soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 9 (2013) / Rubrik "Rezensionen kurz" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/250/432.pdf


Hans Bürger: Der vergessene Mensch in der Wirtschaft – Neue Modelle zwischen Gier und Fairness, Braumüller-Verlag, Wien 2012.


280 Seiten / EUR 21,90

Der Autor, der als Volkswirt Schüler des Post-Keynesianers Kurt Rothschild war und TV-Kommentator ist, hat ein Buch über den vergessenen Menschen in der Wirtschaft verfasst, womit er ein auch für die Sozialarbeit und die Sozialwirtschaft aktuelles und relevantes Thema aufgreift. Mit dem vergessenen Menschen spielt Bürger darauf an, dass in den (neo-)klassischen ökonomischen Theorien der sogenannte homo oeconomicus vorherrscht, der als kühler Rechner perfekt informiert ist, stets rational agiert, stabile Präferenzen hat und angeblich nur auf seinen Eigennutz bedacht ist.

Im Hauptteil des Buches beschäftigt sich Bürger mit anderslautenden Befunden, die sich aus der Verhaltensökonomie, der Neuroökonomie und der Glücksökonomie ergeben, die in den letzten Jahr(zehnt)en aufgekommen sind und den Menschen (auch) als ein nicht immer gut informiertes, bisweilen irrational handelndes und kooperatives Wesen zeigen, dessen Vorlieben sich ändern können.

Bürger erläutert, dass die Verhaltensökonomie ihre Erkenntnisse insbesondere aus der experimentellen Ökonomie bezieht, die u. a. Konstellationen der Spieltheorie (Ultimatum-Spiel, Gefangenen-Dilemma etc.) austestet. Angesprochen werden hier u. a. das Gerechtigkeitsempfinden, der Herdentrieb, die mangelnde Willenskraft (falsche Prioritätensetzung), die Verlustaversion, der Endowment-Effekt (Besitz-Effekt), der Framing-Effekt – Abhängigkeit der Entscheidung von der Art der Formulierung oder Präsentation des Sachverhalts, wie etwa bei der Geldillusion – und der Ankereffekt – Entscheidung aufgrund zufällig vorhandener aktueller Umgebungsinformationen, ohne dass einem der Einfluss dieser Faktoren bewusst ist. Zu den aufgedeckten menschlichen Schwächen gehören weiters das Überschätzen der eigenen Fähigkeiten, die Trägheit im Handeln, die Bevorzugung des Bekannten gegenüber dem Unbekannten (die Status quo-Erhaltung trotz Nutzenverlusts).

Wie Bürger darstellt, wirft die Neuroökonomie mithilfe verschiedenster moderner Technologien, wie z. B. EEG oder funktioneller Magnetresonanztomografie, einen Blick ins menschliche Gehirn, um zu verstehen, wie das im limbischen System angesiedelte emotionale System (Angst, Belohnung etc.), das im Hippocampus zentrierte Gedächtnissystem und das Entscheidungssystem im präfrontalen Cortex funktionieren und interagieren. So zeigt sich etwa, dass unsere Emotionssysteme von den drei sozialen Motivationsgründen Sicherheit – Erregung – Autonomie bzw. Balance – Stimulanz – Dominanz geprägt werden. Und physisch lassen sich z. B. die Spiegelneuronen festmachen, die unser kooperativ-soziales Verhalten bestimmen.

Die Erkenntnisse sowohl der Verhaltensökonomie als auch der Neuroökonomie versucht die Glücksökonomie zu nutzen, welche die staatliche Messung des Wohlstands zu unterstützen versucht. Richard Easterlin konnte hier als Erster zeigen, dass ein steigendes BIP pro Kopf die Zufriedenheit der Menschen nur bis zu einem gewissen Punkt zu steigern vermag, danach stagniert das empfundene Lebensglück der Leute. Bürger beschreibt hier die wesentlichsten Ansätze, die versuchen, die Wohlstandsmessung auf eine breitere Basis zu stellen und neben ökonomischen auch soziale und ökologische Aspekte miteinzubeziehen. Dazu zählen der Human Development-Index der UNO, der Weighted Index of Social Progress, der Happy Planet Index, der erste Glücksreport der UNO (World Happiness Report), der Better Life Index der OECD (siehe dazu auch Haring in soziales_kapital 8/2012), das Beyond GDP-Projekt der EU-Kommission, der vom ehemaligen französischen Präsidenten Sarkozy in Auftrag gegebene Stiglitz-Sen-Fitoussi-Report, die britische action for happiness-Bewegung und Bhutans Bruttonationalglück. Bürger sieht auch einen politischen Anreiz, auf neue Messmethoden des Wohlstands umzusteigen, wenn diese in wirtschaftlich schwierigen Zeiten einen plötzlichen Anstieg des Wohlstands ergeben würden. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass einige dieser Ansätze bereits vor der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise lanciert worden sind.

Dass ein Umdenken unbedingt notwendig ist, zeigen laut Bürger die erschreckenden Befunde betreffend unseren ökologischen Fußabdruck. Laut Living Planet Report 2012 verbrauchen wir, v. a. aufgrund der hohen CO2-Emmissionen, mittlerweile die Kapazitäten von eineinhalb Erden – wenn nichts geschieht, werden es 2030 zwei und 2050 bereits drei sein. Der Welterschöpfungs- bzw. -übernutzungstag (world overshoot day) fiel 2012 auf den 22. August, in Österreich bereits auf den 18. Mai! Es gilt wohl, was bereits Mahatma Gandhi wusste: Earth provides enough to satisfy every man's need, but not every man's greed.

Anschließend geht Bürger auf die Möglichkeiten der Glücksmessung ein, um jene Faktoren zu identifizieren, die Menschen glücklich machen. Einer 2011 durchgeführten Studie zufolge sind dies in Österreich v. a. die Gesundheit, ein Leben in Frieden, ein sicheres Einkommen, keine Sorgen zu haben, gute Freunde und eine Familie zu haben sowie glücklich zu sein.

Wie Bürger ausführt, gibt es dem Schweizer Ökonomen Matthias Binswanger zufolge allerdings Hamsterräder, in denen wir uns befinden und die uns von unserem Glück abhalten. Dazu zählt die Status-Tretmühle (der Vergleich mit anderen), die Anspruchs-Tretmühle (die Gewöhnung an bereits Erreichtes), die Multioptions-Tretmühle und die Zeitspar-Tretmühle. Entweder man überlistet sich hier mit verschiedenen Strategien selbst oder der Staat übt einen sanften Paternalismus aus und schubst (nudge) die Menschen so zu den richtigen Entscheidungen. Ein Beispiel wäre hier etwa das opting out-Modell für Organspenden oder private Pensionsvorsorgen.

Bürger widmet sich in weiterer Folge noch dem (Miss-)verhältnis von Arbeit und Muße und typisiert hier verschiedene Mischformen. Der Abschnitt über die Geld-Vermehrer (ohne Arbeit) ist in der Darstellung leider zu kurz und vereinfachend geraten. Eine Anleihe z. B. an Stephan Schulmeisters „Geld als Mittel zum (Selbst-)Zweck“ im 2009 erschienenen Philosophicum Lech-Sammelband über „Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält?“ zu nehmen, hätte hier gut getan. Umso interessanter sind dann aber die Ausführungen zu den Ausgebrannten, insbesondere die Ergebnisse einer europäischen Studie und die Bedeutung von psychischen Anforderungen und der Kontrolle über die Arbeitsaufgaben im Job. Lebenskünstler versuchen, Hobbys oder Talente zum Beruf zu machen, etwas, was übrigens bereits die evangelischen Reformatoren einforderten. Bürger zieht seinen Schluss: „Jedenfalls bräuchte es gerade heute, angesichts immer schneller wiederkehrender Wirtschaftskrisen, besonders gescheite Köpfe innerhalb und außerhalb der Politik. Aber werden das nicht möglicherweise immer mehr jene sein, die sich aus der Arbeitswelt zurückziehen, weil sie nicht mehr können und wollen? Die neuen Lebenskünstler? Rückzug statt Einzug – auch in die Politik? So schließt sich der Kreis. Die, die unsere Gesellschaft benötigt, verlassen sie. Die, die sie nicht braucht, bleiben und denken über Dinge nach, die sie nicht verstehen. Die, die gegangen sind, würden sie verstehen, aber niemand hört ihnen mehr zu.“ (S. 241)

Bürger stellt in seinem auch für Wirtschaftslaien gut lesbaren Buch die neueren ökonomischen Ansätze – Verhaltensökonomie, Neuroökonomie und Glücksökonomie – aufeinander aufbauend vor. Er plädiert weniger für eine Revolution, als vielmehr für eine Evolution der Wirtschaftswissen-schaften. Eine interdisziplinäre Wende sei notwendig, eine Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftsdisziplinen unerlässlich. Dem muss zugestimmt werden. Bereits Adam Smith beschrieb ja in seinem Buch Wealth of Nations auch die Funktionen, die der Staat zu übernehmen hat und in seinem Werk Theory of Moral Sentiments kooperatives Verhalten. In diesem Sinne wären im gut ausgestatteten Literaturverzeichnis auch Bücher wie das luzide Werk „Haben oder Sein“ von Erich Fromm, das nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, wünschenswert gewesen. Fragen sind sicherlich noch genug offen: Etwa, wie stark dem Menschen kooperatives Verhalten angeboren ist und inwiefern es erlernt werden kann (nature vs. Nurture). Fragen, die auch für die Sozialarbeit und die Sozialwirtschaft von hohem Interesse sein sollten.


Nikolai Haring / nikolai.haring@fh-campuwien.ac.at





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