soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 25 (2021) / Rubrik „Rezensionen“ / St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/734/1358.pdf


AK Fe.In (2019): Frauen*Rechte und Frauen*Hass. Antifeminismus und die Ethnisierung von Gewalt. Berlin: Verbrecher Verlag.


199 Seiten / 15,50 Euro


„Frauen*Rechte und Frauen*Hass“ – eine queer-feministische Intervention

Beim Autor*innenkollektiv Fe.In ist der Name Programm, denn Fe.In steht für feministische Intervention. Eine eben solche ist Frauen*Rechte und Frauen*Hass, aber zugleich ist das Werk der Autor*innen Eike Sanders, Anna O. Berg und Judith Götz ein akribisch recherchierter, spannend aufbereiteter und kritischer Beitrag zum Verständnis von Antifeminismus und zur Ethnisierung von Gewalt durch (extrem) rechte Ideologien.

Antifeminismus ist kein neues Phänomen, aber er ist weltweit auf dem Vormarsch und kostet Leben, so der Befund von Sanders, Berg und Götz. Sie legen dar, dass die Aufrechterhaltung der binären, hierarchisch organisierten Geschlechterordnung der ideologische und realpolitische Kern des Antifeminismus ist. Antifeminismus verstehen die Autor*innen also als gesamtgesellschaftlich tief verwurzelte Ideologie und politisches Programm, beides eng mit der Verteidigung patriarchaler Strukturen verflochten. Daneben richtet sich der Antifeminismus vor allem gegen vieles, wie die Autor*innen herausarbeiten. Unter Ethnisierung von Gewalt verstehen sie die Instrumentalisierung von Frauenrechten durch (extrem) rechte Akteur*innen, die sexualisierte Gewalt immer nur dann thematisieren, wenn sie einen rassistischen Nutzen daraus ziehen können.


Von A wie Antifeminismus bis Z wie Zugang zu Ressourcen

Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Diskussion von Antifeminismus und zentralen Begriffen wie „toxische Männlichkeit“ und „binäre Geschlechterordnung“, um anschließend einen weiten Bogen zu spannen. Als „Kampffelder“ des Antifeminismus beschreiben die Autor*innen aktuelle Angriffe auf Frauen*- und LGBTIQ*-Rechte, materielle Ressourcen und den aufgeladenen „Kampf um Begriffe“. Antifeministische Kämpfe um Deutungs- und Diskurshoheit werden häufig isoliert betrachtet, so die Kritik der Autor*innen. Anschaulich und unterlegt mit vielen Beispielen argumentieren sie, dass diese Kämpfe immer auch konkrete materielle Folgen haben, denn sie sind verbunden mit Angriffen auf materielle Ressourcen, z.B. auf universitäre Lehrstellen der Gender Studies oder Frauenförderprogramme sowie auf Frauen* und LGBTIQ*-Rechte oder konkrete politische Maßnahmen und Gleichstellungspolitik.

Im dritten von sechs Kapiteln beschäftigen sich die Autor*innen mit antifeministischer Gewalt, die sie als extremen Ausdruck toxischer Männlichkeit verstehen und die sich in Kombination mit rechtsextremer Ideologie potentiell verschärft. Antifeministische Gewalt sei der – zu selten benannte – gemeinsame ideologische Nenner bei so unterschiedlichen gesellschaftlichen Missständen wie dem Frauen*hass von Incels (involuntary celibates), den Terroranschlägen von Christchurch, Neuseeland, und Anders Breivik in Norwegen, Femiziden und misogynen Neonazis bis hin zu sexualisierter Gewalt und Gewalt im familiären Umfeld.

Wie Gewalt gegen Frauen* von (extrem) rechten Ideologien und Bewegungen instrumentalisiert wird, um in Österreich und Deutschland für rassistische Politiken zu mobilisieren, beschreiben die Autor*innen im vierten Kapitel. Dabei widmen sie sich auch ausführlich der Rolle und dem Handlungsspielraum von Frauen* in der extremen Rechten und in politischen Parteien wie der AfD in Deutschland und der FPÖ in Österreich. Auch die lesbische Politikerin Alice Weidel und die deutsch-kurdische Leyla Bilga, die „trotz und wegen“ (S. 182) ihrer sexuellen Orientierung bzw. Herkunft in der AfD erfolgreich sind, werden angeführt und eingeordnet. Die weit verbreitete Ansicht, dass sich (extrem) rechte Frauen* lediglich instrumentalisieren lassen würden, greift den Autor*innen zu kurz. Sie werfen linken und antifaschistischen Analysen Sexismus in der Betrachtung von (extrem) rechten Frauen* vor. Ohne zu romantisieren, erklären sie, warum das Engagement rechter Frauen* als Akt der Selbstermächtigung, möglicherweise gar der Befreiung verstanden werden muss – wenngleich Emanzipation im Kontext antifeministischer Ideologie nur begrenzt möglich ist. Im vorletzten Kapitel schlagen sie die Bezeichnung „rassistische Frauenrechtler*innen“ vor, um die (extrem) rechte Ideologie der Akteur*innen nicht zu verschleiern und auch das (begrenzte) emanzipatorische Potential anzuerkennen, aber um gleichzeitig eine klare Abgrenzung zu feministischen Positionen vorzunehmen.


Ethnisierung von Gewalt: Erfolgsmodell der Antifeminist*innen

Frauen*Rechte und Frauen*Hass greift in Kapitel fünf eine Vielzahl von aktuellen politischen Debatten auf und gibt Einordnungshilfe für antifeministische Ereignisse und Diskurse der letzten Jahre: von der „Silvesternacht in Köln“, die zum Referenzpunkt für die rassistische Mobilisierung für Frauenrechte wurde, und der medialen Berichterstattung darüber, über die Morde an Frauen in Kandel 2017, die Frauenmärsche der AfD und die rassistisch und LGBTIQ*-feindlich motivierten Morde im Pulse-Club in Orlando 2016 bis hin zu aktuellen Kampagnen von radikalen Abtreibungsgegner*innen.

In den letzten Jahren und Jahrzehnten sei es Antifeminist*innen gelungen „traditionell eher vernachlässigte Themen wie sexualisierte Gewalt und so genannte häusliche Gewalt zentral und prominent zu platzieren“ (S. 11) – und das weit über die extreme Rechte hinaus. Ein großer Teil des Diskurses über Migration sei gleichzeitig ein Diskurs über Sicherheit im öffentlichen Raum geworden (ebd.). Als Grund hierfür sieht das Autor*innenkollektiv die Anschlussfähigkeit der Figur der „weißen Frau als Opfer von sexualisierter Gewalt im öffentlichen Raum“ (S. 190), aber auch die fehlende Thematisierung von Frauen*hass und (sexualisierter) Gewalt seitens der Linken. Während rechtsextreme Akteur*innen ihre rassistischen Narrative von „fremden Tätern“, die „unsere weißen Frauen“ bedrohen, über Jahre aufgebaut und medial verbreitet haben, würde es der Linken an Analysen und Besetzungen der Thematik fehlen. „Gerade das Ausbleiben fundierter linker Kritik ermöglicht es der extremen Rechten, weiterhin Agenda-Setting zu betreiben“ (S. 164).


Antifeminismus vs. Anti-Genderismus

Spätestens mit dem Sammelband Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen (Hark/Villa 2017), der 2015 erstmals erschien, hat der Begriff Anti-Genderismus Einzug in feministische wissenschaftliche Debatten im deutschsprachigen Raum gefunden. Das Autor*innenkollektiv Fe.In lehnt diesen ab und liefert dafür eine fundierte Begründung: Der Begriff Genderismus versuche, „das gesamte Kampffeld als eine etwas alberne ideologische Spielerei darzustellen, als ginge es bei allen queer-feministischen Kämpfen ausschließlich um Sprachregelungen und darum, wer auf welche Toilette gehen darf“ (S. 21). Mit dem Begriff Anti-Genderismus würde einerseits dem rechten Kampfbegriff lediglich ein Anti vorangestellt und damit die rechte Sprache unreflektiert übernommen – anstatt sie zu kritisieren. Andererseits seien Anti-Genderismus und Antifeminismus nicht deckungsgleich, zumal „Antifeminismus ein viel breiteres Phänomen [ist], in dem die aktuellen Kämpfe der Rechten gegen ‚Genderismus‘ nur einen Teil ausmachen“ (ebd.). Die Kritik der Autor*innen richtet sich aber auch an die Rechtsextremismusforschung, in der die Analysekategorie Gender unterbelichtet sei, wie Götz bereits in früheren Publikationen kritisiert hat (vgl. z.B. Götz 2014).


Gelungene feministische Intervention

Frauen*Rechte und Frauen*Hass kann als Einführung in eine feministisch-antifaschistische Analyse von antifeministischen Ideologien und Bewegungen in Österreich und Deutschland gelesen werden. Ebenso aber auch als queer-feministisches Manifest gegen (extrem) rechte Ideologien und als Kritik am politischen Versagen der Linken, der Ethnisierung von Gewalt etwas entgegenzusetzen. Der Unmut gerade über eine attestierte „linke Ignoranz“ (S. 134ff.) in Bezug auf sexualisierte Gewalt spricht deutlich aus dem Buch.

Trotz der Schwere und Komplexität der Themen gelingt Eike Sanders, Anna O. Berg und Judith Götz eine pointierte und phasenweise humorvolle Abhandlung über Antifeminismus, rassistische Frauenrechtler*innen und den Kampf um Deutungshoheit, Macht und Ressourcen. Das kurzweilige Buch soll Mut machen für eine feministische „Utopie, die eine queere, eine globale und eine antirassistische sein muss“ (S. 12). Dafür „brauchen wir eine feministisch-antifaschistische Analyse des herrschenden Antifeminismus in seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit. Dazu ist dieses Buch ein Beitrag“ (ebd.) – und eine gelungene queer-feministische Intervention obendrein.


Literatur

Götz, Judith (2014): (Re-)Naturalisierung der Geschlechterordnung. Anmerkungen zur Geschlechterblindheit der (österreichischen) Rechtsextremismusforschung. In: Forschungsgruppe Ideologien du Politiken der Ungleichheit (Hg.): Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen, Bd. 1. Wien: Mandelbaum, S. 40–68.

Hark, Sabine/Villa, Paula-Irene (2017): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld: Transcript.



Paul Haller / paul.valentin.haller@gmail.com