soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 6 (2010) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standortredaktion St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/189/298.pdf


Nina Hagenauer:

Risflecting in der Mobilen Jugendarbeit

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit dem sogenannten Risflecting Ansatz und seiner Anwendbarkeit. Beginnend mit einer Begriffsklärung des Risflecting Modells folgt eine Durchleuchtung der sozialarbeiterischen und lebensweltlichen Anwendung eines solchen. Als Basis dient hier die im Juni 2010 angefertigte Bachelorarbeit für den Studiengang Soziale Arbeit an der FH St. Pölten. Herausstechend ist die Wichtigkeit der Mobilen Jugendarbeit sowie deren Kooperation mit anderen Professionen wie der Polizei, der Gastronomie und dem Sicherheitspersonal. Das Theorie und Praxis nicht weit voneinander entfernt liegen müssen versucht ein mögliches Konzept zur Anwendung des Risflecting Modells zu belegen.

Das Feld Jugendliche und Alkoholkonsum beherrscht die Medien in Zeitungsmeldungen, in denen es um den vermeintlich zunehmenden und "härteren" Alkoholkonsum von Jugendlichen geht sowie die TV Dokumentationen, in welchen Jugendliche bei ihrem Ausgeh- und Trinkverhalten am Wochenende aufgezeichnet werden. Die Tendenz, solche Szenen dann mittels zweifelhafter sowie seriöser Studien und Projekte zu beforschen, rührt aus diesem medialyen Hype des Themas. Die an sich banale Frage: Trinken Jugendliche der Gegenwartsgesellschaft "mehr" als beispielsweise noch vor 20 Jahren, und verwahrlosen sie? ist und bleibt aber empirisch unklärbar. Der Frage nach den Beweggründen nachzustellen, welche Jugendliche haben, um entweder, Alkohol in hohem Maße zu konsumieren oder um ein Phänomen des sogenannten "Binge-drinking" zu leben, erweist sich aber als grundsätzlich beforschbar.

Bereits vor 2 Jahren wurde an der FH St. Pölten in Zusammenarbeit mit erfahrenen WissenschaftlerInnen heimischer sowie internationaler universitärer Kontexte sowie mit FH-StudentInnen eine Studie zum Thema "Jugendliche Alkoholszenen. Konsumkontexte, Trinkmotive, Prävention" (Eisenbach-Stangl/Irmgard, et al:2008) durchgeführt. Dieses Vorgängerprojekt war Anlass um im vergangenen Studienjahr ein Anschlussprojekt in Gestalt "Jugendliche Alkoholszenen" ins Leben zu rufen und dabei vorwiegend die Präventionsmöglichkeiten im Feld, sowie die Frage zu fokussieren, inwiefern Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Professionen besteht. So ist gemeinhin bekannt, dass Gastronomie, Polizei, Sicherheitsdienst und Soziale Arbeit im Zusammenwirken eine wesentliche Rolle dabei spielen, wenn es um den Alkoholkonsum von Jugendlichen geht. Im Rahmen dieses Projekts wurde in kleinen Gruppen geforscht, welche bestimmten geographischen Zentren Niederösterreichs zugeordnet wurden und welche dann für die Beforschung der genannten Faktoren (Konsumkontexte, Trinkmotive, Prävention) beobachten wurden.

1. Alkoholkonsum von Jugendlichen
"Binge-Drinking", "Koma-Saufen" sind jene Begriffe die viele Menschen sofort mit den beiden Worten Jugend und Alkohol assoziieren. Redeweisen wie "früher war alles besser" und "die heutige Jugend sauft ja nur mehr" finden offensichtlich Anklang in der öffentlichen Meinungsbildung. Die empirisch analysierte Wirklichkeit geht allerdings von anderen Fakten aus:

"Die österreichischen Jugendlichen sind hinsichtlich des Alkoholkonsums nicht die Hauptproblemgruppe. Die meisten ProblemkonsumentInnen und den höchsten Alkoholdurchschnittskonsum findet man derzeit bei den 30-39-Jährigen. Die meisten täglichen AlkoholkonsumentInnen bei den ab 70-Jährigen." (Handbuch Alkohol-Österreich 2009:167)

Jugendliche trinken also Alkohol. Wie jedoch Statistiken und Untersuchungen in den letzten Jahren immer wieder bestätigten, ist die Vermutung, dass unsere Jugendlichen ob des übermäßigen "Alkoholkonsums" verwahrlosen und/oder alkoholkrank werden, übertrieben und nicht haltbar. Zwar gibt es einen Trend zum früheren Beginn von Alkoholkonsum, dieser hat jedoch noch wenig mit "Binge-drinking" zu tun.

Wie in dem vom Bundesministerium für Gesundheit publizierten Handbuch für Alkohol (2009) nachzulesen ist, ist der frühere Beginn des Konsums von Alkohol eher ein akzelerationsbedingtes Vorverlegen als eine nachhaltige Konsumsteigerung. So spielte im Jahr 1994 täglicher Alkoholkonsum bei Jugendlichen unter 18 Jahren noch keine Rolle, im Jahr 2004 genossen immerhin 3% der 14-15-Jährigen und 4% der 16-17-Jährigen Jugendlichen täglich Alkohol. Gleichzeitig zeichnete sich bei den 18-20-Jährigen als auch bei den ab 21-Jährigen ein steter Rückgang des Konsums ab (vgl. Handbuch für Alkohol 2009:172).

Tatsächlich belegen Erhebungen und wissenschaftliche Studien, dass das Erlernen des Umgangs mit Alkohol zwangsläufig zu den Entwicklungsaufgaben gehört, die man beim Übergang vom Kindes- zum Erwachsenenalter zu bewältigen hat. Dabei sollte es natürlich um das Erlernen eines mäßigen und verantwortungsbewussten Umgangs mit Alkohol gehen (vgl. Settertobulte in Niekrentz 2010:75).

Es gibt mittlerweile mehrere Ansätze und Versuche, jenseits von öffentlicher Polemisierung mit dem Thema Jugendliche und Alkoholkonsum nach dem Stand fachwissenschaftlicher Kenntnisse umzugehen. In jüngerer Vergangenheit sowie auch in der Gegenwart gab und gibt es nennenswerte Konzepte, deren Ziel es vorrangig ist, Jugendliche auf die Gefahren des übermäßigen Alkoholkonsums aufmerksam zu machen. So bietet die "Fachstelle für Suchtvorbeugung, Koordination und Beratung" in St. Pölten für Jugendliche wie auch ProfessionistInnen unterschiedliche Workshops zum Thema an. Der Großteil dieser ist im Bereich Suchtprävention angesiedelt und arbeitet auf eine Vermeidung des Alkoholkonsums von Jugendlichen hin. So existieren Workshops, in welchen sich Jugendliche Gedanken über ihre Stärken und Ressourcen, sowie ihr individuelles Konsumverhalten machen sollen. Weitere Angebote fokussieren sich auf die Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Themen Konsum und Sucht (vgl. Fachstelle für Suchtvorbeugung, Koordination und Beratung, am 09.04.2010).

Die Nachhaltigkeit dieser Projekte ist jedoch aufgrund diverser Studien und Erfahrungsberichte zu hinterfragen. Denn der Umgang mit Alkohol kann auch als Entwicklungsaufgabe und als Notwendigkeit von Jugendlichen, echtes Erwachsenenverhalten zu erproben, gesehen werden (vgl. Settertobulte in Niekrentz 2010:75). Insofern könnte es sich auch als sinnvoll erweisen, Projekte zum Thema "Alkoholkonsum-OK, aber wie?" zu etablieren.

Genau an diesem Punkt setzt Soziale Arbeit an und interveniert durch spezifische Begleitung. Dabei geht man von der Tatsache aus, DASS Jugendliche Alkohol konsumieren, dass aber vielfach die "Begleitung" während des Konsums, die Verhinderung der gravierendsten Folgen eines Rausches (beispielsweise in Gestalt von Schwindelgefühlen, Erbrechen, bis hin zur Bewusstlosigkeit) im Zusammenwirken mit den Jugendlichen verhindert werden kann.

2. Das Risflecting Modell-ein möglicher Ansatz?
Der Risflecting Ansatz nach Koller (2007) beschreibt ein pädagogisches Handlungsmodell zur Entwicklung von Rausch- und Risikokompetenz.

"Unter Rausch wird hier eine prozesshafte Veränderung sinnlicher und sozialer Wahrnehmung, also von Eindrücken, Emotionen, Grenzen und Konventionen verstanden. Risiko meint die Verbindung von Ungewissheit und Bedeutsamkeit, die mit einem Ereignis einhergeht und zur Auseinandersetzung mit ihm und seinen Folgen auffordert." (Risflecting, Entwicklungspool für Rausch und Risikokompetenz, am 30.04.2010)

Das Ziel dieses Konzeptes besteht also darin, anstelle einer Minimierung von Rausch- und Risikosituationen eine Optimierung des Verhaltens herzustellen. Im Rahmen der hier vorgestellten Thesen1 eines Handlungsansatzes geht es also um einen sekundärpräventiven Ansatz bezugnehmend auf Jugendliche und Alkoholkonsum. Der Ansatz basiert vorwiegend auf den Prämissen eines Empowerments von Jugendlichen, sowie auf neuesten Erkenntnissen der Flow-Forschung, der Psychoanalyse, der Gehirnforschung sowie aus kulturanthropologischen Studien. Nicht das Vermeiden von alkoholischen Räuschen ist das Ziel, sondern der vernünftige Umgang damit (vgl. Koller 2007:3). Insgesamt werden folgende Ziele dabei verfolgt:

  • "Rausch und Risikoerfahrungen auf persönlicher, sozialer und gesellschaftlicher Ebene" (ebd.) sollen "enttabuisiert" werden.
  • Es geht darum, "diese Erfahrungen für die Alltags- und Lebensgestaltung nutzbar" (ebd.) zu machen.
  • Jugendliche sollen "Verantwortung für außeralltägliches Verhalten durch Rauschkultur und Risikokompetenz übernehmen. Dies meint insbesondere die Vor- und Nachbereitung solcher Erfahrungen durch die bewusste Wahrnehmung und Gestaltung von innerer Bereitschaft und äußerem Umfeld".(ebd.)

Die definierten Zielgruppen sind daher auch jene großen Gruppen von Personen, welche Rausch- und Risikosituationen unbewusst und ohne Vor- und Nachbereitung eingehen. Risflecting bietet hier eine bewusste Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit diesen Situationen an. An diesem Punkt wird deutlich, dass die Zielgruppe speziell Jugendliche sind, welche z.B. mit Alkohol Erfahrungen sammeln und sammeln möchten (vgl. Koller 2007:8).

In der präventiven Jugendarbeit setzt der Risflecting-Ansatz daher wie folgt an:
Abbildung 1

"Die Kultivierung von Rausch- und Risikoerfahrungen beinhaltet neben ritualisierter Vor- und Nachbereitung derselben die Entwicklung von Wahrnehmungsfähigkeit und Sozialkompetenz sowie die Fähigkeit, vor oder während der Entscheidungsfindung oder Erfahrung innezuhalten ("Break") und den stimmigen nächsten Schritt zu tun. Im "Break" verbinden sich die Bewusstseinswelten von Flow und Vernunft." (Koller 2007:26).

Mit "Break" wird auch die Möglichkeit zur Selbstwahrnehmung und zum kurzen Innehalten beschrieben. Ziel ist es dabei, vor dem Eingehen einer Rausch- oder Risikosituation kurz in sich zu gehen und abzuwägen, ob man tatsächlich eine innere Bereitschaft sowie die psychische und physische Verfassung mitbringt, um die Entscheidung zum Rausch auch wirklich in die Realität umzusetzen. Dieser Prozess wird im Risflecting Ansatz tendenziell eher als emotionaler denn als kognitiver beschrieben. Es geht darum kurz für sich selbst zu bewerten: "ist mein Umfeld gut gestimmt, bin ich gut drauf oder etwa durch Probleme und Anderes belastet?". Ein solches kurz gehaltenes Überdenken der Ausgangssituation versucht Risflecting zu erreichen, um Lust-" anstelle von "Frusttrinken" herbeizuführen (vgl. Koller 2007:10).

Die in der oben angeführten Grafik dargestellte Reflexionsschleife ist ein zentrales Instrument des Ansatzes. Sie soll die Möglichkeit bieten, außeralltägliche Erfahrungen auf individueller und sozialer Ebene zu reflektieren. Dies ist notwendig, damit die Reflexion nachhaltig wirken kann (vgl. Koller 2007:12 in Einwanger 2007:106).

In einer Sozialen Arbeit, die nach Maßgabe des Risflectings vorgeht, sollen alle Maßnahmen

  • den Begriff "Wagnis" positiv besetzen und gleichzeitig den Begriff "Sicherheit" kritisch hinterfragen, da es um die bewusste Auseinandersetzung und Balance zwischen Risiko und Reflexion geht,
  • einen Prozess von der Bewahrungs- zur Bewährungspädagogik einleiten.
  • den Missbrauch von Rausch- und Risikoerfahrungen für wirtschaftliche und politische Zwecke kritisch beleuchten.
  • Rausch- und Risikoerfahrungen enttabuisieren und somit als Mittel für persönliches Wachstum und gesellschaftliche Veränderung integrieren und weiterentwickeln (vgl. Koller 2007:13)

Wie bereits angedeutet, geht es in der Arbeit mit Jugendlichen vor allem nicht um das Verhindern von Rauschzuständen sondern vielmehr um das Bewusst-Machen des Konsums sowie um ein Ausschöpfen der Möglichkeit, "im geschützten Rahmen" Rauscherfahrungen sammeln zu können.

3. Risflecting in privaten Räumen?
Neben dem Alkoholkonsum in Lokalen und an öffentlichen Plätzen spielt dieser auch in privaten Räumen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das Feiern im privaten Rahmen wird Jugendlichen vielfach von der Erwachsenen-Generation vorgelebt. Familienfeste, Feiertage und private Zusammentreffen unter bzw. trotz Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen beinhalten zumeist den Konsum von Alkohol. Diese gelebte Normalität des Alkoholkonsums findet sich in nahezu allen Haushalten wieder. Zudem forciert unsere Gesellschaft den Alkoholkonsum: gibt es etwas zu feiern, oder sind viele Personen bei einander, wird in der Regel Alkohol getrunken.

Jugendliche stellen hier keine Ausnahme da. Dies zeigt sich in den Beobachtungen des gegenständlichen Projekts deutlich. Im Fall einer, von 14 bis 16 jährigen Jugendlichen, organisierten Party wussten - so die Jugendlichen - die Eltern bzw. die Mutter, welcher die Wohnung gehört, über die Party Bescheid. Des Weiteren wurde in den Narrationen deutlich, dass die Eltern über den Alkoholeinkauf Bescheid wussten: "Sie ist ja sogar extra mit uns zum Kern gefahren, damit wir Wodka und Jägermeister kaufen können. Auch zwei volle Kartons Kleiner Feigling hat sie uns noch dazu gekauft... " (I 1:2)

Trotz des Bewusstseins, dass sieben Jugendliche mit Alkohol eine Party zu feiern gedenken, ließ die Mutter diese alleine zurück, um selbst auszugehen. Als die Party schließlich eskalierte, die Polizei kam und die Erziehungsberechtigte verständigte, mussten alle Jugendlichen die Wohnung verlassen. Die Eltern der interviewten Jugendlichen meinten im Nachhinein, dass sie sich über den vermeintlichen Alkoholkonsum im Klaren waren. Jedoch waren sie in dem Glauben, dass zumindest eine erwachsene Person anwesend sein würde, um ein Auge auf die Jugendlichen zu haben.

Hier wird klar erkennbar, dass sich Erziehungsberechtigte in der Regel darüber im Klaren sind, dass ihre Kinder Alkohol konsumieren möchten und dies auch tun. Die Deutung ist naheliegend, dass sie durch Verbote und Erziehungsauflagen diesen Konsum weder verhindern noch eindämmen können, wie auch im vorangegangenen idealtypisch dargestellten Fall deutlich wurde. Dennoch besteht eine Erwartung nach der Anwesenheit einer erwachsenen Aufsichtsperson. Vergleichbar ist diese Situation auch mit dem Alkoholkonsum in einem Jugendzentrum. Auch dort geht es Erziehungsberechtigten darum, die Gewissheit zu haben, dass eine ausgewählte und vertrauenswürdige Person während einer Alkoholparty anwesend ist. Dabei steht nicht der Stopp des Alkoholkonsums im Vordergrund, sondern vielmehr - um sich der Terminologie des Fachdiskurses zu bedienen - das so genannte "Binge drinking", welches auf ein Eingreifen in eventuellen Notsituationen abzielt.

Das beschriebene Erkennen und Akzeptieren geht Hand in Hand mit der Anwendung des eingangs beschriebenen Risflecting Modells. Wenn Eltern dazu bereit sind, sich auf die Tatsache einzulassen, dass ihre Tochter/ihr Sohn Alkohol konsumiert, können sie im Falle einer Party in die Rolle des/der Begleiters/Begleiterin schlüpfen. Diese Rolle impliziert das Übernehmen der Verantwortung über die Geschehnisse. Des Weiteren können sie die wirkungsvollen Instrumente des Risflecting, also zum Beispiel "Break" und "Reflexion", gezielt einsetzen. Vor allem aber ist die Möglichkeit der Reflexion jedenfalls mit den eigenen Töchtern/Söhnen anwendbar und stellt eine wertvolle Ressource dar. Der Aufbau einer Vertrauensbasis durch das gemeinsame Reflektieren einer durch Alkoholkonsum geprägten Party ist von unschätzbarem Wert für die Sohn/Tochter-Eltern Beziehung. Durch den Verzicht von Vorwürfen und Strafen bietet sich hier für Erwachsene und Jugendliche die Möglichkeit, eine gemeinsame Basis aufzubauen. Dieser respektvolle Umgang miteinander ermöglicht vielleicht auf Dauer den Verzicht auf "Binge-drinking".

Bei den Erhebungen im Zuge der Bachelorarbeit wurde klar, dass auch Erwachsene großes Interesse bekunden, wenn es um den sicheren Umgang ihrer Kinder mit Alkohol geht. Workshops und Seminaren stehen sie offen gegenüber, wie man am Beispiel einer Mutter, welche eine 14jährige Tochter hat, erkennen kann: "Sofort wäre ich bei so einer Veranstaltung dabei! Immerhin interessiert es mich, was für Projekte es gibt [in Bezug auf Jugendliche und Alkoholkonsum beim Ausgehen am Wochenende]!" (I 1:1)

Die Aufklärung über Alkoholkonsum, wie bei den unterschiedlichen Workshops in den verschiedenen Einrichtungen, ist gut und notwendig. Fraglich ist, ob Jugendliche ohne Druck von außen, also freiwillig, zu einer solchen Veranstaltung gehen würden. Vorstellbar wäre eine Umsetzung dieser Workshops in den Schulen, bei denen abschließend mitgeteilt wird, dass es SozialarbeiterInnen gibt, die in Zukunft am Wochenende in den Lokalen und an diversen öffentlichen Plätzen anwesend sind. Nicht, um eine kontrollierende Funktion einzunehmen, sondern um die Jugendlichen bei ihrem Alkoholkonsum zu begleiten. Zwar gibt es bei dem schulischen Workshop immer noch den Beigeschmack einer "Zwangsverpflichtung", mit dem erwähnten Zusatzangebot der Mobilen Jugendarbeit können die Inhalte des Workshops jedoch in der Freizeit weiter bearbeitet werden.

Diese Bearbeitung und Aufarbeitung der Inhalte würde am besten mit der Anwendung des Risflecting Modells funktionieren. Dieses stellt den Anspruch, in die Lebenswelt der Jugendlichen hinaus zu gehen und vertritt parallel dazu die Ansicht, dass es nicht um die Verhinderung von Alkoholkonsum bei Jugendlichen geht, sondern um die Begleitung. Mit dem Basiswissen, welches sich die Jugendlichen während des Workshops an der Schule aneignen können, kann in der Freizeit sehr gut weiter gearbeitet werden. Die Workshops sind daher durch einen aktiven Einsatz der Mobilen Jugendarbeit ergänzbar.

Um den Risflecting Ansatz für Jugendliche annehmbar zu gestalten, wäre das nachfolgende Modell wünschenswert:

Basisinformationen sollen durch an Schulen durchgeführte Workshops vermittelt werden. Die bereits bestehenden Workshops für Jugendliche, zusammengestellt von der "Fachstelle für Suchtvorbeugung, Koordination und Beratung" in St. Pölten, dienen als Basis für die Begleitung durch aktive Mobile Jugendarbeit. Idealerweise sind die Vortragenden und WorkshopsleiterInnen in beiden Fällen die Selben. Der Wiedererkennungseffekt könnte bei Wochenendveranstaltungen einen durchaus positiven Einfluss auf die Zusammenarbeit zwischen SozialarbeiterInnen und Jugendlichen haben. Ein weiterer Vorteil wäre die Tatsache, dass die WorkshopleiterInnen so bereits einen Einblick in die Lebenswelt der Jugendlichen erhalten haben und den Workshop so an diese anpassen können.

4. Fazit
Für die Zukunft wünschenswert wäre eine verstärkte Zusammenarbeit von SozialarbeiterInnen der Mobilen Jugendarbeit und, in St. Pölten, der "Fachstelle für Suchtvorbeugung, Koordination und Beratung". Es könnten Workshops in den Schulen abgehalten werden, durchgeführt von MitarbeiterInnen der Fachstelle, und an den Wochenenden könnte die Mobile Jugendarbeit in den verschiedenen Szenelokalen präsent sein. Die LokalbetreiberInnen müssen in dieses Projekt von Anfang an mit eingebunden werden, um über den genauen Arbeitsablauf und -auftrag der SozialarbeiterInnen informiert zu sein. Um etwaige Veränderungen in der Arbeit oder auch Probleme und Herausforderungen, welche während des Projektes auftreten können, abfangen und besprechen zu können, empfiehlt sich ein Treffen aller Beteiligten mindestens alle zwei Monate. Dies schließt die MitarbeiterInnen der Fachstelle ein, als auch die SozialarbeiterInnen der Mobilen Jugendarbeit, das Securitypersonal, die LokalbetreiberInnen sowie polizeiliche VertreterInnen. Eine erste große Evaluation könnte nach einem Jahr durchgeführt werden, um die Erfolge oder auch Misserfolge des Projektes klar definieren zu können. Mittels einer Umfrage von Jugendlichen, welche sich in den verschiedenen Szenelokalen aufhalten, kann die Akzeptanz des Projektes erhoben werden.

Niemals aus den Augen zu verlieren ist allerdings, dass es auch bei diesem Projekt nicht um ein Verhindern des Alkoholkonsums von Jugendlichen geht, sondern um eine Begleitung und vielleicht ein Verhindern von vermehrten "Binge-drinking" Vorfällen.

Denn wie sagte schon Gregor Brand:

"Eine Kultur, in der Alkohol verboten ist, hat es ebenso schwer, geistreich zu sein wie eine Kultur, in der Alkohol eine zu große Rolle spielt."


Verweise
1 Siehe: Bachelorarbeit 2 zum Thema "Das Modell des Risflecting in seiner Anwendung in der Jugendarbeit"


Literatur
Bundesministerium für Gesundheit (2009): Handbuch Alkohol-Österreich. Zahlen, Daten, Fakten, Trends, 3. Auflage, Wien.
Hagenauer, Nina (2010): Das Modell des Risflecting in seiner Anwendung in der Jugendarbeit. Alkoholkonsum von Jugendlichen in Lokalszenen, Privatszenen und im öffentlichen Raum, Bachelorarbeit 2 an der Fachhochschule St. Pölten
Koller, Gerald (2007): Risflecting - Ein pädagogisches Handlungsmodell zur Entwicklung von Rausch- und Risikokompetenz. In: Einwanger, Jürgen (Hrsg.) (2007): Mut zum Risiko. Herausforderungen für die Arbeit mit Jugendlichen. München.
Settertobulte, Wolfgang (2010): Über die Bedeutung von Alkohol und Rausch in der Lebensphase Jugend. In: Niekrentz, Yvonne/Ganguin, Sonja (Hrsg.): Jugend und Rausch. Interdisziplinäre Zugänge zu jugendlichen Erfahrungswelten, München, 73-83.

Internetquellen
Fachstelle für Suchtvorbeugung, Koordination und Beratung, Fachbereich Suchtvorbeugung, http://www.suchtvorbeugung.at/suchtvorbeugung/, am 09.04.2010 Risflecting, Entwicklungspool für Rausch- und Risikokompetenz, http://www.risflecting.at/, am 30.04.2010

Graue Literatur
Interview 1, geführt mit einem 14jährigen Mädchen unter Anwesenheit der Mutter, am 22.11.2009

Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Risikoverhalten
Koller, Gerald (2007): Risflecting - Ein pädagogisches Handlungsmodell zur Entwicklung von Rausch- und Risikokompetenz. In: Einwanger, Jürgen (Hg.) (2007): Mut zum Risiko. Herausforderungen für die Arbeit mit Jugendlichen. München. 104


Über die Autorin

Nina Hagenauer, BA
Studentin im Masterstudiengang für Soziale Arbeit an der FH St. Pölten
Ehrenamtliche Mitarbeiterin bei NEUSTART und ECPAT Österreich
Langzeitpraktikum bei ECPAT Neuseeland, mit Schwerpunkt auf Kinderrechten; Verfasserin von zwei wissenschaftichen Vergleichsstudien zu den Themen "Prostitution in Austria and New Zealand" und "The protection of children against sexual exploitation: A comparison on the legislation in Austria and New Zealand"






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