soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 8 (2012) / Rubrik "Rezensionen kurz" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile//237/394.pdf


Christian Felber: Gemeinwohl-Ökonomie, Deuticke im Zsolnay-Verlag, erweiterte Neuausgabe, Wien 2012


208 Seiten / EUR 18,40

Der Autor, Mitbegründer von Attac, hat eine gegenüber der Erstauflage deutlich erweiterte Neuauflage seiner „Gemeinwohl-Ökonomie“ herausgebracht.

Für Felber kommt es auf die grundlegenden Werte an, die das Fundament unseres Zusammenlebens bilden und unser Verhalten maßgeblich bestimmen. Er plädiert für Kooperation statt Konkurrenz und Solidarität statt Profitstreben. Das Streben nach Autonomie, Identität, Kompetenz, Beitrag, Beziehung und Gemeinschaft sind durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegte, zentrale intrinsische Motivationsfaktoren. Die lange tradierten extrinsischen Motivationsfaktoren wie Geld, Karriere, Erfolg und Macht müssen in der Erziehung und Bildung entlernt werden. Aufgrund der derzeitigen Unzulänglichkeiten fordert Felber eine Neuordnung des Gesellschafts-, v. a. aber des Wirtschaftssystems, indem Anreize auf der organisatorischen, der regionalen und der volkswirtschaftlichen Ebene verbindlich verändert werden.

Nukleus von Felbers Gemeinwohl-Ökonomie ist die Gemeinwohl-Bilanz, die in den Organisationen als zentrale Werte die Menschenwürde, die Solidarität, die soziale Gerechtigkeit, die ökologische Nachhaltigkeit und die Demokratie, Mitbestimmung und Transparenz bzgl. der verschiedenen Stakeholder-Gruppen mithilfe von derzeit achtzehn Indikatoren misst. Das Gemeinwohlstreben soll entsprechend belohnt werden (z. B. bei Steuern, Krediten, öffentlichen Auftragsvergaben, direkten Förderungen), während Unternehmen mit schlechten Gemeinwohl-Bilanzen der Konkurs drohen würde. All dies soll dazu dienen, eine ausgewogenere Führung von Organisationen, eben nicht nur anhand von wirtschaftlichen Messgrößen, sondern auch auf Basis von ökologischen und sozialen Indikatoren zu gewährleisten.

So wie die Gemeinwohl-Bilanz eines Unternehmens den Finanzgewinn ablösen soll, soll das Gemeinwohl-Produkt einer Volkswirtschaft (bestehend aus 15-25 Indikatoren) das BIP ersetzen. Hierzu ist kritisch anzumerken, dass man Geldgrößen gut aggregieren kann, nicht-monetäre Indikatoren allerdings nicht: Es stellt sich die Frage, welche nicht-monetäre Indikatoren zur Messung des Gemeinwohls herangezogen werden sollen, nach welchen Kriterien die Punktevergabe für die einzelnen nicht-monetären Indikatoren erfolgt und wie diese gewichtet werden. Damit ist ungewiss, wie verlässlich Gemeinwohl-Bilanz und Gemeinwohl-Produkt als Lenkungsgrößen sein können. Ein offenes Kennzahlensystem wie beim better life index der OECD erscheint hier erfolgsversprechender, würde allerdings die Anreizsysteme verkomplizieren.

Die Gemeinwohl-Bilanz will Felber durch diverse flankierende Maßnahmen ergänzen: So soll die Erwerbsarbeitszeit auf von vielen Arbeitnehmern gewünschte 30-33 Wochenstunden reduziert werden, wodurch Zeit für Eigenarbeit, Beziehungs- und Betreuungsarbeit sowie politische und Gemeinwesenarbeit frei werden würde. Außerdem soll es pro Dekade Berufsleben für alle ein Jahr Auszeit geben, in dem andere Lebensinhalte aufgewertet werden. Dies kann auf individueller Ebene zu einer ausgewogeneren Zeitverteilung führen und die Zeitnutzung für gesellschaftlich wichtige Bereiche ermöglichen.

Im Bereich des Eigentums will Felber die ungleiche Verteilung durch negative Rückkoppelungen beseitigen, indem die Ungleichheit bei Einkommen (Festlegung des maximalen Gehalts als Vielfaches des Mindestgehalts), Privatvermögen (max. 10 Mio. € pro Person), Erbschaften (bei Finanz- und Immobilienvermögen z. B. max. 500.000 € oder 700.000 € pro Person, Unternehmensanteile nur im Wert von max. 10 Mio. € für Familienmitglieder) und Schenkungen begrenzt wird, aber auch durch ein mit der Anzahl der Beschäftigten und der Bestandsdauer des Unternehmens progressives Ausschüttungsverbot zum Zwecke der Gewinnbindung an das Unternehmen. Gleichheit wirkt zweifach auf die Lebenszufriedenheit, wie etwa Helliwell, Layard und Sachs im von ihnen kürzlich herausgegebenen World Happiness Report argumentieren: Einerseits, da für jemanden, der arm ist, ein Euro mehr wert ist als für jemanden, der reich ist. Andererseits, da dadurch soziale Spannungen reduziert werden. Allerdings wird durch obige Begrenzungen das Prinzip der Leistungsbezogenheit durchbrochen.

V. a. im Finanzbereich werden von Felber allerdings negative ökonomische Nebenwirkungen der unterbreiteten Vorschläge oft nicht ausreichend mitgedacht, wie z. B. eine schlechtere Kapitalallokation (wenn z. B. die demokratische Bank zentrale Einlagen- und Kreditgeschäfte nach einer erfolgreichen Gemeinwohl-Prüfung ohne Spar- und Kreditzinsen durchführt und damit ein wichtiges Preissignal wegfällt), nicht gehobene Effizienzpotentiale oder ein erschwertes Risikomanagement.

In einem eigenen Kapitel stellt Felber diverse Beispielsorganisationen für Gemeinwohlökonomie auf der ganzen Welt vor.

Beim Themenkomplex Demokratie plädiert Felber für eine Stärkung der direkten und der partizipativen Demokratie. So sollen durch Letztere für die Daseinsvorsorge erbrachte, essenzielle öffentliche Dienstleistungen als „demokratische Allmenden“ (Gemeinschaftsgüter) direkt von der Bevölkerung gesteuert und kontrolliert werden. Weiters sollen zwecks Demokratisierung von Großunternehmen Stimmrechte mit zunehmender Unternehmensgröße sukzessive an die Belegschaft übergehen. All dies kann mit der Vorteilhaftigkeit einer Diversität an Kompetenzen und Meinungen, eines verstärkten politischen Engagements der BürgerInnen sowie einer bessere demokratische Kontrolle argumentiert werden. Allerdings führen Felbers Vorschläge auch zu einer Verkomplizierung und Langwierigkeit der Entscheidungsfindung und erfordern oftmals ein spezialisiertes fachliches Know-how.

Einige Themen müssen allerdings global gelöst werden: Für einen Freihandel müssen sich die teilnehmenden Staaten auf gemeinsame Rahmenbedingungen für den Markt in der Fair-Handelszone einigen, um so ein „level playing field“ herzustellen. Langfristiges Ziel ist eine globale Gemeinwohl-Zone als UN-Abkommen. Umweltpolitische Instrumente wie z. B. ein globales politisches Ressourcenmanagement, die zunehmende Ökologisierung des Steuersystems und die Messung des individuellen ökologischen Fußabdrucks mit der Zuteilung eines globalen Pro-Kopf-Ressourcenbudgets werden zusätzlich verstärkt benötigt, um die Lebenschancen anderer Menschen oder zukünftiger Generationen nicht zu beschneiden. Auch wenn es in diesen Bereichen schon derzeit zahlreiche multilaterale Institutionen gibt, die eine weltweite Koordination der einzelnen Aktivitäten und Normensetzungen verfolgen, wird es zukünftig eines weiteren Ausbaus, neuer Ideen und Restrukturierungen bedürfen, um die derzeitigen Schieflagen erfolgreich bewältigen zu können, da nur so Kurzfristigkeit und Prokrastination im menschlichen Handeln erfolgreich bekämpft werden können.

Im Sommer 2011 gegründeten „Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie“ können Interessierte in einem entwicklungsoffenen Beteiligungsprozess verschiedene Funktionen wahrnehmen. 60 Pionier-Firmen erstellten 2011 erstmals freiwillig eine Gemeinwohl-Bilanz und wechselten damit von Tausch- (Geld) zu Nutzwertindikatoren (eigentlichen Ziele) in Form aussagekräftiger nichtmonetärer Indikatoren. Die Eckpunkte der Gemeinwohl-Ökonomie sollen schließlich in Gesetze gegossen werden.

Die Gesamtbeurteilung des Buchs fällt gemischt aus: Lobend zu erwähnen ist Felbers Versuch eines großen Wurfs, der innovative und gute Lösungsvorschläge für die bestehenden ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme liefert, wenngleich sie teilweise auch normative Wertungen beinhalten. Kritisch muss ergänzt werden, dass zum Teil Missstände angesprochen werden, für die es schon heute Lösungen gibt, wie z. B. wettbewerbsbehördliches Eingreifen bei Kartellbildung oder Marktkonzentration.


Nikolai Haring / nikolai.haring@fh-campuwien.ac.at






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