soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 7 (2011) / Rubrik "Werkstatt" / Standortredaktion St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/205/321.pdf


Julia Boschmann:

Kultur(en) für alle!


Maüdchen_kulturarbeit am Beispiel des Girls Rock Camp NÖ 2011


Bei der Betrachtung von Jugend- und Musikkulturen wird schnell klar, dass diese wichtigen Sozialisationsinstanzen fast immer Jungen1 - bzw. in Folge dessen Männerkulturen sind. Welch bedeutende Rolle Musik innerhalb des jugendkulturellen Sozialisationsprozess spielt heben die Herausgeber von ‚but I like it. Jugendkultur und Popmusik‘ (1998) über den vielzitierten Satz: "Sag mir, welche Musik du hörst, und ich sage dir, wer du bist" hervor. Neben dem Wirken geschlechtsspezifischer Mechanismen in Jugend- und Musikkulturen begrenzen jedoch auch die vieldeutigen und widersprüchlichen Rollenanforderungen die Chancen zur aktiven Partizipation von Mädchen. Dieser Artikel beschäftigt sich mit einer Mädchen_kulturarbeit2, welche sich als feministische Mädchenarbeit versteht sowie das kulturelle Mandant der Sozialen Arbeit berücksichtigt, die Aneignungspotenziale unterstützt und aktiviert. Wie dies in der Praxis mit dem Medium Musik aussehen kann, wird am Beispiel des Girls Rock Camp NÖ 2011 dargestellt.


1. Aktuelle Perspektiven
1.1. Jugend- und Musikkulturen = Jungen- bzw. Männerkulturen Die Gründe für diese Ungleichheit wurzeln dabei bereits in den verschiedenen Positionen, die Jungen und Mädchen3 im Sozialisationsprozess, auch im Bereich der Musik, innerhalb der gesellschaftlichen Normen und Rahmenbedingungen zugewiesen werden: Die Wahl des Instruments ist bis heute stark geschlechtsspezifisch determiniert und die Erwartung unterschiedlicher, an das jeweilige Geschlecht gekoppelter Verhaltensweisen verstärken diese Prozesse. Meist erfahren Mädchen ihre Verhaltenszuschreibungen über die passive Rolle der Konsumentin, der Zuhörerin, der kreischenden Fanin, Sängerin... oder Blockflötenspielerin (vgl. Klinger 2008, Lehmann-Wermser 2003 zit. in Mayer 2011:3).

Diese Tatsache erklärt auch, warum Frauen meist keine der Instrumente erlernen, die für die Gründung einer (Rock-)Band nötig sind: "Noch immer finden sich die Männer am Schlagzeug und an den Gitarren, mithin an Instrumenten, die ausgelebte und expressive Körperlichkeit ermöglichen. Frauen spielen Keyboard, singen oder sind anhimmelnde Staffage für die Stars." (Lehmann-Wermser 2003:60 zit. in Mittischek 2010:3) Auch in Österreich zeigt sich aktuell, dass es so gut wie keine Mädchen oder Frauen gibt, die im Bereich der Rockmusik tätig und in Bands aktiv sind. Dieser Bereich ist nach wie vor eine Männerdomäne. Betrachtet man heute z.B. ein beliebiges Rockmusikmagazin, so wird evident, dass darin nach wie vor kaum Frauen in anderen Rollen als Sängerinnen vorkommen. "Frauen, die Rockmusik machen, werden größtenteils immer noch in derselben Reihenfolge definiert wie früher: zuerst als Frau und dann als Rockmusikerin" (Gaar 1994:16 zit. in Mittischek 2010:3). Dieses Wirken geschlechtsspezifischer Mechanismen in der Vermittlung von Musik begrenzt dabei die positive Entwicklung des Selbstbewusstseins und der Selbsteinschätzung von Mädchen und trägt kaum dazu bei, sich musikalisch aktiv zu betätigen (vgl. Mayer 2011:4).


1.2. Das neue Mädchen(bild): Die Welt zwischen wollen, müssen, können und dürfen
Die Partizipation wird zusätzlich durch das heutige öffentliche Bild von Mädchen erschwert, welches einseitig und vermeintlich durchwegs positiv ist: Den ‚neuen Mädchen‘ stehen alle Türen offen, für sie ist alles erreichbar, wenn sie es nur wollen. Gleichzeitig wirken jedoch alte, konservative Rollenbilder weiter. "Nie war eine Mädchengeneration heterogener, nie war unklarer, was Mädchensein ist, nie war die Kluft zwischen gesellschaftlichen Versprechen und realen Möglichkeiten größer." (Wallner 2009:5) Die Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit der Rollenanforderungen führt dazu, dass sie unerfüllbar werden. Das neue Mädchen(bild) verdeckt diese Problematik und die Orientierung muss individuell bewältigt werden. Verstärkt durch gesellschaftliche Individualisierungsprozesse haben Mädchen, die diesen modernen Bildern nicht genügen (können), das Gefühl von Eigenverschulden (vgl. ebd.:4f).


1.3. Theorie und Praxis: Du siehst etwas, was ich nicht so seh‘... Mädchen?!
Die Arbeit mit Mädchen ist grundsätzlich dem Denkansatz der Differenz4 zuzuordnen, da sie die weiblichen Eigenschaften und eine weibliche Identität stärken und aufwerten will. Dieses Konzept ist jedoch insofern problematisch, als dass es letztendlich eine ausgrenzende Differenz (mit-)konstruiert und festschreibt. Daher gilt es, das Mädchen(bild) zu dekonstruieren, um vorhandene implizite Normen (wie etwa Heterosexualität) aufdecken zu können. Den Begriff Mädchen zu dekonstruieren bedeutet, die Existenz der Kategorie Geschlecht zwar als gesellschaftliche Realität anzuerkennen, aber nicht mehr definieren zu können, was Mädchen sind. Es gilt, Widersprüche und Brüche nicht zu glätten, sondern durch das Aufgreifen dieser Handlungsmöglichkeiten zu erweitern (vgl. Howald 2001:301f, Schmidt 2001:278f zit. in Petersen 2004:49). Ein solcher Widerspruch wäre einerseits der Wunsch, Mädchen als Kategorie abschaffen zu wollen, jedoch diese andererseits im Sprechen über Mädchen erneut hergestellt bzw. reproduziert wird.

Die Kategorie Mädchen_ schafft dabei die Voraussetzung, sich auf Mädchen zu beziehen und "gleichzeitig das Nichtsagbare, Nichtdefinierte, Widersprüchliche und über die Zweigeschlechtlichkeit Hinausweisende deutlich zu machen" (Busche/ Wesemüller 2010:316). Mit dem Untestrich soll ein zumindest sichtbarer Plural im Sinne einer Vielfalt, Heterogenität (auch in Verbindung mit anderen, ebenfalls nicht abgeschlossenen, gesellschaftlichen Differenzierungen wie beispielsweise Klasse, Sexualität und ‚race‘) und Unabgeschlossenheit der Kategorie ausgedrückt werden (vgl. ebd.). Durch die Verwendung dieser Kategorie können einerseits die unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen thematisiert werden sowie andererseits dekonstruktivistisch gearbeitet werden.


2. Die Annäherung von Sozialer Arbeit und Kulturarbeit
"Kultur gehört seit langem zu den vernachlässigten Gebieten Sozialer Arbeit." (Treptow 2001:334) Im Verhältnis von Kultur- und Sozialarbeit lassen sich zwei ineinandergreifende Kulturbegriffe unterscheiden: Einerseits Kultur als ‚alltägliche Lebensweise‘ und andererseits Kultur als ‚Kunst‘ (vgl. ebd. 2008:51). Das kulturelle Mandat der Sozialen Arbeit richtet sich auf eine Unterstützung der kulturellen Selbstbehauptung von nebeneinander existierenden Teilkulturen, die nicht selten missachtet oder ignoriert werden. Reduziert auf Kultur als ‚Kunst‘, würde die Soziale Arbeit jene eingreifende Bedeutung verlieren, der sie sich verpflichtet fühlt (vgl. ebd. 2001:193; Fuchs/Schieders 1992 zit. in ebd.).

Die Annäherung von Sozialer Arbeit und Kulturarbeit, welche nicht unumstritten ist, kann in zwei Begriffen zusammengefasst werden: kulturelle Sozialarbeit oder soziale Kulturarbeit. Im Gegensatz zur kulturellen Sozialarbeit, welche künstlerische Techniken ihren Zwecken und Zielen unterordnet, trägt soziale Kulturarbeit dem Autonomieanspruch künstlerischer Arbeit weitgehende Rechnung. Schwierig erscheint mir hier eine strikte Trennung: Soziale Arbeit eignet sich zwar im ersten Moment künstlerische Techniken an um sie als Medium zu benutzen, jedoch steht es den Anwender_innen durchaus offen in einem weiteren Schritt dem Autonomieanspruch künstlerischer Arbeit Rechnung zu tragen. Sichergestellt werden kann dies durch den Anspruch, dass Kulturarbeiter_innen einerseits einen eigenen künstlerischen Zugang haben müssen und bereits eine Auseinandersetzung mit der eigenen Position im System ‚Kultur‘ stattgefunden hat. Dadurch erübrigt sich meiner Ansicht nach auch die Frage, ob beispielsweise Musik durch Mädchen_kulturarbeit für ihre Zwecke vereinnahmt werden darf.

Obwohl sich diese beiden Zugänge also nicht zwangsläufig ausschließen bzw. widersprechen, möchte ich den Schwerpunkt hier auf soziale Kulturarbeit legen, welche vier Ziele definiert: Sie muss Bezug zum Lebenslauf herstellen und einer Auseinandersetzung mit der Umgebung dienen. Diese Art der Kulturarbeit muss Gruppen von Menschen in ihren gemeinsamen Interessen und Sorgen ansprechen, neue Perspektiven ermöglichen sowie Raum zur Gestaltung ihrer Umwelt schaffen. Zudem muss sie (menschlich, wirtschaftlich und politisch) vernachlässigte Themen wählen und sensibilisieren (vgl. Hoffmann/Martini/Rebel/Wickel 2004:117f; Fuchs/Schneider 1982:26 zit. in ebd.). Nach Rentmeister (1985:17 zit. in Wilser 2001a:249) werden Mädchen und Frauen auf allen Ebenen kultureller Betätigung (in ‚Kunst‘ und ‚Leben‘) auf eine "Karriere der Enge und Bescheidenheit" verwiesen. Wilser (2001b:283) führt weiter aus: "Die Anteile von Frauen an der kulturellen Produktion wurden und werden entweder nicht zur Kenntnis genommen, relativiert oder abgewertet."


2.1. Mädchen_kulturarbeit: Stärkung durch die Aneignung von Kultur(en)
Eine Mädchen_kulturarbeit, welche sich als feministische Mädchenarbeit5 versteht sowie das kulturelle Mandant der Sozialen Arbeit im Sinne von sozialer Kulturarbeit berücksichtigt, unterstützt und aktiviert Aneignungspotenziale. Mädchen_kulturarbeit, welche ihr wichtigstes Ziel in der Erweiterung der Ausdrucks- und Teilhabechancen von Mädchen_ (vgl. Kunert-Zier 2005:50; Funk 1987; Heiliger/Funk 1987 zit. in Wilser 2001b:283) definiert, eröffnet die Möglichkeit einer Gegenerzählung in Bezug auf die beschriebenen Problemstellungen. Zu den wichtigsten Aufgaben der Kulturarbeiter_innen zählt die Beachtung und Aufwertung der täglichen Leistungen und der dabei eingesetzten Kreativität von Mädchen_. Auch die Sensibilisierung und in Folge dessen Auseinandersetzung in Bezug auf frauen_diskriminierende Mechanismen unserer Gesellschaft sollte ein wichtiger Bestandteil dieser Form der Kulturarbeit sein. Die Festlegung der Mädchen_ auf bestimmte, Frauen_ zugedachte kulturelle Betätigungen soll aufgebrochen werden. Die Bemühungen sind darauf gerichtet, jenseits männlicher_ Beurteilung und Maßstäbe6, die Möglichkeiten des Selbstausdrucks zu erweitern sowie neue Fähigkeiten und eine neue, eigene kulturelle Identität zu entwickeln (vgl. Wilser 2001b:283).

Mädchen_kulturarbeit unterstützt und aktiviert Aneignungspotenziale. Mädchen_ sollen angeregt werden, sich mit der eigenen Lebenssituation schöpferisch und reflektierend auseinander zu setzen. Musik als Ausdrucksform kann hier als (nicht sprachlicher) Kommunikationskanal genutzt werden und bezieht ihre besondere Qualität aus der Möglichkeit mit anderen Mitteln zu thematisieren: Vertrautes kann aus veränderten Perspektiven gezeigt und die Auseinandersetzung mit Fremdem provoziert werden. Die Verankerung in der Lebenswelt soll dazu verhelfen, Partizipation gleichermaßen wie Resonanz zu erfahren (vgl. Hartogh/Wickel 2004:94; Hill 2002, Josties 2002 zit. in ebd.:82). Obwohl Musik Zugänge zur Lebenswirklichkeit von Jugendlichen und damit auch zu ihren Problemen und Coping-Strategien eröffnet, haben Mädchen_kulturarbeiter_innen Musik in ihren vielfältigen Formen als authentischen Ausdruck für intime und autonome Rückzugsräume von Mädchen_ zu respektieren. Die Jugendlichen sind als Expert_innen in Bezug auf ihre musikalischen Kulturen zu behandeln (vgl. Hartogh/Wickel 2004:90).


3. Der versuch einer Gegenerzählung: das Girls Rock Camp
3.1. Die Geschichte des Girls Rock Camp
Mit dem Titel ‚Revolution Girl Style Now‘ entsteht im Kontext der ‚Riot Grrrl‘-Bewegung zu Beginn der 1990er Jahre das ‚Riot Grrrl‘ Manifest: Ein Aufruf, der Mädchen ermutigen soll, selbstbestimmt aktiv zu werden und sich gegenseitig zu unterstützen. Musik spielt dabei eine bedeutende Rolle und wird als politisches Medium und als Werkzeug benutzt, um sich zu artikulieren und kreative Möglichkeiten für alternative Repräsentationsformen und erweiterte Handlungsräume zu schaffen. ‚Riot Grrrls‘ erleben sich selbst nicht mehr bloß als Zuhörer_innen oder Groupies sondern bringen sich aktiv in das Rock- und Popgeschehen mit ein: Eine handlungsermächtigende Strategie die Gleichsetzung von Jugend- und Musikkulturen mit Männerkulturen zu durchbrechen und die Verbreitung stereotyper Geschlechterrollen zu unterwandern (vgl. Kailer/Bierbaum 2002 zit. in Mayer 2011:4).

Die ‚Riot Grrrl‘-Bewegung hat maßgeblichen Einfluss auf das zehn Jahre später, erstmals im August 2000 in Olympia, Washington stattfindende Ladyfest, das bald auch in Europa organisiert wird und 2004 zum ersten Mal in Wien über die Bühne geht. Die meist in basisdemokratischen Kollektiven und ehrenamtlich organisierten, mehrtägigen Festivals beinhalten Konzerte, Performances, Workshops oder Diskussionsveranstaltungen zum Thema Geschlechteridentitäten, Alternativen zum kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaftssystem, Sexismus und Gewalt, Rassismus, Unterdrückung uvm. So heißt es im Vorwort des Ladyfest Wien 04: "Der Titel des Festivals drückt aus, worum es geht: Ladies erobert die Bühne, die Turntables, die Kamera und das Mischpult! Zeigt eure politischen, künstlerischen und organisatorischen Fähigkeiten!"

Das Girls Rock Camp NÖ ist Teil der Girls Rock Camp Alliance7, einer internationalen Vereinigung von Repräsentant_innen von Camp-Veranstalter_innen, die sich mit dem Ziel gegründet hat, eine weltweite Basis für gemeinsames Netzwerken, Austauschen und einer jährlichen Konferenz mit Workshopcharakter für ihre Mitglieder zu schaffen. Allem voran steht dabei die ‚Mission‘: Empowerment von Mädchen durch das Unterrichtswerkzeug der Musik und den Prinzipien des non-formalen Lernens. Während in den USA 2001 das erste Camp in Portland, Oregon über die Bühne ging, wurde die Idee bald darauf in Schweden, London und Berlin umgesetzt.

Das Girls Rock Camp NÖ 2011 ist eine Reaktion auf den Bedarf und die wachsende Nachfrage an jugendkulturellen Projekten zum Thema Musik, Musikproduktion und den Umgang mit Technik in diesem Bereich, die sich speziell an Mädchen_ richtet. Im November 2009 wurde ein Tontechnik- und Musikworkshop für Mädchen im Wiener Neustädter Jugend- und Kulturhaus Triebwerk8 organisiert. Der Workshop wurde mit großem Interesse angenommen und war innerhalb von kurzer Zeit ausgebucht. Dies führt den Bedarf sowie die Notwendigkeit von spezifischen Angeboten der Mädchenförderung im Bereich der Musik vor Augen und trieb die Idee der Organisation eines Girls Rock Camp NÖ für 2011 weiter voran. Im Sommer 2010 wurde das erste Girls Rock Camp in Graz9 organisiert, welches in diesem Jahr eine Pause einlegt. Girls Rock Camp NÖ ist soweit das einzige Vorhaben österreichweit für 2011, das einmal im Jahr veranstaltet werden soll, mit der Zukunftsvision, dem Camp entsprechende und angelehnte Projekte sowie Programme regelmäßig über das gesamte Jahr verteilt umzusetzen um so die Förderung von Mädchen_ im Musikbereich strukturell und nachhaltig unterstützen zu können. Das Girls Rock Camp NÖ verortet sich in der Tradition der ‚Riot Grrrl‘- und Ladyfest-Bewegungen, an deren Entwürfe und Strategien im Sinne einer Gegenerzählung zu traditionell männlich_ geprägten Jugend- und Musikkulturen angeknüpft werden soll. Die Organisator_innen können auf vielseitige feministische Netzwerke zurückgreifen, wie sie etwa im Kontext der Initiierung des Ladyfest in Wien oder des feministischen Magazins‚ fiber. werkstoff für feminismus und popkultur entstanden sind. Ohne diese Netzwerke wäre die Umsetzung eines Girls Rock Camp undenkbar.


3.2. Das Girls Rock Camp NÖ 2011
Das Girls Rock Camp NÖ ist ein einwöchiges Musikcamp in den Sommerferien 2011, das von 15. bis 20.08.2011 in Kooperation mit dem Jugend- und Kulturhaus Triebwerk in Wiener Neustadt stattfindet. Basierend auf vielfältigen Workshops und Bandcoaching-Einheiten bietet es Mädchen_ die Möglichkeit, zu anderen musikbegeisterten Jugendlichen Kontakte zu knüpfen, eine Band zu gründen, gemeinsam einen Song zu schreiben und diesen am Ende der Woche auf der Bühne einem öffentlichen Publikum zu präsentieren. Alle Workshops sowie alle wichtigen, repräsentativen Funktionen werden dabei von Frauen_ geleitet die in den jeweiligen Bereichen der Musik schon länger aktiv sind und ihre Erfahrungen und ihr Wissen weitergeben können - sei es als Musiker_in, Veranstalter_in, Techniker_in, Journalist_in, Fan_in ...

Teilnehmen können alle Mädchen_ im Alter von 16-21, die Interesse und Spaß haben am Musik machen und schon immer wissen wollten wie es ist in einer Band zu spielen. Dabei spielen individuelle Vorkenntnisse keine Rolle. Die Teilnahme ist auf max. 25 Jugendliche begrenzt, die Anmeldephase läuft von 01.04. bis 31.05.2011. Das Camp wird größtenteils durch Hilfe von öffentlichen Förderungen finanziert und es wurde versucht, die Anmeldegebühr so gering wie möglich zu halten. Die Höhe des Teilnahmebeitrags (inkl. Verpflegung und Übernachtung) können die Jugendlichen bzw. ihre Erziehungsberechtigten nach eigenem Ermessen im Bereich € 90-120 (ohne Übernachtung) und € 120-150 (inkl. Übernachtung) selbst festlegen. Vergünstigte Teilnahmegebühren sind dabei nach individueller Absprache möglich.


3.2.1. Die Zielsetzungen

  • Mädchen_ ermutigen, ihre musikalischen Interessen zu entdecken
  • Mädchen_ unterstützen Selbstvertrauen bezüglich der eigenen Fähigkeiten zu entwickeln
  • Bewusstmachung, Reflexion und Dekonstruktion gängiger, als "normal" behandelter Körperbilder und -praxen, überzogener Schönheitsideale und Verhaltenszuschreibungen
  • Aufbrechen konventioneller Denk- und Wahrnehmungsmuster in Bezug auf die Kategorie Geschlecht
  • Wahrnehmung von Mädchen_ als selbstbestimmte Akteurinnen und Kulturproduzentinnen_ durch positive Vorbilder und Identifikationsfiguren stärken
  • Eigeninitiative in männer_dominierten Jugend- und Musikkulturen ermöglichen
  • Kreativität fördern
  • Ausprobieren von Instrumenten
  • Reflexion über eigene Verhaltensweisen und Positionierung in gruppendynamischen Bandprozessen
  • Bühnenerfahrung sammeln
  • Erwerb technischer Kompetenzen um Hemmschwelle vor technischen Instrumenten oder Geräten senken
  • Spaß haben, Freundinnenschaften knüpfen, Netzwerke bilden
  • Motivation zu gesellschaftlicher und politischer Partizipation
  • Förderung der österreichweiten Vernetzung von Initiator_innen ähnlicher Angebote (u.a. durch eine Kooperation mit den Veranstalter_innen des Girls Rock Camp in Graz 2010)
  • Rahmenbedingungen für gezielte Mädchen_förderung durch das Werkzeug Musik in einem angebotsschwachen Zeitraum (Sommerferien) schaffen
  • bewusste und aktive Einbeziehung von Mädchen_ aus allen österreichischen Bundesländern um Maßnahmen zur nachhaltigen Gleichstellung der Geschlechter auf nationaler wie internationaler Ebene zu fördern


3.2.2. Das Programm
Neben der ‚Band-Findungsphase‘ stellt der Instrumentenworkshop einen der ersten Programmpunkt dar: Im Zuge des Anmeldeprozedere können die Mädchen_ angeben, welchen Instrumentenworkshop (Bass, Gitarre, Schlagzeug, Keyboard und Gesang) sie besuchen möchten. Dabei soll nicht eventuell bereits vorhandenes ‚Können* für die Wahl ausschlaggebend sein, sondern die individuellen Interessen und Wünsche der Teilnehmerinnen_. In den Workshops erwartet die Jugendlichen kein "klassischer Unterricht", vielmehr geht es darum, dass man ein Instrument kennenlernt, es ausprobiert oder sich darin vertieft und individuelle Fragen beantwortet werden.

In den Bandcoaching-Einheiten geht es darum, dass jede Band (bestehend aus ungefähr 5 Mädchen_) gemeinsam ‚jammed‘ und im Laufe der Woche als gemeinsam einen eigenen Song schreibt. Pro Band begleiten diese Prozesse jeweils zwei Musiker_innen unterstützend. Um ungestörtes Proben garantieren zu können, steht jeder Band ein eigener Proberaum zur Verfügung, der während des Bandcoachings genutzt werden kann. Am Ende der Woche besteht dann die Möglichkeit gemeinsam auf der Bühne zu stehen und den gemeinsamen Song im Jugend- und Kulturhaus Triebwerk im Rahmen eines öffentlichen Abschlusskonzertes vor einem Publikum zu performen.

Während des Girls Rock Camp haben die teilnehmenden Mädchen_ die Möglichkeit, viele unterschiedliche Workshops zu besuchen, abends gemeinsam einen Film zu schauen oder in Ruhe mit der eigenen Band am gemeinsamen Song zu basteln. Das Workshop-Angebot gestaltet sich wie folgt:

Mit 'coolen Beats' und 'Moves' wird im Rahmen des Workshops Hip-Hop gemeinsam in das Girls Rock Camp getanzt.

DJing/Soundproduktion und Graffiti bieten den Mädchen eine Wahlmöglichkeit bzw. individuelle Schwerpunktsetzung: Scratching, Sampling, Pitching, Mixing,... In diesem einführenden Workshop zu DJing/Soundproduktion werden neben Grundbegriffen und Basistechniken des DJings auch aktuelle Musikproduktions-Software vermittelt, um selbst eigene Musik produzieren zu können. Zudem werden Einblicke in die Arbeitsweise einer DJane gegeben und der Umgang mit technischen Geräten erklärt. Im Workshop Graffiti entwerfen die Mädchen_ ihr eigenes Girls Rock Camp-Motiv und sprühen es auf eine große Leinwand. Zusätzlich wird ein Einblick in den Umgang und das praktische Arbeiten mit der Spraydose gewährt.

Ziel des Workshops Fanzine ist es, ein solches bzw. ein Programmheft vom Girls Rock Camp zu erstellen. Im ersten Teil sollen vor allem die Entstehung der Fanzines und deren Verbindungen zur ‚Riot-Grrrl‘-Bewegung veranschaulicht werden. Es werden verschiedene Zines in Bezug auf textliche und bildliche Gestaltung vorgestellt und Logos sowie Kurzbeschreibungen der Bands entworfen. Zusätzlich sollen Fotos, Songtexte und Zitate im Laufe des Girls Rock Camp gesammelt werden. Der zweite Teil des beschäftigt sich dann mit der Gestaltung und Produktion des Programmheftes.

Der Workshop Songs schreiben beschäftigt sich mit den Fragen: Wie entsteht ein Song? Wie kommt die Idee im Kopf auf ein Blatt Papier? Wie viele Strophen soll ein Song haben und was ist eine Bridge? Und wie ist das noch mal mit dem Notenlesen? Für all diese Fragen und Antworten ist in diesem Workshop Platz, der den Mädchen_ beim Schreiben und Texten der Lieder helfen soll.

Geschlechterverhältnisse & Pop beschäftigt sich damit, warum Mädchen_räume wichtig sind und worin sich die Tatsache begründet, dass es so wenige Frauen_ im Musikbereich gibt. Thematisiert werden auch Fragen der Repräsentation und Identität: Wie werden Geschlechterrollen reproduziert, welche Bilder und Verhaltensmuster stecken dahinter und wie werden diese vermittelt? Anhand verschiedener konkreter Beispiele soll eine Einführung in die Thematik stattfinden und die Mädchen_ zur Reflexion angeregt werden.

Der Workshop Siebdrucken beschäftigt sich einerseits damit, wie Siebdrucken funktioniert und andererseits, wie sich der Entwurf eines Band-Shirts gestalten kann. Dabei werden alte Kleidungsstücke der Mädchen_ neu gestaltet.

Bandbooking & -management beschäftigt sich mit folgenden Fragen: Was heißt es, eine Band zu managen? Welche Möglichkeiten gibt es als Band an Auftritte zu kommen und wie wird eine Tour gebucht? Wie wird eine Veranstaltung (z. B. ein Konzert) geplant, organisiert und durchgeführt? In diesem Workshop sollen alle Fragen rund um die Themen Bandmanagement, Booking und Veranstaltungsorganisation beantwortet werden.

Im Workshop Körper & Bühne stürmen die Mädchen_ die Bühne und setzen sich bewusst mit dem Raum ‚Bühne‘ auseinander, indem sie lernen sich selbstsicher zu bewegen und präsentieren. Körperbewusstsein und -haltung, sowie auch deren unterschiedliche Wahrnehmung untereinander, sind dabei zentrale Aspekte, die von den Teilnehmerinnen_ reflektiert und ausprobiert werden sollen.


3.2.3. Weiter Termine und Informationen
23.04.2011, 20h: Girls Rock Camp NÖ presents: Film & Konzerte
Screening der Doku ‚Girls Rock Camp Graz 2010‘ mit anschließenden Konzerten von reizend (NÖ) und mayr (W) um erste Eindrücke über das kommende Girls Rock Camp NÖ 2011 zu sammeln.
// Jugend- und Kulturhaus Triebwerk
// freier Eintritt

20.08.2011: öffentliche Abschlussparty Girls Rock Camp NÖ
ab 16h: Kennenlernen, Vernetzen und Austauschen bei Kaffee & Kuchen, Musik und Stricken mit den am Camp beteiligten Organisationen, Vereinen, Institutionen, ...
ab 18h: Abschlusskonzert der Camperinnen_, an dem jede Band ihren neuen Song performt.
// Jugend- und Kulturhaus Triebwerk
// 5 € Eintritt

Das Girls Rock Camp NÖ 2011 im Internet: http://www.girlsrock.at


3.2.4. Die Organisator_innen
Ulrike Mayer hat in Wien Politikwissenschaft studiert mit Schwerpunkt Cultural Studies und Gender Studies; Mitorganisatorin des ersten Ladyfest in Wien 2004; ehemalige Redakteurin der Zeitschrift fiber. werkstoff zu feminismus und popkultur; Produktionsassistentin beim Donaufestival in Krems; erste Erfahrungen mit dem Girls Rock Camp als ‚camp counselor‘ beim Willie Mae Rock Camp for Girls in Brooklyn, NY im Sommer 2010; Initiatorin und Projektleiterin des Girls Rock Camp NÖ.

Julia Boschmann ist Sozialarbeiterin und studiert derzeit in St. Pölten Soziale Arbeit und in Wien Gender Studies; freie Mitarbeiterin bei ChEck iT!; war 2001 Obmann Stellvertreterin der ARGE Alter Schlachthof Hollabrunn; 2006 am Podium zur Diskussion 10 Jahre kulturelle Nahversorgung - Quo Vadis? im Jugend- und Kulturhaus Triebwerk in Wiener Neustadt; hat dann 2008 in Kooperation mit dem Jugend- und Kulturhaus Triebwerk den aus mehreren Modulen bestehenden kultur.hand.wörk.shop (Schwerpunkt Mädchen_ und Veranstaltungsorganisation) konzipiert, organisiert und im Zuge dessen auch einen Workshop zum Thema Veranstaltungsmanagement gehalten; hat im Rahmen des Girls Rock Camp in Graz 2010 zwei Workshops zu den Themenbereichen Veranstaltungs-, Bandmanagement und Booking gehalten.

Veronika Eberhart hat in Wien Soziologie mit dem Schwerpunkt Gender Studies studiert; Johanna-Dohnal-Preisträgerin 2010; hat beim Girls Rock Camp in Graz 2010 und bei der niederösterreichischen Jugendinitiative come on! 2009 gemeinsam mit Julia Mitterbauer Musik- und Instrumentenworkshops für Mädchen_ gehalten; war Mitorganisatorin des Ladyfest Wien 2005 und 2007.

Sara Paloni studiert Politikwissenschaft in Wien, macht nebenher Medienarbeit und organisiert Konzerte, Festivals und Jam-Sessions; Mitorganisatorin des feministischen Musikfestivals rampenfiber 2006 in Wien.

Ina Thomann hat eine abgeschlossene Tontechnik-Ausbildung; abgeschlossenes Bachelor-Studium Digital Film & 3D-Animation; arbeitet derzeit als Kulturarbeiterin im Jugend- und Kulturhaus Triebwerk in Wiener Neustadt.


Verweise
1 Mit den Begriffen Mädchen bzw. Jungen sowie Frauen bzw. Männer sind alle Menschen gemeint, die sich als solche verstehen bzw. wahrnehmen (wollen).
2 Die Kategorie Mädchen_ ermöglicht es, sich einerseits auf Mädchen zu beziehen und gleichzeitig mit dem Unterstrich eine Unabgeschlossenheit der Kategorie auszudrücken (vgl. Busche/Wesemüller 2010:316.).
3 Bereits die Begrifflichkeiten verweisen auf eine Ungleichheit: Der Begriff Mädchen (mit welchem ich hier auch junge Frauen mit meine) ist anders als der Begriff Junge gleichzeitig Einzahl und Mehrzahl.
4 Der differenztheoretische Ansatz verfolgt die Entstehung einer positiv besetzten Weiblichkeit, die als Alternative zur männlich geprägten Kultur nur von Frauen mit Frauen geschaffen werden kann: "Frauen und Männer sind unterschiedlich und sollen dies auch sein und bleiben." (Wallner 2004:3f)
5 Das Konzept der feministischen Mädchenarbeit, welche sich für "das Recht auf eine autonome, selbstbestimmte Identität von Mädchen und jungen Frauen einsetzt" (Marth 1999:8), wurde von Sozialarbeiter_innen in der ersten Hälfte der 1970er Jahre entwickelt. Klees, Schumacher und Marburger (2007:33) fassen drei Grundsätze zusammen: Neu- bzw. Aufwertung weiblicher Eigenschaften und Kompetenzen, Parteilichkeit der Betreuerinnen und Arbeit in ‚geschlechtshomogenen‘ Gruppen und eigenen Räumen.
6 Durch die Präsenz starker weiblicher_ Vorbilder sollen eigene Identifikationsmöglichkeiten und Rollenbilder geschaffen werden, um in Folge mehr Handlungsmacht und -kompetenz zu erlangen (vgl. Mayer 2011:4f).
7 http://www.girlsrockcamp.org
8 http://www.triebwerk.co.at
9 http://www.doku.at/girlsrockcamp


Literatur
Busche, Mart / Wesemüller, Ellen (2010): Mit Widersprüchen für neue Wirklichkeiten. Ein Manifest für Mädchen_arbeit, in: Busche, Mart / Maikowski, Laura / Pohlkamp, Ines / Wesemüller, Ellen (Hg._innen): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis, Bielefeld, S. 316.
Hartogh, Theo / Wickel, Hans Hermann (2004): Handbuch Musik in der Sozialen Arbeit. 1. Auflage, Weinheim, S 82-94.
Hoffmann, Bernward / Martini, Heidrun / Rebel, Günther / Wickel, Hans Hermann (2004): Gestaltungspädagogik in der Sozialen Arbeit. Aufsätze, Paderborn, S. 117-118.
Kunert-Zier, Margitta (2005): Erziehung der Geschlechter. Entwicklungen, Konzepte und Genderkompetenz in sozialpädagogischen Feldern, Wiesbaden, S. 50.
Treptow, Reiner (2001): Kultur und Soziale Arbeit. Aufsätze, Münster, S. 193-334.
Treptow, Rainer (2008): Kulturarbeit und Kulturelle Bildung, in: Chassé, Karl August / von Wensierski, Hans-Jürgen (Hg.): Praxisfelder der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, 4. Auflage, Weinheim - München, S. 51.
Wilser, Anja (2001a): Die Bedeutung geschlechtsspezifischer Unterschiede, in: Treptow, Reiner (Hg.): Kultur und Soziale Arbeit. Aufsätze, Münster, S. 249.
Wilser, Anja (2001b): Mädchen- und Frauenkulturarbeit: ganzheitliche Selbstkonzepte, neue Körperkultur, Eigenproduktivität, in: Treptow, Reiner (Hg.): Kultur und Soziale Arbeit. Aufsätze, Münster, S. 283.


Quellen
Mayer, Ulrike (2011): Girls Rock Camp NÖ 2011. Stand 16.01.2011. Unveröffentlichte Projektskizze, Wien, S. 3-6.
Mittischek, Lisa (2010): Girls Rock Camp und Lady Fest 2010. Unveröffentlichtes Konzeptpapier, Graz, S. 3.
Petersen, Kerstin (2004): Feministische Mädchenarbeit gestern und heute, in: Zeitschrift des Interdisziplinären Frauenforschungs-Zentrum. Nr. 27, 21. Jg., Bielefeld, http://www.unibi.de/IFF/aktuelles/IFFInfoSS04.pdf#page=43 am 16.02.2011, S. 49.
Wallner, Claudia (2009): Feministische Mädchenarbeit zwischen politischem Kampf und Anpassung: Wo liegen die Perspektiven von Mädchenarbeit in Zeiten von "Alphamädchen" und "armen" Jungen? Vortrag gehalten bei der Fachtagung der BAG Mädchenpolitik e.V. am 01.12.2009 in Berlin, http://www.claudia-wallner.de/vortraege/Feministische%20Maedchenarbeit%20zwischen%20politischem%20Kampf%20und.pdf am 10.02.2011, S. 3-5.


Über die Autorin

Julia Boschmann, BA
so071005@fhstp.ac.at

Studentin in den Masterstudiengängen für Soziale Arbeit an der FH St. Pölten und für Gender Studies an der Universität Wien.
Freie Mitarbeit als externe Beraterin bei ChEck iT! (seit 2009) und Mitbegründerin von 'pink noise' - Verein zur Förderung feministisch popkultureller Aktivitäten (2011).
Ehrenamtliche Mitarbeiterin bei NEUSTART (seit 2009) und 'Masturbation Records' - Verein zur Förderung alternativer Musikkultur (seit 1999).






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