soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 8 (2012) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/240/374.pdf


Niko Katsivelaris:

Normalisierung mit Gefühl?


Empathie in der Sozialen Arbeit


1. Compassion, empathy and care?
Empathie nimmt im Selbstverständnis der Sozialen Arbeit einen zentralen Platz ein. So heißt es etwa unter Punkt 5.4. des internationalen Code of Ethics: "Social workers should act in relation to the people using their services with compassion, empathy and care". Die deutsche Übersetzung dieser Forderung lautet: "Sozialarbeiter/-innen sollen die Menschen, welche ihre Dienste nutzen, mit Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Achtsamkeit behandeln."1 Der englische Begriff "empathy" wird hier also mit "Einfühlungsvermögen" ins Deutsche übersetzt und in den Kontext der Begriffe "Mitgefühl" und "Achtsamkeit" gestellt. Dabei wird zunächst eines klar: Empathie ist ein Begriff, der in der Sozialen Arbeit positiv bewertet wird.

Das Problem einer Definition des Begriffs ‚Empathie‘ wird auf diesem Weg für die Soziale Arbeit jedoch nicht gelöst: Die eindeutig positive Bewertung des Begriffs ‚empathy‘/‘Einfühlungsvermögen‘ steht vielmehr in einem deutlichen Kontrast zur traditionellen Vagheit seiner Bedeutung (vgl. Fontius 2001: 121). Auffällig ist hier auch, dass in den zwei großen deutschsprachigen Standard-Handbüchern der Sozialen Arbeit der Begriff Empathie nicht mit einem expliziten Eintrag gewürdigt wird (vgl. Otto/Thiersch 2011, Thole 2010). Diese Beobachtungen standen auch am Anfang der nun folgenden Reflexion des Empathie-Begriffs in der Sozialen Arbeit.

Die Leitfrage dieser Untersuchung orientiert sich dabei an der Foucaultschen Machtanalytik (vgl. Anhorn/Bettinger/Stehr 2007): Inwieweit kann Soziale Arbeit als eine Form der Machtausübung durch Einfühlung aufgefasst werden - als eine ‚Normalisierung mit Gefühl‘? Und inwieweit blenden dabei normative und - so die These dieser Arbeit - gleichzeitig vage idealisierende Empathie-Begriffe die strukturelle Asymmetrie in der Beziehung zwischen SozialarbeiterInnen und KlientInnen aus?

Aus machtanalytischer Perspektive ist nämlich auffällig, dass der Empathie-Begriff von der strukturellen Ambivalenz der Sozialen Arbeit, die traditionell im ‚Doppelten Mandat‘ zwischen Hilfe und Kontrolle (vgl. Bakic/Diebäcker/Hammer 2009: 3) gefasst wird, unberührt zu sein scheint. So wird im gegenwärtigen Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, das in Staub-Bernasconis Formel von der Sozialen Arbeit als "Menschenrechtsprofession" (vgl. Staub-Bernasconi 1995) zum Ausdruck kommt, eines deutlich: "Hilfe als soziale Empathie" steht hier im eindeutigen Gegensatz zur "Macht als soziale Kontrolle über Güter, Menschen und Ideen" (ebd.: 61). Gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der Empathie scheinbar eindeutig der ‚Hilfe‘- und nicht der ‚Kontrolle‘ - zugeordnet wird, soll infrage gestellt werden. Denn: War die "helfende Beziehung" (vgl. Meinhold 2010: 512) nicht immer auch schon eine ‚kontrollierende Beziehung‘?

Diese Frage nach der ‚Normalisierung mit Gefühl‘ soll dabei in den Kontext übergeordneter Diskurse zum Thema Empathie gestellt werden. Zentral ist hier ein politisch wirkmächtiger, vulgarisierter Empathie-Begriff, der sich nicht nur im Code of Ethics findet, sondern auch in der populären Technik der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg (vgl. Rosenberg 2010). Dem normativen, idealisierenden Empathie-Begriff bei Rosenberg soll in kritischer Absicht der deskriptive, empirische Empathie-Begriff gegenübergestellt werden, der von der Psychologin Doris Bischof-Köhler (vgl. Bischof-Köhler 1989 bzw. 1991) erarbeitet wurde. Ausgehend von Foucaults Machtanalytik soll schließlich der Empathie-Begriff kritisch beleuchtet werden, den die Soziale Arbeit insbesondere für das Case Work aus der Personzentrierten Psychotherapie nach Carl R. Rogers übernommen hat (vgl. Duttweiler 2007: 265, Galuske/Müller 2010: 495, Müller 2009: 314f). Bei Rogers - einem Lehrer Rosenbergs - findet Empathie in der Form des Aktiven Zuhörens auch eine konkrete und beobachtbare Operationalisierung - als Technik der Gesprächsführung (vgl. Rogers 1980: 76ff). Hier soll gezeigt werden, dass Rogers‘ Empathie-Begriff die Machtausübung in der ‚helfenden Beziehung‘ konsequent ausblendet. Daraus entsteht die Notwendigkeit, für die Soziale Arbeit einen eigenen Empathie-Begriff zu entwickeln, der sich von idealisierenden Traditionen löst und stattdessen konsequent deskriptiv und empirisch gefasst ist.


2. Empathische Diskurse
Der Begriff ‚Empathie‘ hat in jüngerer Zeit ausgehend von den USA internationale Karriere gemacht - auch im deutschsprachigen Raum. Politisch zentral und für diese Untersuchung relevant ist hier, dass der amerikanische Begriff ‚empathy‘ im Inventar einer vulgarisierten Soziologie die schon thematisierte positive Konnotation des ‚Mitgefühls‘ (s.o.) stets beibehielt - und somit zu einer "Heilskategorie" (Fontius 2001: 122) für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung wurde. In apokalyptischen Szenarien vom drohenden Verlust der Einheit der amerikanischen Nation scheint ‚empathy‘ die letzte Hoffnung zu sein:

"Das spezifisch menschliche Vermögen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Freude und Ängste, Schmerz und Hunger von anderen wie eigene Gefühle zu empfinden, wird dabei als entscheidendes Gegengewicht zum animalischen Hang des egozentrischen Verhaltens begriffen, das freilich nur partiell entwickelt sei und durch gezielte Maßnahmen gestärkt werden müsse. Der Kontext, in dem dieses intensive Interesse steht, ist der unübersehbare Zerfall des Leitbildes vom Schmelztiegel Amerika." (Fontius 2001: 122)

Die Frage ist nun, ob nicht auch die Soziale Arbeit an diesen moralisierenden und politisch fragwürdigen Empathie-Begriff anknüpft - und ihn somit in eine schon bestehende Tradition der ,Nächstenliebe als Beruf‘ (Sachße 1986: 258) stellt. Soziale Arbeit wäre dann eine Form der Normalisierung durch Einfühlung, die in der Selbstbeschreibung der Profession als ‚Mitgefühl‘ aufscheint. Die eingangs angeführten Zitate aus dem Code of Ethics und bei Staub-Bernasconi geben einen ersten Hinweis auf eine einseitig positive Bewertung von Empathie in der Sozialen Arbeit - stets als ‚Hilfe‘ und nie als ‚Kontrolle‘ oder ‚Machtausübung‘. Wie schon erwähnt, wird diese Verwendung des Begriffs ‚Empathie‘ gerade durch die Vagheit seiner Bedeutung bei gleichzeitig positiver und somit identitätsstiftender Konnotation ermöglicht. Hinter dieser Konnotation steckt eine große Erzählung (vgl. Lyotard 2006), die ein negatives Bild von Evidenzverlust und Pluralisierung in der (Post)moderne zeichnet:

"Die Möglichkeit des Bedeutungswechsels (...) verschafft dem Begriff Einfühlung seine Attraktivität, wenn es gilt, emotionale Phänomene zu beschreiben, die mit der Auflösung von traditionellen Wertbeziehungen - Identifikation mit Nation, mit Familie, mit einem gewohnten Lebensweg - vor allem in den modernen Metropolen in Zusammenhang stehen." (Fontius 2001: 123)

Folgt man/frau dieser idealisierenden Deutung, so hätte die Internationale Soziale Arbeit im Sinne ihres Code of Ethics eine - ebenfalls identitätsstiftende - globale Aufgabe, nämlich genau diesen vermeintlichen Zerfall einer als ursprünglich gesetzten Ordnung durch ‚Empathie‘ zu bekämpfen: "The survival of the human species now appears to depend upon a universal increase in functional empathy" (Clark 1980: 187, zit. in Fontius 2001: 122).


3. Empathie in der Gewaltfreien Kommunikation
Um die Problematik des oben geschilderten Empathie-Begriffs sichtbar zu machen, soll hier exemplarisch auf Marshall B. Rosenbergs populäre Methode der "Gewaltfreien Kommunikation" eingegangen werden. Die moralisierende und idealisierende Bedeutung des Begriffs Empathie als ‚Mitgefühl‘ ist in der "Gewaltfreien Kommunikation" allgegenwärtig. So definiert der Rogers-Schüler Rosenberg Empathie normativ als "respektvolles Verstehen der Erfahrungen anderer Menschen" (Rosenberg 2010: 113). Auffällig - und aus einer professionellen und politischen Sicht höchst fragwürdig - ist dabei Rosenbergs ausgeprägter Anti-Intellektualismus: Um das Ziel dieses "respektvollen Verstehens" zu erreichen, müsse man/frau zunächst den "Verstand leermachen und mit dem ganzen Wesen zuhören" (ebd.: 113), denn: "Intellektuelles Verstehen blockiert Empathie" (ebd.: 115).

Aus der eingangs schon skizzierten machtanalytischen Perspektive macht Rosenberg die Konzeption von Empathie im Kontext des Doppelten Mandats der Sozialen Arbeit unmöglich: Denn Empathie muss in der "Gewaltfreien Kommunikation" stets ‚Hilfe‘ sein - ‚Kontrolle‘ lässt sich nicht thematisieren. Dies wird an den offensichtlichen Schwierigkeiten erkennbar, die Rosenbergs Empathie-Konzept mit Differenz hat. Denn nach Rosenberg muss auch der Umgang mit Ablehnung ‚empathisch‘ sein:

"Aufgrund unserer Tendenz, in ein ‚Nein‘ oder ein ‚Ich-möchte-nicht‘ eine Zurückweisung hineinzuinterpretieren, ist es gerade bei diesen Botschaften sehr wichtig für uns, die Fähigkeit für eine empathische Reaktion zu entwickeln." (Rosenberg 2010: 139).

Die Vorstellung, dass ein ‚Nein‘ - etwa des/der KlientIn - eine berechtigte ,Zurückweisung‘ sozialarbeiterischer ‚Hilfe‘, ein unbedingt zu akzeptierendes ,Ich-möchte-nicht‘ sozialarbeiterischer Interventionen sein könnte, wird hier unmöglich. Empathie nach Rosenberg kann also den KlientInnen der Sozialen Arbeit nur helfen - und bedeutet für die Soziale Arbeit eine vollkommene Ausblendung der strukturellen Asymmetrie zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn. Ein ‚Nein‘ muss bei Rosenberg zum Objekt der ‚Empathie‘ werden - einer Normalisierung durch Einfühlung, die als ‚Mitgefühl‘ eindeutig positiv definiert wird: "Die Macht der Empathie" (Rosenberg 2010: 133-145) besteht laut Rosenberg in der "Empathie, die heilt" (ebd.: 133). "Gewaltfreie Kommunikation" bedeutet also für die Soziale Arbeit: Empathie ist ‚Nächstenliebe‘ (vgl. Sachße 1986: 258), die heilt - von abweichendem Verhalten. Außerdem ist "Gewaltfreie Kommunikation" eingebettet in ein implizites Narrativ von der ursprünglichen Güte des Menschen und einem daraus resultierenden antimodernen Affekt, der im ‚Mangel an Empathie‘ und in der ,Auflösung traditioneller Wertbeziehungen# (s.o.) die Ursache allen gegenwärtigen Übels sieht und somit an die Anfänge der Sozialen Arbeit erinnert (vgl. Sachße 1981: 114):

"Weil ich glaube, dass die Freude am einfühlsamen Geben und Nehmen unserem natürlichen Wesen entspricht, beschäftige ich mich schon viele Jahre meines Lebens mit zwei Fragen: Was geschieht genau, wenn wir die Verbindung zu unserer einfühlsamen Natur verlieren und uns schließlich gewalttätig und ausbeuterisch verhalten?" (Rosenberg 2010: 21)


4. Empathie und Sadismus - Einfühlung ist nicht Mitgefühl
Im Kontrast zum vorhin dargelegten normativen Empathie-Begriff soll nun ein deskriptiver Empathie-Begriff vorgestellt werden, wie er etwa bei der Psychologin Bischof-Köhler (vgl. Bischof-Köhler 1989 bzw. 1991) zu finden ist. Deskriptive Empathie-Begriffe, die auf Empirie beruhen und die Möglichkeit von Ambivalenz und Differenz beinhalten, werden in implizit idealisierenden Diskursen marginalisiert (vgl. Bischof-Köhler 1991: 259). Auf die Dominanz eines normativen Empathie-Begriffes geht Bischof-Köhler selbst kritisch ein und unterscheidet strikt zwischen ,empathy‘ (,Einfühlung‘) einerseits und ,sympathy‘ bzw. ,compassion‘ (,Mitgefühl‘) andererseits - im Gegensatz zur Gewaltfreien Kommunikation. Bischof-Köhler stellt sich also gegen eine prosoziale Interpretation der Empathie und stellt die Empathiegenese in denselben phylogenetischen Kontext wie Sadismus (vgl. Bischof-Köhler 1989: 81, Bischof-Köhler 1991: 259). Bischof-Köhler bietet so mit ihrem empirischen und psychoanalytisch orientierten Ansatz eine Möglichkeit der Kritik an den Begrifflichkeiten des Code of Ethics, weil sie hier explizit die dort implizierte Nähe von ,empathy‘ (,Einfühlung‘) zu ,compassion‘ (,Mitgefühl‘) infrage stellt: Empathie mit einer belasteten Person könne auch zu Schadenfreude und Aggression dieser Person gegenüber führen - je nach Qualität der Beziehung. Die Fähigkeit zur Einfühlung könne also auch zum Gegenteil von Mitgefühl führen (vgl. Bischof-Köhler 1991: 259). Damit wird der Begriff ,Empathie’ endgültig ambivalent und kontextabhängig:

"However, the motives based on empathy are by no means only prosocial. Empathy can very well be focused on the other person and still result in just the opposite of sympathy. Whether empathic observers feel compassion with a distressed person depends on the kind of relationship they hold to this person. If the relationship is bad, the same situation may trigger malicious gloating. In this emotional response the empathically shared distress of the other person is at the same time enjoyed. Likewise, the connection of aggression with empathy may result in antisocial consequences. Only creatures capable of empathy are able to sense that their aggressive behavior hurts the recipient. In phylogeny, the emergence of empathy was, at the same time, the emergence of intentional cruelty and sadism." (Bischof-Köhler 1991: 259)


5. Empathie und Macht
Ausgehend von dieser Einsicht in die radikale Kontextabhängigkeit des Wirkens von Empathie soll diese im Folgenden anhand von Foucaults machtanalytischem Begriff der ‚Führung‘ (vgl. Foucault 2005: 286) in die ungleiche Beziehung zwischen SozialarbeiterIn und KlientIn eingebettet werden. Unter Bezugnahme auf Foucault soll ‚Führung‘ hier in einem dreifachen Sinn verstanden werden: Es gilt dabei, eine Verbindung herzustellen zwischen der staatlichen ‚Führung‘ der Bevölkerung auf der Makro-Ebene und dem gezielten, normalisierenden Einwirken auf die ‚Selbstführung‘ von KlientInnen auf der Mikro-Ebene (vgl. Foucault 2005: 286) mit Hilfe von Techniken der ‚Gesprächsführung‘ durch SozialarbeiterInnen, in denen Empathie eine Rolle spielt. Konkret soll dies dann am Rogers‘schen Empathie-Begriff, der im Case Work als Technik des Aktiven Zuhörens umgesetzt wird (vgl. Rogers 1980: 76ff.), gezeigt werden.

Hier ist es nun wichtig, Foucaults Begriff der ‚Führung‘ näher zu betrachten, um einen Zusammenhang zwischen makropolitischen Orientierungen von Sozialer Arbeit und der Mikro-Ebene der Gesprächsführung herzustellen:

"Der Ausdruck ‚Führung‘ (conduite) vermag in seiner Mehrdeutigkeit das Spezifische an den Machtbeziehungen vielleicht noch am besten zu erfassen. ‚Führung‘ heißt einerseits, andere (durch mehr oder weniger strengen Zwang) zu lenken, und andererseits, sich (gut oder schlecht) aufzuführen, also sich in einem mehr oder weniger offenen Handlungsfeld zu verhalten. Machtausübung besteht darin, ‚Führung zu lenken‘, also Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Verhalten zu nehmen." (Foucault 2005: 286)

Ziel von Regierungshandeln ist es also, durch staatliche Maßnahmen der ‚Führung‘ dafür zu sorgen, dass sich die Bevölkerung ‚gut aufführt‘. Beratung kann dabei als ein Ort gesehen werden, wo diese staatlichen Techniken der Herrschaft eine Verbindung mit Techniken individueller Selbstführung eingehen. Beratung wird somit "eine wirkmächtige Weise, die Führung der Individuen zu führen - denn hier wird sowohl auf das Wissen des Einzelnen über sich selbst eingewirkt als auch ganz konkret auf dessen Handeln." (Duttweiler 2007: 263) Für die Beratung in der Sozialen Arbeit zentral ist eine spezifische institutionelle und politische Rahmung im modernen Wohlfahrtsstaat, wo Möglichkeiten der Partizipation als Gegenleistung für die Anpassung an geltende Normen gewährt werden (vgl. Scherr 2004: 96).

Aktives Zuhören als Operationalisierung von Empathie (vgl. Rogers 1980: 76ff.) wird somit im Case Work zur zentralen Technik der ‚Führung‘ (vgl. Duttweiler 2007: 265, Müller 2009: 314): Denn KlientInnen müssen professionell zum Sprechen gebracht werden, um ‚geführt‘ zu werden (vgl. Duttweiler 2007: 265). Nur so haben sie eine Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe.


6. Empathie und Aktives Zuhören
Nachstehend soll das Empathie-Konzept von Rosenbergs Lehrer Carl R. Rogers problematisiert werden, das als theoretische Grundlage des Aktiven Zuhörens dient. Auffällig ist zunächst, dass Rogers in seiner Selbstdarstellung als Helfender zu einer charismatischen Redeweise neigt, der die Sphäre des Sakralen nicht fremd ist, und die auch in der Sozialen Arbeit Tradition hat (vgl. Sachße 1986: 271):

"Ich stelle fest, dass von allem, was ich tue, eine heilende Wirkung auszugehen scheint, wenn ich meinem inneren, intuitiven Selbst am nächsten bin, wenn ich gewissermaßen mit dem Unbekannten in mir in Kontakt bin, wenn ich mich vielleicht in einem etwas veränderten Bewusstseinszustand befinde. Dann ist allein schon meine Anwesenheit für den anderen befreiend und hilfreich." (Rogers 1981: 80)

Die Idealisierung einer ungleichen Beziehung, in der eine Person ‚führt‘ und die andere Person ‚geführt‘ wird, ist hier offensichtlich. Deswegen soll nun die implizite Normativität von Rogers‘ Ansatz explizit gemacht werden, die in einem deutlichen Gegensatz zu seiner einseitigen Selbstdarstellung steht. Foucault dient hier als Folie, um Empathie konsequent in den Kontext normativer Makro-Politiken zu stellen.

Zunächst soll es um den theoretischen Rahmen gehen, den Rogers der Empathie gibt. Zu diesem Zweck hat Rogers eine normative Prozessskala entwickelt (vgl. Rogers 1973: 135-159, 1977: 27-34 und 123-128), an deren Ende die "fully functioning person" (vgl. Rogers 1989: 183-198) steht. Das Ziel der Personzentrierten Psychotherapie, das Ziel ihrer Techniken der Gesprächsführung - insbesondere des Aktiven Zuhörens - als Operationalisierungen von Empathie ist also die Optimierung des Menschen - seine bestmögliche ‚Führung‘ - durch Einfühlung:

"Die klientenzentrierte Therapie entwickelt sich als ein way of being with persons, der heilsame Veränderung und Wachstum fördert. Ihre zentrale Hypothese ist, dass die Person in sich selbst ausgedehnte Ressourcen dafür hat, sich selbst zu verstehen und ihre Lebens- und Verhaltensweisen konstruktiv zu ändern (...)" (Rogers 1991: 187)

Charakteristisch für Rogers ist hier wiederum der idealisierende Verweis auf lebensweltliche Hilfe, der in der Formulierung "way of being with persons" zum Ausdruck kommt. Doch in der Folge des Zitats wird Rogers‘ implizite Normativität klar: Eine Verbesserung könne nur erfolgen, wenn die KlientInnen bereit sind, "ihre Lebens- und Verhaltensweisen konstruktiv zu ändern" - also ihre ‚Selbstführung‘ an normativen Vorgaben zu orientieren. Das implizite Ziel von Empathie nach Rogers - und damit des Aktiven Zuhörens als Technik - ist also die normalisierende Persönlichkeitsveränderung. Die Anwendung von Rogers‘ Empathie-Konzept bedeutet für die Soziale Arbeit also, dass das Ziel der professionellen ‚Führung‘ durch Empathie bestimmte Formen der Verhaltensänderung sind - im Tausch für Partizipation (vgl. Scherr 2004: 96).

Rogers beschreibt für das professionelle Setting insgesamt sechs "necessary and sufficient conditions of psychotherapeutic personality change"(Rogers 1957: 95-103) - sechs Kriterien der guten professionellen ‚Führung’ des/der KlientIn. Zwei Bedingungen sind hier für die "konstruktive" (s. o.) Persönlichkeitsveränderung des/der KlientIn zentral: Zum einen die "bedingungslose positive Bezugnahme" ("unconditional positive regard") des/der TherapeutIn, zum anderen das "empathische Verstehen" ("empathic understanding") durch den/die TherapeutIn (vgl. Rogers 1959: 213). Die Grundlage für eine Idealisierung der ‚Führung‘ abweichender Subjekte durch professionelle HelferInnen schafft Rogers nicht nur im empirisch fragwürdigen "unconditional positive regard", sondern auch im Schlüsselbegriff "empathic understanding". Damit sein/ihr "innere[r] Bezugsrahmen" "möglichst exakt" durch professionelle HelferInnen wahrgenommen werden kann, muss der/die KlientIn mit dem Ziel der guten ‚Führung‘ dazu gebracht werden, über sich selbst zu sprechen:

"Empathisch zu sein bedeutet, den inneren Bezugsrahmen des Anderen möglichst exakt wahrzunehmen. (...) Der innere Bezugsrahmen ist die subjektive Welt des Individuums. (...)" (Rogers 1987: 37)

Empathie als Technik der ‚Führung‘ beinhaltet dabei auch, in einer professionellen Rolle "die private Wahrnehmungswelt des Anderen zu betreten":

"Empathie bedeutet, die private Wahrnehmungswelt des Anderen zu betreten und darin ganz und gar heimisch zu werden. (...) Empathie bedeutet, zeitweilig das Leben dieser Person zu leben; sich vorsichtig darin zu bewegen, ohne vorschnell Urteile zu fällen; (...) Sie schließt ein, dass man die eigenen Empfindungen über die Welt dieser Person mitteilt, da man mit frischen und furchtlosen Augen auf Dinge blickt, vor denen sie sich fürchtet. (...) Mit einem anderen Menschen in dieser Weise umzugehen heißt, eigene Ansichten und Wertvorstellungen beiseite zu lassen, um die Welt des andern ohne Vorurteile betreten zu können. (...)" (Rogers 1980: 79)

Zwangsläufig kommt es bei diesem Vorgang zur Akkumulation von Wissen über den/die KlientIn. Doch gerade indem Rogers Empathie charismatisch als "Seinsweise" (Rogers 1980) bezeichnet und nicht als Technik, gerade indem er in diesem Zitat nicht von dem/der KlientIn spricht, sondern allgemein vom "Anderen", kommt es zu einer Leugnung der asymmetrischen Rollenverteilung, in der - um mit Foucault zu sprechen - eine Person ‚führt‘ und die andere Person ‚geführt‘ wird.


7. Resümee
Auch bei Rogers findet sich also eine Idealisierung des Gefühls, die an die Wurzeln der Sozialen Arbeit und an die schon beschriebenen aktuellen Empathie-Diskurse erinnert. Ein Unterschied zur ‚Nächstenliebe‘ besteht bei Rogers im ökonomischen Paradigma des Wachstums der humanistischen Psychologie, das als Folie der Normalisierung durch Empathie dient. Ziel der Rogersschen Empathie als Strategie der Fremdführung auf der Mikro-Ebene ist also die normalisierende Persönlichkeitsveränderung des/der KlientIn. In Rogers charismatischer Sprache, die mit einer Idealisierung von professionellen asymmetrischen Settings als lebensweltlicher Hilfe einhergeht, wird jedoch genau dieser Aspekt der Normalisierung geleugnet. Die ambivalente Einfühlung wird insbesondere durch die zusätzliche Forderung der ‚bedingungslosen positiven Beachtung‘ der KlientInnen zum empirisch fragwürdigen Mitgefühl vereindeutigt. Die Tatsache der professionellen Wissensgenerierung über abweichende Verhaltens- und Erlebensweisen in einem asymmetrischen Setting wird zugunsten einer Idealisierung der helfenden Beziehung geleugnet.

Für die Soziale Arbeit sind die Übernahme des Rogersschen Empathie-Begriffs und seine Umsetzung in der Gesprächsführung problematisch, da sie selbst über idealisierende Traditionen verfügen, die den Anschein haben, dass sie mit Rogers im Gewand der humanistischen Psychologie aktualisiert und modern psychologisiert wurden. Dabei hat diese Idealisierung der Gefühlsarbeit Konsequenzen: Die politischen Ambivalenzen einer ‚Normalisierung mit Gefühl‘, um die es bei sozialarbeiterischer Empathie geht, können nicht thematisiert werden. Dabei ist es oft gerade "die Anerkennung der Lebensrealitäten und das Gefühl der persönlichen Akzeptanz, was häufig zu Unterwerfungen von KlientInnen führt und so auch die Nicht-Gewährung von Unterstützung oder negativ beurteilte Interventionen von SozialarbeiterInnen akzeptieren oder erdulden lässt." (Diebäcker/Hammer 2009: 19) Dazu hat Rogers für die Soziale Arbeit einen fragwürdigen Beitrag geleistet. An Stelle des Rogersschen Empathie-Begriffes würde die Soziale Arbeit einen deskriptiven, empirischen Empathie-Begriff benötigen, der sich von der Tradition der Nächstenliebe löst - auch wenn er damit im Widerspruch zum Code of Ethics und seiner Trias ,compassion, empathy and care‘ stehen sollte.


Verweise
1 http://www.wien-sozialarbeit.at/wp-content/uploads/2010/10/Ethiccodex_IFSW.pdf (download am 31.12.2011).


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Über den Autor

Mag. Niko Katsivelaris, BA, Jg. 1978
niko.katsivelaris@gmail.com

Abgeschlossenes Studium der Französischen Literaturwissenschaft und der Sozialen Arbeit.
Derzeit Sozialarbeiter beim Diakonie Flüchtlingsdienst (St.Pölten) und freier Journalist.






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