soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 7 (2011) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Redaktion soziales_kapital
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/217/341.pdf


Susi Zoller-Mathies und Margret Steixner:

"Kultur und Beziehung" in Fremdunterbringung


1. Einleitung
Das Sozialpädagogische Institut im Fachbereich Pädagogik von SOS-Kinderdorf Österreich in Innsbruck, beschäftigt sich mit Sozialwissenschaftlicher Praxisforschung im Jugendwohlfahrtsbereich. Ein Projekt in einer Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, wurde in Vorbereitung auf ein größeres Projekt1 zum Thema "Kultur und Beziehung" bereits 2008 durchgeführt. Mittlerweile ist auch ein Teil dieses Projektes - die Online-Befragung von Jugendlichen in stationären SOS-Kinderdorf-Einrichtungen in Österreich - abgeschlossen. Grundlage dieses Artikels sind somit Erfahrungen und Forschungsergebnisse aus diesen beiden Projekten und daraus abgeleitete Erkenntnisse zum Umgang mit kultureller Differenz im Fremdunterbringungskontext. Kulturtheoretische Zugänge und Erfahrungen aus oben erwähnten Projekten werden im vorliegenden Artikel reflektiert und zusammengefasst, mit der Absicht, konzeptionelle Denkanstöße zu geben.

Der vorliegende Beitrag ist in Kooperation mit Dr.in Margret Steixner entstanden. Sie war an der Konzeption des Forschungsprojektes "Kultur und Beziehung" beteiligt und übernimmt die Durchführung und Auswertung der qualitativen Interviews mit den Jugendlichen, die im Rahmen des aktuellen Projekts "Kultur und Beziehung" vorgesehen sind.

Im Mittelpunkt steht die zentrale Frage, wie Beziehungskonzepte, die die Grundlage für die Betreuungsarbeit in der Fremdunterbringung bilden, kulturell gefärbt sein können. Durch die Bewusstmachung der durch kulturelle Muster beeinflussten Erwartungen und Rollen, sollen die Herausforderungen in der Beziehungsarbeit besser verstanden und somit eine tiefere Auseinandersetzung ermöglicht werden. Wir wählen den Zugang, einige Beziehungsaspekte auf der Ebene der BetreuerInnen und der Betreuten zu analysieren und aufzuarbeiten. Kultur als Aspekt der Betreuungsbeziehung ist bis dato zu wenig berücksichtigt worden und soll im Rahmen dieses Artikels nachgegangen werden.

Ziel dieses Artikels ist die Darstellung der Komplexität, die sich durch den interkulturellen Handlungsraum ergibt und das Beleuchten der Auswirkungen, die diese auf die Betreuungsarbeit haben. Dabei wollen wir nicht in der Darstellung kultureller Unterschiedlichkeiten verharren, sondern Grundlagen für einen verstehenden Zugang schaffen. Die mit interkultureller Betreuungsarbeit befassten LeserInnen sollen zur Reflexion der Betreuungsbeziehungen angeregt werden und Ideen zur Entwicklung von Lösungsstrategien und Perspektivenwechsel erhalten.

Zuerst sollen die theoretischen Grundlagen dargestellt werden. Weiters werden wir auf praktische Beispiele der sozialpädagogischen Arbeit bei SOS-Kinderdorf eingehen und sie auf der Basis kulturtheoretischer Ansätze reflektieren.


2. Kulturmodelle
Kultur kann ganz allgemein als Orientierungssystem verstanden werden, das unser Handeln, Denken und Fühlen beeinflusst. Es beinhaltet die, innerhalb einer (kulturellen) Gruppe akzeptierten Normen und Regeln, die den Mitgliedern Sicherheit geben und zum größten Teil unbewusst ablaufen (vgl. Steixner 2007, S. 17). Kultur ist kein statisches Konzept, das ohne äußere Beeinflussung existiert, sondern ein stets im Wandel begriffenes System. Die Menschen sind fortlaufend dazu veranlasst, neue Erfahrungen als Regeln innerhalb der Kultur zu etablieren (z. B. Umgang mit neuen Medien, Modetrends und damit verbundene Kleiderkonventionen oder interkulturelle Begegnungen...) (vgl. Auernheimer 1996, S. 111). Diese Einflüsse wirken nicht von außen auf Kultur ein, sondern sind Teil der Dynamik des natürlichen gesellschaftlichen Wandels. Kultur ist ein komplexes Gebilde, das sich durch die ständige Interaktion von unzähligen kulturellen Subsystemen verändert, da diese immer wieder ineinander fließen oder die gegenseitige Abgrenzung zur Eigendefinition nutzen. Dies steht in engem Zusammenhang mit der individuellen kulturellen Identität, die gerade im untersuchten Praxisfeld eine große Relevanz hat und den Entwicklungsprozess der betreuten Jugendlichen beeinflusst. Fragen wie: Wo gehöre ich dazu? Wie anders darf ich sein? - und viele andere mehr, sind Themen, die jeder/m BetreuerIn immer wieder begegnen und bei deren Beantwortung sie die betreuten Jugendlichen unterstützen sollen.

Auch wenn Modelle immer die Gefahr der Reduzierung mit sich bringen und dynamische Prozesse in einer einschränkenden Form darstellen, erscheint es hilfreich, sich anhand eines Kulturmodells zu veranschaulichen, in welcher Form Kultur Einfluss auf unser Denken und Handeln und damit auf unsere Beziehungen nimmt. Die generelle Struktur von kulturellen Prozessen kann unter anderem mit Hilfe des "Zwiebelschalenmodells" (Trompenaars, 1993) dargestellt werden.


2.1 Das Zwiebelschalen-Modell


Abbildung 1: Zwiebelschalenmodell

In der äußersten Schale des Zwiebelschalenmodells sind die kulturellen Repräsentationen, konkret die Rituale und Symbole, angesiedelt, die als Produkte der tiefer liegenden kulturellen Wertmodelle gesehen werden können. Die für eine bestimmte Kultur typische Esskultur oder Redekultur kann als ein Ausdruck des Zusammenlebens der Gruppe gesehen werden. Diese sind als kulturelle Repräsentationen zu verstehen, durch die kulturelle Werte und Normen der Gesellschaft sichtbar gemacht werden.

Auch in Betreuungseinrichtungen werden die kulturellen Werte der Gruppe zu einem Orientierungsrahmen, der das Zusammenleben organisiert. Als ein Beispiel kann die Bewertung der Entwicklung zu einem selbständigen, selbstbestimmten Individuum, das die Möglichkeit zur Teilhabe wahrnimmt, genannt werden. In der Erziehung von Kindern in einer individualistisch orientierten Kultur wird wesentlich stärkerer Wert auf die Meinungsbildung, Prozessverstehen und Problemlösungsvermögen gelegt, während in kollektivistischen Gesellschaften die Konformität mit den Normen als wichtiger Teil der Erziehung betrachtet wird (zur ausführlichen Beschreibung des Ansatzes von Individualismus/Kollektivismus, siehe S. 7 ff). So könnte beispielsweise die Äußerung eines Jugendlichen aus einer Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge verstanden werden, der meint, die BetreuerInnen würden sie wie Erwachsene behandeln und sie seien damit überfordert. Unterschiedliche Werthaltungen führen zu unterschiedlichen Erwartungen bezüglich Verhalten und Entwicklung und sind somit ein brisantes Thema innerhalb interkultureller Betreuungsbeziehungen. Kulturelle Werte und Normen werden in der Beziehung, insbesondere im sozialpädagogischen Setting, nicht nur sichtbar, sondern wirken durch die Weitergabe dieser Werthaltungen und Normen gleichermaßen an der Aufrechterhaltung des kulturellen Systems mit.

Das Zwiebelschalen-Modell bedient sich neben der Trennung zwischen den drei Ebenen auch einer bildlichen Metapher. Je tiefer im Inneren der Zwiebel angeordnet die jeweiligen Bereiche sind, desto verdeckter werden diese Merkmale wahrgenommen und genutzt. Bewusste Reflexionsarbeit ist nötig, um die unbewusst kulturellen Grundannahmen zu erkennen und ein tieferes Verständnis zwischen BetreuerInnen und Betreuten zu ermöglichen.

Alle Ringe des Zwiebelschalen-Modells stehen miteinander in Verbindung. Die auf dem äußersten Ring angeordneten Symbole und Rituale stehen für die objektiven Merkmale von Kultur, die die im Inneren der Kulturzwiebel angeordneten Werte und Normen repräsentieren.

Wenn wir an dieser Stelle exemplarisch Teilhabe/Partizipation herausgreifen und diese auf ihre Relevanz für die Betreuungsarbeit beleuchten, können die drei Schalen wie folgt dargestellt werden: Partizipation kann als ein kulturell geprägter Wert angesehen werden, der die Art und Weise, wie Beziehung gelebt wird, enorm beeinflusst. Die mittlere Schale des Zwiebel-Modells ist ein Bereich, in dem wir in vielen Fällen unbewusst agieren. Dies heißt allerdings nicht, dass dieser nicht durch bewusste Auseinandersetzung zugänglich gemacht werden kann. "Die Auseinandersetzung mit ’Anderem’ provoziert dazu, die Normenkataloge, Werteinstellungen, Verhaltensrepertoires der 'angestammten' Kultur neu zu befragen, gesellschaftliche Zusammenhänge werden komplexer verstanden." (Stöger 2000, S. 168) Plakativ und vereinfachend kann gesagt werden, dass es Ziel und Anspruch der interkulturellen Bewusstseinsbildung ist, genau diesen Bereich von einem unbewussten Graubereich in einen bewusst gesteuerten Abschnitt zu transformieren.

Kommen wir auf unser Beispiel der Partizipation als Werthaltung zurück: In einem auf Teilhabe aufbauenden Betreuungskonzept finden wir verschiedenste Rituale, die diesen Wert repräsentieren. Als Beispiel können etwa "WG-Versammlungen" angeführt werden, in denen allen beteiligten Personen die Möglichkeit gegeben wird, ihre Meinungen und Schwierigkeiten darzustellen. Regeln, wie gegenseitiges Anhören und Respektieren unterschiedlicher Sichtweisen, untermauern den Wert der Gleichberechtigung, Mitsprache, Teilhabe etc. und festigen und ermöglichen die Umsetzung dieser Wertvorstellung. Als Norm, die mit dem spezifischen Wert übereinstimmt, könnte gemeint sein, dass diese Sitzungen in einem neutralen Raum stattfinden, dass auf eine faire Verteilung von Gesprächszeiten geachtet wird. All dies sind Verhaltensweisen und Regeln, die auf Werte der Gleichberechtigung oder Beteiligung zurückgeführt werden können und von den KulturträgerInnen (Institutionen, aber auch Ausbildungsstätten...) so weit verinnerlicht wurden, dass sie nicht mehr nur als kulturell geprägte Werte, sondern als professionell begründete und unumstößlich richtige Grundsätze gesehen werden. Hier kommen wir bereits in den Bereich der kulturellen Grundannahmen, bei dem nicht mehr bewusst zwischen kulturell geprägten und natürlich menschlichen Empfindungen zu gut und schlecht, richtig und falsch, unterschieden werden kann.


3. Kulturelle Selbstreflexion
Der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit dem Thema Kultur und Beziehung ist die Bewusstmachung der eigenen kulturellen Wurzeln und die Erschließung der Auswirkungen dieser Prägung auf unser Selbstkonzept. Julia Kristeva sieht das Aufspüren der Fremdheit in sich selbst als "...die einzige Art, sie draußen nicht zu verfolgen" (1990). Kultur nimmt Einfluss auf die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, wahrnehmen und uns darin verorten.

Zentrale Bedeutung in dieser Verortung in unserer jeweiligen Welt/unseren jeweiligen Welten, haben Beziehungen. Sie können als universelles menschliches Bedürfnis betrachtet werden. Beziehung ist ein zentrales Element jeder Interaktion und damit auch Teil jeder Betreuungsarbeit. Menschen jeder Kultur treten miteinander und mit der Außenwelt in Beziehung. Die kulturelle Dimension von Beziehung liegt in der Art und Weise WIE wir diese Beziehungen gestalten. Dies zeigt sich beispielsweise in den Erwartungen, die wir an unsere InteraktionspartnerInnen in Bezug auf das Beziehungsgeschehen haben und welche Rollen wir innerhalb eines Systems einnehmen oder anderen zuschreiben. Werden diese Rollen von den anderen nicht in der erwarteten Weise übernommen, kommt es in den meisten Fällen zum Versuch, diese Spannung aufzuheben. Dies kann über eine verstehende Auseinandersetzung, aber auch unter Ausübung von Druck oder mittels Rückzug passieren.


4. Kultur und Beziehung
Neben dem Bedürfnis nach Beziehung hat der Mensch ganz allgemein das Bestreben, sich in seinem Umfeld kompetent bewegen zu können (Ting-Toomey 1999, S. 12). Um dies zu ermöglichen, braucht jede Gemeinschaft Regeln und Abkommen, die das Zusammenleben organisieren, vereinfachen und handhabbar machen. Diese allgemeinen Regeln werden vorwiegend im frühen Kindesalter vermittelt, indem Normen erklärt und das Funktionieren innerhalb dieses Rahmens geübt und vorangetrieben wird (vgl. Baacke, 1999, S. 192). Die bewusste Auseinandersetzung mit diesen Regeln nimmt im Laufe der Sozialisation jedoch ab und wird zu einem unbewussten Repertoire an Verhaltensregeln, Werten und Normen, die im Alltag nicht mehr hinterfragt werden.

Beziehung kann nicht von Kultur entkoppelt werden. Kultur definiert, was in einer Gesellschaft akzeptiert wird und was innerhalb der kulturellen Gruppe als "normal" gilt. Diese Werte und Normen sind in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich und äußern sich in unterschiedlichen Verhaltensweisen. So kann beispielsweise der direkte Blickkontakt zwischen einer Betreuerin und einem Jugendlichen aus Vietnam von diesem als unangenehm empfunden werden oder das "Wegdrehen" während eines Gespräches für Jugendliche aus Afghanistan als Geringschätzung ihrer Person wahrgenommen werden (Vorbereitungsprojekt zu Kultur und Beziehung, 2008). Werte und Normen werden von den Institutionen wie Betreuungseinrichtungen und Schule mitgetragen und durch ihr eigenes (Betreuungs-)Konzept als kulturelle Regeln weitergegeben.


4.1 Entwicklung der kulturellen Identität
Der Prozess der Sozialisation geht Hand in Hand mit dem Entstehen unserer kulturellen Entwicklung und Mensch-Werdung. "Durch die sozialisatorischen Erfahrungen wird vom Menschen ein emotionales und kognitives System aufgebaut, das für seine Gesellschaft spezifisch ist. Dabei wird Kultur unbewusst aufgenommen, verinnerlicht und wieder 'vergessen' und somit als etwas Selbstverständliches, Normales und Natürliches empfunden. Aus diesem Grund ist sich der Mensch seiner eigenkulturellen Prägung nicht bewusst." (Barmeyer 2002, S. 205) Ziel der Sozialisation ist die Erzeugung gesellschaftsfähiger Kulturmitglieder, die sich zielsicher und kompetent in ihrem Umfeld bewegen können und das Funktionieren der Gemeinschaft durch ihr Regelwissen und die Einhaltung dieser Regeln ermöglichen. Je älter Kinder und Jugendliche werden, desto größer wird die Erwartung von Konformität mit diesen gesellschaftlich-kulturellen Regeln. Dies hat enorme Auswirkungen auf die Arbeit mit Jugendlichen im Fremdbetreuungskontext; viele Erwartungen entsprechen nicht den Erziehungserfahrungen vieler Jugendlicher mit Migrationshintergrund. Oft stellen diese Erwartungen eine Überforderung dar, auf die die Jugendlichen - je nach ihrer Persönlichkeit - unterschiedlich reagieren können.


4.2 Die Betreuungsbeziehung
Die sozialpädagogische Beziehung als solche ist in Einrichtungen von SOS-Kinderdorf nicht definiert. Dies liegt daran, dass Beziehung nur schwer definierbar ist und strukturell variiert. Verschiedene Einrichtungen und Einrichtungsarten haben unterschiedliche Vorgaben und Ziele, was auch Auswirkungen auf die Betreuungsbeziehung hat. So gestaltet sich die sozialpädagogische Betreuungsbeziehung zwischen einer SOS-Kinderdorf-Mutter und ihrem "Kind", das sie seit vielen Jahren betreut, anders, als jene der BezugsbetreuerIn einer/s Jugendlichen in einer sozialpädagogisch-therapeutischen Wohngemeinschaft. Der Gedanke der Funktionalität eint allerdings die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Kindern/Jugendlichen und SozialpädagogInnen. So beschreibt Christina Lienhart (2004) "Die sozialpädagogische Beziehung zwischen Professionellen und Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen ist eine Beziehung mit einem spezifischen Hintergedanken: sie soll Ressourcen für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben zur Verfügung stellen, soll den Betreuungszielen dienen. Diese Verbindung mit einer Absicht und damit ihre ’Werkzeug-Funktion’ wirft eine Reihe von Fragen auf und eröffnet Spannungsfelder, mit denen SozialpädagogInnen in ihrem Berufsalltag tagtäglich konfrontiert sind. Die professionelle sozialpädagogische Beziehung ist ein kompliziertes Gefüge, das von einer Reihe individueller wie struktureller Faktoren bestimmt wird. Und wie jede Beziehung, enthält auch sie die Möglichkeit des Scheiterns" (S. 1). Die hier beschriebene Funktionalität zeigt die verdeckte Orientierung an kulturellen Werten und Normen. Die starke mitteleuropäische Prägung wird deutlich, allerdings wird diese eher selten auf einer bewussten Ebene reflektiert, sondern häufig als universell gültiges pädagogisches Leitmodell gesehen. Werte wie Individualität, Partizipation und Eigenständigkeit sind Ziele dieser Beziehung. Diese Werte sind allerdings keineswegs kulturübergreifend, wie anhand von verschiedenen Beispielen dargestellt werden wird und entspringen einer tendenziell individualistischen Wertorientierung.

Auf der Ebene der Jugendlichen ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass diese häufig mit Rollenerwartungen konfrontiert sind, für die es innerhalb ihrer Sozialisation keine Entsprechung gibt. So ist der Partizipationsgedanke für viele Jugendliche aus z. B. der Türkei, Gambia oder Afghanistan mit Erwartungen verbunden, die für sie eine neue Erfahrung darstellen. Kinder, die in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem sie angehalten wurden, sich eine Meinung zu bilden und diese auszudrücken, können besser mit derartigen Anforderungen umgehen. Jugendliche, die aus Kulturen kommen, in denen Autorität und Strenge positiv bewertet werden, fühlen sich möglicherweise in einem hierarchischen Umfeld, in dem sie gar nicht aufgefordert werden zum Mitdenken und -gestalten, wohler.

Da Jugendliche im Allgemeinen bereits einen wesentlichen Teil ihrer Sozialisation hinter sich haben, ergeben sich für sie zwei Herausforderungen:

  • Erstens steigen manche Jugendliche zu einem Zeitpunkt in die "Gast"kultur ein, zu dem die kulturellen Regeln dieser Kultur nur mehr sehr indirekt vermittelt und nur selten explizit erklärt und begründet werden. So wurde beispielsweise ein jugendlicher Asylwerber zurechtgewiesen, weil er in der Schule die Mädchentoilette benutzt hat. Er war vor diesem Ereignis noch nicht lange in Österreich. Seine BetreuerInnen hatten ihm sehr viel erklärt, allerdings habe ihm niemand erklärt, dass es in österreichischen Schulen getrennte Toiletten für Mädchen und Buben gibt - für uns eine Selbstverständlichkeit, für Menschen aus manchen anderen Kulturen in dieser Art und Weise etwas Fremdes. Die Zurechtweisung in einem derart intimen Bereich nahm der betroffene Jugendliche als Demütigung wahr.
  • Zweitens ist es ein notwendiger Schritt des Sozialisationsprozesses, gegen die Regeln der eigenen Gesellschaft und Kultur zu rebellieren und so die Grenzen der "Normalität" zu erfahren und auszutesten. Die Dynamik der Abgrenzung von bestehenden Normen als Teil des Sozialisationsprozesses wird durch den Kulturwechsel eindeutig verkompliziert, was einen erhöhten Bedarf der Auseinandersetzung und Diskussion ergeben kann. Der nötigen Rebellion der Adoleszenzphase steht zum Teil eine spärliche Erfahrungsgrundlage der Gastkultur gegenüber; sodass es für Jugendliche aus anderen Kulturen mitunter schwierig sein könnte, die einschlägigen Normen zu identifizieren und zu internalisieren. Andererseits kann die Rebellion gegen die eigenen kulturellen Normen und Werte, durch die Distanz und oft schmerzliche Verlusterfahrung, in eine Idealisierung umschlagen. Die Rebellion gegen die Regeln der Gast- bzw. Leitkultur kann durch diese Dynamik verstärkt werden und kann zu einem Prozess führen, der als Selbstethnisierung bezeichnet wird (Aslan Bozay http://www.gew-koeln.de/02/aktuell/themen/selbstethnisierung.pdf). Die grundlegende Theorie dabei ist, dass Jugendliche, deren kulturelle Identitätsentwicklung durch das Aufwachsen in einer Zweitkultur beeinflusst wird, mitunter gefährdet sind, eine unrealistische Idealisierung der Herkunftskultur zu vollziehen und sich in ethnische Nischen zurückzuziehen.

Aus diesen beschriebenen Dynamiken wird deutlich, dass die Entwicklung eines gesunden Selbstkonzeptes immer auch in Verbindung mit der kulturellen Identität gesehen werden muss, da dies die Grundlage einer positiven Betreuungsarbeit darstellt. Ein Sprichwort aus Ghana verweist auf die Beständigkeit der kulturellen Verwurzelung: "Ein Mensch kann ewig im Fluss liegen und wird doch kein Krokodil…" Dies versinnbildlicht die Notwendigkeit, sich mit kulturellen Prozessen näher zu beschäftigen und als Teil des Selbstkonzeptes zu erkennen.


4.3 Die kulturelle Dimension von Beziehung
Will man die kulturelle Dimension von Beziehung näher betrachten und verstehen, ist es sinnvoll, das Konzept von "Individualismus und Kollektivismus" heranzuziehen. Dieses wurde von Gert Hofstede in seinem Hauptwerk "Globales Denken, lokales Handeln" (2006, englische Erstausgabe 1991) beschrieben und von vielen anderen InterkulturalistInnen aufgenommen und weiterentwickelt (vgl. Trompenaars 1993, Ting-Toomey 2004, Triandis 1995 u. v .a).

Individualistische Kulturen betonen die Förderung des/r Einzelnen, kollektivistische Kulturen betonen die Wichtigkeit der Gruppe als Existenzsicherung. In der Kulturanthropologie (Mario Erdheim 1988) wird häufig auch die Gegenüberstellung von heißen und kalten Kulturen verwendet, um die kulturellen Unterschiede in Beziehungskonzepten aufzuzeigen. 'Kalte Kulturen' nannte er solche, die wie Uhren mechanisch funktionieren, 'heiße Kulturen' dagegen solche, die wie Dampfmaschinen, also aufgrund thermodynamischer Prinzipien, betrieben werden." (Erdheim 1988, S. 331) Neben der Gegenüberstellung zwischen individualistischer und kollektivistischer Wertorientierung, wird hier auch die zeitliche Dimension und Orientierung miteinbezogen. Heiße Kulturen streben ständig nach Veränderung und richten sich stark in Richtung Zukunft und gesellschaftliche Weiterentwicklung aus. Kalte Kulturen hingegen bewerten die Konservierung des Gegebenen, Gewohnten als Zentrum des Daseins. Alter und Hierarchie nehmen einen höheren Stellwert ein und der Status Quo wird konserviert.

In der Folge soll in Form einer tabellarischen Gegenüberstellung veranschaulicht werden, wie sich individualistische von kollektivistischen Beziehungsmodellen unterscheiden (Skript einer unveröffentlichten Vorlesung von Harry C. Triandis 1990, an der Universität Innsbruck). Diese soll helfen, die Relevanz der kulturellen Prägung für die sozialpädagogische Arbeit besser zu verstehen und Wege zu finden, diese Dimensionen in die Beziehungsarbeit einfließen zu lassen.


Tabelle 1: Gegenüberstellung der Unterschiede von individualistischen und kollektivistischen Beziehungsmodellen


4.4 Kulturelle Aspekte in der Fremdunterbringung
Wenn kulturelle Vielfalt in die Betreuungsarbeit einfließt und in den Konzepten berücksichtigt wird, sollte mitbedacht werden, dass Kulturen nicht als statische Strukturen gegenüber gestellt werden können. Kultur ist kein homogenes, gleichbleibendes Konstrukt, sondern bildet und verändert sich entsprechend der jeweiligen Lebensbedingungen. Kultur entsteht immer dann, wenn mehrere Personen Einigkeit über Regeln und Verhaltensweisen zeigen und diesen Werthaltungen zugrunde legen.

Fremdunterbringung ist dabei nicht nur ein sehr spezieller Kontext, indem viele unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen, sondern die sehr speziellen Erfahrungen der Migration oder auch Flucht, beeinflussen das Verhältnis zur Herkunfts- und zur Aufnahmekultur. Diese sehr komplexen Umstände prägen den Betreuungsalltag und bedürfen einer lernenden Aufmerksamkeit. Diese sollte durch spezielle Aus- und Fortbildung sowie kultursensible Supervision der MitarbeiterInnen ermöglicht werden. Kulturelle Aspekte der Betreuungsarbeit können nur durch bewusstes Hinschauen erkannt werden. Dabei muss sowohl das hinschauende Auge, als auch der verstehende Geist geschult werden und die nötigen Ressourcen (in Form von Zeit, Aufmerksamkeit und Reflexion) bereitgestellt werden.

So können dann ganz banale Fragen im Alltag u. U. sehr einfach beantwortet werden:

  • Könnte die Gruppenbildung von gambischen Jugendlichen nicht nur mit ihrem Separationswunsch, sondern mit ihrem kulturbedingten Wunsch nach Austausch zu tun haben?
  • Könnte die Selbstethnisierung eines türkischen Burschen in seinen enttäuschten Erwartungen liegen, einerseits der starke Wunsch, Teil der - österreichischen - Peergroup zu sein, dort aber nicht wirklich akzeptiert (worden) zu sein?
  • Könnte die "Verweigerung" afghanischer Burschen, die Hausversammlung als Forum zum direkten Austausch mit den anderen Jugendlichen zu nutzen, mit der Unbekanntheit einer derart direkten Konfliktkultur zu tun haben?


4.5 Kultur und Selbstkonzept
Aus bisher Gesagtem resultiert, dass Kultur stark auf das Selbstkonzept eines jeden Individuums wirkt. Das ist auch aus der o. a. Gegenüberstellung von "Individualismus versus Kollektivismus" ersichtlich. Die mitteleuropäische Sozialisation fördert Eigenständigkeit und Individualität und führt so zu einem Verständnis von Gerechtigkeit, das sicherstellt, dass die Rechte des Individuums ernst genommen werden. In vielen afrikanischen Ländern beispielsweise hat die Gruppe mehr Bedeutung, Harmonie ist wichtig und eher das Behalten von Alt-Bewährtem- als ständige Innovation. Im Projekt "Kultur und Beziehung" von SOS-Kinderdorf, das 2010 durchgeführt wird, deuten die Ergebnisse ebenfalls darauf hin, dass Jugendliche, die außerhalb Europas geboren wurden, ein eher interdependentes, also abhängiges Selbstkonzept aufweisen. In der Fremdunterbringung wird das Selbstkonzept, die eigene Sozialisation in Frage gestellt und noch einmal mehr in der Lebensphase der Adoleszenz.

Einmal mehr nimmt die Beziehung zu anderen damit eine zentrale Bedeutung ein, sie ist ein Faktor, um das Selbstkonzept in der jeweiligen Lebenswelt zu verorten.

An dieser Stelle sei ein Interview mit einer SOS-Kinderdorf-Mutter erwähnt, die eine Geschwistergruppe von fünf türkisch-muslimischen Kindern aufgenommen hat2. Eines der Kinder war sehr bestrebt, sich der Kultur seines Umfeldes (Schule, FreundInnen etc.) anzupassen. Es wollte als "Österreicher" akzeptiert sein. Nachdem ihm das, seiner Empfindung nach, nicht gelungen ist, wandte es sich radikal seiner Herkunftskultur zu und lehnte alles, seiner Meinung nach "österreichische" ab. Bozay und Aslan (2007)3 führen in derartigen Zusammenhängen den Begriff der Selbstethnisierung (= Rückzug in die eigenen "ethnischen Nischen") ein. Eine Entwicklung wie diese kann für das Betreuungsverhältnis durchaus bedrohliche Folgen haben.

Aus mehreren Studien ist darüber hinaus bekannt, dass ein starker, positiver Familienrückhalt hilfreich ist, eine kulturelle Spaltung zu bewältigen (Egger-Schmid Norr, S. 199-201). Eben dieser starke Familienrückhalt fehlt den fremd untergebrachten Jugendlichen mit Migrationshintergrund oft.


4.6 Beziehung und Nähe
Gehen wir zu der oben angeführten Gegenüberstellung von individualistischen und kollektivistischen Beziehungsmodellen zurück und versuchen, einige dieser Punkte genauer zu betrachten. Beispielhaft kann Nähe als ein Aspekt der Betreuungsarbeit herausgegriffen werden. Diese wird kulturell unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Es können sich unterschiedliche Fragen ergeben:

  • Was erwarten sich die Jugendlichen von ihren BetreuerInnen?
  • Wie wird Nähe gezeigt?
  • Wo wird aufgrund der "Professionalität" Nähe vermieden?
  • Welche Interpretationen gibt es dazu seitens der Jugendlichen?

Im Forschungsprojekt "Kultur und Beziehung" war Privatsphäre ein wichtiges Thema: die BetreuerInnen waren manchmal nicht sicher, wie sie mit der Privatsphäre der Jugendlichen umgehen sollten; sollten sie ihr Zimmer betreten oder nicht und wenn ja, wann. Weiters wurde auch deutlich, dass die Wahrnehmung von Privatsphäre aus unterschiedlichen Ländern ebenfalls unterschiedlich war ("Kulturelle Herkunft und Beziehung. Einstiegsprojekt im ‚Biwak’ - ‚Zwischen Bettelwurf und Nowshak’"4).

In den Ergebnissen der Online-Befragung des Projektes "Kultur und Beziehung" ergibt sich eine statistische Signifikanz in Bezug auf die Erwartungen der Jugendlichen an ihre BetreuerInnen. Jugendliche, die außerhalb des deutschsprachigen Raumes geboren wurden, hatten deutlich mehr den Wunsch, verstanden zu werden. Dem wird in qualitativen Interviews nachgegangen und thematisiert werden, ob es um rein sprachliches Verständnis geht oder vielleicht auch um ein weiter und tiefer gehendes, damit auch kulturelles, Verständnis.

Von den BetreuerInnen fühlten sich gerade afghanische Jugendliche oft nicht verstanden. Sie hatten teilweise traumatische Fluchterlebnisse und beschrieben, dass sie niemanden hätten, an den sie sich z. B. mit Gefühlen von Traurigkeit wenden könnten. Neben einer professionellen therapeutischen Begleitung braucht es dabei auch eine stabile und stützende Betreuungsbeziehung, die im Alltag ausgleichend und unterstützend wirkt. Gerade diese Gruppe von Jugendlichen, die wir befragten, benannten kulturelle Unterschiede als eine Ursache für mangelndes Verständnis und Einfühlen.

Im Betreuungskontext stellt sich die Frage, wie mit dieser Thematik umgegangen werden kann? Eine mögliche Erklärung liefert das Konzept der kollektivistischen und individualistischen Orientierung. Menschen, die in einer kollektivistisch orientierten Kultur aufwachsen, empfinden das Zusammensein mit anderen Menschen ihres Umfelds als Grundlage ihres Wohlbefindens. Sie sehen sich selbst als Teil der Gruppe und die Grenzen zwischen "Ich" und "Gruppe" sind fließend. Personen aus individualistisch orientierten Gesellschaften grenzen sich viel stärker gegenüber anderen ab und sehen die Gruppe als Zusammenschluss von Individuen, die selbst entscheiden, welchen Stellwert sie der Gruppe geben. Gehen BetreuerInnen von einer individualistischen Grundhaltung aus, werden sie mit den Jugendlichen sehr vorsichtig sein und sie selbst mitbestimmen lassen, welche Art der Teilhabe an der Gruppe und in der direkten Beziehung mit dem/der BetreuerIn passend ist. Die Jugendlichen, die mit einer kollektivistischen Haltung an die Beziehung herangehen, empfinden diese Vorsicht und das Recht zur Selbstbestimmung möglicherweise als Abweisung, fühlen sich nicht aufgenommen und reagieren vielleicht mit Rückzug. In diesem Sinne wäre es wichtig, das Thema Nähe/Distanz auch auf der Ebene der BetreuerInnen zu reflektieren. Wie viel Nähe wollen und können sie zulassen? Wie könnte die Nähe aussehen? Wo kann Nähe zur Normalität werden? An welchen Orten kann das Bedürfnis nach Nähe leichter erfüllt werden?


4.7 Gleichberechtigung und Partizipation
In mitteleuropäischen Betreuungseinrichtungen wird viel Wert auf Partizipation und Mitsprache gelegt, so schreibt auch A. Orgonyi in ihrem Beitrag in den "Perspektiven 4.0" von SOS-Kinderdorf Österreich (2010): "Großes Augenmerk wird auf partnerschaftliche Mitbestimmung der jungen Menschen bei Festlegung aller für sie relevanten Regeln und Strukturen im Haus gelegt, um sie auf der Suche nach ihrem individuellen Lebensmodell bestmöglich zu fördern."

Aus dem Artikel von A. Orgonyi ergibt sich die Frage, ob das für Jugendliche aus anderen Kulturkreisen ebenso adäquat ist. Wie interpretieren Kinder und Jugendliche, für die Strenge ein Zeichen der Zuwendung und Aufmerksamkeit ist, einen auf Selbstbestimmung und Selbstverantwortung aufbauenden Betreuungsansatz? Welche Gefühle werden dabei bei ihnen ausgelöst und welche Konsequenzen hat dies auf die Umsetzung der an sie herangetragenen Erwartungen?

Ein afghanischer Jugendlicher meint: "die BetreuerInnen behandeln uns wie Erwachsene…". Teilhabe/Partizipation kann für Jugendliche aus anderen Kulturkreisen als Überforderung empfunden werden und somit auch zu Widerständen führen.

Hier drängt sich den LeserInnen vielleicht die Frage nach Lösungen auf. Es ist wichtig anzumerken, dass wir nicht dafür plädieren, tradierte Erziehungskonzepte anderer Kulturen unreflektiert zu übernehmen und diese zu den Grundpfeilern der Betreuungsarbeit zu machen. Gehen wir davon aus, dass Kultur ein sich ständig neu entwickelndes Produkt ist, das von den jeweils Beteiligten aktiv mitgestaltet wird, so wird deutlich, dass diese Kulturdefinition eine wichtige Grundlage für die Umsetzung interkultureller Betreuungskonzepte bildet. In dieser Weise ist das zentrale Element nicht die unreflektierte Übernahme von kulturellen Regeln der Jugendlichen, sondern der bewusste Umgang mit den eigenen Erwartungen. Es ist nötig, dass BetreuerInnen sich bewusst sind, welche Werte ihren Umgang mit den Jugendlichen beeinflussen. Erst wenn sie sich dessen bewusst sind, können sie diese explizit benennen und auf die Bewusstseins-Ebene heben. Die Erwartung der hohen Selbstkontrolle an die Jugendlichen ist dann nicht mehr nur: "Wir als BetreuerInnen erwarten uns, dass du dich aktiv an der Erstellung der Verhaltensregeln beteiligst und dich in der Folge daran hältst, ohne dass du ständig von uns kontrolliert werden musst," sondern würde wesentlich klarer benennen, dass es sich dabei um eine kulturell geprägte Erwartung handelt, von der die BetreuerInnen meinen, dass diese gut und wichtig sei. Werden diese Aspekte mit in die Diskussion aufgenommen, eröffnet sich auch für die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Vorstellungen klarer auszudrücken und ihre häufige Unsicherheit mit den Regeln der Aufnahmekultur offenzulegen und zu bearbeiten bzw. ihren eigenen Werten auf die Spur zu kommen. Erst auf dieser Ebene können Erwartungen neu evaluiert und an die spezifische Betreuungsbeziehung angepasst werden.


4.8 Umgang mit Autoritäten
Einige jugendliche Flüchtlinge hatten - wie bereits weiter oben erwähnt - das Gefühl, dass die BetreuerInnen sie wie Erwachsene behandeln. Sie fühlten sich damit überfordert. Manche Jugendliche aus anderen Kulturen erscheinen zwar erwachsen, sind aber dennoch in ihrer ihnen eigenen Art Jugendliche bzw. sogar noch fast Kinder.

Aus der Online-Befragung der Jugendlichen ("Kultur und Beziehung") geht klar hervor, dass im außer-europäischen Ausland geborene Jugendliche eindeutig mehr Respekt vor Autoritäten zeigen. Dies beeinflusst damit in hohem Maße auch die Beziehung zwischen den jeweiligen Jugendlichen und den BetreuerInnen. Eben diese Gruppe von Jugendlichen hatte auch im Fragebogen einen höheren Wert auf der interdependenten Skala zum Selbstkonzept von Singelis (1994), also einen stärkeren Bezug zu anderen. Damit erscheint es wichtig, Themen wie Umgang mit Autoritäten, Regeln, Bedeutung der Gruppe etc., aufzugreifen. Die Jugendlichen haben u. U., auch kulturell bedingt, ganz verschiedene Bilder dazu. Erst dann kann darüber diskutiert werden.


5. Fazit
Kulturmodelle und Gegenüberstellungen, wie die hier verwendete von Triandis, sollten genutzt werden, um kulturelle Einflüsse auf unsere sozialen Beziehungen zu reflektieren. Sie können helfen, Beziehungsdynamiken besser zu verstehen und durch einen Perspektiven-wechsel neue Wege der Beziehungsarbeit zu erschließen. BetreuerInnen erkennen vielleicht ihnen vertraute Situationen wieder und haben die Möglichkeit, daraus neue Zugänge und Impulse abzuleiten. Sehr bedeutsam erscheint die Auseinandersetzung mit dem eigenen kulturellen Hintergrund aller in der Betreuung Tätigen, um blinde Flecken zu erkennen und offen für die Bedürfnisse der Jugendlichen in Fremdunterbringung zu sein.


Verweise
1 eine Online-Fragebogenerhebung für Jugendliche in allen stationären Einrichtungen von SOS-Kinderdorf in Österreich und anschließend Interviews mit jenen Jugendlichen, die sich dazu bereit erklärt haben, 2010; derzeit noch nicht abgeschlossen
2 Dieses Interview wurde 2009 für die SOS-Kinderdorf-Publikation „Perspektiven" durchgeführt.
3 http://www.gew-koeln.de/02/aktuell/themen/selbstethnisierung.pdf, S. 3
4 http://paedagogik.sos-kinderdorf.at/?download=Zoller-Mathies_Kultur_Beziehung_Biwak.pdf


Literatur
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Trompenaars, Fons (1993) Handbuch Globales Managen. Wie man kulturelle Unterschiede im Geschäftsleben versteht. Düsseldorf, Wien, New York, Moskau (Econ)
Zoller-Mathies, Susi (2009) Kulturelle Herkunft und Beziehung. Einstiegsprojekt im "Biwak" - zwischen "Bettelwurf" und "Nowshak" - Abschlussbericht. SPI Schriften, SOS-Kinderdorf Österreich
Zoller-Mathies, Susi; Vermeer, Tina; Schlosser, Hannes (Hrsg.) (2010) "Perspektiven 4.0 - SOS-Kinderdorf Österreich im Blickfeld", Eigenverlag

Internetquellen
http://www.gew-koeln.de/02/aktuell/themen/selbstethnisierung.pdf


Über die Autorinnen

Mag.a Susi Zoller-Mathies
susi.zoller-mathies@sos-kd.org, www.spi.sos-kinderdorf.at
wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sozialpädagogischen Institut von SOS-Kinderdorf Österreich in Innsbruck, Schwerpunkt: sozialwissenschaftliche Praxisforschung

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, diverse Tätigkeiten in der Erwachsenenbildung, Jugendwohlfahrt und in psychiatrischen Einrichtungen in Österreich und Ghana, Mitglied der Menschenrechtskommission für Tirol und Vorarlberg, seit 5 Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sozialpädagogischen Institut von SOS-Kinderdorf

Schwerpunkte: Einflüsse unterschiedlicher kultureller Herkunft auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Fremdunterbringungskontext, kultursensibler Umgang, Dokumentation der pädagogischen Arbeit bei SOS-Kinderdorf

Dr.in Margret Steixner
margret.steixner@gmx.net, www.ndurance.at
Pädagogin, Universitätslektorin, Geschäftsführerin von „NDurance, Management in Motion", Schwerpunkt: interkulturelle Kompetenz und Methoden der Kompetenzentwicklung

Interkulturelle Coach und Trainerin mit langjähriger Auslandserfahrung in verschiedenen afrikanischen Ländern, Erfahrung in interkulturellen Themenbereichen, Dissertation zum Thema: Lernraum- Interkultur. Von interkultureller Erfahrung zu interkultureller Kompetenz. Wien (Südwind Verlag) 2007, diverse Trainings- und Coachingaktivitäten im Bereich internationaler Organisationen im Non-Profit und Wirtschaftsbereich






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