soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 11 (2014) / Rubrik "Thema" / Standort St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/312/517.pdf


Johannes Pflegerl:

Soziale Arbeit im Kontext von Wohnen, Pflege und Betreuung älterer Menschen


1. Hintergründe
In den vergangenen Jahren erfolgte im Fachbereiche Soziales an der FH St. Pölten eine verstärkte Auseinandersetzung mit den Themenfeldern Betreuung, Pflege und Wohnen älterer Menschen unter besonderer Berücksichtigung der Situation pflegender Angehöriger mit der Perspektive einer möglichen Positionierung Sozialer Arbeit im Kontext der ambulanten Pflege.

Hintergrund dafür war die im Rahmen von Familienforschungsprojekten erlangte Erkenntnis, dass Fragen der innerfamiliären Organisation von Pflege aufgrund der zu erwartenden Entwicklungen im Zuge des demografischen Altersstrukturwandels in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark an Bedeutung und Brisanz gewinnen werden (vgl. Pflegerl/Geserick 2007).

Konkret sind drei längerfristig wirksame Entwicklungen dafür verantwortlich.

  1. Bedingt durch eine steigende Lebenserwartung wird die Zahl der älteren und insbesondere die Zahl der hochaltrigen Menschen in den kommenden Jahrzehnten sehr stark zunehmen (vgl. Statistik Austria 2013: 7).
  2. Betreuung und Pflege wird im österreichischen System der Pflege nach wie vor weitgehend allein den Frauen überantwortet, die in den überwiegenden Fällen oftmals alleine als hauptverantwortliche Betreuungspersonen agieren. Majce (2005: 207) spricht in diesem Kontext davon, dass Männer den Frauen Aufgaben der Altenpflege nach wie vor in einem unverschämten Ausmaß überlassen. Gegenwärtig beträgt der Anteil der weiblichen pflegenden Angehörigen knapp 74% aller pflegenden Personen (vgl. Bundesministerium für Arbeit 2013: 28). Der überwiegende Anteil der pflegenden Frauen ist zwischen 50 und 65 Jahren alt (ebd.). Zukünftig ist davon auszugehen, dass ein weit höherer Anteil an Frauen in dieser Altersgruppe berufstätig sein wird. Konkret wird etwa der Anteil der erwerbstätigen Frauen im Alter von 55-59 Jahren von 43% im Jahr 2009 auf 75% im Jahr 2050 ansteigen (vgl. Statistik Austria 2011). Änderungen in der geschlechtsspezifischen Arbeitsaufteilung im Kontext der Pflege sind gegenwärtig nicht absehbar. Es ist somit davon auszugehen, dass insgesamt weniger Pflege- und Betreuungspersonen zur Verfügung stehen werden und die Betreuung älterer Familienangehöriger für jene, die diese Aufgabe übernehmen, insgesamt herausfordernder wird.
  3. Aus unterschiedlichen Studien lässt sich ableiten, dass die innerfamiliäre Solidarität und dabei insbesondere auch die intergenerationelle Solidarität und Bereitschaft für die ältere Generation Verantwortung zu übernehmen, in Österreich nach wie vor in sehr hohem Maße gegeben ist. Dies zeigt sich u. a. auch daran, dass in Familien über die Generationen hinweg nur ein geringer Anteil von Personen, die auf Hilfe angewiesen waren, überhaupt keine Hilfe erhalten hat. Dies gilt auch für ältere, insbesondere hochaltrige Personen, die häufiger hilfebedürftig sind und auch im Bedarfsfall Hilfe hauptsächlich von den Kindern und Schwiegerkindern erhalten (vgl. Majce/Rosenmayr 2005: 37-47, Haberkern 2009: 116f., Haberkern/Szydlik 2008: 92f.).
  4. Allerdings zeigen unterschiedliche Untersuchungen, dass die mit Pflege und Betreuung einhergehenden Belastungen bereits jetzt sehr hoch sind. In einer aktuellen Untersuchung gaben mehr als 77% der befragten pflegenden Angehörigen an, durch die Pflegesituation psychisch belastet zu sein. Als Belastungen werden insbesondere das Gefühl der Verantwortung, Angst, Sorge, das Erleben von Verzicht und Einschränkungen verstanden (vgl. Bundesministerium für Arbeit 2013: 28). Es ist anzunehmen, dass dieses Belastungserleben bei einer zukünftig steigenden Erwerbstätigkeit von Frauen weiter zunehmen wird.

Angesichts dieser Entwicklungen ist erstaunlich, wie wenig vertiefte Auseinandersetzung bis dato damit stattgefunden hat, wie zukünftig innerfamiliär mit der Herausforderung der Betreuung älterer Angehöriger umgegangen werden könnte. Dabei geht es sowohl darum, wie einerseits den zu betreuenden älteren Personen als auch den Angehörigen adäquate, über Fragen der medizinischen Pflege hinausgehende Unterstützung angeboten werden könnte. Bestehende Hilfsangebote im Kontext der Pflege konzentrieren sich nach wie vor vorwiegend auf medizinische und pflegerische Aspekte zur Sicherstellung der medizinischen Betreuungs- und Pflegeversorgung älterer Menschen. Forschungsarbeiten mit dem Schwerpunkt Hilfsangebote für bestehenden Unterstützungsbedarf zu entwickeln, der über medizinische Pflegefragen hinausgeht, sind in Österreich bisher kaum vorhanden.

Dieser Befund war die Ausgangsbasis für eine nähere Auseinandersetzung mit einer möglichen Positionierung der Profession Sozialer Arbeit im Kontext familialer Pflege und Betreuung. Diese fand im Fachbereich Soziales an der FH St. Pölten im Rahmen von größeren Forschungsprojekten statt, die im Rahmen der Lehre im Masterstudiengang Soziale Arbeit durchgeführt wurden. Generell forschen dort in drei bis vier Projekten pro Jahrgang in der Regel zwischen 8 und 12 Studierende je Projekt vier Semester lang zu einem größeren Themenfeld und verfassen in der Regel in Kleingruppen zwischen 2 bis maximal 4 Studierenden auch gemeinsam ihre Masterthesen. Dieses Konstrukt ermöglicht es im Fachbereich innovative Themen zu beforschen und weiter zu verfolgen, ohne zwingend auf eine Finanzierung von FördergeberInnen angewiesen zu sein. Dadurch können inhaltliche Grundlagen für vertiefende Forschungsarbeiten geschaffen werden und es wird möglich, Kontinuität in ausgewählten Themenfeldern sicher zu stellen.


Zum Themenfeld Betreuung, Pflege und Wohnen älterer Menschen unter besonderer Berücksichtigung der Situation pflegender Angehörige wurden an der FH St. Pölten bisher zwei Forschungsprojekte durchgeführt, wobei das zweite noch im Gang ist. Auf deren Inhalte bzw. Ergebnisse wird im Folgenden etwas näher eingegangen.


2. Masterprojekt „Möglichkeiten und Grenzen familien- und pflegebegleitender Sozialer Arbeit“
Ein erstes Masterprojekt zum Thema „Möglichkeiten und Grenzen familien- und pflegebegleitender Sozialer Arbeit“ wurde im Zeitraum zwischen November 2009 und April 2011 durchgeführt, an dem 13 Studierende des Masterstudienganges Soziale Arbeit an der FH St. Pölten mitgearbeitet und in 4 Gruppen jeweils gemeinsam ihre Masterthesen verfasst haben.

Im Rahmen des Projektes wurden von allen Studierenden zunächst insgesamt 16 qualitative Fallstudien durchgeführt, in denen pro Fall sowohl die pflegenden Angehörigen, wenn möglich die betreuten älteren Personen selbst als auch betreuende professionelle Pflegekräfte mit Hilfe narrativer Interviews befragt wurden. Diese wurden durch ExpertInnengespräche mit Pflegefachkräften, SozialarbeiterInnen und ÄrztInnen ergänzt. Ziel war es, zunächst die Bedürfnisse der im jeweiligen Pflege- und Betreuungskontext involvierten Personen näher kennen zu lernen, festzustellen, wann und in welchen Kontexten Unterstützung erforderlich ist, um auf Basis dieser Erkenntnisse mögliche geeignete sozialarbeiterische Unterstützungsangebote zu entwickeln.


2.1 Bedürfnisse pflegender Angehöriger und der von ihnen betreuten Personen
Nach den Ergebnissen der Fallanalysen ist es für pflegende Angehörige zu Beginn des Pflegeprozesses von großer Bedeutung, pflegerelevante Informationen (von Unterstützungsangeboten bis zu Information über Pflegetechniken) zu erhalten und zu einer adäquaten Pflegeinfrastruktur zu kommen. In allen Fällen wurde deutlich, dass sie den von ihnen betreuten Personen sehr gute Betreuung bieten wollen und diese zunächst so weit wie möglich selbst zu leisten wünschen. Tendenziell besteht erst dann Bereitschaft, unterstützende Hilfe anzunehmen, wenn sie an Grenzen stoßen. Das Wagnis, Verantwortung an HelferInnen abzugeben, erfordert oftmals große Überwindung. Um gute Pflege leisten und eventuell Unterstützung in Anspruch nehmen zu können, wird eine ausreichende finanzielle Basis als unabdingbar erachtet und das Pflegegeld als dringend notwendige Unterstützung gesehen. Von besonderer Bedeutung für pflegende Angehörige im Betreuungsprozess ist das Bedürfnis Betreuungssicherheit für die von ihnen betreuten und gepflegten älteren Angehörigen unbedingt gewährleistet zu wissen, für die sie sich primär selbst verantwortlich sehen. Dies erschwert es, anderen Bedürfnissen nachzukommen und sich zwischendurch Phasen von Erholung, Auszeit oder Urlaube zu gönnen oder eigenen Interessen nachzugehen. Deshalb fällt es auch schwer, dem Bedürfnis nach sozial-kommunikativen Austausch mit Bekannten und Freundinnen nachzukommen. Für pflegende EhegattInnen ist deshalb die Möglichkeit zum kommunikativen Austausch mit dem eigenen Ehepartner für eine befriedigende Aufrechterhaltung der Paarbeziehung von besonderer Bedeutung. Ist diese nicht mehr möglich, wird die Betreuung und Pflege mitunter als große Belastung erlebt. Ein weiteres wichtiges Bedürfnis für pflegende Angehörige ist es, Wertschätzung und Dankbarkeit für die Pflegeleistung zu erfahren. Diese kann Belastungen kompensieren und die Pflegebereitschaft stärken (vgl. Paller 2011, Zeilinger 2011).

Pflegebedürftige haben den Ergebnissen der Fallanalyse zufolge das Bedürfnis zu Hause bleiben zu können und dort im eigenen Umfeld von den eigenen Angehörigen, insbesondere wenn möglich von den eigenen EhegattInnen gepflegt zu werden. Weiters ist es ihnen wichtig, finanziell gut abgesichert zu sein und Kontinuität in der Betreuung und Pflege von mobilen Hilfs- und Pflegekräften zu haben. Autonomie und selbständige Gestaltung ihres Lebens ist besonders bedeutsam für sie. In diesem Zusammenhang hat sich auch gezeigt, dass es für pflege- und betreuungsbedürftige Personen sehr wichtig ist, Dinge die sie selbst noch tun können auch selbständig verrichten zu können und nicht „überbefürsorgt“ zu werden. Das abhängig sein von Hilfe wird oft als belastend und als Verlust der eigenen Integrität erlebt. Ebenso bedeutsam hat sich das Bedürfnis nach Privatsphäre und Schutz des Privatbereichs erwiesen. Dies hat zur Folge, dass es für Pflegebedürftige eine große Überwindung bedeuten kann, fremde Personen für Hilfestellungen zu akzeptieren (vgl. Priglinger 2011).

Zusammenschauend konnte in den Fallanalysen festgestellt werden, dass sowohl die pflegenden Angehörigen als auch die betreuten älteren Personen selbst dazu neigen, ihre eigenen Bedürfnisse gering zu achten. Pflegebedürftige ältere Menschen lassen tendenziell eine Haltung erkennen, niemandem zur Last fallen zu wollen. Sie äußern deshalb Bedürfnisse oftmals nur indirekt und stellen diese eher zurück. Pflegende Angehörige neigen dazu, eigene Bedürfnisse aufgrund der Gebundenheit an die Pflege- und Betreuungssituation nur beschränkt wahrzunehmen und diesen tendenziell auch selten nachzukommen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Belastungen für sie in engem Zusammenhang mit einer durch die Umstände der Pflege- und Betreuungssituation bedingten längerfristigen Missachtung eigener Bedürfnisse stehen. Unterstützungsbedarf scheint vor allem dann gegeben, wenn die Betroffenen im Kontext der Pflege Belastungen ausgesetzt sind, die sie mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht oder nicht mehr bewältigen können (vgl. Priglinger/Paller/Zeilinger 2011: 148-150).


2.2 Erweitertes Pflegesetting
In Hinblick auf eine mögliche Positionierung von Sozialer Arbeit im Umfeld der Pflege erschien es aufgrund der Ergebnisse der Fallanalysen zweckmäßig, den Pflegekontext erweitert zu fassen (vgl. Abbildung 1). Bisher steht die pflegebedürftige Person alleine im Zentrum von pflegeunterstützenden Maßnahmen. In einem erweitert gedachten Pflegekontext wird vorgeschlagen, auch die soziale Situation des relevanten Umfeldes der betreuten Person mit in den Blick zu nehmen. Dazu zählen jene Personen, die in der Pflege- und Betreuungssituation von Bedeutung sind, wie etwa Angehörige, aber auch Freunde und Bekannte u. a., die ev. in der Betreuung eine Rolle spielen könnten. Denn für eine gelingende Betreuung und Pflege ist es nicht unerheblich, wie das unmittelbare familiäre Umfeld mit der Bewältigung der Pflegesituation zurande kommt bzw. welche zusätzlichen Ressourcen dafür noch einbezogen werden könnten.

Erweiterte Betrachtung der Pflegesituation
Abbildung 1: Erweiterte Betrachtung der Pflegesituation (Quelle: Eigene Darstellung)


2.3 Soziale Diagnostik
Um die soziale Situation der in einen Pflegekontext involvierten Personen zu erheben, erschien es daher zweckmäßig, im Rahmen einer Teilarbeit des Projektes zunächst Instrumente zu entwickeln, mit denen ein ev. sozialarbeitsrelevanter Hilfebedarf festgestellt werden kann. Dazu wurden Methoden der sozialen Diagnostik als geeignet erachtet.

Um die Brücke zur Soziale Arbeit und Sozialer Diagnostik im ambulanten Pflegebereich trotz bestehender Rahmenbedingungen und begrenzter Ressourcen in der Mobilen Pflege herzustellen, wurde ein spezielles Implementierungsmodell entwickelt, welches vordergründig die Situation pflegender Angehöriger berücksichtigt. Das Modell sieht im ersten Schritt ein sogenanntes sozialarbeiterisches Screening vor, welches von Mobilen Pflegekräften ohne spezifische Fachkompetenzen und ohne großen zusätzlichen Zeitaufwand durchgeführt werden kann. Im Rahmen dieses Modells wird die allgemeine soziale Situation pflegender Angehöriger mit Hilfe eines eigens entwickelten Assessmentbogen erfasst, der spezifische Themenbereiche abgezielt auf die Belastungsindikatoren pflegender Angehöriger umfasst. Auf Basis der Auswertung lässt sich feststellen, ob ein sozialarbeitsrelevanter Unterstützungsbedarf vorliegt. Ergibt sich ein Hinweis auf einen möglichen sozialarbeiterischen Hilfebedarf, so wird in einem zweiten Schritt des Modells eine vertiefte Erfassung der sozialen Situation pflegender Angehörige mit Hilfe von weiteren im Rahmen dieser Teilarbeit adaptierten Instrumenten vorgeschlagen, wie etwa eine Adaption der Netzwerkkarte und eine Adaption der Ecomap. Diese sind etwa dazu geeignet vorhandene Netzwerkstrukturen und ev. verdeckte Ressourcen visuell sichtbar zu machen und können als Ausgangspunkt für weitere Beratung herangezogen werden. Für die sozialarbeiterische Beratung wird ein im Rahmen dieser Arbeit entwickelter, auf soziale Aspekte der Pflege abgestimmter Orientierungsleitfaden empfohlen. Dieser dient als eine Art Kontrollinstrument, um wesentliche Themenbereiche, wie den Gesundheitszustand, die Lebens- und Wohnverhältnisse, die finanzielle Situation sowie das soziale Netz pflegender Angehöriger in der Erhebung nicht unberücksichtigt zu lassen. Weitere sozialarbeiterische Interventionen können daran anknüpfen (vgl. Elbe/Fritzer 2011).


2.4 Sozialarbeiterische Hilfen
Auf Basis der Fallanalysen wurde deutlich, dass der Sozialarbeit zunächst bei der Vemittlung von pflegerelevanten Informationen eine wichtige Rolle zukommen könnte. Grundsätzlich ist zwar viel davon vorhanden, aber für die Personen im Bedarfsfall oftmals nur schwer zugänglich. Dies hängt wesentlich damit zusammen, dass Information erst dann wahrgenommen wird, wenn tatsächlich akuter Bedarf besteht, zuvor wird sie meist ignoriert. Soziale Arbeit könnte bei der Bündelung, kompakten Aufbereitung und Vernetzung von pflegerelevanten Informationen über Hilfs- und Betreuungsangebote, sozialversicherungsrechtliche Ansprüche etc. behilflich sein. Denkbar wären andere Berufsgruppen als MultiplikatorInnen, die wichtige Ansprechpartner für Menschen im alltäglichen Leben sind, wie HausärztInnen, Bankangestellte, FriseurInnen, vermehrt von Seiten der Sozialen Arbeit mit dem Thema zu konfrontieren und ihnen Schulungs- und Aufklärungsarbeit über die Situation und Bedarfe pflegender Angehörige anzubieten, damit diese im Anlassfall Betroffene gezielt auf mögliche Unterstützungsangebote hinweisen können (vgl. Weißl 2011)

Individuelle sozialarbeiterische Beratung als eine zentrale Intervention Sozialer Arbeit könnte vor allem dann zu einer bedeutsamen Unterstützung für pflegende Angehörige, aber auch gepflegte Personen im familiären Kontext werden, wenn diese Schwierigkeiten mit der Bewältigung von Belastungen und Probleme in der Betreuungs- und Pflegesituation haben. In einer Beratung können SozialarbeiterInnen gemeinsam mit den Betroffenen passende Lösungen und Orientierungen für ihre Probleme erarbeiten. Im Rahmen des Projektes wurde in diesem Zusammenhang u. a. die Methode der motivierenden Gesprächsführung auf den Kontext der Pflege hin spezifisch adaptiert. Diese Methode bietet die Möglichkeit mittels verschiedener Beratungstechniken zu helfen, etwa pflegende Angehörige von hinderlichen Ambivalenzen und Widerständen zu befreien und die Selbstmotivation der Betroffenen zu intensivieren. Sie könnte in Situationen hilfreich sein, in denen pflegende Angehörige etwa hin und her gerissen sind, zwischen dem dringenden Bedürfnis sich eine Auszeit zu gönnen, aber gleichzeitig daran gehindert werden, weil sie das innerlich als Verletzung ihrer Betreuungspflicht erleben (vgl. Steinlesberger 2011).

Gerade aufgrund solcher und anderer in den Fallerhebungen identifizierten Situationen, in denen sich pflegende Angehörige überfordert und hilflos erlebten, wurde im Rahmen des Projektes verstärktes Augenmerk auf die Weiterentwicklung von Strategien, der Selbststärkung und Selbsthilfe (fachlich auch Empowerment genannt) gelegt. Empowerment kann in der Arbeit mit pflegenden Angehörigen sehr nützlich sein, weil es ein zukunftsorientiertes Konzept ist. Nicht die Misserfolgserfahrungen oder Hilflosigkeitsgefühle aus der Vergangenheit sind von Interesse, sondern die Lebenszukunft der pflegenden Angehörigen ist von Relevanz. Empowerment kann eine Möglichkeit für pflegende Angehörige sein, sich selbst zu stärken, die eigenen Bedürfnisse wieder besser wahrzunehmen und mit relativ wenigen Mitteln entlastet zu werden. Ansatzpunkte sind dabei vorhandene, aber möglicherweise in den Hintergrund geratene Strategien oder auch noch nicht entdeckte Ressourcen der Betroffenen. Ausgangspunkt aller methodischen Vorgehensweisen, die in diesem Kontext weiter entwickelt bzw. adaptiert wurden, ist die Überzeugung, dass pflegende Angehörige selbst am besten wissen, was ihnen gut tut, wo sie Hilfe brauchen und welche Hilfen sie annehmen wollen. Wesentlich ist daher, dass unterstützende Fachkräfte eine Defizit-Perspektive verlassen und die Angehörigen als ExpertInnen für ihr eigenes Leben anerkennen. Empowerment kann auf der Individualebene, der Netzwerkebene, auf institutioneller oder auch politischer Ebene ansetzen.

Gerade für sehr fordernde und intensive Betreuungssituationen können Stärkungsstrategien auf Netzwerkebene von besonderer Bedeutung sein, um das Netz an Unterstützungspersonen zu erweitern und Unterstützungsaufgaben breiter aufzuteilen. Dazu wurde insbesondere das Verfahren Family Group Conference auf den Pflegekontext hin adaptiert. Bei diesem Verfahren der Netzwerkarbeit handelt es sich um eine spezielle Methode, die sich ursprünglich in der Jugendwohlfahrt bewährt hat, um Probleme innerhalb einer Familie mit Bekannten, Verwandten und anderen Personen aus der Lebenswelt im Rahmen von sogenannten Familienkonferenzen zu besprechen und gemeinsam mit ihnen Lösungsansätze zu finden. Hintergrund ist die Überzeugung, dass die Betroffenen und ihr Umfeld aus der Lebenswelt ihrer Angehörigen, Verwandten, Freunde und Bekannte am besten wissen, was sie selbst gut können und wo ihre Ressourcen liegen. Aufgabe von Fachkräften ist, die Betroffenen bei der Organisation der Konferenzen zu unterstützen und den Prozess teilweise moderierend zu begleiten. In einer konzeptiven Adaption, um diese Methode auch in der Arbeit mit pflegenden Angehörigen umzusetzen, wird vorgeschlagen, alle jene Mitglieder eines Netzwerkes einzubeziehen, die potentielle Unterstützung bieten könnten. Dazu zählen neben den Familienmitgliedern auch NachbarInnen oder andere Personen aus dem nahen oder etwas weiteren Umfeld der Angehörigen und der betreuten älteren Person. Weiters wurde auch die Möglichkeit vorgeschlagen, Fachkräfte von sozialmedizinischen Diensten zur Mitwirkung an dieser Konferenz einzuladen, wenn Angehörige dies wünschen (vgl. Lipburger 2011).

Da sich in den Fallanalysen bei pflegebedürftigen Personen das Bedürfnis nach Selbstbestimmung als zentral herauskristallisiert hat, wurde der Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung von Autonomiewahrung älterer Menschen im Pflegekontext in einer weiteren Teilarbeit des Projektes besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Zu möglichen Einschränkungen der Autonomie von pflegebedürftigen Menschen durch die pflegenden Angehörigen scheint es dann zu kommen, wenn diese Angst vor einer Selbst- und/oder Fremdgefährdung der pflegebedürftigen Person haben und sie und andere dadurch schützen wollen. Dabei wird dieser Eingriff in das Leben eines anderen Menschen vom Abwägen eines Für und Wider begleitet. Weitere mögliche Autonomieeinschränkungen geschehen auch dadurch, dass pflegende Angehörige vorwiegend ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen umsetzen wollen. Um solche Einschränkungen der Autonomie pflegebedürftiger Menschen durch die Angehörigen zu vermeiden, könnte Soziale Arbeit Unterstützung bei der Autonomiewahrung anbieten. SozialarbeiterInnen könnten zum einen als AnsprechpartnerInnen für die Sorgen und Probleme der Angehörigen und durch spezifische Methoden und Arbeitsweisen wie Beziehungsarbeit, Biografiearbeit, Psychoedukation und Validation dazu beitragen, dass Angehörige pflegebedürftige Personen besser verstehen und dadurch eine respektvolle Beziehung aufbauen (vgl. Fallmann 2011).

In einer weiteren Teilarbeit des Projektes wurde die Situation von Pflegefachkräften aus sozialabeiterischer Sicht analysiert. Dabei konnte festgestellt werden, dass sich in Anbetracht des sich abzeichnenden Pflegekräftemangels eine stärkere Kooperation zwischen den ambulanten Pflegediensten und Sozialer Arbeit anbieten würde. Pflegefachkräfte könnten für die Kompensation von Belastungen spezifisches sozialarbeiterisches Know-How, wie etwa Gesprächs- und Beratungstechniken Methoden der Krisenintervention und Soziale Diagnostik, für ihre Arbeit nützen. Vorgeschlagen wird, diese Themenschwerpunkte auch in die Fortbildung von Pflegefachkräften vermehrt aufzunehmen (vgl. Stelzeneder 2011).


2.5 Case Management
In einem weiteren Teil dieses Projektes wurden Möglichkeiten und Grenzen von Case Management für den ambulanten Pflegebereich näher untersucht. In einer Analyse bestehender Angebote konnte festgestellt werden, dass bei bestehenden Case Managementmodellen im Pflegebereich oft die Bedürfnisse der Kosten- und LeistungsträgerInnen bzw. LeistungserbringerInnen im Vordergrund stehen. Für ein sozialarbeiterisch geprägtes Verständnis von Case Management ist es demgegenüber erforderlich, die Bedürfnisse, Interessen und Ziele der KlientInnen zentral in den Vordergrund zu stellen. In dieser Teilarbeit wurden nach einer Analyse der gegenwärtigen Situation Adaptionsvorschläge für Case Management in der außerstationären Versorgung entwickelt, eine Modelladaption auf Fallebene vorgenommen, in dem vor allem eine anwaltschaftliche Position und ein ressourcen- und bedürfnisorientierter Ansatz im Mittelpunkt stehen, in den auch pflegende Angehörige integriert werden. Um dem Anspruch gerecht zu werden, dass sich die Angebotsstruktur an die KlientInnen anpassen muss und nicht umgekehrt, ist es erforderlich, dass Case Management die Aufgabe des Systemmanagements und der Systemsteuerung wahrnimmt. Grundsätzlich geht es dabei darum, das Versorgungssystem in Hinblick auf die Anliegen und Bedürfnisse der KlientInnen zu optimieren. Dazu sind auf Systemebene gravierende Veränderungsanforderungen erforderlich. Eine systematische Implementierung erfordert unter anderem einen politischen Auftrag, finanzierende Institutionen, den Aufbau von regionalen, klientInnenorientierten Dienstleistungsnetzwerken sowie Organisations- und Personalentwicklung. Wird diesen Aspekten keine bzw. zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, stößt die Methode Case Management auf Infrastruktur-, Organisations- und Fallebene rasch an ihre Grenzen (vgl. Hofauer/Noyan/Negl 2011).


3. Masterprojekt Wohnen und Betreuung für ältere Menschen
In einem zweiten Projekt im Rahmen des Masterstudienganges Soziale Arbeit, das im Oktober 2012 begonnen wurde und Ende April 2014 abgeschlossen wird, setzen sich insgesamt 11 Studierende mit der Thematik Wohnen und Betreuung für ältere Menschen in zwei Kleinregionen in Niederösterreich auseinander.

Hintergrund dafür war die in den Fallanalysen des ersten Masterprojektes und in eigenen Forschungsarbeiten erlangte Erkenntnis, dass mit der Frage des Wohnens und der Betreuung sowohl von älteren Menschen als auch deren Angehörigen meist sehr reaktiv umgegangen wird (vgl. Pflegerl 2012: 141). Oftmals werden nähere Betreuungsüberlegungen für ältere Angehörige erst dann angestellt, wenn bereits dringender Handlungsbedarf besteht und rasch Lösungen für die zukünftige Wohn- und Betreuungsform getroffen werden müssen. Dies hängt damit zusammen, dass insbesondere im ländlichen Raum erst wenige Angebote, wie Formen des betreuten Wohnens oder eine teilstationäre Betreuung, existieren oder diese nicht den Bedürfnissen der betreuten Menschen entsprechen. Besonders brisant ist die Frage des Wohnens und der Betreuung für jene älteren Menschen, die zwar bereits betreuungsbedürftig sind, allerdings dabei noch nicht die Voraussetzungen für eine stationäre Unterbringung erfüllen. Für diese fehlen vielfach Angebote betreuten Wohnens (vgl. Schaffenberger/Pochobradsky 2004). Dies bedeutet vor allem für weibliche Angehörige insbesondere in ländlichen Regionen mangels Alternativen gezwungenermaßen die Betreuung ihrer Angehörigen selbst übernehmen und berufliche Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen.

Im Fokus des Interesses steht in diesem Projekt einerseits die Frage, welche sozialarbeiterischen Initiativen Fragen der Gestaltung des Wohnens und der Betreuung für ältere Menschen unterstützen können und andererseits wie eine erfolgversprechende Ausgestaltung dieser Initiativen aussehen könnte.

Realisiert wird das Projekt in der Region Dunkelsteinerwald und in der Region Wagram, aus denen jeweils VertreterInnen der Region in der Vorbereitungsphase Interesse an einer näheren Auseinandersetzung mit Fragen des Wohnens und der Betreuung älterer Menschen in Hinblick auf die zukünftige Gestaltung von Wohn- und Betreuungsprojekten in ihrer Region gezeigt haben.


3.1 Wohnen und Betreuung in der Kleinregion Dunkelsteinerwald
In der Region Dunkelsteinerwald wurde im Zuge der Erstellung eines Entwicklungskonzeptes für die Kleinregion vermehrt über die Möglichkeit der Errichtung eines Tageszentrums für SeniorInnen als gemeindeübergreifendes Projekt zur Verbesserung der Betreuung älterer Menschen in der Region diskutiert. In diesem Zusammenhang wurde an die Projektgruppe neben dem Interesse an einer vertieften Auseinandersetzung mit der bestehenden Betreuungssituation für ältere Menschen und dem Bedarf an Betreuung für ältere Menschen in der Region auch der Wunsch herangetragen, eine Machbarkeitsstudie für eine Tagesbetreuungsstätte in der Region für ältere betreuungsbedürftige Menschen zu erstellen. Das Vorhaben im Projekt sich darüber hinaus schwerpunktmäßig mit sozialarbeiterischen Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen wurde zustimmend aufgenommen. Aus diesem Projekt entstehen derzeit zwei Masterthesen, an denen insgesamt fünf Studierende arbeiten.

Zur Bearbeitung der bestehenden Betreuungssituation setzen sich die Studierenden derzeit u. a. mit demografischen und anderen sozialstrukturell relevanten Aspekten in Hinblick auf die Frage des Wohnens und der Betreuung für ältere Menschen auseinander. Sie beschäftigen sich mit der bereits bestehenden institutionellen Betreuungsstruktur für ältere Menschen und deren Angehörigen sowie mit bestehenden informellen und ehrenamtlichen Ressourcen. Weiters erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Sichtweise der betroffenen Älteren und deren Angehörigen sowie der politisch Verantwortlichen und anderer relevanter StakeholderInnen im Zusammenhang mit Fragen der Betreuung älterer Menschen in der Region. Auf Basis dieser Erkenntnisse werden einerseits Möglichkeiten und Handlungsinitiativen für sozialarbeiterische Beratung und Information für ältere Personen und deren Angehörige in der Region sowie Möglichkeiten für gemeinwesenorientierte Soziale Arbeit zum Thema Wohnen und Betreuung in der Region reflektiert.

Im Rahmen der Erstellung der Machbarkeitsstudie für eine Tagesbetreuungsstätte erfolgt eine nähere Auseinandersetzung mit den Einstellungen der Bevölkerung in der Region zu einer Tagesbetreuungsstätte, aus der Möglichkeiten für eine Schwerpunktsetzung einer solchen Einrichtung abgeleitet werden. Auf Basis dieser Erkenntnisse werden konzeptuelle Umsetzungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung rechtlicher und wirtschaftlicher Aspekte entwickelt. Weiters werden potentielle Betreuungserfordernisse für die entwickelten Umsetzungsvorschläge identifiziert, wobei in diesem Zusammenhang insbesondere auch Unterstützungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit im Rahmen einer Tagesbetreuungsstätte reflektiert werden.


3.2 Wohnen und Betreuung in der Region Wagram
Ähnlich wie in der Region Dunkelsteinerwald wurde auch in der Region Wagram von VertreterInnen der Kleinregion zunächst Interesse an einer näheren Auseinandersetzung mit der bestehenden Betreuungssituation in Hinblick auf zukünftig erforderliche Anpassungen für die Betreuung älterer Menschen in der Region formuliert. Darüber hinaus meldeten VertreterInnen der Gemeinde Fels/Wagram Interesse an einer Begleitstudie für ein in Planung befindliches Projekt für betreutes Wohnen in der Gemeinde an. Aus diesem Projekt entstehen derzeit zwei Masterthesen, an denen insgesamt sechs Studierende arbeiten.

Zur Bearbeitung der bestehenden Betreuungssituation in der Region werden die gleichen inhaltlichen Schwerpunke wie in der Region Dunkelsteinerwald gesetzt (vgl. Kap. 3.1). Zusätzlich erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Situation von älteren betreuungsbedürftigen MigrantInnen und basierend auf diesen Erkenntnissen eine Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Handlungsinitiativen für ältere MigrantInnen und deren Angehörigen in der Region.

Für die Erstellung der Begleitstudie zum betreuten Wohnen werden die Interessen und Bedürfnisse von InteressentInnen näher analysiert. Daraus werden Schlussfolgerungen für die räumliche Gestaltung dieses Wohnprojektes abgeleitet, auf deren Basis die Entwicklung eines Betreuungsmodells unter besonderer Berücksichtigung sozialarbeiterischer Unterstützung erfolgt.


4. Resümee und Ausblick
Die hier dargestellten Projekte konzentrierten sich von ihrem inhaltlichen Schwerpunkt auf den Bereich Soziale Arbeit im Kontext von Pflege und Betreuung. Kritisch lässt sich in diesem Zusammenhang allerdings anmerken, dass mit dieser Schwerpunktsetzung bisher vorwiegend eine Konzentration auf die letzte Lebensphase älterer Menschen erfolgte und noch dazu ein besonderer Fokus auf den Umgang mit betreuungsbedürftigen älteren Menschen gelegt wurde. Damit wird implizit ein Altersbild betont, in dem defizitorientierte Aspekte sehr stark im Vordergrund stehen. In der Fachliteratur zum Thema Soziale Arbeit und Alter wurde in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass das Alter eine breite, vielfältige und sehr differenzierte Lebensphase von mittlerweile bis zu vier Jahrzehnten an Lebenszeit umfasst, in der Menschen sehr unterschiedliche Lebensentwürfe verfolgen und sich in unterschiedlichen Lebens- und Bedürfnislagen befinden (vgl. Karl 2009, Spitzer 2010). Otto (2001: 13) hat, eine begriffliche Unterscheidung zwischen Sozialer Altenarbeit und Sozialer Arbeit in der Pflege vorgeschlagen, um die unterschiedlichen Anforderungen an Soziale Arbeit angesichts dieser Tatsache herauszudifferenzieren. Der Bereich der Sozialen Altenarbeit konzentriert sich im Wesentlichen auf die Lebenssituation von älteren Menschen ohne starke gesundheitliche Einschränkungen oder soziale Abhängigkeiten, während Soziale Arbeit in der Pflege auf ältere Menschen mit Betreuungsbedarf orientiert ist. Für Soziale Arbeit im Alter bedeutet dies eine differenzierte alters- und lebenslagenspezifische Betrachtung und auch Ausdifferenzierung von Angeboten (vgl. Spitzer 2010: 98).

Angesichts der ganz zu Beginn aufgezeigten erwartbaren demografischen Veränderungen in den nächsten Jahrzehnten und der insbesondere für Angehörige zunehmend herausfordernder werdenden Organisation von Pflege und Betreuung erscheint es dennoch gerechtfertigt, Soziale Arbeit in diesem Kontext weiterhin nachhaltig zu verfolgen. Denn bisher ist es der Profession Sozialer Arbeit noch nicht gelungen, in dem von Medizin und Pflege dominierten Bereich ihren professionellen Beitrag zu verdeutlichen und eine eigenständige Position zu entwickeln (vgl. Spitzer 2010: 95f). Insbesondere der Vorschlag, das Pflegesetting erweitert zu betrachten (vgl. 2.2) hätte Innovationspotential, weil damit die Möglichkeiten und Grenzen von meist weiblichen Angehörigen in der Übernahme von Betreuungs- und Pflegeaufgaben explizit in den Blick genommen werden. Bisher wird deren Bereitschaft innerfamiliär hauptverantwortlich die Betreuung zu übernehmen, stillschweigend und selbstverständlich vorausgesetzt und darüber sowohl gesellschaftlich als auch innerhalb von Familien kaum debattiert.

Anleihen für eine Profilentwicklung könnten etwa aus dem Bereich Hospiz und Palliative Care übernommen werden, in dem SozialarbeiterInnen vom Konzept her Teil eines multiprofessionellen Teams sind und dabei u. a. Aufgaben der Beratung, Information, der psychosozialen Begleitung von PatientInnen und Angehörigen übernehmen (vgl. Hospiz Österreich 2002). Durch eine Erweiterung des Konzeptes der mobilen Hospiz- und Palliative Care auf die ambulante Betreuung älterer Menschen generell, etwa unter Berücksichtigung der zuvor beschriebenen methodischen Vorschläge, könnten sozialarbeiterische Hilfen in diesem Kontext breiter nutzbar und zugänglich gemacht werden.

Allerdings sollte dieser Ansatz nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit den hier beschriebenen Interventionen sehr spät angesetzt wird. Zukünftig wird es auch darum gehen, begleitende Maßnahmen zu entwickeln, die Menschen bereits in einer früheren Lebensphase unterstützen, sich aktiv damit auseinanderzusetzen, wie sie die letzte Phase ihres Leben gestalten und wie sie im Alter betreut werden wollen. Diesen Aspekten soll in zukünftigen Projekten des Fachbereiches Soziales an der FH St. Pölten vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden.


Literatur

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Über den Autor

FH-Prof. Mag. Dr. Johannes Pflegerl
johannes.pflegerl@fhstp.ac.at

Dozent für Familiensoziologie und Soziologie des Alterns im Fachbereich Soziale Arbeit der FH St Pölten, stellvertretender Leiter des Ilse Arlt Instituts für Soziale Inklusionsforschung der FH St. Pölten, stellvertretender Leiter des Masterstudiengange Soziale Arbeit.
Forschungsschwerpunkt: Altern – Soziale Netzwerke und Soziale Arbeit.
Zudem Publikationen zu den Themenbereichen: Familie und Migration, Jugendwohlfahrt und Qualität, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Partnerschaft und Gewalt in der Familie, Sozialgeschichte der Familie.






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