soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 2 (2009) / Rubrik "Rezensionen" / Standortredaktion St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/115/151.pdf


Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburger Edition. Hamburg 2008.

576 Seiten / 30,00 EUR

Das Hamburger Institut für Sozialforschung, dessen Leiter Jan Philipp Reemstma ist, wurde einer breiteren Öffentlichkeit unter anderem durch die Ausstellung über die Beteiligung der Deutschen Wehrmacht an den nationalsozialistischen Verbrechen bekannt, die 1995 bis 1999 in zahlreichen Städten, unter anderem auch in Wien zu sehen war. Zum Thema Gewalt und Moderne wird hier also nicht erst seit gestern gearbeitet. Reemtsma legt nun eine umfassende Auseinandersetzung mit Gewalt, ihrem Auftreten, ihrer Rezeption und Deutung in der Moderne vor. Erklärungsbedürftig scheint ihm, wie Vertrauen weiterhin die gesellschaftlichen Beziehungen grundlegen kann, obwohl die Erfahrungen auch maßloser Gewalt Teil der Moderne sind - man denke nur an das 20. Jahrhundert mit dem Holocaust, dem stalinistischen Gulag, Hiroshima und Nagasaki, den Völkermorden in Kambodscha und Ruanda, dem aufkommenden Terrorismus und vielen anderen Gewalttätigkeiten großen Maßstabs. Zum Verständnis greift Reemstma, der ja auch Literatur-Professor ist, auf sozialwissenschaftliche, philosophische und literarische Quellen von der Antike bis heute zurück. Von Homer über Shakespeare bis Luhmann reichen die Referenzen - und sie werden durchwegs erhellend eingesetzt. Das Buch ist ein theoretisches, kein literarisches oder essayistisches Projekt. Einer Ausdehnung des Gewaltbegriffs setzt Reemtsma die Konzentration auf den Kern entgegen: Gewalt als stets auf den Köper bezogenes Phänomen. Ausführlich beschäftigt er sich mit den Verhältnis von Macht und Gewalt, mit der Delegitimation und der Relegitimation der Gewalt in der Moderne, mit dem Vertrauen in die Gewalt - und mit dem Verhältnis von Gewalt und Kommunikation. Wer sich mit Fragen von Gewalt auseinanderzusetzen hat - und in der Sozialen Arbeit und ihrer Fachwissenschaft haben das viele - sollte den Band nicht missen.

Peter Pantucek / peter.pantucek@fhstp.ac.at




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