soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 10 (2013) / Rubrik "Rezensionen lang" / Standort Vorarlberg
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/297/497.pdf


Forschen


Bortz, J. / Döring, N. (42006): Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer.


897 Seiten / 49,95 EUR

Bereits in den frühen achtziger Jahren gehörten die statistischen Lehrbücher von Jürgen Bortz zu gut sortierten Hand- und Semesterapparaten, woran sich bis heute nichts geändert hat. Immer noch darf das hier besprochene Desiderat generell als klassisches und umfassendes Lehrbuch quantitativer Forschung für die Humanwissenschaften angesehen werden. Breite und zugleich tiefe Abhandlungen des Nutzens und Aufbaus empirischer Forschung, spezieller Aspekte der Evaluationsforschung, der quantitativen und qualitativen Erhebungsmethoden sowie – das dürfte für viele einen Hauptnutzen darstellen – der Hintergründe, Anwendungsbereiche und Umsetzung statistischer Testverfahren sind für Studierende sowieso bedeutsam, können aber auch ausgewiesenen EmpirikerInnen weiterführende Wissensbereiche eröffnen.

Das in den neunziger Jahren überarbeitete Werk „Forschungsmethoden und Evaluation ...“ bestach ab der zweiten Auflage durch seine – im Vergleich zum Vorläufer – lese- und lernfreundlichere Aufmachung in Stil und Layout und liegt nun seit 2006 in der vierten überarbeiteten Auflage vor. Was darin gegenüber der dritten Auflage neu ausgearbeitet wurde, hat die Co-Autorin im Vorwort pointiert zusammengefasst: eine aktuelle Alternative zum „traditionellen“ Signifikanztest, Richtlinien für die Veröffentlichung inferenzstatistischer Ergebnisse, Angaben zur Teststärke meta-analytischer Verfahren und Bezug zu aktualisierten Quellen.

Das Buch verweist des Weiteren auf eine Webseite des Springer-Verlags, die kostenlose Lernkarten, Quizfragen, Glossare, Zusatztexte, Weblinks, Dozentenmaterialien u. a. bereithält (http://www.lehrbuch-psychologie.de/). Zu über einem Dutzend Methodenbüchern des Verlags öffnen sich Unterseiten mit weiterführenden Materialien. So bietet zum Beispiel die Linkseite von „... Forschungsmethoden und Evaluation ...“ breites Zusatzmaterial für qualitative und quantitative Empirie: kostenfreie sowie käuflich zu erwerbende Software zur statistischen Analyse und zur Literaturverwaltung, Fachinformationsportale und Fachgesellschaften, etliche bibliographische Seiten, E-Learning-Angebote zur Statistik u. v. a. m. Kaum eine methodische Frage scheint mit Hilfe dieser Links nicht zu beantworten sein (was allerdings zu beweisen wäre). Schade nur, dass der Reiter „Werkzeuge“ in die Sackgasse führt – angeblich existiert die Folgeseite nicht mehr oder wurde an eine andere Stelle verschoben. Hier wären laut obigem Buch statistische Online-Werkzeuge zu erwarten gewesen, mit denen spezifische Beispiele hätten nachgerechnet werden können.


Mey, G. / Mruck, K. (Hg.) (2010): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.


858 Seiten / 64,99 EUR

Quasi als Komplement zum oben skizzierten Werk beschreibt das Handbuch erstmals in epischer Breite (was positiv gemeint ist), welche Bedeutung die qualitative Forschung in der Psychologie inzwischen erlangt hat. In probater Handbuch-Form und 59 Teilbeiträgen wird das Sujet umrissen. Hauptkapitel beziehen sich auf theoretische und methodologische Grundlagen, methodische Ziele und Designs, Erhebungs- und Auswertungsmethoden sowie Beispielfelder, in denen qualitative psychologische Forschung angewandt wird. Dabei gelingt es der kompetenten Autorenschaft, die aus anderen Überblickswerken bekannten Grundlagenthemen konsequent auf das einschlägige Fachgebiet zu übertragen und mit Umsetzungsbeispielen zu versehen. Es verwundert nicht, im Handbuch „alte Bekannte“ der qualitativen Forschung anzutreffen, wie etwa Ernst von Kardorff, Uwe Flick, Philipp Mayring oder Andreas Witzel – um nur vier Beispiele willkürlich herauszugreifen, ohne den anderen international ausgewiesenen Autorinnen und Autoren damit zu nahe zu treten, denn ein Blick auf deren Liste belegt die im Handbuch vertretene, überaus hohe Fachkompetenz. Obzwar das Werk auf die Psychologie ausgerichtet ist, dürfte es verwandte Disziplinen ebenfalls ansprechen. Die historischen Bezüge der qualitativen Forschung, wie auch die forschungspraktischen Umsetzungen sind allgemein lehrreich und beispielhaft zugleich. Sei es der Diskurs um ethische Fragen, die Rolle der Forschenden, der partizipative Ansatz, Aspekte der Fallauswahl oder Pro- und Kontra-Positionen bezüglich spezifischer Erhebungsverfahren – stets lassen sich Argumente auf qualitatives Forschen generell übertragen. Und ein kleiner Blick auf die besondere Statusfrage der qualitativen Forschung in der empirischen Psychologie öffnet uns die Augen dafür, dass der Positivismusstreit nun endlich auch in dieser Disziplin überwunden scheint. Motivierende Nachfrage: Wann verfassen endlich renommierte Vertreterinnen und Vertreter der qualitativen wie quantitativen Empirie gemeinsam ein sozialwissenschaftliches „Handbuch Triangulation“?


Holling, H. / Gediga, G. (2013): Statistik – Wahrscheinlichkeitstheorie und Schätzverfahren. Göttingen u. a.: Hogrefe.


325 Seiten / 29,95 EUR

Dieses Buch löst seinen Anspruch im Titel ein, das heißt, es führt breit in die mathematischen Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie ein. Damit ist zugleich ein wesentliches Merkmal des Buchs beschrieben, denn bereits in den ersten drei Kapiteln über Prinzipien der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Zufallsvariablen und Verteilungen wird die Leserschaft ohne Affinität zur mathematischen Formelsprache rasch an Verarbeitungsgrenzen stoßen. Der Duktus setzt sich folgerichtig in den weiteren Kapiteln über Stichprobenverteilungen, Punktschätzungen von Parametern und Intervallschätzungen fort. Der Band stellt den zweiten Teil eines dreibändigen Lehrbuchs zur Statistik dar, dem ein Buch über deskriptive Statistik vor- und eines über Testverfahren nachgeschaltet ist. Vermutlich wird aus Sicht vieler Bachelor-Studierender der Psychologie (an die sich das Werk richtet) der im Vorwort des zweiten Bands formulierte Anspruch „... die Statistik umfassend und verständlich darzustellen“ zu fünfzig Prozent erfüllt – was auf den Umfang gemünzt ist. Bachelor-Studierenden der Mathematik darf unterstellt werden, sich bei der inhaltlichen Verarbeitung weniger abzumühen.

Frederic Fredersdorf / frederic.fredersdorf@fhv.at





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