soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 6 (2010) / Rubrik "Rezensionen lang" / Standortredaktion Vorarlberg
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/186/292.pdf


Das Thema "Sozialkapital" wird in den letzten Jahren von sozialwissenschaftlichen Disziplinen unter vielseitigen theoretischen und empirischen Perspektiven diskutiert. Fundierte Beiträge aus Forschung und Praxis nehmen zu - fünf jüngere stellen wir Ihnen nun vor.

Zmerli, Sonja: Inklusives und exklusives Sozialkapital in Deutschland. Nomos. Baden-Baden 2008

342 Seiten / 49,00 EUR

Die Autorin analysiert in ihrer Dissertation Sozialkapital in Deutschland mit dem Fokus auf die Wirkmechanismen konstitutiver Vereinsgüter. Ihre erkenntnisleitende These besagt, dass konstitutive Vereinsgüter (Ziele, Normen etc.) politische Teilhabe begünstigen. Die Arbeit verfolgt dabei fünf wissenschaftliche Fragestellungen: a) den Beitrag bestehender Sozialkapital-Theorien zur Erklärung des Phänomens "divergierender Effekte" (positives und negatives Sozialkapital, b) die verantwortlichen Mechanismen für die Entwicklung sozialen Vertrauens, c) die Unterschiede im Sozialkapital demokratischer versus postkommunistischer Gesellschaften am Beispiel Ost- und Westdeutschlands, d) den Beitrag des Sozialkapital-Konzepts für die Forschung zur politischen Partizipation und e) die bedeutendsten Divergenzen im Sozialkapital der beiden untersuchten Landesteile. Nach einer gelungen theoretischen Abhandlung sozialpsychologischer wie politikwissenschaftlicher Argumentationslinien und zentraler Grundlagenbeiträge gewinnt die Autorin ihre empirischen Belege aus der deutschen Teilstudie des europäischen Forschungsprojekts "Citizenship, Involvment, Democracy", die sie an einem Datensatz von 3.105 Personen eigenständig auswertet. Auf die Fülle der aufschlussreichen Ergebnisse kann hier nur verwiesen werden; ein Ergebnis ist jedoch evident: Vereinsaktivitäten und interpersonelle Kommunikation vermitteln soziale Normen, welche wiederum soziales Vertrauen und soziales Engagement stärken. Jedoch tragen nur inklusive Vereinigungen hierzu bei, wie etwa Hobby- und Sportvereine, Menschenrechtsorganisationen u.v.a.m. im Unterschied zu exklusiven Gruppierungen wie etwa Automobilclubs, Konsumentenvereine, Logen, Veteranenvereinigungen u.a. Fazit: Im Detail äußerst aufschlussreich.

Roßteutscher, Sigrid: Religion, Zivilgesellschaft, Demokratie. Eine international vergleichende Studie zur Natur religiöser Märkte und der demokratischen Rolle religiöser Zivilgesellschaften. Nomos. Baden-Baden 2009

457 Seiten / 59,00 EUR

Mit diesem Band liegt eine weitere Analyse von Daten des europäischen Forschungsprojekts "Citizenship, Involvment, Democracy" vor. Die Autorin verfolgt im internationalen europäischen Vergleich die brisante übergreifende Frage, inwiefern protestantische Vereine und Netzwerke einen besseren oder schlechteren "Nährboden für die Demokratie" darstellen als katholische bzw. als säkulare Vereinigungen. Unabhängig von den Ergebnissen, die ich der Leserschaft keinesfalls vorwegnehmen möchte, trägt Sigrid Roßteutscher mit ihrer elaborierten, weil theoretisch bestens fundierten und empirisch äußerst gehaltvollen, Studie dazu bei, die Bedeutung von Religion für die (post)moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft erneut in den Fokus zu rücken und das Verhältnis von Staat und Kirche innovativ zu interpretieren. Bereits aus der Sozialisationsforschung ist seit langem bekannt, dass Religiosität auf der individuellen Ebene ein salutogenetischer Faktor ist. Inwiefern dies für christliche Konfessionen auf der Makro-Ebene im Kontext zunehmender Säkularisierung ebenfalls (noch) gilt, ist die spannende Frage dieser Arbeit. Sie wird durch viele Detailanalysen der vorliegenden empirischen Daten zu klären gesucht. Fazit: Mehr als lesenswert!

Westle, Bettina, Gabriel, O. (Hrsg.): Sozialkapital. Eine Einführung. Nomos. Baden-Baden 2008

198 Seiten / 19,90 EUR

Das im Format 12 x 18,5 gestaltete Taschenbuch eignet sich tatsächlich als erster Einstieg ins Thema. Es handelt Ansätze der "Klassiker" wie Putnam, Bourdieu und Coleman ab, bietet eine Übersicht über zentrale Dimensionen und Operationalisierungen Sozialen Kapitals und führt in aktuelle deutsche und europäische Befunde ein. Das Buch schließt mit einem Kapitel über kritische Sichtweisen. Die umfangreich zitierte Literatur bietet ausreichend Stoff, um zumindest zentrale Werke gezielt zu studieren, wenngleich bei der rasanten Verbreitung des Themas permanent mit aktualisierten Ausgaben zu rechnen ist. Dennoch ist das Buch z.B. für Studienanfänger/innen gut geeignet; es erfüllt seinen angekündigten Zweck.

Marx, Johannes: Sozialkapital und seine handlungstheoretischen Grundlagen. Eine wissenschaftstheoretische Untersuchung. Tectum. Mainz 2005

142 Seiten / 24,90 EUR

Ein neuer Blickwinkel: Hier liegt eine Arbeit vor, welche die Theorieansätze von Putnam und Coleman wissenschaftstheoretisch miteinander vergleicht. Basis des Vergleichs ist eine handlungstheoretische Perspektive. Der etwas schmalen Abhandlung ist zwar anzumerken, dass sie aus einer Magisterarbeit entstand. Dennoch zeigt die Arbeit ihre Stärken dort, wo sie im Detail die Elemente der beiden Theoriekonstrukte interpretativ auf der Basis soziologischer Handlungstheorien (z.B. der Theorie kooperativen Handelns von Axelrod) miteinander vergleicht. Zentrale Aussage der Arbeit: Putnam und Coleman entwickelten in ihren Ansätzen des Sozialkapitals unterschiedliche Vorstellungen von Normen, Akteuren und Handlungen, weil sie auf den sich unterscheidenden soziologischen Paradigmen des "homo sociologicus" bzw. des "homo oeconomicus" basieren. Demnach würden sozial Handelnde entweder Vorgaben sozialer Normen befolgen oder sich nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung verhalten, weswegen die Sozialkapital-Ansätze von Putnam und Coleman eher unvereinbar seien. An dieser Argumentation zeigt sich, dass die Debatte - auch in der empirischen Erforschung des Sozialkapitals z.B. in den deutschen und österreichischen Freiwilligensurveys - in den fünf Jahren nach Erscheinen des Bandes durchaus fortgeschritten ist.

Seubert, Sandra: Das Konzept des Sozialkapitals. Eine demokratietheoretische Analyse. Campus. Frankfurt/M., New York 2009

282 Seiten / 32,90 EUR

Sandra Seubert schlägt einen Weg der Theorieintegration ein. In ihrer Arbeit verknüpft sie das Verständnis von Sozialkapital als Ressource der Inklusion (nach Putnam) mit dem sozialtheoretischen Verständnis über zwischenmenschliche Beziehungen unter dem Aspekt der Ungleichgewichte von Macht (nach Bourdieu). Zweifellos wählt die Autorin damit eine gut nachvollziehbare erkenntnisleitende Richtung, die sie zudem aus demokratietheoretischer Makro-Perspektive fundiert zu untermauern vermag. Dabei diskutiert sie Erscheinungsformen der Zivil- und Bürgergesellschaft und analysiert die beiden genannten "Klassiker" mit Blick auf diverse Dimensionen des Sozialkapitals. Seubert gelingt es, wesentliche Elemente von Sozialkapital auf der individuellen, gruppenspezifischen und gesamtgesellschaftlichen Ebene systemtheoretisch zu begründen. Ihre Arbeit verweist darauf, dass eine alleinige "Bottom-up-Perspektive" von Sozialkapital das soziale Phänomen nicht nur unvollständig sondern auch unzulässig falsch erklärt. Stets sind für eine konstruktive soziale Wirkung auch institutionelle Elemente und Mechanismen auf der Ebene der Gesellschaft sowie der gesellschaftlichen Gruppen bedeutsam. Diese werden gestützt durch, und stützen zugleich, langfristig aufzubauende wechselseitige Werte von Vertrauen im Mikro-, Meso- und Makrobereich. Insgesamt bestätigt die Arbeit damit Theoreme des empirisch geführten Diskurses, wie er zum Beispiel in den deutschsprachigen nationalen Studien zum Bürgerschaftlichen Engagement und Sozialkapital aktuell geführt wird.


Frederic Fredersdorf / fre@fhv.at






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