soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 12 (2014) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/340/585.pdf


Bernd Rohrauer:

Die Erweiterung der Nadelmethode und das Potential aktueller kartenbasierter Technologien für die sozialräumliche Methodenentwicklung.


1. Einführung
Während sich im Zusammenhang mit dem spatial turn (vgl. Döring/Thielmann 2008: 7) in den Sozialwissenschaften die „Rede vom Sozialen Raum“ (Kessl/Reutlinger 2007) einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut, dümpelt die Soziale Arbeit, was die Auslotung der technologischen Potentiale betrifft, noch sehr an der Oberfläche herum. Dass die sozialräumliche Methodenentwicklung sich weiterhin als jung und offen darstellt, ist in dem Zusammenhang ebenso interessant wie spannend. Ausgehend von der Nadelmethode (vgl. Deinet/Krisch 2009), einem sozialräumlichen Erhebungstool aus dem Handlungsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, soll dieser Artikel dazu beitragen diese Lücke auszufüllen. Die technologische Anschlussfähigkeit an die Potentiale aktueller digitaler Kartensysteme (GIS) motivierte den Autor 2012 zur Transformation/Erweiterung der sozialraumanalytischen Methode.

Ziel des Artikels ist es, diese Anschlussfähigkeit anhand eines forschungspraktischen Beispiels greifbarer darzustellen und einen Ausblick hinsichtlich der weiterführenden Möglichkeiten zu geben. Der Weg zum Ziel führt zunächst über die Deskription der klassischen Nadelmethode nach dem Stand der Literatur nach Ulrich Deinet und Richard Krisch. (vgl. Deinet/Krisch 2009)


2. Die klassische Nadelmethode
Bei der Nadelmethode handelt es sich um ein kartenbasiertes Erhebungstool aus dem Methodenset der Lebensweltanalyse. Diese stellt einen der unterschiedlichen perspektivischen Zugänge zur Erkundung von territorialem/sozialem Raum dar. Die lebensweltanalytischen Verfahren wurzeln zum einen in einer spezifischen Aneignung des Lebensweltbegriffes durch Theoretiker der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (vgl. Böhnisch1, Münchmaier2, Deinet, Krisch) und zum anderen in den tätigkeitstheoretischen Auseinandersetzungen der sowjetischen kritischen Psychologie um Leontjew. (vgl. Deinet/Krisch 2009) Ausgehend von der dahinterliegenden Kernidee, dass sich die individuelle Entwicklung an der aktiv tätigen Auseinandersetzung mit der Umwelt und der Aneignung von gegenständlicher und symbolischer Kultur vollzieht, zielt die forschende Perspektive auf das subjektive Aneignungsverhalten von Individuen ab. Im Unterschied zu den verhaltensorientierten Methoden, die bei der Erforschung des Sozialraums einen Paradigmenwechsel weg von sozialstatistikbasierten, „objektiven“ Datenquellen hin zu Beobachtungen im Feld darstellten und das Verhalten der Akteur_innen in den Blick nehmen, vollzieht sich mit der lebensweltanalytischen Perspektive eine Fokusverschiebung hin zu den subjektiven Sinnkonstruktionen der Akteur_innen im Zusammenhang mit deren Weltaneignung. Ist der Blick bei der Burano-Methode (vgl. Burano-Gruppe 1972) beispielsweise „von außen“ gerichtet auf das Feld, in dem Akteur_innen sich nach verschiedenen beobachtbaren Faktoren verhalten, so basieren die Daten der lebensweltanalytischen Verfahren vorrangig auf den Interpretationen der Akteur_innen selbst. Dabei werden Raum- und Ortsqualitäten nicht allein abgeleitet von expert_innenbasierten Beobachtungen der sichtbaren Phänomene (verhaltensorientierter Zugang) oder der Analyse sozialstatistikbasierter Daten (humanökologischer Zugang), sondern von den Interpretationen der im beforschten Raum Aktiven.

Im Zusammenhang mit der Auswertung der Daten ist bei diesem Ansatz festzuhalten, dass Deinet und Krisch (vgl. 2006: 89) dafür den Begriff der Verstehensmethodologie postulieren. Das Verstehen bezieht sich auf die hermeneutische Interpretation der unterschiedlichen Bedeutungs- und Sinnzuschreibungen der Akteur_innen im Aneignungsgeschehen. Das Bewusstsein um den aktivierenden Gehalt der Methoden aus diesem Zugang inkludiert das Bewusstsein um die Veränderung des Untersuchungsgegenstandes durch die Anwendung dieser Methoden im Erhebungsprozess. Ein Nahbezug zu Zugängen der Aktionsforschung wird hier sichtbar. Hinzu kommt der indirekte Zugang zur materiellen Erscheinung des Raumes über den Weg der subjektiven Sinnzuschreibungen der Befragten, die es hermeneutisch zu verknüpfen gilt. Dies erklärt zum einen den Verweis auf den qualitativen Gehalt der Methoden und korrespondiert auf der anderen Seite mit der Relativierung formalwissenschaftlicher Ansprüche zugunsten einer „pro-aktiven“ praxisorientierten Anwendung im Handlungsfeld. Dass der Mangel an wissenschaftlichem Anspruch mehr den Anwendungszusammenhängen als den Methoden selbst geschuldet ist, legen Deinet und Krisch nahe, wenn sie schreiben dass „die Aussagen – gemessen an wissenschaftlichen Kriterien“ (Deinet/Krisch 2006: 89) aber durchaus Gültigkeit „in Abhängigkeit vom Fachwissen der handelnden Personen, des Zeitaufwandes und des Umfangs des Projektes“ (ebd.) haben können.

Der dem lebensweltanalytischen Konzept innewohnende starke Bezug zur Entwicklungspsychologie stellt eine mögliche Erklärung für die ausgeprägte Bezüglichkeit des lebensweltanalytischen Methodensets zum Handlungsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit dar. Die gegenständlichen und symbolischen Güter der Umwelt bedeuten in diesem Denken die Reibeflächen der individuellen Persönlichkeitsentwicklung. Eine Gefahr, die den aktuellen Theorien des Raumes wenig gerecht würde, wäre es, die auf die Entwicklung der Individuen wirkenden Güter allzu statisch zu denken und die Veränderungsperspektive einzugrenzen auf die im Raum agierenden und durch diesen geprägten Akteur_innen. Dass die Prägung der Individuen durch den Raum zurückwirkt auf die Prägung des Raumes durch die Individuen, legt eine anschlussfähige Bezüglichkeit von lebensweltanalytischen Verfahren mit einem relationalen Raumverständnis (vgl. Reutlinger 2009, Löw 2001) ebenso nahe, wie die Entgrenzung der lebensweltanalytischen Methoden aus dem Handlungsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Was das Bewusstsein um die Reziprozität von Subjekt und Umwelt betrifft, stellt sich in dem Zusammenhang die von Björn Kraus (vgl. o. J.) vorgeschlagene begriffliche Unterscheidung von Lebenswelt und Lebenslage als hilfreich dar. Während demnach der Begriff Lebenslage darauf verweist, „was Wahrgenommen wird“ (ebd.), liegt mit dem Begriff Lebenswelt der Fokus darauf, „wie etwas wahrgenommen wird“ (ebd.). Bezogen auf den forschenden Zugang liegt der Fokus im ersten Fall eher bei den „äußeren“, also den beobachtbaren Phänomen (bspw. materielle Erscheinung als Folge sozialer Wechselbeziehungen), während sich dieser mit dem Lebensweltanalytischen Zugang, also im zweiten Fall, verschiebt auf die subjektiven Perspektiven der Akteur_innen.

Die Nadelmethode wurde als ethnografische Methode für die Jugendarbeit entwickelt, da sie sehr niederschwellig und aufgrund des spielerisch-taktilen Zugangs und der visuellen Erscheinung, intuitiv animierend als aktivierende Methode einsetzbar ist. Daher eignet sie sich auch besonders gut als Einstieg für darauf aufbauende und weiterführende Methoden (Interviews, Cliquenraster, strukturierte Stadtteilbegehungen...) der Datenerhebung.

Sie zielt auf die Generierung von nutzer_innenbezogenen Einschätzungsdaten spezifischer Orte innerhalb eines (meist) festgelegten territorialen Raumes ab. Dazu werden die Befragten angehalten, mittels Stecknadeln, Orte auf einer maßstabsgetreuen Karte des Forschungsgebietes zu markieren (vgl. Deinet/Krisch 2009). Unterschiedlich gefärbte Nadelköpfe entsprechen dabei unterschiedlichen Fragen sowie auch personenbezogenen Merkmalen, wie Geschlecht und/oder Alter. Ein klassisches Beispiel wäre ein Set aus drei Fragen:

  1. „Wo hältst du dich/halten Sie sich gerne auf?“
  2. „Welche Plätze meidest du/meiden Sie?
  3. Wunderfrage: „Wo würdest du/würden Sie etwas verändern?“

Nachvollziehbar erscheint die Einschätzung von Deinet und Krisch, dass es sich mit der Nadelmethode um ein Erhebungstool mit wenig Erkenntnistiefe (vgl. Deinet/Krisch 2009) handelt. Das Ergebnis ist eine Karte mit einer Anzahl von verschiedenfärbigen Nadeln bezogen auf die gestellten Fragen. Darüber hinaus warnen die Autoren explizit vor der Versuchung einer quantitativen Auswertung der Nadeln. (vgl. ebenda) Sie begreifen die Methode in erster Linie als eine Einstiegsmethode, die einen rudimentären Einblick gibt in mögliche Qualitäten spezifischer Orte und die es mittels weiterer Methoden aus dem Set der Lebensweltanalyse zu beforschen gilt (ebd.). Kompensativ zur mangelnden Erkenntnistiefe sehen Deinet und Krisch den aktivierenden Gehalt der Methode, der dazu beitragen kann, Akteur_innen für die Beteiligung an weiteren Methoden zu gewinnen – beispielsweise für eine „Stadtteilbegehung mit Kindern und Jugendlichen“ (Deinet/Krisch 2006: 91). Gleichwohl lässt sich dieses aktivierende Gehalt nutzen, etwa mittels der Erweiterung der Methode um einen Leitfragebogen. Der doch sehr begrenzte Erkenntniswert der unterschiedlichen Nadeln zeigt sich auf diese Weise bereichert um qualitative Interviewdaten, die den jeweiligen Nadeln zuzuordnen sind. Genau jener Gedanke, die Vorteile sowohl des aktivierenden Gehalts der Nadelmethode und im Besondern auch dessen Potentiale zur Visualisierung sozialräumlicher Erhebungsdaten fruchtbar zu machen – und dies zu kombinieren mit einer Methode, die mehr Erkenntnistiefe und Datenvalidität ermöglicht – motivierte die Entwicklung eines sozialräumlichen Erhebungstools, das diese Möglichkeiten sinnvoll verbindet. Dies begann 2012 und mündete in einen Forschungsauftrag zur Durchführung einer Freiraumanalyse in der städtischen Wohnhausanlage am Schöpfwerk.


3. Der Weg zum digitalen Nadeltool
Vorangegangen war dem Forschungsauftrag eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Grenzen und Potentialen der Nadelmethode nach dem Stand von Deinet und Krisch (vgl. 2009). Zunächst ging es dabei um eine Übersetzung der „analogen“ Methode ins „Digitale“. Als bedeutsamer Gewinn erschien die Aussicht die leitfragengebundenen qualitativen Interviewdaten an die Pins/Nadeln auf der digitalen Karte zu „mappen“. Paradoxerweise scheint sich das Verhältnis von analog zu digital bei der Betrachtung der Karte insofern zu verkehren, als sich die Nadeln im analogen Verfahren eher als binär (entweder/oder) geben als im digitalen Verfahren. So gibt eine rote Stecknadel in der Regel wieder, dass der damit markierte Ort negativ (etwa Angstraum, gemiedener Ort etc.) konnotiert ist, während eine schwarze gegenteiliges bezeichnet. In der digitalen Variante ist dies ebenso der Fall, mit dem alleinigen Unterschied, dass sich mit einem Mausklick darauf in einem kontextsensiblen Infofeld die zugehörige Interviewpassage öffnet, die Aufschluss über den Begründungszusammenhang gibt. Darüber hinaus werden bei der Selektion einer bestimmten Ortsmarkierung alle anderen von der befragten Person bewerteten Orte hervorgehoben. Bei der klassischen Nadelmethode dagegen werden die einzelnen Markierungen als voneinander getrennt und unabhängig dargestellt.

Diese Potentiale führten zur Annahme, dass sich bei vertiefter Auseinandersetzung weitere Möglichkeiten zeigen, die zu einer Erweiterung der Methode beitragen könnten. So mündeten diese Untersuchungen nach der Vorstellung und Diskussion des damaligen Ist-Standes im Stadtteilzentrum Bassena am Schöpfwerk in der Beauftragung zur Durchführung einer Freiraumanalyse in der städtischen Wohnhausanlage am Schöpfwerk.


4. Freiraumanalyse am Schöpfwerk
Anlass für den Forschungsauftrag war die seitens der Bezirksvorstehung im 12. Wiener Gemeindebezirk intendierte Umgestaltung des Hügelparks. Dieser ist die zentrale Parkanlage der rund 5.000 Mieter_innen zählenden Wohnhausanlage „am Schöpfwerk“. Der Park zeichnet sich durch eine sehr hohe Nutzungsintensität aus. Der Nutzungsdruck der begrenzten territorialen Fläche motivierte das beauftragte Team, die sozialräumlichen Qualitäten und Potentiale des wohnungsumfeldrelevanten Raumes über die Parkanlage hinaus hinsichtlich der Freiraumnutzung der lokalen Akteur_innen in den Blick zu nehmen. Interesse der Analyse war es, die diesbezüglichen Bedürfnisse der „am Schöpfwerk“ lebenden Bewohner_innen zu erheben. Die Ergebnisse der Analyse wurden nach Abschluss der Erhebung im Rahmen eines „Round Tables“ in der Bezirksvorstehung vorgestellt und sollen der MA 42 (Wiener Stadtgärten) als Grundlage für die Umgestaltung der Anlage dienen. Die Erhebung erfolgte in Kooperation mit dem lokalen Jugendzentrum und dem Nachbarschaftszentrum in der WHA durch ein 15-köpfiges Projektteam und unter Beteiligung von Praktikant_innen der FH Campus Wien. Dies erlaubte die Durchführung von 145 leitfragengebundenen Interviews im Zeitraum zwischen April und Juni 2013. Als geeignetes Forschungsdesign wurde ein Methodenmix aus Phasenmodell der Methodenintegration (vgl. Kelle 2004: 51) und Datentriangulation (vgl. Flick 2004: 12ff) gewählt. Es wurden für den Zweck der Befragung drei Kernfragen herausgearbeitet, um sie mithilfe der Variante des computerbasierten Nadeltools zu beforschen.


5. Das digitale Nadeltool in seiner Anwendung bei der Freiraumanalyse am Schöpfwerk
Bei der Analyse im Feld kam, wie zuvor erläutert, die mobile Nadelmethode nach Deinet und Krisch (vgl. 2009) erweitert um einen Leitfragebogen zum Einsatz. Die gewonnenen Daten (806 Ortsmarkierungen) mussten in das entwickelte digitale Nadeltool übertragen werden, was zunächst einen gewissen Mehraufwand bedeutete. Die zentralen Aspekte des Tools lagen in dessen Potential des Archivierens und Visualisierens sowie den bereitgestellten Möglichkeiten der systematischen Datenverknüpfung und der selektiven und triangulativen Auswertungsmöglichkeiten des gesammelten Datenmaterials.

Analog zur klassischen Nadelmethode liegt dem Tool eine Kartografie des Erhebungsgebietes zugrunde. Neben der Möglichkeit die bezeichneten Orte mit qualitativen Interviewpassagen zu verknüpfen, liegt das erweiternde Potential in den Möglichkeiten der selektiven Auswertung unterschiedlicher Fragestellungen. Hinsichtlich der Möglichkeiten der quantitativen Auswertung wurde der Erhebung eine explorative Phase vorangestellt, um aus 10 leitfragengebundenen Interviews Kernkategorien zu identifizieren. Diese Kategorien bildeten Cluster für die quantitative Auswertung der Erhebungsdaten, die es später erlauben sollten, anhand von Spitzen und Verdichtungen im gesammelten Material Thesen zu generieren, die es mittels der spezifischen Auswertung der qualitativen Daten näher zu untersuchen galt. Neben den so generierten Themenclustern, ließen sich hinsichtlich der datenselektiven Auswertung auch andere Faktoren wie Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund etc. berücksichtigen. Auf diese Wiese war es möglich die gesammelten Daten zunächst aus unterschiedlichen Perspektiven an der Oberfläche der Visualisierung und statistischen Ausgaben in Tabellenform zu betrachten: Wo zeigen sich welche Verdichtungen/Auffälligkeiten/Unterschiede bei der Selektion spezifischer Kriterien (Bsp.: alt/jung, männlich/weiblich)?

Dieser Prozess legte die Spuren für die vertiefende Auseinandersetzung durch die Analyse der qualitativen Interviewdaten. Anzunehmen ist, dass derselbe Prozess unter Anwendung der klassischen Nadelmethode nicht möglich gewesen wäre. Aus jener Perspektive heraus erscheint es plausibel, der Empfehlung von Deinet und Krisch zu folgen und die Nadeln eben nicht quantitativ zu auszuwerten. (vgl. Deinet/Krisch 2009) Die Erweiterung durch softwaregestützte Datenverknüpfung vermag es jedoch diese Einschätzung zu relativieren. Zum einen aufgrund der Möglichkeiten der quantitativen Analyse, zum anderen dadurch, dass eine solche nicht auf Kosten einer Überlagerung der qualitativen Aspekte der Methode passieren soll, sondern im Sinne einer datentriangulativen Verknüpfung (vgl. Flick 2009: 225) zu einer Bereicherung beitragen kann – eben so wie es im Forschungsdesign des Projektberichtes ausgewiesen ist (vgl. VJZ 2013).


Abbildung 1: Screenshots des digitalen Nadeltools mit Daten aus der Freiraumalanalyse am Schöpfwerk 20133

Neben der Selektion der vordefinierten Themencluster und statistischen Kriterien erlaubt das Tool auch raumselektive Auswertungen. Innerhalb des Untersuchungsgebietes lassen sich beliebige Raumausschnitte mittels Mausselektion aufzeichnen und (auch kombiniert mit weiteren Kriterien wie Themencluster, Geschlecht etc.) auswerten. So zeigte sich im Zusammenhang mit der Analyse etwa, dass die U-Bahnkäfige innerhalb der Peer der unter 30-Jährigen eine noch höhere Nutzungsintensität aufwiesen als der im Zentrum des Interesses stehende Hügelpark. Aus geschlechterperspektivischer Selektion zeigte sich dabei eine starke männliche Dominanz.

Auch lassen sich beliebige Raumausschnitte relational zu den Wohnorten betrachten (vgl. Abb 1.5). Die jeweilige Selektion gibt wieder, welche Orte jene Befragte bewerten, die im markierten Ausschnitt wohnen. Dies erlaubt differenziertere Betrachtungen ortsspezifischer Nutzungen und potentieller Bedarfe in Bezug auf unterschiedliches Mobilitätsverhalten, die sich spezifisch (Alter, Geschlecht etc.) betrachten lassen. Im Zusammenhang mit der Freiraumanalyse ließ dies beispielsweise Rückschlüsse darauf zu, wie sich die Wahrnehmung und die Nutzung spezifischer Orte aus Sicht der Bewohner_innen der Kleingartensiedlung, als abgegrenzter Teilraum im Erhebungsgebiet, von jenen der Bewohner_innen anderer Teilräume unterschied. Diese Rückschlüsse führten zur vergleichenden Betrachtung der unterschiedlichen gegenseitigen Zuschreibungen und verdeutlichten eine starke Polarisierung zwischen den Bewohner_innen der Kleingartenanlage und jenen der städtischen Wohnhausanlage, die stark mit dem Nutzungsdruck des begrenzten territorialen Raums außerhalb der Kleingartensiedlung korrelierte. Der festgestellte perspektivisch unterschiedlich gewichtete Nutzungsdruck bedeutete ein Erklärungsmodell für die gegebenen Indikatoren einer „gated community“.


5.1 Zusammenfassung der erweiternden Potentiale des digitalen Nadeltools
Knapp zusammengefasst können an dieser Stelle folgende Erweiterungen für die digitale Form der Nadelmethode festgehalten werden:

Neben Geschlecht und Alter lassen sich beliebig viele forschungsrelevante und quantifizierbare Indikatoren berücksichtigen, abfragen, visualisieren und auswerten.

Das Tool erlaubt eine automatische Verknüpfung der qualitativen Interviewdaten mit den jeweiligen Ortsmarkierungen.

Innerhalb des Erhebungsgebietes können Raumausschnitte selektiv und vergleichend ausgewertet werden.

Die Verknüpfung der (qualitativen und quantitativen) Daten, sowie die selektionsspezifische Filterung erlaubt die Bearbeitung von umfangreichem Datenmaterial und die datentriangulative Auswertbarkeit. Der quantitative Gehalt der Methode steigt, durch die Handhabe größerer Fallzahlen. Der qualitative gewinnt durch die systematisierte Implementierung von Leitfragen.

Die datenbankgetriebene Software ermöglicht neben der Visualisierung selektionsspezifischer Auswertungen in Form von Balkendiagrammen (vgl. Abb.1.4.) und der Ausgabe von quantitativen Daten in Tabellenform (vgl. Abb.1.3.) auch den Export und die Weiterbearbeitung der Daten mit externen Programmen, wie SPSS.

Das Tool erlaubt auch selektionsspezifische Abfragen des qualitativen Materials (Bsp.: Alle Aussagen von weiblichen Teens zu positiv bewerteten Markierungen des Hügelparks).

Markierte Orte auf der Karte stehen in einem sichtbaren Zusammenhang. Durch Mausklick auf eine Markierung werden beispielsweise sämtliche andere vom/von der Interviewpartner_in bezeichneten Orte hervorgehoben (vgl. Abb.1.1.). Auf einer Mobilitätskarte zeigen sich die verzeichneten Orte selektionsspezifisch mit Linien untereinander verbunden (vgl. Abb.1.2.). Dadurch werden Verdichtungen, Überschneidungen sowie unterschiedliche Distanzen sichtbar, welche sich ebenso vergleichend in Bezug auf Alter, Geschlecht etc. betrachten lassen.


6. Die Zeitachse
Die Nadelmethode in der klassischen Form nach Deinet und Krisch (vgl. 2009) ist gut geeignet, Informationen im Sinne eines Querschnittes zu erheben. Wo diese Methode bisher nicht zum Einsatz kommt, ist, wenn es darum geht, dies über einen bestimmten Zeitraum anzustellen bzw. sämtliches Datenmaterial zu bündeln, zu filtern und dem jeweiligen Forschungsinteresse entsprechend miteinander in Bezug zu setzen.

Das Nadeltool in der Form, wie es für die Analyse am Schöpfwerk Anwendung fand, bietet die Möglichkeit die sozialraumbezogenen lebensweltperspektivischen Daten nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu markieren.

Somit lässt sich aus über einen längeren Zeitraum gewonnenen Daten einiges herauslesen, was in der aktuellen Form nicht bzw. nur mit größtem Aufwand verbunden möglich ist. Beispielsweise zeigt sich, wie sich Treffpunkte in der Zeit zwischen x und y verlagern. Auf diese Weise einsehbare Veränderungen, Verschiebungen, Um[be]wertungen etc. im Sozialraum lassen sich auch mit planerischen Maßnahmen, Ereignissen, Interventionen und Projekten oder mit demografischen Verschiebungen in der Vergangenheit in Beziehung setzen, die sich prinzipiell auf einer eigenen Ebene ins Tool integriert markieren und beschreiben ließen.


7. Potentiale für die Erweiterung des digitalen Nadeltools
Im Folgenden sollen mögliche Erweiterungspotentiale des digitalen Nadeltools besprochen werden. Dabei lohnt es sich Bezüge zu anderen praxiserprobten kartenbasierten Tools zu setzen. Die Reflexion dieser Potentiale bedarf zudem einer aus dem lebensweltanalytischen Rahmen entgrenzten Perspektive. Auf Indizien, die eine solche Entgrenzung nahelegen, wurde implizit schon verwiesen, etwa am Beispiel der Möglichkeit die Folie der subjektiven Sinnkonstruktionen der Befragten, um eine Folie, die bauliche Veränderungen/Eingriffe festhält, zu erweitern. Während die Ortsbewertungen durch Befragte mit dem Fokus auf die Lebenswelt (lebensweltanalytischer Zugang) korrespondieren, bedeutet die Verknüpfung dieser mit phänomenologisch erfassbaren Erscheinungen im territorialen Raum und/oder struktureller Bedingungen des Territorialraums eine Bereicherung im Sinne der Berücksichtigung eines „lebenslageanalytischen“ Zugangs; Zumindest nach der Björn Kraus (o. J.) geschuldeten Unterscheidung von Lebenswelt und Lebenslage. Eine alternative Matrix für die weitere Auseinandersetzung stellen Schubert und Riege mit deren Schichtenmodell (vgl. Riege/Schubert 2005: 45) bereit. Darin unterscheiden sie zwischen vier Zugängen beim Versuch der Erfassung von Sozialraum:

Der erste bezieht sich mit der Zonierung und Abgrenzung des beforschten sozialgeografischen Raumes auf die territorialen Aspekte von Raum. Die Gefahr kartenbasierter Instrumente ist es, dass sie der Differenzierung zwischen Territorial- und Sozialraum eher abträglich sein können, indem die Karte, so sie eine interpretierte Abbildung des geografischen Raumes darstellt, selbst diesen Aspekt hervorkehrt. Mit der Suggestion per se real gegebener und befüllbarer spezifisch eingegrenzter territorialer Räume korrespondiert sie damit eher mit absolutistischen Raumvorstellungen. Hinzu kommt die Gefahr, dass die Bedingungen und wirksamen Machtlogiken bei der Konstitution der Karten keine Berücksichtigung finden. Vergessen droht dabei zu werden, dass eine jede Karte „als Resultat menschlicher Syntheseleistungen“ (Löw/Steets/Stoetzer 2007: 68) zu interpretieren ist und „die einzig objektive Karte eines Raumes [...] der Raum selbst“ (ebd.) wäre. Abgesehen von etwaigen technologischen Möglichkeiten kartenbasierte sozialräumliche Erhebungsprozesse kartenkonstitutiv zu demokratisieren, lässt sich die medial bedingte territoriale Dominanz nur bedingt relativieren.

Im Fall des digitalen Nadeltools wurde ein maßstabsgetreuer Plan des betreffenden Sozialraums eingescannt. Angesichts aktueller Möglichkeiten wirkt diese Weise der Karteneinbettung antiquiert, zumal sich geografische Orte außerhalb des untersuchten territorialen Raums nicht miteinbeziehen lassen.

Die Verwendung offener GIS basierter Karten birgt demgegenüber viele Vorteile. Neben der freien Skalierung können beliebige Orte außerhalb des Untersuchungsgebietes und entsprechende Wechselwirkungen zwischen den Räumen miteinbezogen und sichtbar gemacht werden. Der für die Untersuchung eingegrenzte territoriale Raum stellt sich somit nicht länger als isoliert von seinen Umräumen dar.

Die Verwendung von GIS-Karten in der digitalen Nadelmethode bietet auch den praktischen Vorteil, dass Markierungen innerhalb eines größeren Untersuchungsraumes sehr gezielt gesetzt werden können (Bsp.: Nicht der Park als Teilraum des Untersuchungsgebietes wird als Treffpunkt genadelt, sondern, etwas tiefenschärfer, die Sandkiste neben dem Fußballplatz im Park). Durch die Georeferenzierung, lassen sich alle Markierungen auch auf andere Karten übertragen bzw. diese sich via Datenbankanbindung in übergeordneten Systemen zusammenführen.

Die eingangs gezeichnete Kritik hinsichtlich der Dominanz des territorialen Aspektes vermögen diese Potentiale nur bedingt zu relativieren. Die „Öffnung“ der territorialen Grenze des Untersuchungsgebietes stellt jedoch eine bedeutsame Innovation im Sinne der Lebensweltorientierung dar, zumal mit der Bezugnahme auf Orte außerhalb des untersuchten territorialen Raumes die Lebenswelten der Befragten nicht länger territorial beschnitten werden müssen.

Die zweite Schicht bei Riege und Schubert bezeichnet die strukturelle Profilierung (Riege/Schubert 2005: 45), und diese bezieht sich besonders auf den humanökologischen Zugang, der besonders auf sozialstatistische Daten aus der Amtsstatistik angewiesen ist. Auch hier kommt indirekt eine starke Gewichtung auf die territorialen Aspekte zum Tragen, zumal jede quantitative Auswertung dabei in Relation zu einer geografischen Eingrenzung des Raumes steht. Was aus dieser Perspektive besonders interessiert, sind Daten, die Aufschluss über sozialökonomische Lagen und deren Verteilung/Konzentration (u. a. Segregation) innerhalb des Untersuchungsgebietes geben. Neuere Ansätze kritisieren die Monokausalität durch die Fokussierung auf die sozialökonomischen Daten, beim Versuch sozialräumliche Disparitäten humanökologisch zu erklären.

Ein Anspruch hinsichtlich der technologischen Einbindung in die kartenbasierte Software ergibt sich aus der Frage, wie eine solche ressourcenschonend und modifizierbar gestaltet werden kann. Immerhin zeigen sich am Beispiel des Kiezatlas4 die dahingehenden versuchsweise erprobten Potentiale, einerseits am Einbezug der Lebensweltlich orientierten Planungsraum-Daten (LOR)5 in der aktuellen Fassung und andererseits im Versuch der kartografischen Übersetzung sozialstatistikbasierter Merkmale6 in der Version von 2003.

Weniger Abstraktionsaufwand bedarf die Berücksichtigung der dritten, von Riege und Schubert (2005: 45) definierten Schicht der Bestandsbeschreibung hinsichtlich einer Integration in ein kartenbasiertes Erhebungsinstrument. Diese korrespondiert mit dem Anlegen eines Institutionenrasters, im Sinne der Rekonstruktion lokalräumlicher sozialer und kultureller Netzwerke. Neben zusätzlichen Aspekten von Nahversorgung, Verkehrsanbindung, Verfügbarkeit von Behörden etc. lassen sich unter Ausschöpfung der gegebenen Potentiale der zeitlichen Aufzeichnung auch Interventionen und bauliche Veränderungen abbilden und relational zu anderen Beobachtungs- und Erhebungsdaten in Beziehung setzen.

Die vierte Schicht bei Riege und Schubert verknüpft die Zugänge zwischen dem phänomenologisch zugänglichen Aktionsraum und den subjektiven Sinnkonstruktionen. (vgl. ebd.: 46) Was diese Subsummation legitimiert, ist, dass beide Zugänge in Abgrenzung zu den anderen Schichten weniger Abstand nehmen vom Untersuchungsgegenstand und diesen damit stärker mitkonstituieren und verändern.

Aus dieser Perspektive mag es lohnen, die denkbaren Einbindungsvarianten und sich daraus ergebenden Rollen der Befragten zu reflektieren:

Während bei der Nadelmethode nach Deinet und Krisch (vgl. 2009) die Befragten selbst „nadeln“ – ein wesentlicher Faktor für den aktivierenden Gehalt der Methode – wurden bei der Untersuchung am Schöpfwerk die Eintragungen in das Nadeltool von den Projektmitarbeiter_innen vorgenommen. Eine völlig andere Variante ergibt sich durch adaptierte Möglichkeiten der Verwendung als Online-Tool7.

Im Rahmen der technischen Möglichkeiten ließe sich in Bezug auf die Befragten-/ Nutzer_innenrollen zwischen den folgenden Zugängen differenzieren:

  1. Face-to-Face und mobil im Feld (z. B. mobile Nadelmethode)
  2. Face-to-Face und standort-/einrichtungsgebunden (z. B. Nadelmethode, digitales Nadeltool)
  3. Nutzer_in/Befragte_r – Maschine via Online-Zugang zum Zweck der Datenerhebung (z. B. M.I.T.-Projekt Stadtplan der Gefühle8)
  4. Nutzer_in/Zielgruppe – Maschine via Online-Zugang zum Zweck der Information (z. B. Kiezatlas9 in Bezug auf Zielgruppe Bürger_innen)
  5. Nutzer_in/Zielgruppe – Maschine – Nutzer_in/Zielgruppe zum Zweck der Datenerhebung, Information und/oder Aktivierung (z. B. Agenda 10 Tool10)

Abhängig von Fragestellung und Zweck gilt es, sich je nach Anwendungszusammenhang für eine Option bzw. eine Kombination mehrerer Varianten zu entscheiden.

Dort wo Krisch die geringe Validität der mittels Nadelmethode gewonnenen Daten auf den Umstand zurückführt, „dass ein bereits bezeichneter Ort dazu einladen [kann], ebenfalls dort Nadeln zu positionieren“ (vgl. Krisch 2009: 79), zeigt sich dieses Argument ob der Möglichkeit, den Plan/die Karte bei jeder neuen Eingabe unmarkiert darzustellen, entkräftet. Jedoch ist zu beachten, dass beide Varianten, je nach Anwendungszusammenhang, unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Dort etwa, wo, wie im Fall des Onlinetools des Agendabüro Favoritenb11, die Karten mitsamt ihrer Inhalte (Markierungen, Bewertungen...) einsehbar sind, muss das Bewusstsein um die „Verfälschung“ der Eingaben gegeben sein, bzw. aus der Perspektive des (aktionsforschungsaffinen) aneignungstheoretischen Zugangs, um dessen Einfluss auf die Veränderung des Untersuchungsgegenstandes gegeben sein. Das Erhebungsinstrument zeigt hier auch Potential zu einem Medium für Diskurs und Aushandlung zu werden.


Abbildung 2: Online-Tool des lokalen Agendabüro Favoriten. Montage aus Screenshots des onlineTools12 (Stand August/September 2014), nachbearbeitet durch den Autor.


8. Fazit bezüglich der Weiterentwicklung im Sinne eines methodenintegrativen Instrumentes
Ein (methodenintegratives) Tool ermöglicht die Verbindung einer territorialen Eingrenzung des Sozialraums und dessen Zonierung hinsichtlich diverser möglicher Indikatoren in einer ersten Schicht, einer Zeichnung der institutionellen und informellen Ressourcen im Sinne eines Institutionenrasters in einer nächsten und die Abbildung nutzer_innen- und lebensweltperspektivischer Sinnkonstruktionen auf einer übernächsten.

Die daraus schöpfbaren Möglichkeiten, sowohl bezogen auf die übergreifende Verknüpfbarkeit der Daten sowie auf die prinzipielle Berücksichtigung der Dimension „Zeit“, bringen die Frage nach den Abgrenzungen zwischen Informations-, Erhebungs-, Monitoring- und Dokumentationsinstrumenten aufs Tapet – umso mehr angesichts der technischen Möglichkeit die erhobenen Sozialraumdaten unterschiedlicher kleinräumiger Analysen zu vernetzen.

Es sollte dabei aber nicht übersehen werden, dass sich bei aller Rede um die „technologischen Potentiale“ bei näherer Betrachtung „blinde Flecken“ zeigen, denn bei der Orientierung an dem von Riege und Schubert vorgeschlagenen und als Matrix verwendete Schichtenmodell (vgl. 2005: 45) bleiben wesentliche (mit-)einflussgebende Faktoren auf der vertikalen Achse weitgehend unberücksichtigt. Die Potentiale und Grenzen des kartenbasierten Instrumentes sind an dessen mediale Bedingungen geknüpft. Die Möglichkeit der (kartenlogischen) räumlichen Bezugssetzung von Informationen steht in Relation zu den Grenzen, die dort in Erscheinung treten, wo es darum geht Informationen, die sich einer primär territorial-raumlogischen Ver-„Ort“-ung entziehen, sinnig einzubinden und zu verknüpfen. Was bei allen dargestellten Potentialen bleibt, ist die Vision eines Instrumentes, das den Einblick aus einem vermeintlich „Außen“ in einen isolierten (und mit anderen beobachtbaren isolierten Räumen interagierenden) Raum verspricht. Dabei wird die institutionell/auftraggeber_innenseitig bedingte konstitutive Macht der eigenen Rolle ebenso wenig einbezogen, wie alle anderen einflussgebenden Faktoren, die sich der Einbindung innerhalb der willentlich konstruierten territorialen Grenzen und einer georeferenziellen Zuordnung entziehen. Besonders die Nutzbarmachung der lebensweltperspektivischen/subjektiven Daten der Akteuer_innen auf Lokalraumebene bekommt hier angesichts des suggeriert „objektiven“ forschungsperspektivischen Blickpunktes, in seiner „Entgrenzung“ aus dem lebensweltanalytischen Zugang, einen bitteren Beigeschmack. Geschmacksverstärkend dabei wirkt der Ausdunst von Begriffen wie „evidenzbasierte Forschung“, „Wirkungsorientierung“, „Prävention“, „Sozialraummonitoring“ im Zusammenhang mit „neuer Steuerungsformen“ im Kontext der wirkungsorientierten aktuellen Regierungslogiken, wie „urban governance“. (vgl. Schindler 2010: 28f)

Insofern gilt es die aufgezeigten Potentiale zu verstehen als ein Sammelsurium an Möglichkeiten zur Entwicklung von Instrumenten, die Aspekte unterschiedlicher Perspektiven auf Sozialraum bündeln und fruchtbar zueinander verknüpfbar machen – jedoch beim Anspruch sozialräumliche Phänomene und Zusammenhänge umfassend zu deuten nicht ohne die Berücksichtigung und Vernetzung weiterer Erhebungsinstrumente, Methoden und Blickpunkte auskommen können. Dies gilt für ein kartenbasiertes Tool, das imstande sein soll die aufgezeigten Potentiale zu bündeln ebenso, wie es für das Schichtenmodell von Riege und Schubert (vgl. 2005) gelten dürfte.


Verweise
1 Vgl. Böhnisch/Schröer/Thiersch 2005: 215ff.
2 Vgl. Böhnisch/Münchmeier 1993
3 aus Gründen der Datensicherheit nicht öffentlich zugänglich.
4 Vgl. http://www.kiezatlas.de (12.07.2014).
5 http://pax.spinnenwerk.de/~kiezatlas/home.html (02.02.2014).
6 Das Tool aus der Fassung vor der Weiterentwicklung zu einem Open-Source-Tool findet sich online: http://datenbank.spinnenwerk.de/vska/indexo3.html (04.09.2014).
7 Eine beispielhafte Variante findet sich etwa auf der Homepage des Agendabüros Favoriten http://www.agenda10.bplaced.net/agenda10/Master_Agenda1.swf (08.07.2014).
8 Der Standard am 15. August 2013, Forschung Spezial: Stadtplan der Gefühle. Online unter: http://derstandard.at/1375626509929/Stadtplan-der-Gefuehle (08.07.2014).
9 Vgl. >http://www.kiezatlas.de (12.07.2014).
10 http://www.agenda10.bplaced.net/agenda10/Master_Agenda1.swf (08.07.2014).
11 ebd.
12 ebd.


Literatur

Böhnisch, Lothar / Münchmeier, Richard (1993): Pädagogik des Jugendraums: Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendarbeit. Weinheim/München.

Böhnisch, Lothar / Schröer, Wolfgang / Thiersch, Hans (2005): Sozialpädagogisches Denken. Wege zu einer Neubestimmung. Weinheim/München.

Burano-Gruppe (1972): BURANO – eine Stadtbeobachtungsmethode (Auszüge aus dem Original von 1972). In: Riege, Marlo / Schubert, Herbert (Hg.): Sozialraumanalyse. Grundlagen – Methoden – Praxis. Wiesbaden, S. 97-114.

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Über den Autor

Bernd Rohrauer, BA

Studium der Sozialen Arbeit an der FH Campus Wien
seit 2014 Mitarbeiter bei wohnpartner, Stabstelle Fachliche Entwicklung und Qualitätssicherung






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