soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 2 (2008) / Rubrik "Werkstatt" / Standortredaktion St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/103/99.pdf


Manuela Brandstetter, Bernd Dillinger, Catharina Pollak & Stefanie Schelberger:

Fallstudie: Jugend eines kleinstädtischen Sozialraums - Ein Forschungsbericht.


1. Einleitung
Ein "aktiver Umgang bei der Erschließung und Gestaltung von Lebenswelten und -entwürfen" wird als die zentrale Anforderung an die gegenwärtige und nächste Jugendgeneration von Seiten der soziologischen Jugendforschung hervorgehoben (vgl. Deinet 1999, Hurrelmann 2007; Hitzler 2007). Mit dem Übergang in ein posttraditionelles Zeitalter stehen Kinder und Jugendliche völlig neuen, stark veränderten und diversifizieren Lebensbedingungen gegenüber: "Nicht nur in urbanen Regionen sind Kinder und Jugendliche heute sehr viel intensiver auf die elterliche Unterstützung angewiesen. Sie können sehr viel weniger ihre Wohnumgebung unter Eigenregie entdecken (..) . Felder, Wiesen, freie Bewegungs- und Spielräume, in denen sich Kinder unbedroht von Straßenverkehr und anderen schädigender Einflussnahme bewegen können, stehen nur begrenzt oder nur in einer für die Kinder nicht selbständig zu überwindenden Entfernung zur Verfügung. Die unmittelbare Wohnumgebung und die Straße sind aufgrund der Gefahren nur eingeschränkt als Erlebnisräume zu nutzen. Spielkontakte müssen sehr weitgehend von den Eltern hergestellt werden. "(Deinet 1999:56). Insofern wird in diesem Zusammenhang auch eine Verarmung des öffentlichen Nahraums und einer "öffentlichen Behinderung der Jugendlichen bei den zentralen und "wichtigsten Aneignungstätigkeiten" (ebd.) beschrieben. Mehr denn je gilt der private Wohnbereich als übriggebliebenes Territorium für die Entfaltung von Persönlichkeit und Identitätsentwicklung, wo aber die Aneignungsprozesse, d. s. die Formen des "In-Besitz-Nehmens" und Ergreifens von Sozialen Räumen, nur innerhalb ganz bestimmter Grenzen möglich sind. Als Konsequenz dieser Entwicklungen werden "Tendenzen der Verinselung" (Sander/Vollbrecht 1993:95) beschrieben, welche im Kindesalter beginnen, sich in der Adoleszenzphase fortsetzen und entweder den Rückzug in privatistische Freizeitformen (z. B.: in Gestalt von Medienkonsum und/oder attraktiven und (öffentlich) geförderten Initiativen) begünstigen oder aber, vielfach zu einer "Belagerung" (nicht im Sinne von "Aneignung") des öffentlichen Raums führte.

Die Zusammenfassung der gegenständlichen Lebensweltstudie Jugendlicher einer ländlichen Kleinstadt in Gestalt dieses Beitrags nimmt Bezug auf das oben angeführte Wissen aus der soziologischen Jugendforschung. Vor diesem Hintergrund wird das Aneignungsverhalten der Jugendlichen in einem ländlichen Sozialraum beschrieben und indirekt damit auch dem Vorwurf der beauftragenden Stadtverwaltung nachgegangen, wonach diese Jugendlichen der besagten Kleinstadt keine Grenzen mehr kennen, die Erziehung nur mehr durch Lehrpersonen erfolge und grundsätzlich keine Werte, Normen und Alltagskompetenzen mehr respektierten (Expertin S 1). Ein Mangel an Selbstorganisationsvermögen, an Eigeninitiative sowie an adäquaten Umgangsformen mit Autoritätspersonen sei es, was die Jugendlichen im gegenständlichen Sozialraum charakterisiere - so die Expertin (ebd.) - und was Forschungen wie diese notwendig mache.

Der gegenständliche Beitrag skizziert das Design der Studie in aller Knappheit, um dann auf die Lebensweltperspektive der befragten und beobachteten Jugendlichen in einem ersten Schritt einzugehen. Die sozialraumanalytische Verortung der Jugendräume in der untersuchten Kleinstadt sowie ausgewählte Charakteristika aus der Demographie, der Arbeitsmarkt- und der Kriminalpolizielichen Anzeigenstatistik bilden die letzten beiden Etappen zur Erstellung eines Gesamtbildes über die "Jugend eines kleinstädtischen Sozialraums 2007" .


2. Das Design der Studie
Im gegenständlichen Auftrag einer (Klein)Stadtregierung des ländlichen Raums ging es um die empirische Untersuchung der Lebenssituation von ortsansässigen Jugendlichen, ihrer jugendkulturellen Ausdrucksweisen sowie ihrer vermeintlichen sozialen Auffälligkeiten im öffentlichen Raum (vgl. Brandstetter/Dillinger/Pollak/Schelberger 2008!). Das Ziel der Studie bestand darin, herauszufinden, ob und inwiefern die ortsansässigen Jugendlichen durch Maßnahmen mobiler Jugendarbeit erreichbar sind und wie diese konkret auszugestalten sind.

Kernfragen der Untersuchung bildeten weiters Themen struktureller sozialer Ausgrenzung - beispielsweise durch die Gestaltung öffentlicher Plätze, durch bedingten Zugang zu kulturellen Angeboten, durch solche des Aufenthalts an prekären Plätzen (wo Jugendliche problematisches Alltagsverhalten zeigen) - sowie jene von bestehenden akuten Gefährdungen von Jugendlichen durch Suchtmittelkonsum, Alkoholismus und Gewalt.

Der Perspektive der Jugendlichen einen zentralen Fokus bei der Klärung der Beantwortung o. G. Fragestellung einzuräumen, sowie eine die Stadtregierung beratende Zielsetzung zu verfolgen, stellten weitere Bedingungen an die ForscherInnengruppe dar,


3. Hypothesen aus der Lebensweltstudie
Die auf Grundlage der Interviews und Beobachtungen mit und von Jugendlichen gewonnenen Hypothesen bilden verdichtend ab, wie die Forschungsfragen aufgrund der lebensweltlichen Analysen zu beantworten sind. Den Ergebnisse wurden zum Teil Erkenntnisse aus der ExpertInnenuntersuchung1 gegenüberstellt, um an den für die jugendlichen Lebenswelten bedeutungsvollen Stellen punktuelle Rückschlüsse auf die Kommunikationsdynamik im Sozialraum zu ziehen.


3.1 Gewalt als Thema der ExpertInnen und der Jugendlichen
Jugendliche berichteten vielfach von Gewalt probatem Mittel der Problemlösung. Verbale Gewalt stellte hierbei den Regelfall dar. Von manifester (i.S. von physischen) Gewalt war im Zusammenhang eines Konflikts zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und österreichstämmigen Jugendlichen die Rede. Die ExpertInnen berichteten von täglich stattfindenden verbalen Attacken (z.B. "Du Tschusch, Du bleda!"), die sich in seltenen Fällen bis hin zu immer wieder stattfindenden körperlichen Auseinandersetzungen hochschaukelten.

Mit "Gewalt" beschrieben die Jugendlichen im Sozialraum in erster Linie Phänomene verbaler Gewalt. Die Anzahl der angezeigten Gewaltstraftaten, welche von Jugendlichen im Zeitraum 2002 - 2007 begangen wurden, war als vergleichsweise gering auszuweisen und zeigte keine auffälligen Werte2.

Die Eskalation eines Konflikts zwischen MigrantInnen und Österreichischstämmigen, mit der wir im Erhebungszeitraum konfrontiert waren, zeigte aber ein evidentes Gewaltpotential auf. In diesem Zusammenhang wurde ein Jugendlicher im Schulpark von einer Gruppe Jugendlicher verprügelt. Als Motiv für diesen Konflikt wurden wechselseitige Beschimpfungen als "Tschusch" oder als "Nazi" genannt.

Aus dem kriminologischen Fachdiskurs zur Gewaltaffinität von Jugendlichen ist in diesem Zusammenhang bekannt, dass - entgegen der im Sozialraum vertretenen Auffassung - von einer gesteigerten Gewaltbereitschaft Jugendlicher nicht die Rede sein kann. Weder die Neigung zur Gewalttätigkeit noch die Gewaltdelikte selbst (i.S.v. Anzeigen wegen derartiger Tatbestände) haben im Längsschnittvergleich zugenommen. (vgl. Steinert 2001:112) Vielmehr unterliegt die Anzeigenentwicklung phasenhaften Schwankungen, die sich insgesamt seit 30 Jahren gleich bleibend verhält. Für den deutschsprachigen Raum sind - in Anlehnung an Steinert (2001: 112) - folgende drei Befunde der Kriminalitätsentwicklung anzuführen:

Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahren kamen in Europa vermehrt Fußballrowdys und "Halbstarke" auf, die nach amerikanischem (James Dean) Vorbild lautstark und sittenwidrig auf sich aufmerksam machten. Ein leichter Anstieg der Anzeigen wegen Gewaltdelikten war zu verzeichnen-

Eine zweite Schwankung erfolgte in den 1970er Jahren als Reaktion auf die nachlassenden Studentenbewegungen.

Gegenwärtig befinden wir uns in der dritten Phase leichten Ansteigens der Anzeigen, deren wirklichen Ausmaße bis dato nicht abschätzbar sind.

Auch die Verlaufsmuster der Gewaltanzeigen unterliegen Schwankungen, die sich statistisch auch auf der Ebene von kleinräumigen Einheiten niederschlagen. Auffallende Tendenzen, die Steinert (ebd.) in seiner Analyse der Gewaltkriminalitätsentwicklung der vergangenen 30 Jahre zeichnet, sind folgende:

Gegenwärtig wird die Seite der Opfer bei Gewaltanzeigen immer jünger. Das bedeutet, dass die Anzeiger, beziehungsweise die Jugendlichen, deren Eltern eine Straftat anzeigen, immer jünger werden.

Signifikant ist weiters, dass der Anteil der "einheimischen" Anzeiger zu nimmt. Auch nimmt die Zahl der "nichteinheimischen" Angezeigten zu.

Außerdem steigt der Anteil der Anzeiger und Angezeigten, die sich untereinander kennen.

Auffallend ist auch, dass es neben einer (irrtümlich) vermuteten quantitativen Steigerung zu einer qualitativen Veränderung der Anzeigen, d.h. es werden häufiger banale Schäden angezeigt, kommt (vgl. Steinert 2001: 117).

Dieser knappe Exkurs auf kriminologische Erkenntnisse über die Entwicklung des Anzeigeverhaltens lässt für den gegenständlichen Sozialraum folgende Rückschlüsse zu: Entgegen der Wahrnehmung von ExpertInnen der Kleinstadt, die von einer steigenden Gewaltbereitschaft sowie Gewalttätigkeit von Jugendlichen berichten, die davon erzählen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund "sofort zuschlagen würden" (ExpertInneninterview S 2) und dass "Jugendliche heutzutage sowieso nur mehr Anzeigen sammeln" (ExpertInneninterview K1), muss davon ausgegangen werden, dass es nicht die Gewalttätigkeit selbst ist, die zugenommen hat. Was sich offensichtlich gesteigert hat und von den lokalen Sicherheits-ExpertInnen auch wahrgenommen wird, ist die ein Ansteigen der Konflikte unter Kindern/Jugendlichen (ExpertInneninterview H 1), die mit Hilfe der Erwachsenen (und der Polizei) gelöst werden.

Zusammenfassend gesprochen bedurften die beschriebenen Gewaltszenarien der Jugendlichen im Sozialraum einer reflektierten Betrachtung. Davon auszugehen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund "gewaltbereiter" sind und dass die Jugend generell ein höheres Gewaltpotential hätten, kommt - mit Steinert (2001: 118f) gesprochen - einem Vulgärmaterialismus gleich. Auch wenn Jugendliche in Einzelinterviews und Gruppendiskussionen angaben, sich gewalttätig zu verhalten, so sagt dies mehr über ihre versteckten Männlichkeitsbilder aus, als über die realen Viktimisierungen und/oder Täterschaften. Auch der Stereotyp des gewaltfähigen Unterschichtmanns, der auf Grund seiner Arbeitssituation robuster ist, mehr aushält und daher die eigene Männlichkeit offensiver zur Schau trägt, muss an dieser Stelle relativiert werden. Die Tendenz, beschädigte Männlichkeitsbilder durch verbale Übertreibungen aufzubessern, ist ein Phänomen, das sich - wie Steinert (ebd.) dies anführt - bei gebildeten jungen Männern ebenso findet.

Insgesamt wurde aus ForscherInnensicht eine kritische Reflexion der im Sozialraum beschriebenen Gewalterfahrungen angeregt. Der Rückschluss erschien zulässig, dass das Thema (empfundene) Gewalt eine (übertrieben) zentrale Rolle in der Lebenswelt der Jugendlichen darstellte und auch von Erwachsenen mit ihnen assoziiert wurde, was aber insgesamt der empirisch-manifesten Wirklichkeit nicht gerecht wurde. Dadurch blieben die eigentlichen, dem Konflikt zugrunde liegenden Problemstellungen nicht diskutiert und weitere Eskalationen sind wahrscheinlich. "Bei uns gibt es kein Ausländer-Problem sondern ein ganz augenscheinliches Integrationsproblem!" (Expertin S 1).


3.2 Illegaler Suchtmittelkonsum von Jugendlichen
Der gegenständliche Sozialraum wies eine für das Bundesland durchschnittliche Anzahl an Anzeigen nach dem Suchmittelgesetz auf (ExpertIn H3). Verglichen mit anderen Kleinstädten des ländlichen Raums stellten illegale Drogen ein in den Diskussionen und Gesprächen der Jugendlichen präsentes Thema dar. Im untersuchten Sozialraum sprachen Jugendliche offen über ihr Konsumverhalten und rauchten an öffentlichen Plätzen und während Befragungssituationen Cannabis. Die Rede war davon, dass AbnehmerInnen sowie AnbieterInnen für weiche und für so genannte harte Drogen im untersuchten Sozialraum selbst und auch in den Umlandgemeinden existierten. In den Gesprächen mit SicherheitsexpertInnen wurde dieser Lebenswelt-Befund geteilt; die Mengen wurden als "durchschnittlich" eingeschätzt.

Auffallend in diesem Zusammenhang war, dass der Diskurs unter Jugendlichen sowie ExpertInnen um die Tatsache kreiste, dass Jugendliche bereits im Alter unter 14 Lebensjahren mit illegalen Substanzen handelten. Diesbezüglich wurde der ForscherInnengruppe ein Vorfall aus der Vergangenheit berichtet, in dessen Zusammenhang es zur Suspendierung von 13 jährigen SchülerInnen kam. Als Umschlagplätze wurden von ExpertInnen immer wieder die Schulumgebungen, das örtliche Einkaufszentrum, die Parks, diverse Lokale sowie das Raumangebot rund um das Jugendzentrum genannt (vgl. ExpertIn H1). Die gute Verkehrsanbindung an das öffentliche Netz der ÖBB wurden als Erklärung für die Versorgung des lokalen "Drogenmarkts" herangezogen: Der gegenständliche Sozialraum "... liegt nicht am Ende der Welt. Sondern an einem Verkehrsknotenpunkt und ja, es wird doch immer wieder angeboten, denk ich. Also das ist sicher ein Problem." (ExpertIn K2)


3.3 Mädchen als Anhängsel
Im öffentlichen Raum traten Mädchen großteils als "Anhängsel" der Burschen (ExperIn K1) auf. In Gruppen mit Burschen standen die Mädchen oft im Hintergrund, reine Mädchengruppen konnten wir in der Öffentlichkeit nicht auffinden. Auch unter den ExpertInnen herrschte durchwegs Ratlosigkeit darüber, was Mädchen brauchen und wie man sie erreichen könnte. Die zentrale Erkenntnis bestand darin, dass Mädchen im öffentlichen Raum keine Probleme machen, aber selbst genug davon hätten. Lebenswelterhebung und ExpertInnen-Interviews machten deutlich, dass Essstörungen und Suchtgiftkonsum zentrale Probleme in der jugendlichen Lebenswelt darstellten (Gesprächsprotokoll "Bakip-Begehung").

Weiters zeigte sich, dass insbesondere die weiblichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund vielfach für (professionelle) Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen nicht zugänglich waren. ExpertInnen der Jugendarbeit berichteten, dass man/frau für diverse Beratungs- und Freizeitbetätigungen einen Kontakt zu ihnen nur über die Burschen in Form von Freunden oder Brüdern erschloss.

Mädchen des Sozialraums berichteten vielfach von Angsträumen, die sie bei der Alltagsbewältigung in ihrer Kleinstadt vorfanden. Sie machten diese auch namhaft (z.B.: in Gestalt einer großen Wohnsiedlung bei Nacht, an neuralgischen Punkten von Über- sowie Unterführungen und im Schulpark). Auch gaben Mädchen an, dass sie sich aufgrund von Angstgefühlen nachts nicht alleine draußen aufhalten würden.

Wie auch internationalen Studien bekannt ist, ist die Konstruktion so genannter Angsträume vielfach in Zusammenhang zu sehen mit einer mangelhaften bzw. nicht vorhandenen Praxis der Raumaneignung und -gestaltung (vgl. Breckner/Briccoli 2006:37). Demnach fühlen sich Menschen3 in Räumen dann besonders unbehaglich und unsicher, wenn sie über wenig aktive Raumerfahrung verfügen bzw. wenn sie keine Möglichkeiten der partizipativen Gestaltung wahrnehmen können.

Im Fall des gegenständlichen Sozialraums ist davon auszugehen, dass die mangelnde Wahrnehmung mädchenspezifischer Bedürfnisse und deren nicht vorhandene Einbindung von Frauen und Mädchen in Fragen der Raumplanung und - gestaltung ("Ich glaub die Mädchen wollen ab 15 eh nur mehr einen Freund haben!" ExpertInnengespräch K 1) in Zusammenhang steht mit der Konstruktion von Unsicherheits- und Angsträumen.

Fazit:
"Angsträume" befinden sich dort, wo eine Generalisierung von Unsicherheit "erfolgreich" auf den Raum übertragbar ist und wo die entsprechende soziale und kulturelle Praxis im Raum als fehlend auszuweisen ist. Jenen Beschäftigungsmöglichkeiten, denen im untersuchten Sozialraum vorwiegend nachgegangen wurde, wie etwa das Aufhalten auf Spielplätzen oder am Funcort wurden zum Erhebungszeitpunkt vorrangig von Burschen in Anspruch genommen. Mädchen waren als Zuschauerinnen vertreten.

VerantwortungsträgerInnen und ExpertInnen äußerten sich ratlos darüber, was Mädchen im gegenständlichen Sozialraum wichtig sein konnte. Der Sozialraum zeigte sich insofern als unattraktiv für Mädchen, weil keine mädchenspezifischen Angebote vorlag und auch keine Initiativen gesetzt wurden, diese Gruppe explizit über ihre Jugend- bzw. "Burschenbezugsgruppe" hinweg anzusprechen.


3.4 Die Wünsche von Jugendlichen
Jugendliche gaben auf die Frage, was sie sich an verbessernden oder verändernden Maßnahmen wünschen, vielfach keine Antwort, bzw. konnten keine konkreten Anliegen formulieren. Deutlich wurde an dieser Stelle, dass sie mit der Fragestellung überfordert waren und dass sie nicht damit rechneten, in ihren Anliegen ernst genommen zu werden ("Der Bürgermeister soll endlich amoi do her kommen und mit uns reden!" Begehungsprotokoll Schulpark, 21.6.2007).

Vielfach klagten Jugendliche in den Begehungen und Befragungen über Langeweile, was sie ursächlich bedingt sahen in einem Mangel an jugendspezifischem Angebot. Eine resignative Grundstimmung zog sich durch die Befragungen; in keinem der Kontakte zu Jugendlichen wurde der gegenständliche Sozialraum positiv konnotiert und das Angebot dort als "gut" beschrieben.

Deutlich wurde auch, dass Jugendliche bereits mehrere Male nach konkreten Vorschlägen befragt worden waren und dass sie aber bis dato noch keine Veränderung hatten wahrnehmen können. Beispielsweise wurde einer Gruppe von Jugendlichen auch die Asphaltierung des Basketballplatzes versprochen, jedoch bis dato nicht durchgeführt. Feststellbar war, dass infolge der nicht eingehaltenen Versprechungen zahlreiche Jugendliche im Sozialraum den Glauben an Mitgestaltung und Veränderung verloren hatten.

Voraussetzende Bedingung für die Entwicklung von Vorstellungen über eine "erfüllte Freizeit" ist die Chance bzw. die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe. Ist ihnen diese verwehrt, bleiben nur die resignativen Klagen über "Langeweile" in der Freizeit und das pauschale Negativ-Urteil über den Jugendraum als Ganzes.


3.5 VerantwortungsträgerInnen setzen ihre Interessen durch
Jugendliche fühlten sich bei der Formulierung ihres räumlichen Bedarfs auf sich alleine gestellt. Sie wussten zum Erhebungszeitpunkt nicht, wie sie Verbesserungs- bzw. Veränderungsvorschläge an zuständige Personen kommunizieren können. Offen blieb dabei die Frage, ob und inwieweit Jugendliche sich nicht "trauten" Wünsche zu deponieren oder de facto keine Informationen dazu hatten. Konsequenz dieses Umstandes war, dass Jugendliche - um Interessen zu verfolgen und Wünsche zu verwirklichen - vielfach so genannte "abweichende" Strategien der Raumaneignung und -adaption wählten.

Auch war die Erreichbarkeit von Angeboten an bestimmten Örtlichkeiten für Jugendliche problematisch. Als zentrale Ressource der Jugendlichen galt zum Erhebungszeitpunkt das Moped. Um weit verstreute Öffentlichkeiten und Angebote innerhalb der Stadt nützen zu können und auch um den Wanderungsbewegungen der eigenen Cliquen nachzukommen, brauchten Jugendliche ein individuelles Verkehrsmittel. Jene Jugendliche, die über keines verfügten oder sonst an den Sozialraum mehr oder weniger gebunden waren, stachen durch ein besonders ausgeprägtes "Wanderungsverhalten" im öffentlichen Raum hervor. Jugendliche, die vergleichsweise mobil waren, berichteten von vielen Fahrten und einer Flucht in die nächstgelegenen größeren Städte und in ein anderes, attraktiveres Freizeitangebot - z. B. in Gestalt von Festivalbesuchen außerhalb des Sozialraums. (Gruppendiskussion K.)

Fazit:
Zusammenfassend ausgedrückt, waren die beobachteten Wanderungsbewegungen von Jugendlichen im öffentlichen Raum in Zusammenhang zu sehen mit der Tatsache, dass keine, für die Ortsteile zentralen Aufenthaltsplätze (im Sinne von "Räumen") im Sozialraum existierten. Die Aneignung diverser öffentlicher Plätze stellte eine Strategie der Jugendlichen, mit diesem Manko umzugehen, dar, was aber wiederum öffentliche Irritationen auslöste.

Von öffentlicher Seite wurde hingegen nicht an der Entwicklung eines umfassenden Lösungsansatzes im Interesse aller Beteiligten gearbeitet, sondern die Interventionen beschränkten sich auf "Sanktionen" und "Vertreiben", worauf wiederum das jugendliche "Ausweichen" verstärkt wurde. Die gegenseitige Respektlosigkeit, welche die Jugendlichen den Erwachsenen und die Erwachsenen den Jugendlichen vorwarfen, konnte als Konsequenz dieser Dynamik ausgewiesen werden.


3.7 Die Kommunikation mit VerantwortungsträgerInnen - Die Kommunikation mit Jugendlichen
Die Emotionalität mit der der Diskurs über jugendliche Irrationen im Sozialraum geführt wurde, verdeutlichte sich in Aussagen wie: "Jugendliche, die zu 100en vor Lokalen sitzen so dass niemand ein Auge zumachen kann" oder "lärmende Horen, die in der Nacht durch die Stadt ziehen" (ExpertInnengespräche B 1, ExpertInnegespräch K1, ExpertInnengespräch K 3, ExpertInnengespräch S 2). Auch ging es um Bilder von Jugendlichen, "die Alkohol in Kofferräumen bunkern" und jene, die aufgrund der durch sie verursachten Lärmbelästigung "bei AnrainerInnen psychische Krankheitsbilder verursachen" (ExpertInnengespräch H1, ExpertInnengespräch K 1). In Zusammenhang mit den jugendlichen Irritationen war auffallend, dass der Diskurs über Lösungesvarianten zumeist immer - und insbesondere in Gesprächen mit PolitikerInnen und Verwaltungsorganen - stets um die Frage der Verantwortlichkeit kreiste.

Deutlich wurde allerdings, dass die beschriebenen Jugendbilder nicht den empirisch beobachtbaren Verhaltensmustern von Jugendlichen im Untersuchungszeitraum entsprachen. Verdeckte und teilnehmende Beobachtungen machten deutlich, dass der Diskurs zum Phänomen "öffentliche Irritation durch Jugendliche" überspitzt und ohne empirische Evidenzen im Sozialraum geführt wurde.

Zusammenfassend ausgedrückt dominierten Argwohn und Misstrauen die Beziehung zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Offensichtlich mangelte es an einer (sachlichen) Verständigung zwischen den Generationen insgesamt. Die befragten Jugendliche hatten keine Vorstellungen von den Ideen und Wünschen der Verantwortlichen des Raums genauso wie die Verantwortlichen aus Politik, Verwaltung und Sicherheit nur sehr vage Vermutungen über die Lebenswelten der Jugendlichen äußern konnten. (ExpertIn S1, Expertin K2, Expertin S2)

Manifeste Raumgrößen sowie ausgewählte Auszüge aus der Bevölkerungsweise sollen die oben angeführte Lebensweltanalyse vor einen praktischen Handlungsbezug stellen und auf diese Weise verdeutlichen, vor welcher Kulisse die geäußerten Unzufriedenheiten zu verorten sind. Die Örtlichkeiten, an denen mobile Jugendarbeit tätig werden soll, sind im nachstehenden Kapitel zusammengefasst worden.


4. Die Sozialraumanalyse
"Die Jugend" im gegenständlichen Sozialraum offenbarte sich der ForscherInnengruppe als heterogene Bevölkerungsgruppe, die in unterschiedlichen Konstellationen im öffentlichen Raum in Erscheinung trat. Altersgruppe, Nationalität, jugendszenische Prägung, Bildungsgrad und teilweise Geschlecht bildeten jene Strukturmerkmale, welche eine Gruppenbildung zuließen. Dass sich Jugendliche ausschließlich aufgrund so genannten "jugendkultureller Erscheinungsbildern" (z. B.: Hip Hopper, Skater, Punks etc.) gruppieren, fand in den ExpertInnengesprächen nur Ausdruck. Die Jugendlichen selbst nahmen diese Unterscheidung nicht vor.

Die genannten Merkmale führten zu in sich geschlossenen, homogenen Gebilden, die nur fallweise Durchmischungen zuließen. Vor allem das Alter und die Nationalität waren jene Gruppenmerkmale, die eine Integration anderer Gruppierungen nicht zustande kommen ließen.

Jüngere Jugendgruppen wurden von älteren von den begehrten öffentlichen Plätzen vertrieben, MigrantInnen vertrieben (kleinere) Gruppen österreichischstämmiger Jugendlicher, reine Mädchengruppen waren im öffentlichen Raum überhaupt nicht anzutreffen. Eine gemeinsame Nützung bestimmter Territorien, eine Integration von Gruppen zu größeren Formationen konnte zum Erhebungszeitpunkt nicht beobachtet werden. Die Ausweichtendenzen der jüngeren Jugendlichen oder unterlegeneren Gruppierungen bezeichneten die Folge eines jugendlichen Dominanzverhaltens. Die Territorien, die hier Austragungsort des Aneignens bzw. Belagerns und des Vertreibens bzw. Ausweichens von Jugendgruppen darstellten wurden mit Hilfe sozialraumanalytischer Erhebungs- und Auswertungsverfahren4 untersucht.

Was im Sozialraum zum Untersuchungszeitpunkt nicht existierte, waren Plätze und Räume, die - mit Ausnahme des stadteigenen Jugendzentrums - ausschließlich für die Nützung durch Jugendliche zur Verfügung standen. Die enorm große Gruppe der Jugendlichen im Sozialraum (laut Mikrozensus 2001 waren dies 3.455 SchülerInnen und StudentInnen) stieß bei der Aneignung von öffentlichem Raum stets auf Konkurrenz mit anderen Alters- und Anspruchsgruppen (Eltern und Kleinkinder, Erwachsene, SeniorInnen etc.)

In den teilnehmenden Beobachtungen und Begehungen kam weiters zum Ausdruck, dass Jugendliche eine Kontaktperson innerhalb der Gemeinde wollen, welche als AnsprechpartnerIn für oben beschriebene Anliegen fungiert.

Die Schaffung bzw. Gestaltung von Räumen, die nicht an kommerziellen Konsum geknüpft sind, stellt aus Sicht der ForscherInnengruppe eine weitere zentrale Forderung der Jugendlichen dar.

Ergebnis der Untersuchung war auch, dass von Seiten der Jugendlichen genauso wie von jener Stadtregierung Interesse daran besteht, bei einer Neu-Gestaltung von Jugendplätzen zusammenzuarbeiten.

Insgesamt waren es 15 Plätze des öffentlichen Raums, die von Jugendlichen im Erhebungszeitraum regelmäßig frequentiert wurden und welche den Erhebungsgegenstand für die Sozialraumanalyse bildeten. Die Favoriten aller befragten Gruppen waren folgende Plätze: der Schulpark das stadteigende Einkaufszentrum sowie der Fun Court einer Wohnhausanlage, die nachstehend kurz beschrieben werden.


4.1. Der Fun Court
Der Fun Court innerhalb der größten Wohnsiedlung bot Raum, um darin Fußball, Basketball oder Volleyball zu spielen. Mithilfe einer überdachten Bank kristallisierte sich dort ein Treffpunkt zum "Vorglühen5" heraus, der auch von Kindern gerne genützt wurde. .

Negativ bewertet wurde am Fun Court, dass kein Auffangnetz für Basketbälle (im KorbI existiert und dass er an einer Straße und abschüssig liegt, keine Toiletten, keine Trinkwasserleitung sowie keinen "Wetterschutz" (mit Ausnahme der überdachten Bank) aufweist. Diese Mängel waren schon im Zuge einer vom örtlichen Jugendzentrum im Jahr 2004 angefertigen Sozialraumanalyse 2004 aufgezeigt worden.


Abbildung Nr. 1


4.2. Das ortseigene Einkaufszentrum
Zentrale Lage und gute Erreichbarkeit (mit öffentlichen VerkehrsmittelnI) sowie jahreszeitenunabhängiger Wetterschutz machen eine hohe Anziehungskraft auf Jugendliche aus. Zum Erhebungszeitpunkt wurden hauptsächlich die Sitzgelegenheiten in den einzelnen Stockwerken genutzt, die nicht an eine Konsumation gebunden sind. SchülerInnen verbrachten dort auch ihre Mittagspausen.

Immer wieder kam es in der Vergangenheit sowie im Erhebungszeitraum zu Konflikten mit der Geschäftsführung des Areals. Gegen bestimmte Jugendliche wurde auch ein Betretungsverbot ausgesprochen. Ein konsumfreier Raum mit einem Aktivitäts-Angebot (z. B.: in Gestalt eines Wuzzlers) war dort nicht vorhanden.


Abbildung Nr. 2


4.3. Der Schulpark
In Nähe des Einkaufszentraums gelegen befand sich diese Parkanlage zwischen der Hauptschule und einem Pensionistenwohnheim. Er war weitläufig, verfügte über mehrere Bänke und war in der Nacht (schwach) beleuchtet. Er wurde im Untersuchungszeitraum von Jugendlichen als "geheimer" Raucherpark genutzt, genauso wie zum "Vorglühen" und allgemein als Treffpunkt in Mittagspausen oder am Nachmittag.

Territorialkämpfe im Park resultierten aus der guten Erreichbarkeit desselben von mehreren Schulen aus und aufgrund der Tatsache, dass er von mehreren Generationen in Anspruch genommen wurde.


Abbildung Nr. 3

Insgesamt war die Zahl der Plätze des öffentlichen Raums, die von Jugendgruppen genützt wurden, auffallend hoch. Ohne an dieser Stelle näher auf die Besonderheiten aller Räume detailliert eingehen zu können, wurde zusammenfassend ausgedrückt deren Baufälligkeit und das zum Teil sehr überholte materielle Substrat von Jugendlichen kritisiert.


5. Die Sekundäranalyse statistischer Befunde
Basis sekundäranalytischer Auswertungen erfolgten zum einen grundsätzliche Überlegungen zur Auswahl des Befragungs- und Beobachtungssample. Zum anderen stellten die quantifizierten Daten einen Prüfstein für die Diskursdynamik im Sozialraum dar. Aussagen wie "Horden lärmender Jugendlicher, die durch die Innenstadt ziehen" (ExpertInnengespräch B) genauso wie "türkische Mehrheiten in den Pausen- und Schulhöfen" (ExpertInnengespräch S2) konnten so auf eine empirisch-quantifizierbare Grundlage gestellt und vor diesem Hintergrund (öffentlich) diskutierbar gemacht werden.

Folgende Tendenzen, welche für die Beantwortung der gegenständlichen Forschungsfrage von Relevanz waren, lassen sich an dieser Stelle zusammenfassen:

  • Der gegenständliche kleinstädtische Sozialraum hatte einen für das Bundesland ungewöhnlich hohen Anteil an SchülerInnen- und StudentInnen6.
  • Ein vergleichsweise hoher Anteil der Haupt- und PolytechnikumsschülerInnen7 existierte.
  • Der Anteil der MigrantInnen8 im Sozialraum lag im Durchschnitt des Bundeslandes, wurde aber von den ExpertInnen der Jugendpolitik und -arbeit sowie von den öffentlichen VerantwortungsträgerInnen in den ExpertInnengesprächen stark überschätzt.
  • Die Jugendkriminalität war - entgegen der dominanten ExpertInnenansicht vor Ort - als durchschnittlich (im Städte- und Bundesländer-Vergleich) auszuweisen.

Zusammenfassend zum Ausdruck gebracht, sind Phänomene "türkischer Enklaven" (ExpertInneninterview B) oder "SchülerInnen, die zu großer Zahl der deutschen Sprache nicht mächtig sind" (ExpertInneninterview S2) statistische Ausnahmeerscheinungen, welche nicht die breite empirische Wirklichkeit widerspiegelten.

Weiters ist - aufgrund der Daten aus der kriminalpolizeilichen Anzeigenstatistik - nicht davon auszugehen, dass es um einen Anstieg der Anzeigen gegen jugendliche Straftäter im gegenständlichen kleinstädtischen Sozialraum geht. Ersichtlich wird vielmehr dass die Anzeigenzahl im Bereich Gewalt/Körperverletzung bei der Gruppe der 17 bis 19jährigen und im Bereich Suchtmittelkriminalität (bei derselben Altersgruppe) kontinuierlich besteht und im Vergleich mit anderen Sozialräumen und dem Bundesland als nicht erhöht beschrieben werden kann.


6. Fazit
Die zentralen Handlungsempfehlungen der ForscherInnengruppe an die mobile Jugendarbeit knüpften an zwei zentralen Gesellschaftssystemen an. Zum einen ging es um die Information und Aufklärung des Politiksystems, die durch eine Verwirklichung von sozialräumlich orientierten Arbeitsansätzen erreicht werden sollten. Zum anderen erschien es erforderlich, eine - im Dienste der jugendlichen Lebenswelten - entschiedene und konsequente Medien- und Lobbyarbeit für jugendliche Lebenswelten zu verwirklichen.

Ad Sozialräumlich orientierte Arbeitsansätze im Politiksystem:
Die vorwiegend in Deutschland diskutierten Ansätze einer so genannten sozialraumorientierten Arbeitsweise von Jugendarbeit (Deinet 2002:151), welche sich auf "stationäre Jugendzentren" und auf "mobile Arbeitsweisen" gleichermaßen beziehen, gehen davon aus, dass es um eine "Wiedergewinnung der Straße, des öffentlichen Raums für Kinder und Jugendliche" (ebd.) geht. Sie leitet für sich ein Mandat dazu ab, öffentliche Räume dergestalt zu "revitalisieren", als dass der öffentliche Raum nicht länger nur unter dem negativen Vorzeichen eines "unkontrollierten Raums" gesehen werden kann/darf, in dem "Verschmutzung" und "Verwahrlosung" unter Kontrolle gebracht werden müssen. Hilfe, wie sie die Sozialraumanalytiker aus Deutschland für den Fachbereich der Jugendarbeit verstehen, braucht es dann, wenn es zu Grenzüberschreitungen kommt. Diese kann nur darin bestehen, Jugendliche aus dem öffentlichen Raum durch gezielte Angebote heraus zu holen und sie entsprechend zu schützen. Um diesem Mandat nachgehen zu können, bedarf es zum einen des umfassenden Einbezugs der (mobilen) Jugendarbeit in alle Fragen der Stadtentwicklung, der Wohnraumplanung, der (Spiel)Raumplanung, wie dies beispielsweise auch in Österreich in Gestalt der Zusammenarbeit zwischen dem Verein Jugendzentren der Stadt Wien und den jeweiligen Magistratsabteilungen üblich ist (Deinet 2002:163). Jugendpolitik kann nur eine Querschnittsmaterie sein und JugendarbeiterInnen sollten - so die sozialraumorienterten Arbeitsansätze - fast "natürliche PartnerInnen" (ebd.) bei allen die Jugend direkt und indirekt betreffenden Fragen der Politik und Raumplanung sein.

Ad Lobbyarbeit im Mediensystem:
Laut Pressespiegel des lokalen Jugendzentrums, welcher der ForscherInnengruppe zur Verfügung gestellt wurde, kam es in jüngerer Vergangenheit im gegenständlichen Sozialraum häufig zu Negativ-Schlagzeilen über Jugendliche (z. B.: "Bursche im Wodka- Koma Bewusstlos umgekippt" NÖN-Artikel, Juni 2007). Derartige "Bad News" schadeten nicht nur den Jugendlichen selbst, sondern allen Personengruppen, die mit diesen Jugendlichen in irgendeiner Art und Weise zusammenarbeiteten. Dadurch wurde ein schlechtes Licht auf die Jugendlichen, die Institutionen in denen diese Jugendlichen sich bewegten und in letzter Konsequenz auf die Stadtgemeinde selbst geworfen. Die Skandalisierung von Einzelfällen machte Glauben, dass es sich bei den erwähnten Fällen nur um die "Spitze des Eisberges" (vgl. Cremer-Schäfer 1998:122) handelte und verzerrte mittelfristig die Wahrnehmung über die Bevölkerungsgruppe Jugend. Wie in den Ergebnissen zum Ausdruck gebracht wurde, war "die Jugend" als Gruppe viel zu heterogen und vielgestaltig, als das sie durch eine mächtige Interessensvertretung etwas an der Begriffswahl von Schlagzeilen verändern hätte können. Insofern war es an dieser Stelle erforderlich, von Seiten der öffentlichen Hand in jedem Fall Partei für "die Jugendlichen" zu ergreifen. Indem solche Bilder - wie das oben gezeichnete - nicht entsprechend kommentiert wurden, bedeutete dies, dass ExpertInnen der Jugendarbeit sowie Verantwortungs- und EntscheidungsträgerInnen selbst diesen Darstellungen mehr oder weniger zustimmten. Eine ExpertIn aus den Reihen der Interviewten brachte diese Empfehlung folgendermaßen auf den Punkt: "Hinsichtlich der Imagearbeit meine ich, dass man einmal positive Medienberichte drucken sollte, weil Jugendliche auch positive Arbeit leisten. Beispielsweise über den Gewinner von Lehrlingswettbewerbe, oder den Bezirksmeister eines Sprachwettbewerbes zu berichten. Zurzeit hört, bzw. liest man über Gewinner solcher Wettbewerbe nichts mehr. Das würde auch beitragen, dass Image der Jugendlichen zu verbessern. (..) Man sollte beispielsweise auch die "Jugendvorbilder" herausfiltern und diese präsent machen..".

Anders ausgedrückt: ohne einer parteilichen Medien- und Informationsarbeit, die gezielt an der Berichterstattung über Jugend und Jugendpolitik ansetzten und darauf abzielten, alle in diesem Bereich gesetzten Maßnahmen, erreichten Erfolge und verwirklichten Standards entsprechend offensiv in der Öffentlichkeit vorzustellen, waren alle weiteren installierten jugend- und kulturpolitischen Initiativen eine Fortsetzung jenes Diskurses, der Jugendliche zu "Problemjugendlichen" werden ließ. An dieser Stelle war die mobile Jugendarbeit stark gefordert, Stellung für die Jugendlichen zu beziehen und eine klare Parteilichkeit auch von Seiten Verantwortungs- und EntscheidungsträgerInnen des gegenständlichen Sozialraumes diesbezüglich einzufordern.


Verweise
1Neben einer Reihe von lebensweltlichen Untersuchungsverfahren (Gruppendiskussion vgl. Lamnek 2005, Narrati en Interviews vgl Lamnek 1995, und Beobachtungen vgl. ebd. wo insgesamt 80 Jugendliche des Sozialraums kontaktiert wurden, fand auch die Auswahl eines ExpertInnen-Samples statt. In diesem Rahmen wurden 15 VerantwortungsträgerInnen aus der örtlichen Stadtgemeinde und -verwaltung, aus der freien und verbandlichen Jugendarbeit sowie aus dem Bildunssystem interviewt und die Daten entlang der Forschungsfragen ausgewertet.
2 Der dem gegenständlichen Beitrag zugrundeliegende Forschungsbereicht kann - anonymisiert beim Ilse-Arlt-Institut für Soziale Inklusionsforschung bzw, beim Verein Jugend & Lebenswelt angefordert werden.
3 Die Untersuchung der Unsicherheitsgefühlte und der Kriminalitätsfurcht von Frauen zeigt diesen Befund noch deutlicher. Die Angst, Opfer einer kriminellen Handlung zu werden, in insbesondere in solchen Stadtteilen deutlich erhöht, wo von Seiten der befragten Frauen tatsächlich wenig Außenaktivität stattfindet. Das mit dem Begriff des Kriminalitätsfurchtparadoxon umschriebene Phänomen zeigt, dass die Angst, Opfer einer kriminellen Handlung zu werden, nicht mit dem empirisch feststellbaren Risiko korreliert. (Vgl. dazu Herrmann/Sessar 2006). Herrmann/Sessar (2006:206) bringen - zusammenfassend betrachtet - das Phänomen folgendermaßen auf den Punkt: "Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit und sozialer Status sind Proxy - Variablen für Verwundbarkeit und Ohnmachtsgefühle (von RaumbewohnerInnen Anm. d. Verf.). Diese Variablen stehen in direktem Widerspruch mit solchen von Handlungskompetenz, Selbstbewußtsein und sozialem Kapital."
4 Die Stecknadelmethode, die Stadtteilbegehung sowie die Gruppendiskussion bildeten die in der Sozialraumanalyse zur Anwendgung gebrachten Erhebungsverfahren.
5 Vor dem "Fortgehen" am Abend und/oder am Wochenende nützen Jugendliche öffentliche Plätze des Sozialraums um dort selbst eingekauften Alkohol zu konsumieren. In der Regel bietet diese Konsumform nicht nur die Berauschung vor dem Eintritt in ein Lokal sondern in erster Linie eine kostengünstige Variante des Alkholkonsums.
6 Der größte Anteil der ausgewiesenen SchülerInnen und StudentInnen befanden sich in der Volksschule (33,2 %), in den Hauptschulen (23,4 %), gefolgt von den Universitäten und Fachhochschulen (10,3 %) und den berufsbildenden höheren Schulen (4,7 %).
7 Die Gegenüberstellung mit einer niederösterreichischen Stadt ähnlicher Größe zeigte, dass bei ähnlich großer SchülerInnenzahl insgesamt eine vergleichsweise große Gruppe (23,4 % zu 13,1 %) der gegenständlichen Kleinstadt eine der örtlichen Hauptschulen besuchte. Die Gruppe der AHS-Unterstufe-SchülerInnen machte für die Vergleichsstadt mit 15, 4 % einen doppelt so hohen Anteil aus, als für die untersuchte mit 7, 0 %, bei einer annähernd ähnlichen Verteilung der absoluten Häufigkeiten. Aus diesem Grund galten in der gegenständlichen Untersuchung die Haupt- und Polytechnikum-SchülerInnen als eine zentrale Zielgruppe von Datenerhebung und -auswertung.
8 Die Frage nach den so genannten AusländerInnen unter den SchülerInnen der gegenständlichen Kleinstadt zeigte, dass rund 110 SchülerInnen von insgesamt 695 Haupt- und PolytechnikumschülerInnen mit einem anderen Herkunftsland als Österreich geführt wurden. Dabei wurde auch deutlich, dass bei den SchülerInnen mit Migrationshintergrund die größte Gruppe aus Serbien stammte, gefolgt von jener aus der Türkei.


Quellen
Bortz J., Döring N. (2002): Forschungsmethoden und Evaluation für SozialwissenschaftlerInnen. 3. Überarbeitete Auflage. Berlin, Heidelberg, New York
Breckner, I; Briccoli, M.: (2006): Un-Sicherheit in urbanen Räumen: Wirklichkeiten und Handlungsstrategien in europäischen Großstädten. In: Sessar, K.; Stangl, W., Van Swaaningen: Großstadtängste - Anxious Cities. Untersuchungen zu Unsicherheitsgefühlen und Sicherheitspolitiken in europäischen Kommunen. Berlin
Deinet, U. (1999): Sozialräumliche Jugendarbeit. Eine praxisbezogene Anleitung zur Konzeptentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Opladen
Deinet U. (2002): "Aneignung" und "Lebenswelt". Der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit. In: Merten R. (2002): Sozialraumorientierung. Zwischen fachlicher Innovation und rechtlicher Machbarkeit. Weinheim und München.
Flick U. et. al Hg. (1995): Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen. 2. Auflage. Weinheim
Herrmann, H.; Sessar, K.(2006): Zur Kontextualisierung von Unsicherheit und Furcht im urbanen Raum: Der Fall Wilhelmsburg/Hamnburg In: Sessar, K.; Stangl, W., Van Swaaningen: Großstadtängste - Anxious Cities. Untersuchungen zu Unsicherheitsgefühlen und Sicherheitspolitiken in europäischen Kommunen. Berlin
Hitzler, R. (2007): Freizeitspaß und Kompetenzaneignung. Zur Erlebnisambivalenz in Jugendszenen. In: Göttlich, U.; Müller, R.; Rhein, S.; Calmbach, M. (Hg.): Arbeit, Politik und Religion in Jugendkulturen. Weinheim und München.
Hurrelmann, K. (2007): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 9. aktualisierte Auflage. Weinheim und München.
Lamnek, S. (1995): Handbuch der qualitativen Sozialforschung. Weinheim und München.
Lamnek S. (2005): Gruppendiskussion. Theorie und Praxis. Weinheim und Basel
Sander, U.; Vollbrecht, R ( 2000): Jugend im 20. Jahrhundert. Sichtweisen, Orientierungen, Risiken. Berlin
Steinert, H. (2001): Kulturindustrie und Zivilisierung der Gewalt. In: Albrecht. G. (Hg.): Mythos Gewalt. Weinheim und München.


Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Fun Court, Fotografin: Stefanie Schelberger
Abbildung 2: Shopping Center , Fotografin: Stefanie Schelberger
Abbildung 3: Schulpark, Fotografin: Stefanie Schelberger


Über die AutorInnen

DSA Mag. a Dr. in Manuela Brandstetter, Jg. 1973
manuela.brandstetter@fhstp.ac.at

Sozialarbeiterin und Soziologin. Dozentin und Projektleiterin am Studiengang für Sozialarbeit der Fachhochschule St. Pölten. Seminarleiterin am Fortbildungszentrum Strafvollzug, Akutbetreuerin der Stadt Wien.
http://www.sozialraum.at
 

Mag. (FH) Bernd Dillinger, Jg. 1981
so041007@fhstp.ac.at

Abschluss des Magisterstudiengangs "Soziale Arbeit" an der FH St. Pölten im November 2008. Teilzeitbeschäftigung bei EMMAUS St. Pölten als In- und Outplacementsozialarbeiter vom März 2005 - Oktober 2005. Mitarbeit am Sozialraumforschungsprojekt "Lebensqualität in ihrer Heimatgemeinde" von Oktober 2006 - Oktober 2007. Ehrenamtlicher Bewährungshelfer bei NEUSTART St. Pölten seit Oktober 2006 Mitarbeit an zwei Lebensweltstudien über Jugendliche von 2007 - 2008. Mitarbeit am Institut zur Prävention von Onlinesucht (IPOS) seit Jänner 2008
http://www.onlinesucht.at
 

Mag. a (FH) Pollak Catharina, Jg. 1986
so041028@fh-stpoelten.ac.at

Abschluss des Diplomstudiengangs "Sozialarbeit" an der FH St. Pölten im November 2008.
Mitarbeit bei den Projekten "Plan 60 St. Pölten" zwischen 2006 und 2007 sowie bei zwei Lebensweltstudien über Jugend.
 

Mag. a (FH) Stefanie Schelberger, Jg. 1984
so041035@fh-stpoelten.ac.at

Abschluss des Diplomstudiengangs Sozialarbeit an der FH St. Pölten im November 2008 Mitarbeit beim Projekt "Plan 60 St. Pölten" (2006-2007), Mitarbeit bei zwei Lebensweltstudien über Jugend. Seit Oktober 2008 im niederösterreichischen Landesdienst in der Jugendwohlfahrt beschäftigt.





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