soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 10 (2013) / Rubrik "Sozialarbeitswissenschaft" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/302/507.pdf


Yann Arhant, Marc Diebäcker & Roswitha Harner:

Wohnungslos und Vater-Sein


Ein Überblick internationaler Forschungsarbeiten zu Problemlagen und Angeboten.


1. Wohnungslos und Vater-Sein: ein marginalisiertes Thema in Forschungs- und Interventionspraxis Sozialer Arbeit
Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit bedeutet eine Lebenssituation mit vielfältigen Problemlagen. Über keine (gesicherte) Wohnmöglichkeit zu verfügen, stellt den zentralen Moment für die Zuständigkeit der Obdach- bzw. Wohnungslosenhilfe dar. In welchem Ausmaß Probleme abseits des Wohnens wahrgenommen bzw. bearbeitet werden, variiert je nach Rahmenbedingungen und fachlichen Zugängen, wobei in der Regel rechtliche und materielle Aspekte vorrangig und psychosoziale Themen eher nachrangig bearbeitet werden. Elternschaft und Eltern-Sein erfahren innerhalb der Wohnungslosenhilfe grundsätzlich wenig Aufmerksamkeit, auch wenn sich z. B. in Wien die Debatte zum Thema Mutter-Sein intensivierte und sich auch spezielle Angebote und Einrichtungen für Frauen etablierten. (vgl. Riesenfelder/Schelepa/Wetzel 2012: 17) Elternschaft bei Männern wird dagegen, obwohl sie hinsichtlich des Geschlechts die Angebote der Wohnungslosenhilfe dominieren, nach wie vor peripher behandelt – Männer werden in Programmen und Praxis kaum in ihrem Vater-Sein wahrgenommen und diesbezüglich adressiert. (vgl. Harner et al. 2013: 1; Harner 2012: 21)

Im internationalen Fachdiskurs wird dem Zusammenhang von Vater-Sein in Situationen der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit ebenfalls nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dieser Artikel soll einen Überblick über Forschungsarbeiten im deutsch- und englischsprachigen Raum geben und Erkenntnisse zu Problemlagen und Angeboten in diesem Feld skizzieren. Wiewohl Erkenntnisse aus anderen Regionen nicht direkt auf Österreich umgelegt werden können, da die ökonomischen Bedingungen, die Ausgestaltung des (Wohlfahrts-)Staates, öffentliche und fachliche Diskurse oder unterschiedliche Definitionen von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit eine Vergleichbarkeit erschweren, glauben wir hier Anregungen zu einer intensiveren politischen und fachlichen Auseinandersetzung geben zu können.

Im Rahmen der Recherche wurde in den Sprachen Deutsch und Englisch nach Publikationen gesucht und zehn Artikel bzw. Studien aus Deutschland, Australien und den USA gefunden, die sich explizit sowohl mit dem Thema Vater-Sein als auch dem Thema Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit befassen. Dabei handelt es sich meist um kürzere Beiträge, selten um umfangreichere Dokumente (etwa Barker et al. 2011; Fichtner 2005a). Bei einem Großteil der Veröffentlichungen wurden Forschungsergebnisse präsentiert, wobei in den meisten Fällen ein qualitatives Forschungsdesign mit einem sehr kleinen Sample (5-12 Personen) gewählt wurde (vgl. etwa Bui/Graham 20061; McArthur et al. 2004; Schindler/Coley 20072). Eine umfassende Studie von Barker et al. (2011) stellt die einzige Veröffentlichung auf Basis einer qualitativen (40 Interviews) sowie quantitativen Erhebung3 dar. Die Studie von Jörg Fichtner (2005a) weist mit 33 Interviewten ebenfalls ein größeres Sample auf, wobei diese sich überwiegend mit Männlichkeit und Wohnungslosigkeit beschäftigt; Vater-Sein wird dort nur in einem Unterkapitel behandelt bzw. in zwei weiteren kürzeren Einzelpublikationen (vgl. Fichtner 2005b, 2005c) diskutiert. Einige Texte beschäftigen sich mit der Literaturlage bzw. Theoriedebatte zum Thema (etwa Pattnaik/Medeiros 2013) oder beschreiben bzw. evaluieren bestehende Programme (vgl. etwa Bui/Graham 20064; Ferguson/Morley 20115; McArthur et al. 20046; McArthur et al. 2006). Ein Großteil der Autor_innen, welche sich mit dem Thema Vaterschaft in einer Lebensphase von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit auseinandersetzen sind interessanterweise Frauen. Auffallend ist ebenso, dass es sich um relativ junge Publikationen handelt, die während der letzten 10 bis 15 Jahre veröffentlicht wurden. Bei der Analyse der Dokumente waren für uns folgende Leitfragen strukturierend: Mit welchen Problemen und Problemlagen sind Väter in einer Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit konfrontiert? Welche geschlechtsspezifischen Besonderheiten charakterisieren die Situationen der Betroffenen? Welche Angebote in Bezug auf Vater-Sein und Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit werden diskutiert? Welche Bedingungen, Leistungen und Interventionen werden im Kontext von Väterlichkeit, Vater-Sein und Wohnungslosigkeit als förderlich oder hinderlich beschrieben?

International wird davon ausgegangen, dass etwa ein Drittel der obdachlosen Männer leibliche Kinder haben, aber nur ein Bruchteil mit diesen gemeinsam wohnt (für Deutschland vgl. Fichtner 2005b: 389; für die USA vgl. Ferguson/Morley 2011: 20). Obwohl betont wird, dass obdach- bzw. wohnungslose Kinder meist von Frauen oder Paaren betreut werden, wird von einer Zunahme alleinerziehender Väter ausgegangen (für Australien vgl. Pattnaik/Madeiros 2013: 127-129; Barker et al. 2011: 13-14; McArthur et al. 2006: 289-290; Bui/Graham 2006: 11-14; für die USA vgl. Schindler/Coley 2007: 40). Diese Entwicklung wird einerseits auf einen generellen Anstieg von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit und andererseits auf eine angewachsene diskursive Aufmerksamkeit auf Männlichkeit und Elternschaft zurückgeführt.


2. Männlichkeiten und Vater-Sein
Die individuellen Situationen und Beziehungskonstellationen von Vätern in Phasen der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit sind nur schwer generalisierbar. Ebenso wie Väter und Mütter, die wohnversorgt sind, können Männer mit ihren oder ohne ihre Kinder leben, biologische oder soziale Väter sein, alleine erziehen oder die elterliche Fürsorge teilen. (vgl. Pattnaik/Medeiros 2013: 128) Aufgrund der analysierten Literatur erscheint es sinnvoll in der Darstellung zwischen „Vätern, die mit ihren Kindern gemeinsam leben“ und „Vätern, die von ihren Kindern getrennt leben“ zu unterscheiden. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass Väter in einer Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit – unabhängig davon, ob sie mit ihren Kindern wohnen oder nicht – mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Aus einer Geschlechterperspektive sind sie herausgefordert gesellschaftlich-hegemonialen Bildern von Männlichkeit bzw. Väterlichkeit, an denen sich häufig ihre eigenen Vorstellungen ausrichten, zu entsprechen.

Ebenso wie Männlichkeit und Mann-Sein kann auch Väterlichkeit und Vater-Sein, nicht als statisch oder komplementär zu Weiblichkeit und Mutter-Sein gedacht werden. Vielmehr muss von verschiedenen Männlichkeiten und Praxen von Vater-Sein ausgegangen werden, die in einem Verhältnis zueinander stehen. Nach Reaewyn Connell (2000: 98; Connell/Messerschmidt 2005) sind Beziehungen zwischen verschiedenen Männlichkeiten durch Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung strukturiert. Ausgehend von diesem theoretisch dekonstruierenden Zugang kann Vater-Sein also nur verschränkt mit der jeweiligen Perzeption von Männlichkeit gelebt werden. Mit dieser Perspektive verflüssigen sich statische Rollenbilder und -zuschreibungen und lenken so den Blick auf unterschiedliche Vorstellungen und gelebte Formen des Mann- bzw. Vater-Seins. In der empirischen Analyse und Interpretation können die subjektiven Konstruktionen, Praktiken und Identitäten im Kontext gesellschaftlich weit verbreiteter Vorstellungen von Männlichkeit und Väterlichkeit reflektiert werden, ohne schnelle Eindeutigkeiten zu produzieren. Dabei gilt es das Spannungsfeld zwischen subjektiver Vielfalt und Differenz sowie hegemonialen Formen und strukturierenden Geschlechterordnungen auszuhalten. (vgl. Harner et al. 2013: 2-5)

Hegemonialen Männlichkeits- und Vaterbildern zu entsprechen, wird durch die Situation von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit zusätzlich erschwert. Viele der hier analysierten Forschungsarbeiten setzen sich mit den psychischen Belastungen – dem sogenannten Gender Role Strain7 – auseinander. Dabei wird zunächst davon ausgegangen, dass Männer sich an allgemeinen Kriterien der Männlichkeit orientieren, z. B. dass sie für die Ernährung und das materielle Wohl der Familie zu sorgen hätten sowie ihre Probleme selbstständig regeln müssten. In der Situation von Armut und Wohnungslosigkeit bedeutet dies eine große Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und Lebensrealität, was häufig Stress und Verzweiflung bewirken kann. Zugleich können die Männer beispielsweise ihre bedeutende familiäre bzw. väterliche Ernährerfunktion – Arbeiten zu gehen, Einkommen zu generieren und „starkes“ Vorbild zu sein – nicht erfüllen, was zu Schamgefühlen sowie Verdrängungs- und Abspaltungseffekten führen kann und so die Beziehung zu ihren Kindern negativ beeinflusst. Werden dominierende Männlichkeits- oder Vaterbilder nicht als statisch, sondern als prozesshaft verstanden, dann können z. B. mit der elterlichen Fürsorgefunktion auch neue Perspektiven einer anderen Männlich- bzw. Väterlichkeit in den Vordergrund rücken. (vgl. z. B. Schindler/Coley 2007: 41; siehe auch Liu et al. 2009)


3. Problemlagen von Vätern in der Situation von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit
Die Ursachen für Wohnungslosigkeit von Vätern unterscheiden sich grundsätzlich wenig von jenen wohnungsloser Männer. Sie können prinzipiell in strukturelle und psychosoziale Problemlagen differenziert werden, die meist komplex miteinander verwoben sind. Häufig genannte strukturelle Faktoren sind wirtschaftliche Krisenerscheinungen, prekäre Arbeitsbedingungen, der Verlust von Arbeitsstelle und Einkommen oder die Verteuerung des Wohnungsmarktes, der Anstieg des Mietniveaus und der damit verbundene Mangel an leistbarem Wohnraum. Als psychosoziale Ursachen werden u. a. psychische Erkrankungen, diverses Suchtverhalten, Haftentlassung, familiäre Gewalt und (Miet-)Schulden genannt. Aber auch Trennungen und der damit einhergehende Auszug bzw. Verlust der gemeinsamen Wohnung stellt ebenso einen Grund dar, wobei Morag McArtur (2006: 296) und andere hier noch auf einen spezifischen Verlauf in die Wohnungslosigkeit verweisen: Die ursprünglich von ihren Kindern getrennt und auf beengtem Raum lebenden Väter, werden plötzlich mit akutem Wohnbedarf ihrer Kinder (z. B. durch Erkrankung, Haft, Wohnungslosigkeit der Mutter bzw. Betreuungsperson oder familiäre Konflikte) konfrontiert, was zu plötzlichen Sorgeanforderungen und zu einer Gefährdung Wohnressourcen führt. (vgl. Barker et al. 2011: 27-33; Fichtner 2005a: 22-25; McArthur et al. 2004: 23-29, 2006: 290-291)

Studienautor_innen betonen, dass den Vätern, denen aufgrund von häuslicher Gewalt, Suchtmittelmissbrauch oder Strafrechtsdelikten der Kontakt zu ihren Kindern rechtskräftig untersagt wurde, häufig nicht auf Unterstützungen zurückgreifen können, um an ihren Verlusten und Problemen arbeiten und langfristige Perspektiven entwickeln zu können. Argumentiert wird, dass gerade eine Beziehungsperspektive zu den eigenen Kindern auch als Motivation für Veränderungen des problembehafteten Verhaltens dienen könne. (vgl. Barker et al. 2011: 36-38, 72; Bui/Graham 2006: 44-45; Fichtner 2005c: 390)

Die Aufrechterhaltung von Kontakt zwischen Vätern und Kindern stellt in der Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit ein zentrales Problemfeld dar. Die Studie von Jörg Fichtner (2005a: 87-90; 2005b: 388-389) betont, dass Väter grundsätzlich motiviert seien und nur in Ausnahmefällen kein Kontakt zu den Kindern angestrebt werde. Bei einigen Befragten, die in der Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit keinen Kontakt hatten, bestand der Wunsch diesen wieder aufzunehmen; allerdings erst nach dem Überwinden dieser Situation. Bei den Vätern mit aufrechtem Kontakt zu den Kindern wird dieser meist als erschwert dargestellt oder muss zumindest als problematisch gedeutet werden. Selbst bei den als unproblematisch beschriebenen Beziehungen stellte sich heraus, dass die eigene Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit verheimlicht werden sollte. Die Möglichkeit finanzielle Unterstützung zu leisten, führt anscheinend dazu, dass Väter häufiger im Leben ihrer Kinder präsent sind, als Väter, die dies nicht können. (vgl. Perloff/Buckner 1999: 567) Sind Männer nicht in der Lage diese Funktion zu erfüllen, kann dies bedeuten, dass sie sich als Väter zurückziehen, so nicht ein anderes Verständnis von Vater-Sein entwickelt werden kann. (vgl. Ferguson/Morley 2011: 209; Schindler/Coley 2007: 41) Grundsätzlich wird für Väter, die nicht mit ihren Kindern zusammenleben, davon ausgegangen, dass ein möglichst gutes Verhältnis zur Mutter (oder anderen Betreuungspersonen) eine wesentliche Bedingung darstellen, um den Kontakt zu den eigenen Kindern aufrechtzuerhalten oder zu intensivieren, zumal die Bereitschaft, Akzeptanz und das Ermöglichen des Kontakts zwischen Vätern und Kindern oft von der Hauptbezugsperson mitbeeinflusst wird. (vgl. Fichtner 2005a: 75, 2005c: 119; Barker et al. 2011: 40-47).

In einigen Beiträgen wird das bei Männern allgemein problematische Hilfesuchverhalten angesprochen. Hier werden etwa das Gefühl, das eigene Versagen selbst verantworten zu müssen, die soziale Isolation durch die Trennung von Familie, die Scham um Hilfe zu fragen, die mangelnde Kenntnis bezüglich Unterstützungsmöglichkeiten oder die fehlende Einsicht Hilfe zu benötigen angeführt. Die Verantwortung für die eigene Lebenssituation werde von Männern oft bei sich selbst gesucht und somit auch deren Lösung. Verstärkt werde dies durch ein generelles Misstrauen gegen Einrichtungen und falsche Erwartungen an Hilfeleistungen. (vgl. Bui/Graham 2006: 18, 40; McArthur et al. 2006: 298; Barker et al. 2011 68-69; Fichtner 2005a: 158) Untersuchungen weisen darauf hin, dass Väter, die mit ihren Kindern leben, das Gefühl hätten, dass ihnen eine negative Einstellung entgegengebracht werde (vgl. Barker et al. 2011: 55; McArthur et al. 2006: 293) und ihre Bedürfnisse nicht ernst genommen würden:

„Fathers indicted that services also need to be sensitive to fathers' issues and needs as they often felt stigmatized when contacting services for help. They felt that there are already assumptions formed by workers that fathers always leave the family or caused the relationship to break-up. (…) Fathers expressed the need for workers to acknowledge that fathers are just as affectionate and caring to their children as mothers. They pointed out that lack of acknowledgement and sensitivity ultimately disempowered them and creates further distrust in services.“ (Bui/Graham 2006: 37-38)

Im Weiteren wird ausgeführt, dass obdach- bzw. wohnungslose Väter ebenso das Gefühl hätten von Mitarbeiter_innen sozialer Organisationen bzw. staatlicher Stellen als „verzichtbarer Teil der Eltern“ angesehen zu werden, während Müttern ein positiverer Einfluss auf Kinder zugesprochen werde. (vgl. Bui/Graham 2006: 33; Barker et al. 2011: 55) Auch die vom Betreuungspersonal zugeschriebene Funktion des „Brotverdieners“ wird als beschränkend erlebt, womit die positive Involvierung des Vaters auf monetäre Leistungen reduziert und die Mutter als primäre Betreuungsperson gelten würde. (vgl. Doherty et al. 1998: 287; Fichtner 2005a: 75; 2005b: 387-388, 2005c: 118-119)

Ein weiterer Schwerpunkt der präsentierten Studien sind diskriminierende Praktiken durch staatliche Akteur_innen. Australische Studien zeigen, dass obdach- bzw. wohnungslose Väter einen erhöhten Druck der Glaubhaftmachung über eine bestehende Obsorge wahrnehmen. Damit verbunden ist ein erhöhter Aufwand zu beweisen, dass Kinder beim Vater leben, um finanzielle Zuschüsse oder steuerliche Erleichterungen zu erhalten. (vgl. Bui/Graham 2006: 18; Barker et al. 2011: 55) Es wird diesbezüglich davon ausgegangen, dass die Bedürfnisse alleinsorgender Väter und ihrer Kinder seltener erfüllt werden als bei Frauen oder anderen familiären bzw. partnerschaftlichen Konstellationen. Dies beträfe sowohl Unterbringungsmöglichkeiten, was auf fehlende Angebote zurückgeführt werden kann, als auch andere Beratungs- und Versorgungsleistungen in der Alltags- und Freizeitgestaltung. (vgl. Schindler/Coley 2007: 41; Bui/Graham 2006: 15-16) Interviews mit Mitarbeiter_innen sozialer Einrichtungen deuten darauf hin, dass Väter trotz Anspruchsberechtigung bei der Gewährung materieller Leistungen (z. B. finanzielle Zuschüsse oder steuerliche Erleichterungen) benachteiligt seien. (vgl. Bui/Graham 2006: 34)

Die Erfahrung des Eltern-Seins unter den Bedingungen von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit stellt für Männer wie auch für Frauen eine besondere Belastung dar. Der Verlust elterlicher Autonomie bezüglich Erziehungspraxis geht häufig mit einem defizitären Blick seitens des Hilfesystems auf diese einher. (vgl. Pattnaik/Medeiros 2013: 137) Begleitet wird dies von Schuldgefühlen und Scham der Betroffenen, nicht selbst für die eigenen Kinder sorgen zu können. (vgl. Paquette/Bassuk 2009: 292) Das strenge Regelsystem in den Unterkünften wird häufig als Beschränkung der Autonomie und teilweise als Eingriff in die elterliche Erziehung wahrgenommen. Problematisiert wird auch das Fehlen von Hilfen und Unterstützung, welche die Fürsorgetätigkeiten („parenting“) von Kindern betrifft, zumal diese Angebote – wenn auch unbeabsichtigt – meist an Mütter adressiert seien.8 (vgl. Barker et al. 2011: 17, 67; Bui/Graham 2006: 17; Schindler/Coley 2007: 45; Pattnaik/Medeiros 2013: 134 oder auch Gorzka 1999: 14-15)

Die Wechselwirkungen zwischen Scham- und Versagensgefühlen, eigenem Stigma, schwierigem Hilfesuchverhalten, diskriminierenden Praktiken und mangelnder und inadäquater sozialstaatlicher Versorgung scheinen sich gegenseitig zu verstärken, sodass der tatsächliche Bedarf nur schwer ermittelbar ist und laut Justin Barker et al. (2011: 73-74), Bedürfnisse von Vätern und ihren Kindern unsichtbar und unbeantwortet bleiben. Dies betrifft auch Väter, die nicht mit ihren Kindern zusammenleben, da sie in ihren Elternfunktionen und -beziehungen noch weniger erkennbar sind. (vgl. Barker et al. 2011: 14-15)


4. Angebote und Fachliches Arbeiten mit Vätern in der Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit
Spezifische Programme und soziale Angebote für von Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit betroffene Väter sind selten und sozialwissenschaftliche Begleitforschungen und Publikationen noch seltener. Im Folgenden stellen wir soziale Maßnahmen und Interventionen anhand einzelner Fallstudien dar und differenzieren dabei zwischen Angeboten für Väter, die mit ihren Kindern leben, und Angeboten für Väter, die ohne ihre Kinder leben, um den unterschiedlichen Situationen der Adressat_innen und Besonderheiten der jeweiligen Angebote darstellen zu können.


4.1 Angebote für Väter, die mit ihren Kinder leben
Im Zusammenhang mit Angeboten für Väter, die mit ihren Kindern gemeinsam leben, ist insbesondere auf die Studie von Holly S. Schindler und Rebekah L. Coley (2007) zu verweisen. Sie interviewten neun Väter, die mit mindestens einem Kind in auf Familien spezialisierten Wohnungsloseneinrichtungen im urbanen Nordosten der USA unterkamen. Alle Männer waren zu diesem Zeitpunkt arbeitslos, der Großteil von ihnen war zum ersten Mal wohnungslos; vier Männer waren alleinerziehend, während die anderen fünf Männer mit einer Partnerin (davon vier mit der biologischen Mutter der Kinder) in der Einrichtung wohnten.

Schindler und Coley (2007: 44, 46-47) argumentieren, dass die Phase der Wohnungslosigkeit für die betroffenen Männer eine zentrale Veränderungsphase darstelle, um ihre Bilder von Männlichkeit und Vater-Sein zu reflektieren und weiterzuentwickeln, zumal die gesellschaftlich hegemoniale Vorstellung von Vätern als Brotverdiener nicht (mehr) erfüllbar sei und demnach ins Wanken gerät. Während die Argumentationskette – hart zu arbeiten, um den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen – identitär unter Druck gerät, kann in der intensiven Wahrnehmung der emotionalen und sozialen Sorgetätigkeit für ihre Kinder ein alternatives und positiv konnotiertes Vaterschaftsbild entstehen. Die neuen Sorgetätigkeiten und das Intensivieren des Beziehungsverhältnisses zwischen Vätern und Kindern in der Krisensituation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit sind für die Väter einerseits befriedigend. Sie stellen andererseits aber häufig aufgrund der neuen Ansprüche und Anforderungen der Kinder auch eine Belastungssituation dar. Bezug nehmend auf eine australische Untersuchung (vgl. McArthur et al. 2006: 296, 298) spitzt sich diese Herausforderung zu, wenn die Väter erst seit kurzem mit ihren Kindern zusammenwohnen. Das Ausbalancieren von Brotverdiener- und der (neuen) Fürsorgefunktion ist sowohl während der institutionellen Unterbringung als auch in einer stabilisierten Lebenssituation insofern eine Herausforderung, als die Männer zwischen diesen beiden identitären Polen teilweise extrem schwanken. (vgl. Schindler/Coley 2007: 49)

Die Autorinnen (Schindler/Coley 2007: 44-45) schildern zudem, dass das strikt regulierte Leben in der Unterbringungseinrichtung – sowohl von Frauen als auch von Männern – als freiheitseinschränkend und disziplinierend wahrgenommen werde. Laut Aussagen des betreuenden Fachpersonals sei die Akzeptanz von Hausregeln für Männer tendenziell schwieriger als für Frauen. Bezug nehmend auf die räumlich begrenzten Ressourcen der Wohnungsloseneinrichtungen, wie z. B. enger Wohnraum, fehlende Spielflächen für Kinder oder Gemeinschaftsbäder, werden die schlechten infrastrukturellen Bedingungen als stark einschränkend für die Stabilisierung des Familienlebens angeführt. McArthur et al. (2006: 296, 299) weisen außerdem daraufhin, dass Wohnungsloseneinrichtungen grundsätzlich als inadäquates Umfeld für Kinder betrachtet werden und Unterstützungsleistungen häufig an eine Vollzeitsorgetätigkeit Alleinerziehender ausgerichtet sind, womit ihre Arbeitskontexte häufig negiert werden. Aufgrund des institutionellen Settings wird die Kontrolle des Sozialverhaltens und der erzieherischen Praxis der Väter durch fachliche Mitarbeiter_innen von den Adressat_innen häufig als hinderlich für das Eltern-Sein wahrgenommen, ähnlich wie dies Studien auch für Mütter skizzieren. (vgl. Choi/Snyder 1999: 63-70) In ihrer erzieherischen Rolle fühlen sich Väter häufig durch das Fachpersonal nicht respektiert und sogar abgewertet, was sie teilweise als geschlechtsdiskriminierende Praxis deuten, auch weil sie den Vätervorstellungen des Personals nicht entsprächen. (vgl. Schindler/Coley 2007: 45) Dies deutet einerseits auf individuelle Verunsicherungen und destabilisierte Vaterbilder bei den Adressat_innen hin, dominante Normalitätsvorstellungen von Männlichkeit oder Vater-Sein nicht erfüllen zu können, andererseits weist dies auch auf mögliche stigmatisierende Effekte durch hegemoniale Geschlechternormen des Fachpersonals hin.

Bezug nehmend auf zu verbessernde Angebotsleistungen wünschen sich erziehende Väter – neben besseren infrastrukturellen Möglichkeiten und flexibleren institutionellen Regeln – mehr emotionale, soziale und materielle Unterstützung. Da die spezifisch auf Frauen abgestimmten Angebotsleistungen der Familienwohnhäuser von erziehenden Männern teilweise als unpassend empfunden werden oder sie aufgrund ihrer geringen Zahl in den Einrichtungen kaum Beziehungen zu anderen Vätern aufbauen können, scheinen spezifische, eventuell gruppenbezogene Angebotsleistungen empfehlenswert. (vgl. Schindler/Coley 2007: 47, 49-50) Schindler und Coley (2007: 48) orten aufgrund der teilweise neuen und intensivierten Sorgetätigkeiten der Väter auch einen Bedarf an Information und Reflexionsmöglichkeiten, ihre Erfahrungen auszutauschen und weiter zu entwickeln. Weiter scheint eine intensive fachliche Begleitung zur Verbesserung der materiellen Situation der Väter und ihrer Familien bedeutend, um einerseits deren dringenden Bedarf nach Einkommen, Arbeit und privatem Wohnraum zu unterstützen, andererseits aber auch um den teilweise intensiven Drang der Männer nach kurzfristigen Einkommensmöglichkeiten, der u. a. ihrem ernährenden Vaterverständnis entspricht, behutsam und perspektivisch zu begleiten. (vgl. Schindler/Coley 2007: 48)


4.2 Angebote für Väter, die nicht mit ihren Kindern leben
Bezüglich Angebote speziell für Väter, die nicht mit ihren Kindern leben, ist ein Programm einer US-amerikanischen NPO „Project for Pride in Living“ zu erwähnen. Mit ihrem „Non-Custodial Parents Housing Program“ wurde im Jahr 2005 ein spezifisches, privatfinanziertes Angebot für junge, alleinstehende und wohnungslose Väter entwickelt, um den Zusammenhang und negative Effekte von männlicher Armut und Elternschaft zu bearbeiten. Ausgehend von der These, dass die Beziehungen zwischen Kindern und nicht sorgeberechtigten Vätern in der Regel schwächer ausgebildet sind, die Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit deren Kontakt weiter reduziert und die Beziehungen destabilisiert, zielte das Projekt darauf, die Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit der Männer zu beseitigen, ihre psychosoziale Bereitschaft und Kompetenz des Eltern-Seins zu fördern und Zeit sowie Qualität des Kontaktes zwischen Vätern und Kindern zu erhöhen. Berücksichtigend, dass viele Adressaten über eine von Delinquenz und Mietschulden belastete Vergangenheit verfügten, kombinierte das Projekt die Stabilisierung der Wohnsituation mit spezifischen psychosozialen und sozialpädagogischen Leistungen. (vgl. Ferguson/Morley 2011: 211-213) Das voraussetzungsvolle Programm richtete sich an junge, alleinlebende Väter im Alter von 18-25 Jahren mit mindestens einem Kind unter fünf Jahren. Sie mussten hoch motiviert und bereit sein, sich den diversen Anforderungen eines intensiven Zwei-Jahresprogramms zu verpflichten. Spätestens kurz nach dem Start der Maßnahme musste ihre Vaterschaft auch rechtlich anerkannt sein (vgl. Ferguson/Morley 2011: 215), wobei Männer anlassbezogen in diesem Prozess unterstützt wurden. Die Beziehungen zwischen Vätern, Kindern und Müttern wurden damit formalisiert, wodurch die Mütter die Möglichkeit hatten, Kindesunterhalt gegenüber den Vätern geltend zu machen, was von Sarah Ferguson und Patrick Morley (2011: 213) für die Väter als involvierend und motivierend beschrieben wird. Zudem wurde den Maßnahmenteilnehmern ein eigenes Apartment zur Verfügung gestellt, um die akute Wohnungsnot gleich zu Beginn des Programms zu reduzieren.

Bezug nehmend auf Forschungsergebnisse von Carl Mazza (2002), der das Kombinieren von Elternkompetenz-Programmen mit kontinuierlicher sozialarbeiterischer Begleitung als besonders effektiv und erfolgversprechend beurteilte, bestand das anforderungsreiche Programm aus fünf spezifischen Maßnahmen: Um die elterlichen Erziehungskompetenzen zu stärken, nahmen die Männer an einem Weiterbildungsprogramm teil, das Ihnen Besonderheiten der frühkindlichen Entwicklung, pädagogische Handlungskompetenzen und Selbstsicherheit vermitteln sowie ihr Interesse am Wahrnehmen einer Elternrolle wecken sollte. Zudem beteiligten sich die Väter an wöchentlichen Peer-Group-Sitzungen, die von früheren Programmteilnehmern angeleitet wurden, und in denen u. a. Elternschaft, ihre Beziehungen zu den Müttern ihrer Kinder, aber auch andere Schwierigkeiten des Alltagslebens besprochen wurden. Wöchentliche Coaching-Sitzungen mit dem Programmleiter bildeten ein weiteres begleitendes Element, um Herausforderungen von Armutssituation und Elternschaft bearbeiten zu können. Zudem nahmen die Teilnehmer an wöchentlichen, einzel- sowie gruppentherapeutischen Sitzungen teil, mit dem Ziel ihre psychische Gesundheit zu fördern. (vgl. Ferguson/Morley 2011: 214)

Sarah Ferguson und Patrick Morley (2011: 221-222, 217-218) kommen in ihren Evaluierungsergebnissen zu dem Schluss, dass Vater-Sein ins Zentrum der Identität rückte, neue Fähigkeiten und Selbstsicherheiten entwickelt wurden und so Motivation und Engagement der Männer, ihre Elternschaft wahrzunehmen und zu gestalten, gestiegen sei. Die Beziehungen zu den eigenen Kindern zu halten, zu intensivieren und zu verbessern werden von den Programmteilnehmern als zentrale Erfolge bewertet. Aber auch der Kontakt, die Kommunikation und die Beziehungen zu den Müttern der Kinder haben sich aus Sicht der Väter häufig verbessert, was Ferguson und Morley als wesentliche Voraussetzung für eine gelingende Vater-Kind-Beziehung einschätzen. Aus Sicht der Evaluator_innen ist die umfassende und vielfältige professionelle Unterstützung der Männer für den Erfolg des Projekts verantwortlich, wobei insbesondere das Arbeiten in Gruppensettings und das Etablieren tragfähiger Beziehungen unter den Vätern – das gemeinsame Reflektieren, gegenseitige Unterstützen und das Anerkennen ähnlicher Lebensrealitäten – als gewinnbringend eingeschätzt wurde.


5. Politische und fachliche Entwicklungsperspektiven
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass adäquate Angebote, spezielle Einrichtungen oder spezifische Leistungen, die sich am Bedarf von obdach- bzw. wohnungslosen Vätern ausrichten, selten sind. (vgl. Barker et al. 2011: 9; Bui/Graham 2006: 11; Schindler/Coley 2007: 47, 50) Männer in ihren identitären und psychischen Krisen ihres Vater-Seins fachlich zu begleiten und bei der oftmaligen Neuformierung von Väterlichkeit zu unterstützen sehen viele der Autor_innen als besondere Anforderung und professionelle Aufgabe des Fachpersonals in der Wohnungslosenhilfe. In den von uns ausgewerteten Forschungsarbeiten argumentieren die Autor_innen für väterspezifische Unterstützungsmaßnahmen, gerade in der Situation der Obdach- bzw. Wohnungslosigkeit, um Krisen von Männern mit Blick auf Elternschaft und im Kontext ihrer Beziehungsnetze produktiv bearbeiten zu können. Diesbezüglich werden politische und fachliche Handlungsempfehlungen vorgeschlagen, die hier zusammengefasst werden sollen.

Das unmittelbare Zur-Verfügung-Stellen von leistbarem und angemessenem Wohnraum (meist bezogen auf den sozialen Wohnungsbau bzw. Ressourcen der Wohnungslosenhilfe), die den speziellen Bedürfnissen von Vätern und ihren Kindern entsprechen, wird als wesentlich erachtet, um gemeinsames Wohnen bzw. kontinuierliche Besuche und Kontakte im Alltag zu ermöglichen. Zudem wird die Verbesserung der finanziellen Einkommenssituation als wesentliche materielle Grundlage zur Stabilisierung des Eltern-Kind-Systems ausgemacht.9 (vgl. z. B. Barker et al. 2011: 60-64, 76; Bui/Graham 2006: 45-46; McArthur et al. 2006: 298)

Aufgrund von Zugangsbarrieren zu sozialen Diensten, dem Widerstreben Hilfen anzunehmen (vgl. auch McArthur et al. 2006: 299) und der emotionalen Belastung der Väter, z. B. durch Verlusterfahrungen bzw. -ängste oder Gefühle der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, sind niederschwellige und leistbare Hilfen für die Stärkung des Selbstwerts und Verhaltensänderungen in der Krise wesentlich. Dabei wir die besondere Bedeutung des Erstkontakts zu Mitarbeiter_innen des Hilfesystems betont, von dem sich die betroffenen Männer in ihrer Krisensituation sowohl einen respektvollen, individuellen, ganzheitlichen und ihr Vater-Sein akzeptierenden Zugang erwarten als auch erste praktische Hilfen. In der weiteren Hilfebeziehung sind u. a. psychosoziale Krisenbegleitung, Koordinieren unterschiedlicher Hilfeleistungen, die Unterstützung bei rechtlichen und administrativen Prozessen sowie materielle Sicherungsmaßnahmen – also typisch sozialarbeiterische Tätigkeiten – von Bedeutung. (vgl. Barker et al. 2011: 60-64; Bui/Graham 2006: 34-41)

Professionelle Information und Begleitung sowie unterstützende bzw. selbstorganisierte Gruppenarbeit mit alleinerziehenden Vätern werden als wesentliche Leistungen und Maßnahmen erachtet, um Lern- und Reflexionsprozesse, z. B. zu Themen wie Elternschaft, Kindesentwicklung, Familienrecht und -hilfen, zu fördern, das Involvieren in Sorgetätigkeiten zu unterstützen und positive Einflüsse auf die Entwicklung der Kinder zu stärken. Insbesondere wird auf jene Angebote hingewiesen, die auf Unsicherheiten hegemonialer Männlichkeits- bzw. Väternormen eingehen und Veränderungsprozesse begleiten. (vgl. z. B. Barker et al. 2011: 76-77; Bui/Graham 2006: 45-46; Schindler/Coley 2007: 47, 50)

Bezug nehmend auf negative und diskriminierende Erfahrungen der befragten Väter, die auf stereotypisierte Auffassungen des Fachpersonals – dass beispielsweise Männer zur Kindererziehung wenig fähig seien – zurückgeführt werden, plädieren Bui und Graham (2006: 46) für geschlechtersensible Bildungsmaßnahmen in öffentlichen Stellen und sozialen Organisationen, um eine sensitivere und bedürfnisorientiertere fachliche Praxis entwickeln zu können.

Der hier dargelegte Überblick zu Forschungsarbeiten im Kontext von Wohnungslosigkeit und Vater-Sein weist auf Leerstellen in sozialpolitischen Programmen und sozialarbeiterischer Praxis der Wohnungslosenhilfe hin. Auf Basis der hier dargelegten Untersuchungen ist von einer mangelnden geschlechtersensible Angebotsstruktur und Praxis im männerdominierten Feld der Wohnungslosigkeit auszugehen. Aber auch für den internationalen, wissenschaftlichen Diskurs stellt der Zusammenhang von Wohnungslosigkeit und Vater-Sein eine Forschungslücke dar – die sehr begrenzte Datenlage zeigt dies deutlich. Systematische Analysen zu Beziehungen von Sozialarbeiter_innen und Adressat_innen, institutionellen Ordnungen und rahmensetzenden politischen Programmen sind im deutschsprachigen und anglo-amerikanischen Raum kaum existent. An wissenschaftlich-methodologischen Zugängen, die geschlechterkritische Perspektiven aufnehmen und für empirische Forschung im Feld Sozialer Arbeit nutzbar machen, mangelt es ebenso. (vgl. Harner/Arhant/Diebäcker/Habringer 2013) Für die Entwicklung einer geschlechter-reflexiven, fachlichen Praxis Sozialer Arbeit – auch abseits der Wohnungslosenhilfe – ist eine intensivere Auseinandersetzung in Forschung, Lehre und Interventionspraxis gefordert.


Verweise
1 Qualitative Interviews mit fünf wohnungslosen, alleinerziehenden Vätern sowie mit fünf Betreuer_innen.
2 Neun qualitative Interviews mit Bewohnern, davon vier alleinerziehende und fünf Väter, die gemeinsam mit Ihren Partner_innen leben. Zusätzlich wurden drei Interviews mit Direktor_innen der Notunterkünfte durchgeführt.
3 Die quantitative Erhebung beruht auf 859 versendeten Fragebögen, von denen 89 zurückgesendet und ausgewertet wurden.
4 „Wombat Housing and Support Services“ in Melbourne/Australien.
5 „Non-Custodial Parents Housing Program“, ein Eltern-Wohn-Programm für Eltern ohne Sorgerecht in Minnesota/USA.
6 „CANFaCS“ bietet Wohnmöglichkeit und Unterstützung speziell für wohnungslose Väter in Canberra/Australien.
7 Das Konzept des Gender Role Strain Paradigma wurde insbesondere von Joseph Pleck (1995) ausgearbeitet: Geschlecht wird als sozial konstruiert und demnach veränderbar betrachtet. Er differenziert zwischen drei Arten von Gender Role Strain: Discrepancy Strain, Dysfunktion Strain und Trauma Strain. (vgl. dazu auch Levant 2011).
8 Einige Autor_innen weisen darauf hin, dass Väter, die alleine mit ihren Kindern leben und häusliche Gewalt erfuhren, in ihrer strukturell seltenen Opferposition vom Fachpersonal sozialer Dienste nicht wahrgenommen werden. (vgl. auch McArthur et al. 2006: 296-297; Bui/Graham 2006: 45)
9 Aufgrund der teilweise negativen Wirkungen institutioneller Unterbringung auf die Beziehungssysteme zwischen Eltern und Kindern, scheint für viele Betroffene die schnelle Versorgung mit eigenem Wohnraum in Kombination mit mobiler sozialer Unterstützung angezeigt.


Literatur
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Über die AutorInnen

BA Yann Arhant
yann_arhant@gmx.at

Studium der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien und Studium der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien. Tätigkeiten im Bereich der Wohnungslosenhilfe, der niederschwelligen Drogenarbeit und Kinder- und Jugendarbeit.

FH-Prof. Dr. Marc Diebäcker
marc.diebaecker@fh-campuswien.ac.at

Studium der Politischen Wissenschaft, Geschichte und Sozialen Arbeit. Seit 2005 in Lehre und Forschung an Studiengängen der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien tätig.

BA Roswitha Harner
Roswitha.HARNER@gmx.net

Studium der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien. Tätigkeiten im Bereich der Wohnungslosenhilfe und in der niederschwelligen Drogenarbeit.






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