soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 15 (2016) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/449/806.pdf


Michael Wrentschur:

Partizipative Theaterarbeit trifft auf Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Oder umgekehrt.1


„Das Theater darf nicht danach beurteilt werden, ob es die Gewohnheiten seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ändern vermag“ (Brecht 1971)

Das Paradigma einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit (vgl. Grunwald/Thiersch 2014) stellt eine wichtige Leitidee für die Theorie und Praxis gegenwärtiger Sozialer Arbeit dar. Wenn Formen und Konzepte partizipativer Theaterarbeit2 in Kontexten Sozialer Arbeit realisiert und dabei lebens- und alltagsweltliche Themen und Probleme der Mitwirkenden verhandelt werden, sind Berührungspunkte und Überschneidungen mit Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit offensichtlich, ob es nun um die szenisch-reflexive Auseinandersetzung mit Alltagserfahrungen, um Theater als kollektiven Artikulationsraum oder um das Prinzip Einmischung geht. Im Folgenden beziehe ich mich auf langjährige Erfahrungen mit partizipativer Theaterarbeit in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit sowie den damit verbundenen fachlichen Diskursen und empirische Begleitforschungen.


1. Partizipation und Teilhabe in Zonen der Verwundbarkeit
In der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit stellt die Partizipation eine wesentliche Handlungs- und Strukturmaxime dar. Ausgehend von den Menschen- und Bürgerrechten und im Horizont sozialer Gerechtigkeit zielt „Partizipation (…) ebenso auf Beteiligung wie auf die gemeinsame Gestaltung von Hilfen im Zeichen der Verhandlung“ (Grunwald/Thiersch 2014: 23). Dabei muss „Partizipation gleichsam in Stufen und – den unterschiedlichen Aufgabenstellungen, Zielgruppen und Arbeitsbereichen gemäß – sehr unterschiedlich gestaltet werden“ (ebd.). Im Verbund mit Aktivitäten von sozialen Bewegungen, NGOs und NPOs kommt der Sozialen Arbeit zudem der Auftrag zu, „Menschen in sozialen Schwierigkeiten in ihren Lebensstrategien zu stützen und ihnen im Horizont Sozialer Gerechtigkeit bessere und tragfähigere Verhältnisse und Kompetenzen zu ermöglichen“ (ebd.: 9). Es geht besonders um „materielle Rechte der Gestaltung von Lebensverhältnissen, die allen Menschen gleiche Voraussetzungen oder Befähigungen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben als Bürger schaffen; Soziale Gerechtigkeit zielt so auf die Gestaltung der Verhältnisse“ (ebd.: 8). Dies ist gerade vor dem Hintergrund der von Lutz (2014) analysierten Spaltung der Gesellschaft bedeutsam, die Ungleichheit und Abstiegsprozesse verfestigt, welche in der Mitte der Gesellschaft ihren Ausgangspunkt nehmen. Lutz sprich von der Zone der Verwundbarkeit, wo sich „prekäre Beschäftigungsformen ausbreiten, dem Angriff auf die Mitte öffnet sich der Raum. Diese Gruppe wächst und erfasst immer mehr Menschen“ (Lutz 2014: 11). Wer dabei trotz aller Bemühungen und aufgrund von fehlenden Ressourcen nicht mithalten kann, „dem droht die Gefahr eines dauerhaften Ausschlusse“ (ebd.). Dabei steht die Gefährdung nicht nur in Zusammenhang mit mangelnden materiellen Ressourcen, vielmehr wird den

„Betroffenen (…) eine gleichberechtigte Teilhabe und Teilnahme an den Gütern und Ressourcen ökonomisch, sozial, kulturell, ethnisch oder religiös verwehrt, ihnen wird notwendige Unterstützung vorenthalten oder sie sind nicht ausreichend in soziale Netzwerke eingebunden. Verwundbarkeit bedeutet deshalb nicht nur stärker bedroht zu sein, sondern auch Krisen nicht bewältigen zu können sowie unter Folgen massiver als weniger Verwundbare zu leiden“ (Lutz 2014: 15).

Zu einem grundlegend partizipativen und interaktiven Theateransatz, der zur Realisierung von sozialer Gerechtigkeit, umfassender Teilhabe und politischer Beteiligung beitragen will, der sich zudem weltweit im Kontext von sozialen und Menschenrechtsbewegungen realisiert und bei dem marginalisierte, verwundbare Communities eine große Rolle spielen, zählt das Forumtheater als Methode des Theaters der Unterdrückten (Boal 1992, Staffler 2009, Fritz 2013) bzw. des Theaters zum Leben (Diamond 2007). Als interaktive Aufführungsform ermöglicht Forumtheater dem Publikum, sich am Spielgeschehen zu beteiligen, um vielfältige Handlungs- und Veränderungsideen für einen dargestellten sozialen Konflikt oder ein Problem zu erproben. Folgen des Handelns, das auf die Veränderung ausgrenzender und unterdrückender Interaktionen und Strukturen abzielt, werden unmittelbar sichtbar und erlebbar. Gemeinsam werden Handlungsspielräume untersucht, es geht aber auch um die Frage, welche strukturellen Veränderungen notwendig sind, um vor allem sozial ausgegrenzten und benachteiligten Gruppen umfassende Möglichkeiten zur gesellschaftlichen (und politischen) Partizipation zu eröffnen. Forumtheater schafft einen politischen Raum, in dem soziale Hierarchien und Ungleichheiten temporär ausgeschaltet sind und Öffentlichkeit zurückgewonnen wird

„als Ort, an dem Menschen in Gesellschaft sich gegenseitig wahrnehmen und zu erkennen geben können, als Boden für eine teilnehmende, teilhabende, selbst gestaltete Praxis, als Bühne für alternative Gesellschaftsphantasien. (…) Raum wird hier ganz deutlich zur politischen Arena“ (Maurer 2005: 633).

Mit Forumtheater ist aber auch ein forschender Gruppenprozess mithilfe szenisch-theatralischer Methoden gemeint, der den Teilnehmenden ein kreativ-ästhetisches, partizipatives Werkzeug anbietet, um sich mit einschränkenden, diskriminierenden oder unterdrückenden Situationen und/oder Strukturen in ihrem Alltagsleben und Lebenswelten auseinanderzusetzen. Die Theatralisierung und Reflexion von individuellen, subjektiven Erfahrungen führt zu Verdichtungen in Form von Szenen und Bildern, die auf vielfältige Weise kreativ bearbeitet werden. Bei dieser emanzipatorischen und forschenden Methode werden Erkenntnis- und Bewusstwerdungsprozesse mit der Suche nach Veränderung der persönlichen, sozialen und politischen Wirklichkeit verbunden (siehe Wrentschur 2008, 2012). Die kreativen, kulturellen, ästhetischen und sozialen Gestaltungskräfte der Menschen stehen im Vordergrund, die Mitwirkenden werden darin bestärkt, ihre gemeinsamen Anliegen und Interessen zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen. Dies wird zur Grundlage, um an den gesellschaftlichen und politischen Prozessen selbstbewusst, kritisch und eigenmächtig zu partizipieren und diese aktiv mit zu gestalten. Dabei geht es nicht einfach um Anpassung an das vorherrschende System, sondern gerade auch um zumeist konflikthafte und widersprüchliche Einflussnahme durch alternative Ideen, Werte und Interessen.


2. Bespiele partizipativer Theaterarbeit in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit
InterACT3, die Werkstatt für Theater und Soziokultur aus Graz, gestaltet und realisiert seit vielen Jahren Prozesse partizipativer Theaterarbeit und des szenischen Forschens (vgl. Wrentschur 2012, 2013b) in der Arbeit mit wohnungslosen und mit armutserfahrenen Menschen, mit MigrantInnen bzw. Drittstaatsangehörigen, mit jungen Erwachsenen in benachteiligten Lebenslagen, mit älteren, von sozialer Isolation bedrohten Menschen. Die einzelnen Phasen dieser partizipativen Theaterprojekte sind von einem hohen Grad an Partizipation, Kooperation und Kollaboration geprägt: Dies bezieht sich auf kooperative Beziehungen und Netzwerkbildungen mit einschlägigen Initiativen und Organisationen sowie auf die Zusammenarbeit mit den jeweiligen AdressatInnen bzw. Communities. Unter Zuhilfenahme theaterpädagogischer Methoden verdichten diese ihre Alltagserfahrungen zu generativen, theatralischen Bildern und Szenen und verschaffen sich gemeinsam Ausdruck über Themen und Anliegen, die für sie von existenzieller Bedeutung oder Notwendigkeit sind. Dies mündet nach intensiver Probenarbeit und unterstützt durch vielfältige Recherchen in Forumtheaterstücken. Der Raum der Partizipation erweitert sich im Dialog mit dem Publikum und der Öffentlichkeit im Zuge der interaktiven Aufführungen, bei denen ZuschauerInnen nicht nur Veränderungsideen und Lösungsmöglichkeiten für die gezeigten Szenen aktiv erproben und reflektieren, sondern gemeinsam und aus der Erfahrung der Aufführungen heraus politische Vorschläge formulieren. Die gesammelten und dokumentierten politischen Lösungsideen und Vorschläge werden unter Einbeziehung der Mitwirkenden, von Betroffenen und Fachleuten reflektiert, auf den aktuellen Stand gebracht und in Berichten und Forderungskatalogen zusammengefasst. Diese werden im Zuge von Aufführungen in politischen und behördlichen Räumen wie Rathäusern, Landtag und Parlament mit EntscheidungsträgerInnen diskutiert. Auf welche Weise die Praxis partizipativer Theaterarbeit Überzeugungen und Haltungen einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit realisieren, unterstützen und verdeutlichen kann, zeigen die folgenden Beispiele.


2.1 Das „szenische Nagen“ an Alltagserfahrungen
Das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit nimm seinen Ausgang „in den alltäglichen Deutungs- und Handlungsmustern der Adressatinnen und in ihren Bewältigungsanstrengungen“ (Grunwald/Thiersch 2014: 2). Dabei wird auf den konflikthaften Charakter der Alltäglichkeit verwiesen, ist sie doch „Ort des Kampfes um Macht, Unterdrückung und Anerkennung, der Ort der Durchsetzung von Interessen in Selbstdarstellung, Selbstbehauptung und Stigmamanagement“ (ebd.: 11). Alltag wird dialektisch betrachtet, zum einen in seiner auf Aus- und Abgrenzung bedachten Borniertheit und zum anderen in einer Sichtweise,

„die Leben im Horizont des Möglichen sieht, und seine Träume und Verzweiflungen, seine Resignation und Ausbruchsversuch ernst nimmt. Alltäglichkeit ist (…) immer auch Ausdruck eines Hungers nach besseren, gelingenderen Lebensverhältnissen, in denen Menschen sich in gerechteren Verhältnissen als Subjekt ihres Lebens zu erfahren hoffen“ (ebd.: 12).

Die Lebensweltorientierung als Arbeitskonzept der Sozialen Arbeit zielt

„auf das Selbstverständnis eines solidarischen und partizipativen Arbeitens. Soziale Arbeit nutzt ihre rechtlichen, institutionellen und professionellen Ressourcen dazu, Menschen in ihren ambivalenten Alltagserfahrungen zu der in ihnen angelegten und oft verstellten und unterdrückten Kompetenz zur Gestaltung des eigenen Lebens zu stützen und zu befördern“ (Grunwald/Thiersch 2014: 14).

Diese Sicht gilt in einem starken Maße auch für die partizipative Theaterarbeit mit dem Theater der Unterdrückten (vgl. Boal 1992, Staffler 2009, Fritz 2013). Dabei spielen die Alltags- und Lebenserfahrungen der Mitwirkenden und die mit ihnen verbunden Deutungen von Herausforderungen, Konflikten und Spannungsfeldern eine besondere Rolle. Diese werden im ästhetischen Raum des Forumtheaters zum Ausdruck gebracht, verdichtet, verfremdet, zugespitzt und kreativ wie reflexiv bearbeitet. Damit werden auch Impulse für gemeinsame Verständigungs-, Interpretations- und Assoziationsprozesse gegeben. Boal (1999: 27f) geht davon aus, dass Theater eine grundlegende Kunst und Sprache der Menschen darstellt, da diese zu Selbstbeobachtung und -reflexion fähig sind. In der Spannung zwischen Alltagsrealität und Vision entdecken die Teilnehmenden – in ihrer „Doppelrolle“ als Menschen und SchauspielerInnen – vielfältige Deutungs-, Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten in Bezug auf die eigene soziale Realität, gerade auch dort, wo einschränkende, ausgrenzende und unterdrückende Strukturen der Gesellschaft bewusst werden. Dazu ein kurzes Beispiel aus dem sich über fünf Jahre erstreckenden Projekt „Kein Kies zum Kurven Kratzen“ (Wrentschur 2010) zum Thema Armut, an dessen Beginn ein mehrtägiger, partizipativer Theaterworkshop mit armutserfahrenen Menschen stand:

Im Zuge des Workshops stellen alle TeilnehmerInnen unter Zuhilfenahme ihrer Körper nonverbale theatrale (Stand-)Bilder zu ihren alltäglichen Armutserfahrungen. In einer Serie von 28 Bildern – alle Mitwirkenden stellen einen mit finanziellen Notlagen verbundenen Moment aus ihrem Leben dar – werden Themen wie erfahrende Ausgrenzung, Angst, Ignoranz, Ausweglosigkeit, Hilflosigkeit, Druck, Überforderung, Hoffnungslosigkeit, Scham, Schande, soziale Kälte, Not und Demütigung, Machtunterschiede zwischen System/Gesellschaft und dem Einzelnen, Überleben statt Leben zum Ausdruck gebracht und unmittelbar erlebbar. Die dargestellten theatralen Bilder wirken zunächst einschränkend, unterdrückend und hoffnungslos, ohne Handlungsspielraum. Erst bei dem Versuch, Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Statuen-Bildern zu suchen, bricht die Enge auf und es werden erste Bewegungen und Auswege deutlich. Ein Teilnehmer teilt seine Wahrnehmung mit den anderen: Immer wieder seien die ProtagonistInnen in den Bildern als Opfer dargestellt, fühlen sich ohnmächtig, hilflos und ausgegrenzt. Und er fragt: „Wieso gibt es nicht einmal ein Bild des Aufbegehrens, des Aufstehens, des Eintretens für sich selbst und seine Rechte?“ Dieser Moment wird zu einem wichtigen Wendepunkt im Workshop: Wie ist es möglich, aus der Opferrolle auszusteigen und sich seiner Möglichkeiten, Fähigkeiten, Widerständigkeit und Wirkungsmacht bewusst zu sein?

Der Theaterworkshop bietet einen geschützten, sicheren und zugleich kreativen Rahmen, belastenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen und mit anderen zu teilen. Dies regt zur Selbstreflexion, aber auch zu neuen Erkenntnissen und Informationen und zum temporären Ausstieg aus der Hoffnungslosigkeit an. Dabei eröffnen gerade die körperlichen und emotionalen Erfahrungen beim Theaterspielen, aber auch die Diversität der Gruppe Zugänge zu (selbst-)einschränkenden Mustern und zu deren (probeweiser) Überschreitung. Die mit finanziellen Notlagen verbundenen emotionalen und psychosozialen Belastungen und Wirkungen rücken in den Vordergrund, die aus der Sicht der Projektmitwirkenden zum Ausdruck gebrachten Dimensionen von Armut manifestieren sich besonders in verminderter gesellschaftlicher und politischer Beteiligung, sozialer Isolation und eingeschränkten Verwirklichungschancen. Sowohl im Workshop als auch bei den darauf folgenden interaktiven Aufführungen spielte das Ausloten der mit Armutslagen verbundenen Handlungsspielräume eine große Rolle. Dabei wurde immer wieder untersucht, erprobt und reflektiert, durch welche strukturelle Bedingungen dem Handeln Grenzen gesetzt werden, auch dann, wenn damit Wege beschritten würden, die aus der Armut herausführen könnten.


2.2 Lebensweltliches Handeln in gesellschaftlichen Strukturen

„Alltäglichkeit und Alltagswelten sind die Bühne, auf der in den unmittelbaren eigenen Erfahrungen und Bewältigungsaufgaben Probleme und Aufgaben angegangen werden, die durch die politische, gesellschaftliche und historische Situation geprägt sind, also durch die Ordnung der Produktions-, Konsumptions- und Rechtsverhältnisse, der Lebensphasen und der Geschlechtszugehörigkeit“ (Grundwald/Thiersch 2014: 12f)

Wenn es um Alltäglichkeit und Alltagswelten geht, ist in der Lebensweltorientierung deren gesellschaftliche Bedingtheit durch gesellschaftliche Strukturen und Ressourcen mitzudenken. Lebenswelt meint die Verhältnisse, in denen sich Menschen mit ihren räumlichen, zeitlichen und sozialen Erfahrungen vorfinden und behaupten, sie sind immer auch durch strukturelle Rahmenbedingungen geprägt. Als Schnittstelle von Objektivem und Subjektivem sind Alltags- und Lebenswelten in den gesellschaftlichen Machtverhältnissen mit unterschiedlichen Ressourcen ausgestattet. Es geht um die Frage, wie sich die Menschen mit ihren Deutungs- und Handlungsmustern im Spiel von Macht und Selbstbehauptung, von Anpassung und Widerstand, Verzicht und Träumen arrangieren.

„Die Menschen kommen in ihnen zurande oder/und geraten in neue Randlagen, Spaltungen und Exklusionen und damit in die Belastungen und Unzulänglichkeiten spezifischer Konstellationen, z. B. des Alleinerziehens, des Niedriglohnsektors, des Migrations- oder Flüchtlingsstatus, der Arbeitslosigkeit oder der Wohnungslosigkeit; sie geraten in belastete und überforderte Bewältigungsstrategien (…) und die damit einhergehenden Erwartungen an den Einzelnen, mit allen Anforderungen aus eigener Kraft zurande zu kommen. Selbstausbeutung, Stress, Verunsicherung und Verlust- und Abstiegsängste dringen bis weit in die Mitte der Gesellschaft vor“ (Grunwald/Thiersch 2014: 13).

Und dies erleben in einem besonderen Maße junge Erwachsene in sozial benachteiligten Lebenslagen, die ihre eigene schwierige Lebenssituation in dem partizipativen Theaterprojekt „Stopp: Jetzt reden wir“ (Wrentschur 2013a, Wrentschur/Moser 2014) zunächst als ihr persönliches Versagen und Scheitern empfinden, womit emotionaler Stress und Zukunftsängste einhergehen. Erst im Zuge des gemeinsamen szenischen Forschungsprozesses, der mit der Frage beginnt, was die jungen Erwachsenen an einem guten Leben, an einem Platz in der Gesellschaft hindert, wird bewusst, dass die szenisch verdichteten Ergebnisse Herausforderungen und Spannungsfelder zum Ausdruck bringen, die mehr auf strukturelle Ebenen verweisen, die aber im öffentlichen Diskurs zu den „NEETs“4 kaum eine Rolle spielen – oder eben individualisiert werden: So wurde im Forumtheaterstück sichtbar, wie sich Mobbing, herabwürdigende, gewaltvolle und diskriminierende Erfahrungen in der Schule negativ auf Motivation und schulische Leistungen auswirken und zum Schulabbruch führen können. Es wurde problematisiert, dass bei sogenannter Verhaltensauffälligkeit oft schnell und in frühen Jahren Medikamente und Psychopharmaka verschrieben werden. Zudem wurden Vorgaben, oftmals starre Regeln und Sanktionsmechanismen in Kursmaßnahmen und Beratungssituationen dargestellt, denen jungen Menschen oft nicht gewachsen sind. Das Forumtheater gab zu dem Einblick in die in manchen Branchen oft widrigen Bedingungen für PraktikantInnen und Lehrlinge: Fehlende Unterstützung, schlechtes Arbeitsklima, herabwürdigende Verhaltensweisen bis hin zu Ausbeutung können zu traumatischen Erfahrungen und zum Abbruch einer Lehre führen und damit berufliche Chancen schmälern. Insgesamt wurde deutlich, dass die Stimmen der Betroffenen selbst, ihre Wünsche und Ansprüche kaum gehört und noch weniger in die Analyse von Problemen und die Entwicklung von Lösungen einbezogen werden (Wrentschur 2013a: 29).

Der szenische Erkenntnis- und Forschungsprozess wird auf diese Weise zum Bewusstwerdungsprozess aller Beteiligten, in dem sich zunächst individuelle, subjektive Erfahrungen und Sichtweisen zu gemeinsamen, kollektiven Bildern und Szenen verbinden und diese in ihrem dialektischen Wechsel- und Spannungsverhältnis zu strukturellen Rahmenbedingungen und Kontexten bezogen werden (vgl. Wrentschur 2008: 103). Es geht beim Forumtheater nicht um einen Einzelfall, der in einer jeweiligen Geschichte dargestellt wird, sondern um die Verdichtung von Erfahrungen. In der fiktiven Handlung der Theaterszenen und ihrer Charaktere sind vielfältige Dimensionen der jeweiligen Probleme aufgehoben, die gleichermaßen individuelle wie strukturelle Fragen und Themen berühren. In der Reflexion nach den Einstiegen durch das Publikum wird die Frage nach der situationsbezogenen Veränderung mit der Frage nach der Veränderung der Strukturen verbunden, die Reflexion von Handlungsspielräumen ist damit immer auch eine Reflexion über die Verhältnisse.


2.3 Theatrale Prozesse als Räume für kollektive Artikulation

„Soziale Arbeit sucht zum anderen vor allem denen eine eigene Stimme zu geben, die in den Auseinandersetzungen um Macht und Anerkennung im Alltag übergangen werden und sie in der Artikulation ihrer Probleme und in deren Bearbeitung zu stützen“ (Grunwald/Thiersch 2014: 35).

Dies alles gewinnt gerade dann an Bedeutung, wenn sich Menschen in Situationen befinden, in denen sie sich nicht trauen, ihr Leben zu erzählen, sondern mit Strategien der Selbstdarstellung beschäftigt sind und zu verbergen bemüht sind, was ihre Anerkennung gefährden könnte. Im Kontext der AdressatInnenforschung, bei der vorwiegend biografische Einzelinterviews zur Anwendung kommen, wird zudem die Frage gestellt, wie spezielle Zielgruppen in die Lage kommen, „Interessen geltend zu machen (…) sich selbst zu positionieren und ernst zu nehmen als Subjekte, die etwas wollen dürfen bzw. deren Erfahrungen relevant (…) sind“ (Bitzan/Bolay/Thiersch 2006: 277). Als Erweiterung der Forschung sollten auch „Dimensionen wie Selbstgestaltung der AdressatInnen, die perspektivisch auf biographische Utopien verweisen, mit der Forschung ‚hervorgebracht’ werden können, also Wünsche, Visionen und auch Bedürfnisse, bei was und wie Bewältigungshilfen erwünscht sind“ (ebd.: 278). Dazu ein Beispiel aus einem partizipativen Theaterprojekt mit wohnungslosen Menschen (vgl. Wrentschur 2008):

Diese entwickelten gemeinsam ein Stück, indem vor allem jene Herausforderungen dargestellt wurden, die erschweren, mit Wohnungslosigkeit zurecht- bzw. aus ihr wieder herauszukommen. Nach einer Aufführungsserie wurde das Forumtheaterstück auch im Grazer Rathaus aufgeführt. Im Anschluss wurden wesentliche Ideen, Vorschläge und Forderungen zur Verbesserung der Wohnungslosenhilfe von den wohnungslosen DarstellerInnen selbst vorgetragen und artikuliert. Verstärkt wurde die kollektive Kraft ihrer Stimmen auch dadurch, dass sie Ihre Anliegen und Ideen von den Regierungsbänken aus verkündeten, während die Stadtregierungsmitglieder in den Plätzen des Gemeinderats Platz nahmen. Ein temporärer respektvoller Dialog auf Augenhöhe zwischen Betroffenen und EntscheidungsträgerInnen wurde möglich und das Rathaus für einige Zeit in einen lebendigen, kommunikativen Ort verwandelte, in dem gemeinsam nach Lösungen gesucht wurde (vgl. Wrentschur 2013b, Gangl/Wrentschur 2011).

Das Ausdrucks- und Artikulationsvermögen benötigt subjektspezifische und gruppenspezifische Bedingungen und die Beteiligung muss mit der Produktion von anderen Erfahrungen verbunden werden, die durch kreative Methoden angeregt werden können. Und dies bedarf einer respekt- und vertrauensvollen Atmosphäre, denn nur „ein breiter (Erzähl)Raum kann hier gewissen Öffnungen und Selbst-Besinnungen und -bestimmungen ermöglichen, indem (…) genügend Raum für Anerkennung hergestellt wird“ (Bitzan/Bolay/Thiersch 2006: 277). So bildet auch in der partizipativen Theaterarbeit eine vertrauensvolle und kooperative Gruppenatmosphäre eine wesentliche Grundlage dafür, dass Menschen, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden, ihre Stimme, ihren Ausdruck, ihre Sprache finden zu dem, worüber schwer zu sprechen ist. Sie werden dabei unterstützt, ihre Wünsche, Visionen und Bedürfnisse zu artikulieren und sie gestalten aktiv mit, wie etwas erzählt, gezeigt, zum Ausdruck gebracht wird. Dabei kann bislang unterdrücktes lokales Wissen auftauchen und der theatralische Raum zu einem Gegenort, zu einer verwirklichten Utopie werden, in dem „die eigensinnige Repräsentation der Erfahrungen der Adressatinnen neues protestatives Gewicht“ (Thiersch 2013: 31) erhält, indem gegen die Unterdrückung der Erfahrungen derer, die am Rand und in Exklusion leben, rebelliert wird. Der Raum des Theaters fungiert dabei als ein anderer Raum der Gesellschaft, als soziale Heterotopie, an dem soziale Grenzen stellvertretend verhandelt werden (vgl. Wihstutz 2012). Gerade das widerständige Moment dieser Erfahrungen ist ein wesentliches Element beim Forumtheater. Dies kann zur Entwicklung von (Gegen-)Diskursen beitragen um sich gegenüber normativen gesellschaftlichen Diskursen oder Formen des Expertenwissens abzugrenzen.


2.4 Partizipatives Theater als Kristallisationspunkt für sozialräumliche Veränderungen
Partizipative Theaterprozesse werden aber auch gruppenübergreifend gestaltet und können sich sozialräumlich verorten, ähnlich einem gemeinwesensorientierten Ansatz im Sozialraum,

„der die Vielfältigkeit der lebensweltlichen Bezüge im Sozialraum im Blick [hat], also das Ineinanderspiel der Bedürfnisse der unterschiedlichen Gruppen. Diese unterschiedlichen Aktivitäten müssen im Modus einer Sozialraumpolitik miteinander in Korrespondenz kommen, damit sie über das Zusammenspiel und die darin möglichen Synergieeffekte hinaus jene Problemlagen finden und angehen, die auf eine gelingendere Form des Zusammenlebens drängen“ (Grunwald/Thiersch 2014: 26f).

Dabei ist oft weniger eine bestimmte Gruppe, sondern der geografisch eingegrenzte Sozialraum der Adressat, der aber von den sozialen Beziehungen, Interaktionen und Verhältnissen geprägt wird (Kessl/Reutlinger 2007: 24ff). Ziel ist es, gemeinsam mit den Menschen die Lebensbedingungen in einem Sozialraum zu gestalten. Davon handelt ein weiteres Beispiel partizipativer Theaterarbeit:

Das Projekt ZusammenSpiel konzentrierte sich auf das Zusammenleben in einem Park. Ziel war es, aktuelle und real bestehende Konflikte zwischen BenutzerInnengruppen in Szene zu setzen und partizipativ zu verhandeln. Auf Basis der unterschiedlichen Recherchen, Sozialraumanalysen und bei offenen Proben im Park drängte sich das Thema „Fußball spielen“ förmlich auf. Aufgrund des Mangels an Freiräumen lastet großer Druck auf Kindern und Jugendlichen: Der Erholungswert vom Fröbelpark steht im Konflikt mit dem Fröbelpark als Spielplatz. Da es sonst keine Spielplätze gibt, spielen die Kinder dort, der Raum wird enger, da die Kinder durch Zuwanderung mehr werden und aufgrund der oft kleinen Wohnungen sehr viel Zeit im Freien verbringen (müssen). Manches Mal gab es daher Beschwerden von (älteren) AnrainerInnen oder Anzeigen wegen Lärmbelästigung. In manchen Aspekten haben die Konflikte auch transkulturelle Hintergründe, zumeist gibt es ein Nebeneinander von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte statt einem Miteinander. AnrainerInnen „bauschen sich“ (so die Polizei) oft auf, wenn ausländische Kinder lärmen oder laut Fußballspielen, wobei Streitigkeiten oft schnell eskalieren. Die enorme Enge des Fröbelparks spielte für weitere Konflikte eine Rolle: jene zwischen Burschen und Mädchen (die Burschen sind mit ihrem Fußballspiel sehr platz- und raumgreifend, die Mädchen fühlen sich davon sehr eingeschränkt und gestört), jene mit AnrainerInnen (Lärm, Bälle, die gegen Autos, Zäune etc. fliegen) und auch jene mit Müttern, die mit ihren Kleinkindern im Park sind (die Bälle fliegen oft gefährlich knapp an Kinderköpfen vorbei, manchmal auch darauf…).

Die DarstellerInnen des Forumtheaters waren ortskundige Jugendliche. Gemeinsam mit dem anwesenden Publikum (ParkbenutzerInnen, Eltern, Geschwister, angrenzende BewohnerInnen etc.) wurde im interaktiven Forumtheaterprozess nach Lösungsideen und neuen Handlungsmöglichkeiten gesucht. Unmittelbar im Anschluss an die zweite Aufführung fand eine Diskussion statt, an der neben den Projektmitwirkenden, VertreterInnen der kommunalen Politik sowie von umliegenden Schulen und Jugendeinrichtungen teilnahmen. Allen Beteiligten war klar, dass aufgrund des schnellen und starken Zuzugs in den Bezirk mehr freie, bespielbare Flächen im öffentlichen Raum benötigt werden, allerdings verlaufen verschiedene Initiativen und Projekte im Sand oder werden bei der Stadtplanung und den Bebauungsplänen trotz des dringenden Handlungsbedarfs nicht berücksichtigt: Als ein Ergebnis der Diskussion nach der Aufführung wurde eine schnelle, kurzfristige Lösung für die Sommerferien ermöglicht: im Sinne der Mehrfachnutzung vorhandener Sportplätze wurde der Sportplatz einer umliegenden Schule wochentags von 13-18 Uhr geöffnet und entsprechend betreut.

Deutlich wurde, dass sich beim Projekt ZusammenSpiel der rein geografische Sozialraum nicht nur auf den Fröbelpark sowie an die damit verbundenen Orte und Räume in der unmittelbaren Umgebung – wie die Schulgebäude und ihre Höfe, die umliegenden Wohnhäuser, Geschäfte und weitere Gebäude – erstreckte. Auch die lokale Infrastruktur, vor allem dort, wo sie junge Menschen betraf und schließlich auch die städtische Frei- und Grünraumpolitik wurden thematisiert. Zudem lag der Fokus auf den Handlungen und Interaktionen der Beteiligten im Sinne einer alltäglichen Perspektive von unten, bei der Menschen – wie angesprochen – sich selbst platzieren, mit Mimik, Gestik oder Sprache Raumkonstruktionen beeinflussen, mit und in ihren Bewegungs- und Entscheidungsmöglichkeiten aktiv sind (vgl. Löw/Sturm 2005: 44). ZusammenSpiel ist ein weiteres Beispiel dafür, wie über das Forumtheater sowohl (verengte) Handlungsspielräume als auch strukturell-räumliche Bedingungen thematisiert werden. Die dargestellten Konflikte stehen in Zusammenhang mit dem zusehends knapper werdenden öffentlichen Raum. Ohne dass es ihnen selbst bewusst ist, tragen die Jugendlichen in gewissem Sinn Stellvertreterkonflikte aus, die mit der ungleichen Verteilung von Grün- und Freiraum in Verbindung stehen. Das Forumtheaterprojekt machte dies nicht nur sichtbar und verhandelbar, sondern aktivierte die verschiedenen Personen und Initiativen dazu, eine erste Lösung umsetzen – die temporäre Nutzung der Schulhöfe. Diese Lösung wurde – so ein leitender Mitarbeiter des Amts für Jugend und Familie der Stadt Graz – zu einem Modellfall und verhalf einem schon lange existierenden Konzept zur Realisierung, das in weiterer Folge auch in anderen Teilen der Stadt zur Anwendung kam.


2.5 Das Prinzip Einmischung wird ausgeweitet
Das eben vorgestellte Theaterprojekt wirkt in den lokalpolitischen Raum und kann mit dem Prinzip Einmischung verbunden werden, das auf die „Positionierung der Sozialen Arbeit im Gefüge der gesellschaftlichen sowie sozial- und bildungspolitischen Szene“ (Grunwald/Thiersch 2014: 20) abzielt. Da die für Soziale Arbeit relevanten Alltagsverhältnisse gesellschaftlich bedingt sind,

„geht es um die Frage der gesellschaftlichen Ressourcen, die es erlauben oder verhindern, dass die AdressatInnen ihre Alltäglichkeit befriedigend leben und gestalten können (…) Darin aber hat sie ein besonderes Mandat in Form der Einmischung, das sie mit der Kraft und Deutlichkeit der aus ihrer Arbeit erwachsenden Expertise wahrnehmen muss – auf den unterschiedlichen Ebenen der allgemeinen Politik und Öffentlichkeit ebenso wie in den sozialpolitischen und kommunalen Arenen“ (Grunwald/Thiersch 2014: 20).

Angesichts der Tendenzen der Dethematisierung des Sozialen wird eine offensive Soziale Arbeit gefordert, die Gemeinsamkeiten mit den verschiedenen AkteurInnen und Initiativen der sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft sucht.

Bei dem bereits erwähnten partizipativen Theaterprojekt „Kein Kies zum Kurven Kratzen“ zum Thema Armut wurden die bei allen interaktiven Aufführungen eingebrachten Ideen und Vorschläge gemeinsam mit armutserfahrenen Menschen ausgewertet, analysiert und formuliert: Sie richteten sich an Verantwortungs- und EntscheidungsträgerInnen aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Behörden und Wirtschaft. In einem nächsten Schritt wurde versucht, das Stück „Kein Kies zum Kurven Kratzen“ an jene Orte und Räume zu bringen, wo politische, behördliche und wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden, was auch zur Änderung eines Landesgesetzes führte: Nach einer Aufführung im Landhaus Steiermark im Juni 2008 wurde in der ersten darauf folgenden Landtagssitzung der Regress bei der Offenen Sozialhilfe einstimmig abgeschafft. Ein Erfolg in dem Sinn, dass es in der Steiermark zum ersten Mal gelang, dass Betroffene als Mitwirkende in einem partizipativen Theaterprojekt auf eine Gesetzesänderung Einfluss nehmen konnten.

Wenn in Bezug auf eine lebensweltorientierte AdressatInnenforschung eine Unterscheidung getroffen wird, zum einen die Erfahrungen und Stimmen der AdressatInnen ernst zu nehmen und zum anderen politisch und sozialpolitisch an den Strukturen und Verhältnissen zu arbeiten (vgl. Thiersch 2013: 31) zeigen sich aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit partizipativer Theaterarbeit, wie diese Perspektiven miteinander verbunden werden können: Partizipative Theaterprojekte geben Menschen nicht nur eine Stimme, sondern regen diese dazu an, selbst am gesellschaftlichen und politischen Leben verstärkt teilzunehmen. Forumtheater kann als Sprachrohr in politischen Räumen zur Anwendung kommen und zu einem Dialog auf Augenhöhe beitragen (vgl. Schriefl 2007: 135ff). Von Armut betroffene Menschen können sich durch diese Form des politisch-partizipativen Theaters gemeinsam darüber Ausdruck und vor allem Klarheit verschaffen, welche Anliegen und Vorschläge sie an die Politik und soziale Verwaltung richten wollen, damit sie ihre prekären Lebenslagen besser bewältigen können bzw. besser vor ihnen geschützt sein können, ohne dass damit gleich wieder bestimmte Integrationserfordernisse erfüllt werden müssen.

Durch die Authentizität der DarstellerInnen wird für viele nicht in das Thema involvierte ZuschauerInnen ein Nachempfinden der psychischen Situation von Menschen in finanziellen Notlagen möglich. Dabei entfaltet gerade die körperliche und emotionale Unmittelbarkeit der Erfahrung im Theaterspiel ihre Wirkung. Auf diese Weise konnte das Projekt Kein Kies zum Kurven Kratzen eine Öffentlichkeit für alternative Diskurse zum Thema schaffen, an der armutserfahrene Menschen sichtbar wurden, das Wort ergriffen, ihre Geschichten erzählten und sich am öffentlich-politischen Diskurs beteiligten. Dabei wirkte sich der sozio-ästhetische Ansatz auf die Wahrnehmung des Phänomens Armut und den Diskurs darüber aus, weil gerade die emotionalen Dimensionen über die Sprache des Theaters zum Ausdruck gebracht werden konnten und damit eine Ebene des Mitfühlens und Verstehens eröffnet wurde:

„Das Stück hat mich richtiggehend emotional hineingezogen, ich habe mehr begreifen können, worum es bei dem Thema geht – sonst haben wir es mit Papieren und Statistiken zu tun, aber auf diese Art kann man das viel besser verstehen, worum es geht“ (Ein Nationalratsabgeordneter nach der Aufführung von „Kein Kies zum Kurven Kratzen“).

Damit kann der Fokus des Diskurses stärker auf Lebenslagen und Verhältnisse gerichtet sowie gesellschaftlich und politisch produzierten Klischees, Vorurteilen und Praktiken sozialer wie kultureller Ausgrenzung entgegengewirkt werden. Und es werden Rahmenbedingungen für einen Dialog geschaffen, der die Kluft zwischen Realitäten von Menschen mit Armuts- und Ausgrenzungserfahrungen einerseits, der Öffentlichkeit und den jeweiligen politischen EntscheidungsträgerInnen – zumindest temporär – überwinden kann. Außerdem wurden zahlreiche Vorschläge zur Armutsbekämpfung auf der Meso- und auf der Makroebene entwickelt, die zu einem sozialstaatlichen und rechtlich verankerten Verständnis von Armutspolitik beitrugen (vgl. Wrentschur 2010).


Anmerkung
Dieser Text erscheint in einer stark verkürzten Version unter dem Titel „Partizipative Theaterarbeit und Lebensweltorientierte Soziale Arbeit“ 2016 in dem von Klaus Grundwald und Hans Thiersch neu aufgelegten Buch zur „Praxis Lebensweltorientierter Arbeit“ im Juvent Verlag (Weinheim/München).


Verweise
1 Dieser Text erscheint in einer stark verkürzten Version unter dem Titel „Partizipative Theaterarbeit und Lebensweltorientierte Soziale Arbeit“ in: Grunwald, Klaus / Thiersch, Hans (Hg.) (2016): Praxis Lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. 2., vollständig überarbeitete Neuauflage, Weinheim [im Erscheinen].
2 Dazu zähle ich u. a. das Lehrstückspiel nach Brecht (Steinweg 1995), das Theater der Unterdrückten nach Boal (1992, 1998), das Theatre for Living nach Diamond (2007) oder das Playbacktheater nach Fox (1994).
3 http://www.interact-online.org/ (23.2.2016)
4 NEET = Not in Education, Employment or Training


Literatur

Bitzan, Maria / Bolay, Eberhard / Thiersch, Hans (Hg.) (2006): Die Stimme der AdressatInnen. Empirische Forschung über Erfahrungen von Mädchen und Jungen mit der Jugendhilfe. Weinheim/München: Juventa.

Boal, Augusto (1999): Der Regenbogen der Wünsche: Methoden aus Theater und Therapie. Seelze: Velber.

Boal, Augusto (1998): Legislative Theatre. Using Performance to Make Politics. London/New York: Routledge.

Boal, Augusto (1992): Games for Actors and Non-Actors. 2. Aufl., London/New York: Routledge.

Brecht, Bertolt (1971): Über Politik auf dem Theater. Frankfurt: Suhrkamp.

Diamond, David (2007): Theatre for Living. the art and science of community-based dialogue. Victoria (BC): Oxford.

Fox, Jonathan (1994): ACTS OF SERVICE. Spontaneity, Commitment, Tradition in the Nonscripted Theatre. New Platz: Tusitala Publishing.

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Über den Autor

Mag. Dr. Michael Wrentschur
michael.wrentschur@uni-graz.at

Soziologe, Bildungswissenschaftler, Theater- und Kulturschaffender; Hochschullehrer und Forscher am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Universität Graz im Arbeitsbereich Sozialpädagogik zu folgenden Schwerpunkten: Theaterarbeit in sozialen Feldern; Soziokultur und soziale Kulturarbeit; soziale und politische Partizipation; szenisch-partizipatives Forschen: Armut und sozialer Ausgrenzung. Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer von InterACT, der Werkstatt für Theater und Soziokultur in Graz; Leitung/Realisierung zahlreicher theaterpädagogische Workshops sowie soziokultureller, (politisch-)partizipativer Theaterprojekte und -produktionen.

www.uni-graz.at/paedxwww.htm / www.interact-online.org