soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 11 (2014) / Rubrik "Rezensionen lang" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/319/537.pdf


Jugendsoziologie


Heinzlmaier, Bernhard (2013): Performer, Styler, Egoisten. Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben. 2. Auflage, Berlin: Archiv der Jugendkulturen Verlag KG.
196 Seiten / EUR 18,00

Heinzlmaier, Bernhard & Ikrath Philipp (2013): Generation Ego. Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert. Wien: Pro Media.
206 Seiten / EUR 17,90


Sozialarbeit mit Jugendlichen gehört zu den zentralen Handlungsfeldern der Profession Sozialarbeit, ihre theoretische Fundierung erfolgt sinnvollerweise im interdisziplinären Dialog, u. a. mit der Jugendsoziologie. 2013 erschienen im deutschsprachigen Raum zwei Bücher aus der Feder von Jugendsoziologen, Bernhard Heinzlmaier und Philipp Ikrath, die auch im medialen Diskurs für Aufregung sorgen. Um die abschließende Beurteilung des Rezensenten vorwegzunehmen: Sozialarbeiter_innen, die theoretisch fundiert mit Jugendlichen arbeiten wollen, sollten jedenfalls beide Bücher gelesen haben. Warum?

Die zentrale These der beiden Autoren lautet: die handlungsleitenden Werte der Jugend reflektieren eine Gesellschaft, die den Jugendlichen angesichts des Wandels von Entdemokratisierung und Ökonomisierung Ideal-Bildung „abgewöhnt“ hat.

Auf einer breiten Grundlage von Ergebnissen empirischer Sozialforschung und soziologischer Analysen werden diese These und weitere Thesen zur Situation der Jugend entwickelt, wobei folgende Themen behandelt werden: Ökonomisierung der jugendlichen Alltagskultur, Individualisierungsstrukturen, Beschleunigung der Gegenwart und Unsicherheit der Zukunft, Bildung, Ausbildung, Arbeitswelt, Jugend und Politik, kommerzielle Popkultur, Internet, Jugend und Politik, Gewalt, Musik, Versuche der Vergemeinschaftung, jugendkulturelle Kommunikationsstile usw. Vielleicht ein bisschen viel auf einmal, mag man sich als LeserIn fragen, doch es gelingt den beiden Autoren, die Themen in ihrer Komplexität auszuloten und zu erhellen – und sie schreiben verständlich und fesselnd.

„Jugend“ ist ein Lebensalter, das heute so heterogen ist wie niemals zuvor. Insofern ist jeder Versuch, Allgemeines über „die“ Jugend zu schreiben, zum Scheitern verurteilt. Umso mehr ist es notwendig, es zu versuchen und Abstand zur klischeehaften öffentlichen Diskussion zu gewinnen. Warum es immer schwieriger wird, über die Jugend zu schreiben, liegt auch daran, dass sich diese Lebensphase sowohl nach vorne als auch nach hinten ausgedehnt hat und weiter ausdehnt. Dazu kommt, dass sich die Beziehung zwischen ForscherInnen und den Jugendlichen geändert hat: während noch in den 80er- und 90er-Jahren Forscher aller Disziplinen aus sicherem Abstand über „die“ Jugend und Adoleszenz objektivierend distanziert – um nicht zu sagen „von oben herab“ – schreiben konnten, wurden mittlerweile die Sozialwissenschaftler vom gesellschaftlichen Grundmerkmal der Lebenslage von Jugendlichen eingeholt: die Prekarisierung infolge der Ökonomisierung des Sozialen betrifft mittlerweile auch Sozialwissenschaftler. Der Grazer Soziologe Manfred Prisching prägte dafür den Begriff der „Fundamentalökonomisierung“. Wenn man gegenwärtig über das Phänomen Jugend nachdenkend schreibt, denkt man zugleich über sich selbst und seine Lebenslage nach und das ist bekanntlich ziemlich schwierig. Hier wie dort lebt und arbeitet die Mehrheit nach dem Prinzip „Jeder kämpft für sich alleine“, keine gute Voraussetzung für reflexive Selbst-Bildung.

Herauskommen musste eine Generation von „individualistischen Mitmachern“ in ihrer extremsten Ausprägung von „legalistischen Lumpen“ nach der Formel: „Moderne Individualität ist mentale Konformität plus dekorative Diversität“. Eine solchermaßen entsolidarisierte Individualität macht Stress und führt zu Erschöpfung des Selbst. Kreative Berufsausbildungen boomen zwar, beinhalten weitgehend das Einüben in einen konformen Zwang zu Kreativität und Innovation, ein Arbeitsleben in dem wenige Ressourcen auf eine immer größer werdende Zahl von solcherart Ausgebildeten über Wettbewerbe verteilt wird. Gerade in den so genannten kreativen Berufen ist Erfolg vor allem von der Inszenierungsfähigkeit der Egos abhängig, weniger von ihrer künstlerischen Leistung.

Wie reagieren Jugendliche und junge Menschen auf die sich ausbreitende Unsicherheit und Unzuverlässigkeit, wie sie sich vor allem in medialen Informationen manisfestieren? In den Untersuchungen zeigt sich das so genannte Optimismus-Pessimismus-Paradoxon: der individuellen Zukunft blickt man mit Optimismus, der Zukunft allgemein jedoch mit Pessimismus entgegen. Persönliche Entwicklung und Entwicklung des Gemeinwesens werden entkoppelt, der Zusammenhang wird entweder verkannt, bestritten oder verleugnet. Dem entspricht eine soziale Realität, in der vereinzelte Egos sich nicht zu einer politischen Gestalt formieren. Auf diesem Hintergrund liest sich die feststellbare massive Politikskepsis weniger als reflektierte Skepsis sondern als ein Versuch, sich in eine private Welt, in eine Art neoliberales Biedermeier zurückzuziehen. Gegenwärtige Jugendkulturen sind weniger Protestkulturen sondern eher „Freizeitkulturen“. Auch die zunächst nachvollziehbare Forderung nach Transparenz, wie sie in den sozialen Medien propagiert wird, erweist sich als misslingender Versuch, moralische Instanzen durch ein neues allgemeines Imperativ zu ersetzen1.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen stehen im Hintergrund jugendlichen Verhaltens und Erlebens in der Gegenwart? Um einige Stichworte zu geben, die in den beiden Büchern ausführlicher behandelt werden: Ökonomisierung des Sozialen, Werteverschiebung vom Postmaterialismus zum Neomaterialismus, „Flexible Bindungslosigkeit“ (Richard Sennet) anstelle von verbindlichen und emotionalen Beziehungen, Umwandlung von Bildungseinrichtungen in Ausbildungsgänge, die nicht mehr vermitteln, als nutzbringend zu verwertende Fähigkeiten und Wertigkeiten.

An die Stelle der Disziplinargesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Menschen in Einschließungsmilieus zwang (Fabrik, Klinik, Schule, Familie etc.) und dort beherrschte, trat die Kontrollgesellschaft mit ihren Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen. Um dies zu gewährleisten, entstand vor allem in der „fröhlichen“ Arbeitswelt ein breites und vielfältiges Angebot an Motivationstechniken, die den Mitarbeiter in einen frohen Knecht des Arbeitsverhältnisses verwandeln helfen. Es ist schlimm, wenn Menschen ausgebeutet werden, aber noch schlimmer wird es, wenn sie noch nicht einmal mehr für Ausbeutung benötigt werden.

Die gegenwärtige Rede von der Bildungsgesellschaft stellt sich als trügerisch heraus: unterschlagen wird z. B., „dass in schulischen und universitären Sozialisationsprozessen immer auch Bindungsfähigkeit hergestellt werden muss und Kraftreserven für den sorgsamen Umgang mit dem Gemeinwesen geschaffen werden sollten“. Mögen Jugendliche nach den Regeln einer auf Bindung, Achtsamkeit, Solidarität usw. ausgerichteten Gesellschaft ursprünglich gehandelt haben, sie mussten zusehen, wie die Finanzklasse auf alle Regeln pfeifend, die Weltwirtschaft mit betrügerischen Spekulationen in den Graben fuhr. Darauf haben Jugendliche unterschiedlich reagiert: in der Praxis der Jugendkulturen ist ein Auseinanderdriften unterschiedlicher Jugendszenen zu beobachten, die sich auf Grund von Verständigungsproblemen nicht mehr vermitteln können. Kritisch muss gefragt werden: was unterscheidet Ghettokids vom Finanzkapital? Nichts, beide sind narzisstisch dissoziative Persönlichkeiten mit einer dominanten Lust an der Zerstörung und einer Tendenz zum Missbrauch der Gruppe zur Bestätigung des Selbstbildes.

Junge Menschen in der Postmoderne können immer weniger damit rechnen, dass ältere, erwachsene Leute brauchbare Lösungen für ihre Probleme bereithalten. Auch die Bildungsprogramme herkömmlicher Agenturen der Sozialisation, wie schulische Ausbildungsgänge, Jugendverbände, politische und kirchliche Organisationen und die Familie können den existenziellen Fragen der Jugend immer weniger gerecht werden. In diesen Programmen finden Jugendliche typischerweise weder ihnen brauchbar erscheinende Vorgaben zur sinnhaften Abstimmung und Bewältigung ihrer lebenspraktischen Probleme, noch finden sie dort zuverlässige Anleitungen zur Passage gegenwärtiger und künftiger Lebensphasen.

Ein relativ homogener Trend im Verhaltensrepertoire Jugendlicher ist die Zunahme der Bedeutung von medienvermittelter Interaktion. Dabei besteht eine fehlende Möglichkeit zum „Turntaking“; dies bedeutet, dass die unmittelbare, abwechselnde Kommunikation das spontane oder gezielte Reagieren auf den Absender der Botschaft und die Botschaft selbst im Kontext medienvermittelter Kommunikation nur eingeschränkt möglich ist und dann vollständig fehlen muss, wenn der Dialog zeitlich asynchron erfolgt. Die damit einhergehende Ästhetisierung der Alltagswelt befördert die bildzentrierte nichtargumentative symbolische Kommunikation. Bilder drängen in den Vordergrund, der wortsprachliche Anteil der Kommunikation wird reduziert. An Stelle des überzeugenden wortsprachlichen Arguments tritt die Verführungskraft des Bildes2. So breitet sich in der Alltagssprache der Menschen, aber auch in der politischen und der Werbekommunikation eine nichtbegriffliche Kommunikation der Verführung aus. Der postmoderne Mensch allgemein und die Jugendlichen in ihrer Defensivhaltung3 sind die Repräsentation eines Identitätschaos, das einmal eine pragmatisch betriebswirtschaftliche Seite und dann wieder eine neoromantische gefühlsorientierte Seite in den Vordergrund treten lässt. Dem steht einerseits ein „Zwang zur Selbstverwirklichung“ gegenüber; dieser führt notgedrungen zur Depression, denn Selbstverwirklichung ist unerreichbar. Umgekehrt erscheint das soziale Gegenüber den Menschen, die die Betriebswirtschaft als Lebensprinzip internalisiert haben, in erster Linie als Geschäftspartner, der Mitmensch wird ihnen zum Geschäftsfall. Wenn davon gesprochen wird, dass die Jugendlichen in der Postmoderne wieder pragmatisch-materialistisch4 eingestellt seien, so fragt sich: um welche Art von „Pragmatismus“ handelt es sich, wenn die Autoren der Shell-Jugendstudie von einer „Pragmatischen Generation“ sprechen?

Aus den hier skizzierten postmodernen Gesellschaftsstrukturen der Gegenwart ergeben sich historisch spezifische Konfliktlinien zwischen den Generationen: die Macht auf den Kultur- und Freizeitmärkten gehört der Jugend, während sie im Wirtschaftsleben und in der Politik nach wie vor fest in den Händen der Alten ist. Die postadoleszente Lebensphase ist gekennzeichnet durch Mündigkeit ohne wirtschaftliche Grundlage. Wer umgekehrt als erwachsener Sozialarbeiter Jugendliche erreichen will, der muss, wie sie, Bilder zeigen, Events inszenieren, muss der präsentativen Logik folgend Gesamtkunstwerke zur Aufführung bringen, die die Gefühle und die Körper der Zielgruppe berühren, anstatt sie mit guten Argumenten einzureden. Die Körper sind der Köder, mit dem der egozentrische, ästhetische Individualist gefangen wird – zuletzt zeigt sich, dass die Älteren zunehmend schlechte Karten haben.



Klaus Posch / klaus.posch@fh-joanneum.at


Verweise
1 vgl. Han, B-Ch.(2013): Transparenzgesellschaft. Berlin: Matthes u. Seitz.
2 Dazu passt die These, dass Jugendliche „mit den Augen denken“.
3 Zunächst kopieren und perfektionieren Jugendliche lediglich das Verhalten der Erwachsenen oder vollziehen praktisch die Ideen und Werte, die sie im Zuge ihrer Sozialisation internalisieren mussten, wenn sie ihr Heil in ständiger Innovation durch Konsum und Erfüllung durch emotionale Grenzüberschreitungen suchten.
4 Das Lebensmotto als Kürzel dafür lautet „YOLO“: “You only live once!“






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