soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 3 (2009) / Rubrik "Rezensionen" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/145/205.pdf


Heiko Kleve & Jan V. Wirth: Die Praxis der Sozialarbeitswissenschaft. Eine Einführung. Verlag Schneider Hohengehren. Baltmannsweiler. 2009

258 Seiten / 19,80 EUR

Unter dem schlichten Titel "Einführung" bieten die beiden Autoren ein Arbeits-, Lehr- und Übungsbuch zur Sozialarbeit, das sich an Studierende, Lehrende und Praktizierende wendet, um sowohl die Praxis der Sozialarbeitswissenschaft einführend zu präsentieren als auch einer Didaktik und einer alltäglichen Praxisreflexion neue Vermittlungswege und Spielräume zu eröffnen. Sieben Lerneinheiten thematisieren Grundvollzüge sozialarbeitswissenschaftlicher Praxis wie Staunen, Reflektieren, Kritisieren, Systematisieren, Analysieren oder Erleben. Die gedanklichen Kreisbewegungen ermöglichen es den LeserInnen, aus unterschiedlichen Perspektiven und Bedürfnissen je eigene Zugänge zu erhalten, sich gewissermaßen ihr eigenes Buch zu schreiben.

So entstand ein leidenschaftliches postmodernes Lehrbuch postmoderner Sozialarbeit, bei dessen (anregender) Lektüre sich die Frage aufdrängt: Muss eine moderne Sozialarbeit postmodern sein, um in der Gegenwart professionell agieren zu können? Diese Frage ist einem postmodernen Denken wohl befremdlich, impliziert sie doch schon als Frage Elemente jener "großen Erzählungen", deren Überwindung sich postmodernes Erzählen verdankt: "Müssen" verweist auf eine logische Stringenz und Eindeutigkeit eines Zuordnens - erkenntnistheoretische Prämissen von Korrelation, Subjektivität/Objektivität, Wahrheit etc. -, die in der Postmoderne durch das Paradigma des "Könnens" als Ausdruck einer freieren Beziehung abgelöst wurde. Wobei "Erzählen" schon eher das "Wesen" der Postmoderne in ihrer ihr eigentümlichen Wesenlosigkeit trifft als die Rückfrage, ob moderne Sozialarbeit postmodern sein "muss". "Erzählen" aber, verstanden etwa als "dialogische Beziehung", benötigt Großkategorien zu ihrem eigenen - sowohl praktischen als auch theoretischen - Vollzug nicht, zieht also gewissermaßen den Kopf aus der Schlinge der Aporien neuzeitlichen Denkens und gewinnt im Verzicht auf diese die Freiheit einer (professionellen) Begegnung (sowie einer dieser korrespondierenden Wissenschaftlichkeit), die den Anderen in seiner Andersheit besser wahrzunehmen imstande ist als die durch Vor-Stellen konstituierten Ideologien, Moralen oder Theorien. Indirekt gibt das Buch aber wohl eine Antwort auf die sich hartnäckig aufdrängende Rückfrage: Moderne Sozialarbeit "muss" nicht postmodern sein, aber sie kann es, und: sie schafft sich durch diesen Verzicht auf Paradigmen der Moderne sowohl einen Raum des Verstehens als auch des Handelns, der in seiner dialogischen Offenheit Unerhörtes hören und zur Sprache bringen kann. Ein Mangel an Zielgerichtetheit wird ersetzt durch einen Freiraum an Möglichkeiten, die Last der Verantwortung der Sozialarbeit durch die Lust an Wort und Antwort, welche das Durcheinander des Dia-logs offenbar werden lässt.

Freilich muss sich postmodernes Denken ebenso wie jeder andere Entwurf fragen lassen nach seinem Verhältnis zur Gegenwart, etwa ob er als bloß affirmativer Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse zu werten ist oder ob ihm Selbständigkeit, und d.h. auch die Kraft zur Negation innewohnt. Oder, wissenschaftstheoretisch bzw. formallogisch, ob seine Begründung nicht zirkulär, von seinem Willen etwa, die Welt postmodern zu sehen, getragen sei. Diese Fragen werden im vorliegenden Buch zwar berührt, bedürfen aber noch einer kritischeren Diskussion, die ein Einführungsbuch bei weitem sprengen würde.

Gegenwärtig werden in Disputationen v.a. von PhilosophInnen wieder verstärkt Fragen diskutiert, die weder modern noch postmodern sind, nämlich: ob jene "großen Erzählungen", die die Postmoderne als die Moderne konstituierend dieser unterstellt und als überwunden betrachtet, nicht ein Selbstmissverständnis von Modernität ebenso wie von deren Nachfolgeepoche sind. Diese Meta-Fragen könnten die Diskussion um das Selbstverständnis der Gegenwart und ihre zureichende (sozialarbeits)wissenschaftliche Praxis noch lange in Atem halten.

Johannes Vorlaufer / wien@soziales-kapital.at






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