Ruth Hechtl. Sexuelle Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene Inhalte, Ziele und Implikationen für die Professionalisierung.
31. Ausgabe, 2025
Geschlechtergerechtigkeit
Sexuelle Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene
Inhalte, Ziele und Implikationen für die
Professionalisierung
Ruth Hechtl
Zusammenfassung
Der Beitrag beleuchtet das Potenzial sexueller Bildungsangebote für Jugendliche und junge
Erwachsene und unterstreicht die zentrale Bedeutung qualifizierter Fachkräfte für ihre professionelle
Umsetzung. Sexuelle Bildung unterstützt junge Menschen auf ihrem Weg zu selbstbestimmter
SexualitätundIdentitätsentwicklung,stärktdiesexuelleundreproduktiveGesundheit,wirktpräventiv
gegen Gewalt und fördert einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität. Darüber hinaus
trägt sie wesentlich zu Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion bei, indem sie gesellschaftliche
Normen, Machtverhältnisse und Tabuisierungen kritisch hinterfragt und aktiv Diskriminierung sowie
Ausgrenzung entgegenwirkt. Der Beitrag argumentiert, dass die Professionalisierung sexueller
Bildung unverzichtbar ist, um qualitativ hochwertige sexuelle Bildungsangebote im Einklang mit
professionsethischen Standards sicherzustellen. Dies erfordert fundiertes Fachwissen, Reflexions-,
Kommunikations- und Handlungskompetenz sowie eine Haltung, die von Respekt und Offenheit
geprägt ist.
Schlagworte: sexuelle Bildung, Selbstbestimmung, sexuelle Gesundheit, sexuelle Rechte,
Professionalisierung
Abstract
The article highlights the potential of sexual education programmes for adolescents and young
adults and emphasises the central importance of qualified professionals for their professional
implementation. Sexual education supports young people on their path to self-determined sexuality
and identity development, strengthens sexual and reproductive health, has a preventive effect
against violence, and promotes a responsible approach to sexuality. In addition, it contributes
significantly to gender equality and inclusion by critically questioning social norms, power relations
and taboos and actively counteracting discrimination and exclusion. The article argues that the
professionalisation of sexual education is essential to ensure the provision of high-quality sexual
education programmes in line with professional ethical standards. This requires sound specialist
knowledge, reflective, communication and action skills, and an attitude characterised by respect
and openness.
Keywords: sexual education, self-determination, sexual health, sexual rights, professionalisation
1
Einleitung
Obwohl das Thema Sexualität in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist, besteht ein erheblicher
Mangel an fachlich fundierter sexueller Bildung. Vor allem Jugendliche fühlen sich oft unzureichend
informiert und äußern einen großen Bedarf an umfassender, altersgerechter Aufklärung. Der aktuelle
Gendergesundheitsbericht des Gesundheitsministeriums zeigt: 72 Prozent der Jugendlichen
wünschen sich mehr Informationen über sexuelle und reproduktive Gesundheit (vgl. Gaiswinkler et
al. 2024: 3). Ein unzureichendes Wissen über Sexualität begünstigt insbesondere bei Jugendlichen
und jungen Erwachsenen die unreflektierte Übernahme gesellschaftlicher Normen und medialer
Darstellungen von Sexualität. Ohne adäquate Aufklärung werden Fehlinformationen nicht korrigiert,
Missverständnisse entstehen und langfristig können sexuelle Probleme auftreten (vgl. Weidinger
2021: 650). Dies unterstreicht die Relevanz sexueller Bildungsangebote, die grundlegendes Wissen
vermitteln und die kritische Reflexionsfähigkeit und Handlungskompetenz fördern.
Der Gendergesundheitsbericht verdeutlicht ebenfalls, dass die sexuelle Gesundheit von
Frauen nach wie vor überwiegend aus einer reproduktiven und risikoorientierten Perspektive
betrachtet wird. Um dieser einseitigen Sichtweise entgegenzuwirken, sollten Aspekte wie weibliche
Lust und der sogenannte Orgasm Gap stärker thematisiert werden (vgl. Gaiswinkler et al. 2024: 36f.).
Der Orgasm Gap oder Pleasure Gap beschreibt geschlechtsspezifische Unterschiede im Erleben
sexueller Lust und Zufriedenheit. Diese sind auf kulturelle und soziale Normen, Machtasymmetrien
in sexuellen Beziehungen und Wissensdefizite in Bezug auf die weibliche Anatomie und Sexualität
zurückzuführen. Geschlechtersensible sexuelle Bildung kann hier präventiv wirken, indem sie
Wissen vermittelt, normative Vorstellungen kritisch hinterfragt und die Kommunikationsfähigkeit
in sexuellen Kontexten stärkt (vgl. Kranus Health o.J.). Sie fördert einen positiven Zugang zur
weiblichen Sexualität und trägt wesentlich zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die
Lebensgestaltung bei.
Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene mit belastenden Erfahrungen müssen
bei der Gestaltung von positiven Beziehungen und der Entwicklung selbstbestimmter Sexualität
unterstützt werden. Dies unterstreicht die beim Deutschen Jugendinstitut (DJI) in Auftrag gegebene
Studie Beziehungen, Sexualität und Partnerschaftsgewalt bei Mädchen und jungen Frauen in
der stationären Erziehungshilfe (2024). Die Ergebnisse zeigen, dass im Falle dysfunktionaler
Beziehungserfahrungen und erlebter Gewalt die Förderung von Beziehungskompetenzen
entscheidend ist, um das Risiko weiterer Gewalterfahrungen von Mädchen und jungen Frauen zu
reduzieren (vgl. Witte/Hornfeck/Müller/Schlossbach/Jentsch 2024). In diesem Zusammenhang wirkt
sexuelle Bildung präventiv, da sie zentrale Kompetenzen stärkt, die sowohl die sexuelle Gesundheit
als auch die Wahrnehmung und Durchsetzung damit verbundener Rechte betreffen.
Dieser Artikel beleuchtet die Potentiale sexueller Bildungsangebote für Jugendliche und
junge Erwachsene. Einleitend werden die Entwicklung und zentrale Kennzeichen sexueller
Bildung dargestellt. Anschließend werden die relevanten Inhalte und Zielsetzungen der sexuellen
Bildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen genannt. Dabei wird deutlich, wie sexuelle
Bildung junge Menschen auf dem Weg zu einer lustvollen, selbstbestimmten Sexualität sowie
in ihrer Identitätsentwicklung begleitet. Sie fördert die sexuelle und reproduktive Gesundheit
und wirkt präventiv gegenüber sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt. Darüber
hinaus kann sexuelle Bildung gesellschaftliche Veränderungen anstoßen, indem sie sich für
Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion einsetzt. Vor diesem Hintergrund wird der Bedarf an
professionellen sexuellen Bildungsangeboten verdeutlicht, die Jugendliche und junge Erwachsene
in ihrem sexuellen Lernprozess angemessen unterstützen. Abschließend werden zentrale
Implikationen für die Professionalisierung sexueller Bildung abgeleitet. Der Artikel zeigt auf, über
welche Kompetenzen Fachkräfte in der sexuellen Bildung verfügen müssen, um die Angebote
zielgruppengerecht, fachlich fundiert und unter Berücksichtigung professionsethischer Standards
gestalten zu können. Angesichts dieser Anforderungen ist eine kontinuierliche Qualifizierung durch
entsprechende Aus- und Fortbildungsmaßnahmen unerlässlich.
2
Sexuelle Bildung: Begriffsentwicklung, Kennzeichen und Potentiale
Sexualaufklärung, Sexualerziehung, Sexualpädagogik und sexuelle Bildung sind gängige Begriffe,
die im allgemeinen Sprachgebrauch die Vermittlung von Wissen über Sexualität in verschiedenen
Kontexten beschreiben (vgl. Martin 2019: 7). In den 1960er und 1970er Jahren dominierte der Begriff
Sexualaufklärung, der sich vornehmlich auf die Vermittlung kognitiver Inhalte beschränkte (vgl.
Valtl 2006: 3). In der Sexualaufklärung werden Kindern und Jugendlichen biologisch-medizinische
Fakten über den menschlichen Körper und die menschliche Sexualität durch persönliche
Kommunikation oder auch durch verschiedene Medien vermittelt. Im Unterschied dazu wird der
Begriff Sexualerziehung hauptsächlich in (vor)schulischen und familiären Kontexten verwendet.
Er umfasst die Vermittlung von altersadäquaten, sexualitätsbezogenen Inhalten mit einem
erzieherischen Auftrag. Dabei sollen neben biologisch-medizinischen Fakten auch psychische,
soziale, ethische, religiöse und juristische Aspekte sowie die didaktische Vermittlung berücksichtigt
werden (vgl. Martin 2019: 7).
In den 1980er und 1990er Jahren wurde die Entwicklung der Sexualaufklärung hin zur
Sexualpädagogik vorangetrieben, und zwar v.a. durch gesellschaftlich brisante Themen, wie den
Wandel der Geschlechterverhältnisse oder die Anerkennung vielfältiger sexueller Lebensformen,
sowie durch die Präventionsabsicht im Bereich sexueller Gewalt und sexuell übertragbarer
Krankheiten, einschließlich HIV/Aids. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach sexueller
Selbstbestimmung. Aus pädagogischer Perspektive muss geklärt werden, welche Kompetenzen
Menschen benötigen, um ihr sexuelles und Beziehungsleben selbstbestimmt zu gestalten, und
welche Angebote die Pädagogik bereitstellen muss, damit Menschen diese Kompetenzen erwerben
(vgl. Valtl 2006: 3).
Die Sexualpädagogik hat sich im Laufe der Jahrzehnte als eigenständiges Arbeits- und
Berufsfeld entwickelt. Sie umfasst methodisch-didaktische und pädagogische Ansätze und ein
erweitertes Aufgabenfeld in Wissenschaft und Praxis. Ziel ist es, Wissen zu vermitteln sowie
Reflexions- und Handlungskompetenz zu fördern (vgl. Martin 2019: 7f.). In den 2000er Jahren
hat Valtl den umfassenderen Begriff der sexuellen Bildung in den sexualpädagogischen Diskurs
eingebracht. Er schlägt vor, den Begriff sexuelle Bildung als neuen Leitbegriff zu verwenden,
da Bildung in der sogenannten postmodernen Gesellschaft als wertvoll erachtet wird und neue
Perspektiven auf Sexualität eröffnet (vgl. Valtl 2006: 3f.). Sexuelle Bildung umfasst weit mehr als
Sexualaufklärung, da sie nicht nur biologische Aspekte, sondern verschiedene individuelle sowie
gesellschaftliche und politische Dimensionen von Sexualität berücksichtigt.
Um diese Dimensionen zu konkretisieren, ist die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
vorgeschlagene Definition von Sexualität hilfreich. Die WHO definiert Sexualität als einen zentralen
Aspekt des Menschseins, der sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt. Sie umfasst „das
biologische Geschlecht, die Geschlechtsidentität, die Geschlechterrolle, sexuelle Orientierung, Lust,
Erotik, Intimität und Fortpflanzung“. Sexualität „wird erfahren und drückt sich aus in Gedanken,
Fantasien, Wünschen, Überzeugungen, Einstellungen, Werten, Verhaltensmustern, Praktiken, Rollen
und Beziehungen“. Nicht alle diese Aspekte werden immer gleichzeitig erfahren oder ausgedrückt.
Sexualitätwirddurch„dasZusammenwirkenbiologischer, psychologischer, sozialer, wirtschaftlicher,
politischer, ethischer, rechtlicher, religiöser und spiritueller Faktoren“ beeinflusst (vgl. WHO 2006:
10, zit. n. WHO-Regionalbüro für Europa/BZgA 2011: 18). Diese umfassende Definition der WHO
verdeutlicht: Sexualität begleitet den Menschen auf vielfältige Weise und ein Leben lang, sie wird von
unterschiedlichsten Variablen beeinflusst. Sie „ist kein blinder Trieb, sondern ein Teil der Kultur. Sie
hat eine Fortpflanzungsfunktion, eine Sozialfunktion, eine Lustfunktion, eine Gesundheitsfunktion
und eine Identitätsfunktion“ (Hinz 2021, zit. n. Hinz 2023: 4f.). Auf einem solch weiten Verständnis
von Sexualität aufbauend, lassen sich fünf zentrale Kennzeichen sexueller Bildung benennen, wie
sie Valtl (2006) definiert.
„Sexuelle Bildung ist selbstbestimmt“ (Valtl 2006: 4)
Sexuelle Bildung stellt die Selbstbestimmung der Lernenden in den Mittelpunkt. Sie unterstützt
Menschendabei, ihresexuelleIdentitätsowieihrBeziehungslebeneigenverantwortlichundreflektiert
zu gestalten. Im Gegensatz zur Erziehung, die auf aktive Formung abzielt, versteht sich Bildung als
ein Prozess der Selbstformung durch Weltaneignung. Dabei lernen Menschen durch persönliche
Erfahrungen und erschließen sich ihre Umwelt aktiv. In diesem Sinne sind auch Lernende aktive
Subjekte ihrer sexuellen Entwicklung, die eigenständig Erfahrungen suchen, verarbeiten und daraus
lernen. Pädagog*innen übernehmen dabei eine unterstützende Rolle. Sexuelle Bildung begleitet
die Lernenden bei ihrer individuellen und selbstbestimmten Entwicklung, sie fördert kritisches
Denken und schafft Lernräume, die Selbstständigkeit und Kompetenzen wie Problemlösung,
Informationsbeschaffung und -bewertung stärken (vgl. Valtl 2006: 5–7; Jahn/Tajariol 2023: 7).
„Sexuelle Bildung hat einen Wert an sich“ (Valtl 2006: 4)
Sexuelle Bildung wird nicht nur als Mittel zur Prävention oder Problemlösung betrachtet, sondern hat
einen davon unabhängigen Wert. Sie fördert die Freude an Sexualität, stärkt das Selbstwertgefühl
und betont die Bedeutung von Sexualität in Beziehungen. Diese moderne Sichtweise erkennt
Sexualität als Teil eines erfüllten Lebens und als Quelle von Glück an. Im Gegensatz zur traditionellen
Sexualpädagogik, die sich hauptsächlich auf die Vermeidung von Risiken wie sexuell übertragbare
Krankheiten, ungewollte Schwangerschaften und Gewalt konzentrierte und dabei oft den positiven
Aspekt der Sexualität vernachlässigte, setzt sexuelle Bildung auf eine umfassende Förderung der
sexuellen Entwicklung. Sie unterstützt die Lernenden dabei, ihre individuelle Sexualität zu entdecken
und in ihr Leben zu integrieren. Dabei wird die Vielfalt sexueller Ausdrucksformen anerkannt, die
sexuellen Bildungsangebote werden entsprechend den unterschiedlichen Bedürfnissen und
Interessen der Zielgruppen gestaltet (vgl. Valtl 2006: 7–9; Jahn/Tajariol 2023: 7).
„Sexuelle Bildung ist konkret und brauchbar“ (Valtl 2006: 4)
Sexuelle Bildung ist praxisnah und lebensrelevant, da sie Wissen und Kompetenzen vermittelt, die
im Alltag direkt anwendbar sind. Sie orientiert sich an realen Herausforderungen wie dem Umgang
mit Verhütungsmitteln oder der Reflexion über Partnerschaftsformen. Darüber hinaus bezieht sie
sexuelle Bildungsgüter wie erotische Fotografie oder rechtliche Regelungen mit ein, um Sexualität
als selbstverständlichen Teil des Lebens erfahrbar zu machen. Ziel ist es, Lernende altersgerecht
an die Realität heranzuführen, ohne ein unrealistisches oder verzerrtes Bild zu vermitteln (vgl. Valtl
2006: 9–11; Jahn/Tajariol 2023: 7).
„Sexuelle Bildung spricht den ganzen Menschen an“ (Valtl 2006: 4)
Sexuelle Bildung spricht den ganzen Menschen an, indem sie alle Lebensalter, Kompetenzebenen
und Dimensionen des Mensch-Seins einbezieht. Sie fördert sexuelle Kompetenzen auf kognitiver
Ebene (Wissen, Reflexions- und Entscheidungsfähigkeit), auf emotionaler Ebene (Empathie,
Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Gefühle, Berührbarkeit), auf energetischer Ebene
(Freisetzung, Stärkung und Erhaltung sexueller Energie), auf praktischer Ebene (konkretes Know-
how, z. B. zu Stellungen oder Hilfsmitteln), auf körperlicher Ebene (Körpergefühl, Sinnlichkeit) sowie
auf der Ebene der Haltung (Sinn für Fairness und Respekt) (vgl. Valtl 2006: 11–14; Jahn/Tajariol
2023: 7f.).
„Sexuelle Bildung ist politisch“ (Valtl 2006: 4)
Sexualität ist untrennbar mit politischen Dimensionen verbunden. Sie wird von gesellschaftlichen
Aspekten wie z.B. Arbeitszeiten, Familienpolitik, Konsumgewohnheiten oder Medien beeinflusst
und nimmt selbst Einfluss auf politische Strukturen, indem sie politische Auseinandersetzungen
anstoßen und gesellschaftliche Veränderungen fördern kann. Ein Beispiel hierfür ist die rechtliche
Gleichstellung von Homosexualität, die maßgeblich durch die Kämpfe queerer Menschen erreicht
wurde. Sexuelle Bildung sensibilisiert für die politischen Ebenen von Sexualität, schafft Bewusstsein
für Themen wie Gleichstellung, sexuelle Gewalt und die Rechte von Minderheiten. Sie befähigt
Lernende, als kompetente Bürger*innen in einer demokratischen Gesellschaft Stellung zu beziehen
und aktiv zu handeln. Gleichzeitig verhindert sexuelle Bildung, dass Sexualität für politische
Manipulation missbraucht wird (vgl. Valtl 2006: 14f.; Jahn/Tajariol 2023: 8).
Mittlerweile ist sexuelle Bildung nicht nur ein gängiger Fachbegriff der Pädagogik, sondern
wird auch in anderen Disziplinen wie der Sozialen Arbeit oder der Sexualwissenschaft verwendet
(vgl. Mantey 2021). Sexuelle Bildung umfasst sämtliche sexualitätsbezogenen Themen und schließt
sowohl gezielte pädagogische Angebote als auch selbstinitiierte Lernprozesse ein. Sie richtet sich
an verschiedene Zielgruppen allen Alters, berücksichtigt deren unterschiedliche Lebenslagen und
Informationsbedarfe und bringt zahlreiche Potentiale mit sich (vgl. Martin 2019: 8). „Angesetzt im
Kindesalter hat sexuelle Bildung das Potenzial, bereits Kindern zu zeigen, wie vielfältig Identitäten,
Sexualität, Körper, Beziehungen und Lebensweisen sein können und wie Menschen miteinander
umgehen können, ohne die Grenzen des Gegenübers gewaltvoll zu überschreiten.“ (Jahn 2024)
Altersadäquate sexuelle Bildungsangebote stärken die Akzeptanz von Vielfalt, wirken präventiv
gegen sexualisierte Gewalt und tragen dazu bei, Geschlechterstereotype abzubauen, die
selbstbestimmte Identitätsentwicklung zu unterstützen und die Gleichstellung der Geschlechter
von klein an zu fördern.
Da sexuelle Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist, kann in verschiedenen Lebensphasen
einBedarfanWissenüberSexualität,Körperlichkeit,IdentitätundBeziehungenbestehen.Häufigwird
fälschlicherweise angenommen, dass Erwachsene automatisch über ausreichende Kompetenzen
im Umgang mit diesen Themen verfügen. Diese Annahme kann zu Unsicherheiten und Druck führen
(vgl. Jahn/Tajariol 2023: 7). Aus diesem Grund richten sich sexuelle Bildungsangebote auch an
Erwachsene mit Informationsdefiziten oder in belastenden Lebenssituationen sowie an Menschen
mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen oder im höheren Lebensalter. Ziel ist es, durch
Enttabuisierung, offene Kommunikation, Reflexion und Wissensvermittlung die Teilhabe an der
Sexualkultur zu ermöglichen, das sexuelle Wohlbefinden zu steigern und die sexuelle Gesundheit
zu stärken. Zudem soll sexuellen Problemen und Sexualstörungen vorgebeugt werden bzw. sollen
diese frühzeitig erkannt werden. Auch soll der Zugang zu unterstützenden Ansprechpersonen sowie
zu einer Community für Austausch und gegenseitiges Empowerment hergestellt werden (vgl. Martin
2019: 8; Hinz 2023: 5; Jahn/Tajariol 2023: 7).
Sexuelle Bildung fördert die individuelle Selbstbestimmung und eine verantwortungsvolle
Sexualethik, indem sie zentrale Themen wie Lust, Identität und Konsens behandelt. Sie unterstützt
Menschen dabei, reflektierte Entscheidungen über ihre Sexualität zu treffen und einvernehmliche,
respektvolle sexuelle Begegnungen zu gestalten. Grundlage hierfür ist die sogenannte Konsens-
bzw. Verhandlungsmoral, die auf gegenseitigem, informiertem Einvernehmen zwischen
entscheidungsfähigen Personen basiert und sich an ethischen Prinzipien wie dem Recht auf Leben
und Nichtschädigung orientiert (vgl. Hinz 2023: 5). Über die individuelle Ebene hinaus hat sexuelle
Bildung jedoch auch das Potenzial, gesellschaftliche und politische Systeme positiv zu verändern,
indem sie bestehende Restriktionen, Normen und Tabuisierungen hinterfragt und aufbricht.
3
Sexuelle Bildung Jugendlicher und junger Erwachsener: Lernorte,
Inhalte und Zielsetzungen
Im Folgenden werden Lernorte, Inhalte und Zielsetzungen der sexuellen Bildung für Jugendliche
und junge Erwachsene vorgestellt. Eine umfassende, altersgerechte und inklusive sexuelle Bildung
ist essenziell, um junge Menschen in ihrer sexuellen Entwicklung zu begleiten, eine reflektierte
Auseinandersetzung mit Sexualität, Körperlichkeit und Beziehungen zu fördern und gleichzeitig
gesellschaftliche Herausforderungen wie Geschlechterungleichheit, sexualisierte Gewalt und
Exklusion anzugehen.
3.1 Formale, nonformale und informelle sexuelle Bildung
SexuelleBildungfindetanverschiedenenOrtenstatt, diesichindieBereicheformale, nonformaleund
informelle Bildung unterteilen lassen (vgl. Böhm/Kopitzke/Herrath/Sielert 2022: 11f.). Im Jugendalter
wird formale sexuelle Bildung im schulischen Kontext umgesetzt. Gemäß dem Grundsatzerlass
Sexualpädagogikistsie„alsBildungs-undLehraufgabe[…]inallenLehrplänenalsUnterrichtsprinzip
beziehungsweise als Bildungsbereich ‚Gesundheit und Bewegung‘ und als inhaltlicher Schwerpunkt
in bestimmten Pflichtgegenständen verankert“ (BMB o.J.). Ihre Umsetzung im Schulalltag erfordert
eine fächerübergreifende Koordination und die Nutzung von Querverbindungen zu anderen
Unterrichtsprinzipien wie zum Beispiel der Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern
(vgl. BMB o.J.). Gerade angesichts der leichten Verfügbarkeit medialer Informationen über Sexualität
bleibt schulische sexuelle Bildung zentral, um Jugendlichen fundiertes Wissen und Sozial- und
Handlungskompetenz zu vermitteln. Sie sollte kontinuierlich, in verschiedenen Unterrichtsfächern
und aus Gründen des Intimitätsschutzes auch mit Unterstützung externer sexualpädagogischer
Fachkräfte erfolgen. Im schulischen Kontext sind die Förderung sexueller Selbstbestimmung,
die Implementierung von Schutzkonzepten und die Qualifizierung von Lehrkräften im Umgang
mit sexualitätsbezogenen Themen essentiell. Trotz des Zwangskontextes kann Schule somit ein
bedeutsamer Ort sexueller Bildung sein, zumindest dann, wenn offen, reflektiert und professionell
mit dem Thema Sexualität umgegangen wird (vgl. Martin 2019: 9).
Nonformale sexuelle Bildung bezeichnet freiwillige, pädagogisch begleitete Angebote
außerhalb des formalen Bildungssystems wie Workshops oder Gruppenangebote, die Jugendlichen
in geschützten Räumen eine praxisnahe Auseinandersetzung mit Sexualität, Körperlichkeit und
Beziehungen ermöglichen und die schulische Sexualpädagogik sinnvoll ergänzen. Laut Böhm et al.
(2022) umfassen nonformale Bildungsformate vielfältige Angebote: Neben sexualitätsbezogenen
Beratungsformaten werden auch professionelle audiovisuelle Medienangebote oder Beiträge
aus der Unterhaltungsindustrie dazugezählt, die gezielt Themen wie Sexualität, Beziehungen
und geschlechtliche sowie sexuelle Selbstbestimmung adressieren: „Die Angebote begleiten die
sexuelle Sozialisation über das Jugendalter hinaus in das Erwachsenenalter und zielen auf eine
Erweiterung der individuellen Informations-, Reflexions- und Handlungsmöglichkeiten.“ (Böhm et
al. 2022: 11) Darüber hinaus zählen auch die „gesellschaftlichen, kulturell wirksamen Bewegungen“,
wie beispielsweise „die #MeToo-Aktivitäten, die vielfältigen Bodypride-, Antidiskriminierungs- und
Selbstvertretungsinitiativen verschiedener (sexueller) Communities“ (Böhm et al. 2022: 11f.), zu den
nonformalen Bildungseinflüssen, da sie zur Auseinandersetzung mit sexuellen und geschlechtlichen
Identitäten beitragen und Bildungsprozesse anstoßen.
Im Gegensatz zu den zuvor genannten Formen geschieht informelle sexuelle Bildung im
Alltag en passant:
„Informell, ,quasi ,beiläufig‘, werden Menschen auch ohne Dazutun pädagogischer
Akteur*innen sexuell gebildet; und sie bilden sich selbst. Quantität und Qualität
der vielen äußeren Einflüsse auf die sexuelle Selbstbildung unterscheiden sich und
reichen von Sozialisationseinflüssen der Herkunftsfamilie, prägenden Wirkungen
von Freund*innen, persönlichen Beziehungs- und Sexualerfahrungen über
Massenmedien und käufliche Accessoires für romantische Liebe sowie reinen
Paysex.“ (Böhm et al. 2022: 11, Herv.i.O.)
Diese Form der sexuellen Bildung ist weniger strukturiert und kann sowohl positive als auch
irreführende Einflüsse auf Jugendliche und junge Erwachsene haben. Sie erhalten hier oft ungefilterte
Informationen, die von persönlichen Erfahrungen, gesellschaftlichen Normen und stereotypen oder
realitätsfernen medialen Darstellungen geprägt sein können.
Nach der Darstellung der Lernorte werden nun zentrale Inhalte und Zielsetzungen sexueller
Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene erläutert.
3.2 Sexuelle Gesundheit und sexuelle Rechte
Die WHO betrachtet Sexualität als eine zentrale Determinante von Gesundheit, die untrennbar
mit dem allgemeinen Wohlbefinden und der Lebensqualität verbunden ist (vgl. Schuch 2021a).
„Sexuelle Gesundheit ist der Zustand körperlichen, emotionalen, geistigen und sozialen
Wohlbefindens bezogen auf die Sexualität und bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krankheit,
Funktionsstörungen oder Schwäche.“ (WHO 2006: 10, zit. n. WHO-Regionalbüro für Europa/BZgA
2011: 19) Die WHO betont, dass sexuelle Gesundheit „eine positive, respektvolle Herangehensweise
an Sexualität und sexuelle Beziehungen als auch die Möglichkeit für lustvolle und sichere sexuelle
Erfahrungen, frei von Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt“ erfordert. Sie hebt hervor, dass
sexuelle Gesundheit nur „erreicht und bewahrt werden“ kann, wenn „die sexuellen Rechte aller
Menschen anerkannt, geschützt und eingehalten werden“ (WHO 2006: 10, zit. n. WHO-Regionalbüro
für Europa/BZgA 2011: 19).
Sexuelle Rechte sind eng mit den Menschenrechten verknüpft und beinhalten das Recht
auf sexuelle Gesundheit, Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung, sexuelle
Aufklärung, Respekt für die körperliche Unversehrtheit, freie Partner*innenwahl, einvernehmliche
sexuelle Handlungen, Beziehungen und Eheschließungen, die Entscheidung über Familienplanung
sowie das Recht auf befriedigende, sichere und lustvolle sexuelle Aktivität. Diese Rechte setzen
voraus, dass sie frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt ausgeübt werden, und erfordern
gegenseitigen Respekt (vgl. WHO 2006: 10, zit. n. WHO-Regionalbüro für Europa/BZgA 2011:
20). Im Action plan for sexual and reproductive health (2016) formuliert die WHO Maßnahmen zur
Förderung und Sicherstellung der sexuellen Gesundheit in den Mitgliedsstaaten. Diese tragen
wesentlich zur Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung in Europa bei, insbesondere
in den Bereichen Geschlechtergleichstellung, Gesundheit und Wohlbefinden sowie Reduzierung
von Ungleichheiten. Sowohl schulische als auch außerschulische sexuelle Bildung leistet hierzu
einen wesentlichen Beitrag, indem sie Wissen vermittelt, eine positive und respektvolle Haltung zu
Sexualität fördert, Diskriminierung abbaut und Menschen befähigt, sichere und lustvolle sexuelle
Erfahrungen zu machen (vgl. WHO 2016).
Der eingangs erwähnte Mangel an umfassender und qualitätsgesicherter sexueller Bildung
führt dazu, dass jedoch viele Jugendliche unzureichend über Verhütungsmethoden informiert
sind oder deren Anwendung nicht sicher beherrschen. Dies spiegelt sich im Dringlichkeitsbericht
des WHO-Regionalbüros für Europa von 2024 wider, der auf einer Befragung von über 242.000
15-Jährigen zwischen 2014 und 2022 basiert. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Rückgang
des Kondomgebrauchs unter sexuell aktiven Jugendlichen in Europa: Der Anteil der Jungen,
die beim letzten Geschlechtsverkehr ein Kondom verwendeten, sank von 70 % (2014) auf 61 %
(2022), bei Mädchen von 63 % auf 57 %. Besorgniserregend ist zudem, dass fast ein Drittel
der Jugendlichen (30 %) angab, beim letzten Geschlechtsverkehr weder ein Kondom noch die
Antibabypille verwendet zu haben. Dieser Anteil hat sich seit 2018 kaum verändert. Damit geht
ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Infektionen, ungewollte Schwangerschaften und
unsichere Schwangerschaftsabbrüche einher. Die WHO betont, dass die hohe Prävalenz von
ungeschütztem Geschlechtsverkehr auf erhebliche Lücken in der altersgerechten Sexualerziehung
sowie beim Zugang zu Verhütungsmitteln hinweist. Die Ergebnisse unterstreichen die Dringlichkeit
weiterer sexueller Bildungsangebote, um Inhalte wie Verhütung, sexuelle Gesundheit und Lust
zu thematisieren (vgl. WHO 2024). Zudem ist es wichtig, die Handlungskompetenzen der jungen
Menschen zu schärfen: Praktische Kompetenzen in der sexuellen Bildung umfassen die Anwendung
von Wissen in konkreten Situationen, beispielsweise den richtigen Umgang mit Verhütungsmitteln,
aber auch den Umgang mit Herausforderungen wie der ersten sexuellen Erfahrung oder der
Kommunikation in Beziehungen (vgl. Hinz 2023: 6f.).
Neben dem Ausbau sexueller Bildungsangebote ist ein niederschwelliger Zugang
zu Verhütungsmitteln für die sexuelle und reproduktive Gesundheit wesentlich. Der erste
österreichische Verhütungsbericht (2024) des Gesundheitsministeriums zeigt, dass 50 % der
Frauen in Österreich die Kosten für Verhütung selbst tragen, während nur in 27 % der Fälle die
Kosten geteilt werden. Zudem würden 36,6 % der Frauen überhaupt erst mit Verhütung beginnen
oder ihr Verhütungsverhalten ändern, wenn sie nicht selbst für die Kosten aufkommen müssten. Der
Bericht verdeutlicht den Bedarf an kostenfreien Verhütungsangeboten, insbesondere für Mädchen
und Frauen ohne oder mit geringem Einkommen, sowie an flächendeckender, niederschwelliger
Verhütungsberatung und qualitätsvoller Aufklärungsarbeit. Mit Blick auf die Frauengesundheit ist
es essenziell, den Zugang zu Informationen, Beratung und Verhütungsmitteln zu verbessern, damit
Frauen unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund eine passende Methode wählen
können. Da die Verantwortung für Verhütung derzeit überwiegend bei Mädchen und Frauen liegt,
sind aus Gründen der Chancengerechtigkeit Maßnahmen erforderlich, die auch Burschen und
Männer stärker in die Verantwortung nehmen (vgl. Gaiswinkler/ Antosik/ Pfabigan/ Pilwarsch 2024:
5, 12, 75–77).
3.3 Kompetenzförderung durch sexuelle Bildung
Sexuelle Bildung stärkt die Sachkompetenzen, indem sie fundiertes Wissen über den menschlichen
Körper und die sexuelle Gesundheit vermittelt und die Fähigkeit fördert, dieses Wissen in
verantwortungsvolles Handeln umzusetzen (vgl. Hinz 2023: 6). Ein weiterer zentraler Aspekt ist die
Förderung von Medienkompetenz. Jugendliche beziehen Informationen über Sexualität häufig aus
Medien, die normative Vorstellungen, Rollenbilder und unrealistische Erwartungen an sich selbst
und das Gegenüber transportieren. Dies kann zu Verunsicherung, negativem Körperbild und zu
Fragen zur eigenen Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung führen. Sexuelle Bildung
unterstützt Jugendliche dabei, mediale Inhalte kritisch zu hinterfragen, manipulative Botschaften und
kommerzielle Interessen zu erkennen, Fehlinformationen zu korrigieren sowie Ängste und Irritationen
zu reduzieren. So fördert sie eine reflektierte und kritische Haltung gegenüber gesellschaftlichen
Zwängen, Normen und Mythen und trägt zur Stärkung der sexuellen Selbstbestimmung bei (vgl.
Schuch 2021b: 9; Weidinger 2021: 650).
Gerade in der Pubertät werden Jugendliche durch die körperlichen und seelischen
Veränderungenhäufigverunsichert. DurchsexuelleBildungwerdensiedarinunterstützt, einepositive
Haltung zu ihrem Körper, ihrer Identität und ihrer Sexualität zu entwickeln. Neben der Entwicklung
eines positiven Körperbewusstseins und Selbstwertgefühls werden auch die Wahrnehmung und
Akzeptanz eigener Bedürfnisse und Gefühle sowie Empathie für andere gefördert. Sexuelle Bildung
vermittelt die Bedeutung vom gegenseitigen, informierten und freiwilligen Einverständnis bei
sexuellenHandlungenentscheidungsfähigerSexualpartner*innen.DiesbeinhaltetauchdieFähigkeit,
über Sexualität differenziert und sensibel zu sprechen. Die kommunikativen Kompetenzen sollen es
ermöglichen, sexuelle Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen zu äußern und über sexualitätsbezogene
Themen wie Verhütung oder Ängste und Unsicherheiten bezüglich des eigenen Körpers zu reden.
Gerade im Kontext der Prävention von sexualisierter Gewalt ist das Nein-Sagen-Können in
unangenehmen oder grenzüberschreitenden Situationen essentiell (vgl. Schuch 2021a; Hinz 2023:
5, 7). Sexuelle Bildungsangebote leisten einen wichtigen Beitrag zur Gewaltprävention, indem
sie Wissen über Gewaltformen und -dynamiken, sexuelle Rechte sowie Unterstützungsangebote
vermitteln und kommunikative und soziale Kompetenzen gezielt stärken. Sie sensibilisieren für
respektvolle Interaktionen und befähigen die Menschen, ihre eigenen Grenzen und die anderer zu
erkennen, zu respektieren und klar zu kommunizieren. Diese Fähigkeiten sind entscheidend, um
Grenzüberschreitungen zu vermeiden und sich in potenziell gefährlichen Situationen zu behaupten.
Besonders für Mädchen und junge Frauen mit belastenden Vorerfahrungen oder erlebter
Gewalt ist die gezielte Förderung von Beziehungskompetenzen entscheidend. Dazu zählen die
Stärkung von Selbstbestimmung, das Erlernen konstruktiver Konfliktlösungsstrategien sowie der
AufbauindividuellerSchutzfaktoren.DieseFähigkeitenermöglichenes,ungesundeBeziehungsmuster
zu durchbrechen, risikobehaftetes Verhalten zu vermeiden und die Wahrscheinlichkeit weiterer
Gewalterfahrungen deutlich zu senken (vgl. Witte et al. 2024).
3.4 Die gesellschaftliche und politische Dimension sexueller Bildung
Sexuelle Bildung unterstützt nicht nur die individuelle Entwicklung durch die Förderung von
Selbstbestimmung und Empowerment, sie wirkt auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.
Der Wirkmechanismus sexueller Bildung besteht darin, normative Ordnungen, Machtverhältnisse
und Tabuisierungen kritisch zu reflektieren und langfristig zu verändern. Sie sensibilisiert für die
Wechselwirkungen zwischen Sexualität und Gesellschaft, indem sie aufzeigt, wie gesellschaftliche
Normen und politische Strukturen Sexualität beeinflussen und umgekehrt (vgl. Valtl 2006: 14f.;
Jahn/Tajariol 2023: 8; Jahn 2024).
Ein zentraler Aspekt der gesellschaftlichen und politischen Dimension sexueller Bildung
ist ihr Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit in einer patriarchalen Gesellschaft: „Das Patriarchat
beschreibt ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen, Regeln und
Verhaltensmustern, das von (cis) Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.“ (Jahn 2024)
Das Patriarchat manifestiert sich in vielfältigen Formen struktureller Diskriminierung, etwa in der
Ungleichverteilung von Sorge- und Care-Arbeit, dem Gender-Pay-Gap sowie in genderbasierter
Gewalt und Femiziden (vgl. Jahn 2024). Sexuelle Bildung setzt sich gegen patriarchale Strukturen
und für die Gleichstellung der Geschlechter ein. Sie trägt zum Abbau von Geschlechterstereotypen
und Cis-Heteronormativität bei, indem sie tradierte Rollenbilder und gesellschaftliche Normen
kritisch hinterfragt, alternative Perspektiven aufzeigt und Diskriminierung und Ausgrenzung
entgegenwirkt. Ein „intersektionaler und inklusiver Zugang zu Sexueller Bildung“ (Tajariol/Jahn
2023: 5) berücksichtigt die Überschneidungen verschiedener Diskriminierungsformen und macht
vielfältige Lebensrealitäten sichtbar. Dadurch werden insbesondere marginalisierte und vulnerable
Gruppen gestärkt und in ihrer Teilhabe gefördert. Sexuelle Bildung richtet sich an alle Menschen,
unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Herkunft, Religion oder
sozialem Hintergrund, und geht weit über die individuelle Ebene hinaus: Sie ist ein Werkzeug, das
gesellschaftliche Veränderungen anstößt und ausgehend von einer intersektionalen Perspektive
Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion, Selbstbestimmung zuarbeitet.
Erforderliche Kompetenzen für Fachkräfte in der sexuellen Bildung und Implikationen für die
Professionalisierung
Abschließend stellt sich die Frage nach den professionellen Kompetenzen, die für die
adäquate Vermittlung der genannten Inhalte vonnöten sind und den komplexen Anforderungen
heterogener Zielgruppen gerecht werden. Die Qualität sexueller Bildungsprozesse ist in hohem
Maße abhängig von der fachlichen Qualifikation, der pädagogischen Haltung sowie der reflexiven
und methodischen Vorbereitung von denjenigen, die diese Bildungsangebote gestalten. Ebenso
ist es wichtig, einen geschützten Raum zu schaffen, in dem sich die Lernenden sicher fühlen, ihre
Fragen und Unsicherheiten zu äußern.
Eine zentrale Fähigkeit ist die Selbstreflexion. Vor der Arbeit mit Lernenden sollten Fachkräfte
ihre eigene sexuelle Biografie und Lerngeschichte reflektieren, um blinde Flecken zu erkennen und
eine professionelle Haltung zu entwickeln. Dabei ist es essenziell, sich der eigenen Normen, Werte
und persönlichen Grenzen bewusst zu sein, da diese Reaktionen und Handlungen im Umgang mit
sexualitätsbezogenen Inhalten beeinflussen können. Ebenso wichtig ist der Erwerb von Handlungs-
und Kommunikationskompetenzen. Fachkräfte müssen in der Lage sein, über Sexualität offen und
sensibel zu sprechen, und sie müssen ein Bewusstsein für die Wirkung von Worten und Begriffen
entwickeln (vgl. Martin 2019: 9f.). Sie müssen fähig sein, auf konkrete Situationen professionell zu
reagieren, sei es im Umgang mit persönlichen Fragen, Offenbarungen oder Konflikten. Dies setzt
aktuelles Fachwissen zu sexuellen Bildungsthemen, Kenntnisse rechtlicher Rahmenbedingungen,
didaktische Kompetenzen sowie den Einsatz praxisnaher Materialien und interaktiver Methoden
voraus.
Angesichts der hohen Anforderungen an Fachkräfte in der sexuellen Bildung ist eine
nachhaltige Professionalisierung durch regelmäßige Fortbildungen unverzichtbar. Diese dienen nicht
nur der fachlichen Vertiefung, sondern fördern auch die kritische Auseinandersetzung mit eigenen
Haltungen, Werten und Normen. Fortbildungen bieten Raum für den Austausch über persönliche
Erfahrungen und die Reflexion individueller Entwicklungsgeschichten. Dadurch wird sowohl die
Selbstreflexion als auch das Verständnis für die Lebensrealitäten der Lernenden gestärkt. Zugleich
verbinden die Angebote aktuelle fachliche Inhalte mit methodisch-didaktischen Ansätzen und
fördern den gender- und diversitätssensiblen Dialog. Ein zentraler Akteur in diesem Bereich ist
das Institut für Sexualpädagogik (iSp) in Deutschland, das seit 1988 Fachkräfte in Deutschland,
Österreich, Südtirol und der Schweiz ausbildet (vgl. Martin 2019: 10f.). Das iSp bietet ein vielfältiges
Weiterbildungsangebot – darunter Lehrgänge, Seminare und Workshops – an und arbeitet
interdisziplinär sowie in enger Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen. Zudem wird es
von einem wissenschaftlichen Beirat unterstützt, dem renommierte Expert*innen angehören (vgl. iSp
2025a). In Kooperation mit den Fachhochschulen in Vorarlberg und Kärnten bietet es zweisemestrige
Zertifikatslehrgänge an, die Fachkräfte aus sozialen, pädagogischen und gesundheitlichen
Arbeitsfeldern befähigen, professionell mit sexualitätsbezogenen Themen umzugehen. Der
Abschluss dieser Hochschullehrgänge, ergänzt um Anforderungen wie Praxisstunden, erfüllt die
Voraussetzungen für das Qualitätssiegel der Gesellschaft für Sexualpädagogik Deutschland (gsp),
das der Sicherung und Sichtbarmachung professioneller sexueller Bildung dient (vgl. iSp 2025b;
iSp 2025c; gsp 2025). Das Siegel verdeutlicht: Professionelle sexuelle Bildung orientiert sich an
professionsethischen Standards, die auf den Prinzipien der Menschenrechte, Selbstbestimmung,
Diskriminierungsfreiheit, dem Schutz persönlicher Integrität, wissenschaftlicher Fundierung und
pädagogischer Verantwortung beruhen (vgl. gsp 2023).
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Fazit
Sexuelle Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene umfasst ein breites Themenspektrum wie
Körperwissen, sexuelle Gesundheit und Rechte, Beziehungen und Konsens sowie die kritische
Auseinandersetzung mit Geschlechterstereotypen, medialen Darstellungen, gesellschaftlichen Nor-
men und Mythen. Ziel ist es, junge Menschen dabei zu unterstützen, ein positives und selbstbe-
stimmtes Verhältnis zur eigenen Sexualität zu entwickeln, reflektierte Entscheidungen zu treffen und
respektvolle, einvernehmliche sexuelle Begegnungen zu gestalten. Darüber hinaus trägt sexuelle
Bildung zur gesellschaftlichen Veränderung bei, indem sie Geschlechtergerechtigkeit, Akzeptanz
von Vielfalt, Inklusion und intersektionale Perspektiven fördert. Für die professionelle Umsetzung
sexueller Bildung bedarf es qualifizierter Fachkräfte. Neben fundiertem Fachwissen sind Selbstre-
flexion, methodisch-didaktische Kompetenzen, eine gender- und diversitätssensible Haltung sowie
die Einhaltung professionsethischer Standards essenziell. Die Professionalisierung sexueller Bil-
dung ist entscheidend, um qualitativ hochwertige sexuelle Bildungsangebote sicherzustellen.
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Über die Autorin
FH-Prof.in Mag.a Dr.in Ruth Hechtl
Professorin für Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Gender/Diversity und Italienisch an der
Fachhochschule Kärnten und wissenschaftliche Leiterin des Hochschullehrgangs „Sexualpädagogik
und sexuelle Bildung“ an der FH Kärnten Academy.