soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 2 (2009) / Rubrik "Rezensionen" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/107/139.pdf


Josef Bakic, Marc Diebäcker, Elisabeth Hammer (Hrsg.): Aktuelle Leitbegriffe der Sozialen Arbeit. Ein kritisches Handbuch. Löcker, Wien, 2008

292 Seiten / 19,80 EUR

Das vorliegende Buch steht in der Tradition eines Wissenschaftsgenres, das sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Beginnend mit dem von Ulrich Bröckling et al. herausgegebenen "Glossar der Gegenwart", über das von Schirlbauer/Dzierzbicka editierte "Pädagogische Glossar der Gegenwart" bis hin zu Dollinger/Raithels "Aktivierende Sozialpädagogik. Ein kritisches Glossar" wird dabei versucht, gängige Leitbegriffe, Stichworte, Schlagwörter, die gegenwärtig nicht nur (sozial)pädagogische Diskurse dominieren, kritisch unter die Lupe zu nehmen, politisch, ideologisch und diskurstheoretisch zu hinterfragen und auf ihre Substanz hin zu prüfen.

Solche Begriffe zeichnen sich, wie Schirlbauer/Dzierzbicka in ihrer Einleitung zum Pädagogischen Glossar der Gegenwart festhalten durch eine "hohe strategische Funktion" und eine "fraglose Plausibilität" aus. Aktivierung, Diversity, Prävention, Sozialraum, Lebenswelt, Geschlecht, Qualität um nur einige für die gegenwärtige Praxis und Theorie Sozialer Arbeit relevante Begriffe hervorzuheben haben tatsächlich einen hohen strategischen Stellenwert und sind schon beinahe inflationär plausibel. Man kann kaum dagegen sein, weil diese Begriffe eine so starke Diskursmacht entwickeln, dass ihre Infragestellung bzw. Kritik eine Abweichung von der Diskursnorm darstellt.

Kritisch zu fragen, was sich jenseits der Schlagwörter tatsächlich an professionellen und auch politischen Strategien in diesen Diskursen äußert ist dringend angezeigt, und dazu leistet dieses Handbuch einen wichtigen, diskursstrategischen Beitrag. In den siebzehn Beiträgen namhafter AutorInnen Sozialer Arbeit und angrenzender Disziplinen artikuliert sich ein politischer Anspruch an Soziale Arbeit, der gegenwärtig nicht selbstverständlich ist. Favorisiert wird eine kritisch-(emanzipatorische), gesellschaftspolitisch engagierte und reflektierte Soziale Arbeit die sich gegen die Folgen einer politischen Praxis, die mit "neoliberal" nur oberflächlich umschrieben ist, richtet.

Eine produktive Spannung entsteht zudem dadurch, dass die AutorInnen ihre Themenstellungen nicht an einem Leitbegriff sondern an Begriffspaaren abarbeiten: Aktivierung und soziale Kontrolle, Auftrag und Mandat, Biografie und Lebenswelt, Case Managment und Clearing, Diagnose und Sozialtechnologie, Diversity und Ausschluss, Ideologiekritik und Theoriebildung, Management und Steuerung, Neue Unterschicht und soziale Sicherung, Norm und Abweichung, Prävention und Disziplinierung, Geschlecht und Profession, Qualität und Effizienz, Recht und Wettbewerb, Sozialraum und Governance, System und Subjekt sowie Vorsorge und Fürsorge.

Das Ergebnis sind spannende und trotz der Kürze der Beiträge immer wieder erhellende Blicke nicht nur auf den theoretischen Gehalt sondern auch auf die Auswirkungen des Realwerdens der behandelten Begrifflichkeiten in der Praxis Sozialer Arbeit. Trotz der notgedrungen exemplarischen Auswahl der Leitbegriffe gewährt der Sammelband einen guten Einblick in aktuell relevante Fragestellungen und schärft den Blick für die Infragestellung von allzu vertrauten Plausibilitäten der Theorie und Praxis Sozialer Arbeit. Nicht nur aus diesem Grund ist dem Band eine breite LeserInnenschaft zu wünschen.

Dr. Alexander Brunner/ alexander.brunner@lifeskills.at


Literatur
Bröckling Ulrich, Krasmann Susanne, Lemke Thomas (Hrsg.): Glossar der Gegenwart, Frankfurt am Main, 3., Aufl., Suhrkamp
Dollinger Bernd, Raithel Jürgen (Hrsg.): Aktivierende Sozialpädagogik: Ein kritisches Glossar, Wiesbaden, 2006, VS Verlag
Dzierzbicka Agnieszka, Schirlbauer Alfred (Hrsg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Von Autonomie bis Wissensmanagement., Wien, 2006, Löcker






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