soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 2 (2009) / Rubrik "Rezensionen" / Standortredaktion Klagenfurt
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/138/186.pdf


Stephen A. Webb. Social Work in a Risk Society: Social and Political Perspectives. London: Palgrave MacMillan 2006

278 Seiten / 36,60 EUR

In Zeiten zunehmender Internationalisierung der Sozialen Arbeit mag die Lektüre angelsächsischer Literatur auch bei uns gebräuchlicher werden; dass sich englischsprachige Autoren auf deutschsprachige Diskurse beziehen, ist hingegen seltener der Fall. Theoretisch inspiriert u.a. von den Analysen Ulrich Becks und Anthony Giddens', die moderne Gesellschaften als Risikogesellschaften charakterisieren, untersucht Stephen A. Webb kritisch aktuelle Bedingungen von und Aufgaben der sozialen Arbeit in einem breiteren gesellschaftspolitischen und sozialphilosophischen Rahmen. Dabei trifft der Autor, der bis vor kurzem an der University of Sussex lehrte, erhellende begriffliche Unterscheidungen von Risiko, Unsicherheit, Gefahr und Vertrauen, und widmet sich detailliert Fragen zur Rolle und professionellen Identität sozialer Arbeit in der Risikogesellschaft sowie dem möglichen Einfluss letzterer auf Prozesse des Planens und Implementierens, Evaluierens und Intervenierens sozialer Arbeit.

Gemäß Webb geht soziale Arbeit in einem dichter werdenden institutionellen Geflecht von Staat, Politik und Wissenschaft vor sich, das sowohl eine soziale (Risikogesellschaft), eine politische (fortgeschrittener Neoliberalismus) wie auch eine kulturelle Dimension (reflexive Moderne oder Spätmoderne) umfasst. Der Autor diskutiert, wie die Analyse, die Bewertung und das Management von Risiken auch in der sozialen Arbeit zunehmend eine Rolle spielen, etwa in Form neuer Technologien oder Verfahren evidenzbasierter Praxis, und wie soziale Arbeit dabei Gefahr läuft, der Logik der Regulation und des betriebswirtschaftlichen Kalküls zu unterliegen. Ebenso kritisch beleuchtet der Autor Folgen des "new managerialism" in der Planung und Organisation sozialer Arbeit, den er in der Interdependenz von Techniken der Risikenregulierung mit marktwirtschaftlicher Rationalität verortet.

In der Tradition kritischer sozialer Arbeit stehend sowie unter Bezugnahme auf den Kommunitarismus Charles Taylors, stellt der Autor diesem neoliberalen Kalkül eine Ethik der Fürsorge, der Anerkennung und der Tugend entgegen, die er unter dem Gesichtspunkt der Praxis sozialer Arbeit als deren professionelle Stärke betrachtet. Stephen Webb hofft, dass eine solche ethische Praxis der Norm materiellen Eigennutzes in der neoliberalen Risikogesellschaft Werte der sozialen Solidarität, Gerechtigkeit und Anerkennung entgegen zu setzen vermag.

All jenen, die daran interessiert sind, die aktuellen Bedingungen und Herausforderungen sozialer Arbeit in einem breiteren gesellschaftstheoretischen Kontext zu reflektieren, vermittelt Webbs Buch viele wertvolle Einsichten. Bemerkenswert ist zudem die Bandbreite von Bezugnahmen des Autors auf soziologische und philosophische Literatur. Der Umstand, dass das vorliegende Buch die Praxis sozialer Arbeit weitgehend in einem britischen Kontext betrachtet, mag dessen Relevanz und Anwendbarkeit für den österreichischen Raum nicht schmälern. Solange die Globalisierung von Unsicherheit, Risiken und sozialen Problemen keine Grenzen kennt, liegt es nahe, dieser auch in den Praktiken und Diskursen sozialer Arbeit länderübergreifend entgegen zu treten.

Barbara Hönig / b.hoenig@fh-kaernten.at






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