (2012): Ursachen und Begleitumstände von Abbrüchen stationärer Erziehungshilfen (ABiE). In: EREV-Schriftenreihe, 3/2002, 11-164. Hannover: Schöneworth Verlag.


Über den Autor

FH-Prof. Mag. Dr. Hubert Höllmüller, Jg. 1962
h.hoellmueller@fh-kaernten.at

14 Jahre Berufserfahrung in der Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, Drogenhilfe; Seit 10 Jahren an der FH Kärnten, Studiengang Soziale Arbeit; Mitbegründer und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Jugendnotschlafstelle in Klagenfurt