soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 12 (2014) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Redaktion soziales_kapital
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/343/577.pdf


Vincent Richardt:

Der Teufel an der Wand und die Faust in der Tasche

Replik auf einen Beitrag von H. Höllmüller über Sozialraumorientierung in Graz


Unter der Ü̈berschrift „Modell Graz – organisationstheoretische und entscheidungstheoretische Aspekte einer top-down [sic] Reform des Jugendamtes Graz“ veröffentlicht H. Höllmü̈ller auf der Webseite der FH Kärnten einen Beitrag zu einer entsprechenden Untersuchung, die er in Eigenregie und -initiative durchgefü̈hrt hat.1 Höllmüller (2014) gibt dabei einleitend an, dass er nur vom „Modell Graz“ spricht und die eigentliche Bezeichnung des Projekts, nä̈mlich „Sozialraumorientierung“, nicht verwendet, weil es seines Erachtens „in erster Linie um einen [sic] top-down [sic] Organisationsentwicklungsprojekt“ geht, was er dezidiert mit seiner Arbeit beweisen will (vgl. ebd.: 1, Fn. 1).

Zu diesem Zweck hat er u. a. 14 narrative Interviews mit GesprächspartnerInnen geführt, die fast ausnahmslos anonym bleiben und die er über „Netzwerke“ angeworben hat, um mit ihnen über seine „Forschungsfrage“ und das „Modell Graz“ zu sprechen (ebd.: 3). Aus den Originalzitaten dieser GesprächspartnerInnen, die den Großteil von Höllmüllers Beitrag ausmachen, kann man indirekt schließen, dass es sich vor allem um Mitarbeiter/innen des Jugendamtes und von örtlichen Trägern handeln muss, deren jeweilige Gruppengrößen aufgrund der Anonymität natürlich nicht bestimmbar sind. Ebenso wenig wird deutlich, ob die Zitate von allen oder überwiegend von wenigen stammen, wobei aufgrund der einheitlichen Sprache eher Letzteres wahrscheinlich ist. Und obwohl Höllmüller selbst einräumt, dass es sich bei der umfangreich geäußerten Kritik zu dem nur rudimentär erläuterten „Modell Graz“ vermutlich um die Position einer „Minderheit“ (ebd.: 3)2 handeln würde, findet er seine These vom „Einsparungsmodell“ durch seine Arbeit vollauf bestätigt (ebd.: 1, 26). Somit habe sich der „Anfangsverdacht“ des Autors erhärtet, was er durch seitenweise, lose aneinandergereihte Originalzitate von eben jener „Minderheit“ zu untermauern versucht.


Natürlich handelt es sich bei Höllmüllers Beitrag keineswegs, wie man auf einen ersten flüchtigen Blick vermuten könnte, um eine qualitative Forschungsarbeit, denn hierfür müsste er sich seinem Sujet sehr viel unvoreingenommener nähern und auch die Untersuchung entsprechend durchführen3, sondern eher um eine unüblich gestaltete Interviewsammlung im Sinne einer journalistisch-investigativen Reportage, was Interessierte bei der Lektüre unbedingt beachten sollten. Eine solche Vorgehensweise ist im Kontext von bürgerlicher Meinungsfreiheit selbstverständlich völlig legitim und wäre überhaupt nicht der Rede wert, würde Höllmüller seinen Beitrag nicht mit einer ganzen Reihe von unbelegten und zweifelsfrei falschen Behauptungen sowohl über das Fachkonzept der Sozialraumorientierung als auch über die Evaluation des entsprechenden Modellprojekts „abrunden“, die so keinesfalls unkommentiert stehenbleiben können.

Anders als Höllmüller (2014) meint, der die Sozialraumorientierung in Graz nicht einmal als solche bezeichnen mag4 und auf ein rigides Steuerungsverfahren zur Kostenminimierung reduziert, geht es bei dem eigentlichen Fachkonzept darum, dass die Anliegen und Themen der betroffenen Menschen im Zentrum der Bemühungen stehen, dass deren Potentiale und andere Ressourcen genutzt, dass individuelle Zielsetzungen entwickelt und verfolgt werden und dass, last, but not least, die Unabhängigkeit der Menschen von diesen Hilfen schnellstmöglich angestrebt wird. Auf einen Nenner gebracht, geht es um die Aktivierung von Selbsthilfe, und zwar so weitreichend, wie dies realisierbar ist, während reine Fürsorge, also gewissermaßen das „An-die-Hand-Nehmen“ der „armen Leute“, das „Aus-der-Hand-Nehmen“ von Verantwortung, größtmöglich eingeschränkt werden soll.5 Nun ist dies selbstverständlich ein hoher Anspruch, der in seinem fachlich-inhaltlichen Kern eigentlich nur von denjenigen bezweifelt werden kann, die sich einem traditionellen, eher fürsorglich geprägten Handlungsideal verpflichtet fühlen.6 Gleichzeitig scheint er jedoch als Leitlinie für ein großes Hilfesystem wie die Grazer Jugendwohlfahrt durchaus angemessen zu sein. Die Aufgabe der Evaluation bestand ausschließlich darin, zu überprüfen, inwieweit es im Modellzeitraum gelungen ist, diesen Anspruch zu verwirklichen.


Höllmüller (2014) unterstellt nun in seinem Beitrag, dass die entsprechenden Untersuchungen als Selbstevaluation gelten müssten und außerdem Analysen sowie Ergebnisse teilweise unzureichend begründet seien, wobei er hierfür seinerseits auf vertiefende Erläuterungen verzichtet (ebd.: 8-10). Die Behauptung, es handelte sich um eine Selbstevaluation, die stadtintern geleitet wurde, muss an dieser Stelle als vollkommen falsch zurückgewiesen werden, da die Evaluation zur Überprüfung der genannten inhaltlichen Aspekte von einem externen Institut durchgeführt wurde7, und zwar im Rahmen einer groß angelegten, in erster Linie quantitativen Studie zur Analyse des Gesamtsystems.8 Höllmüller (2014) mag die gewählte Methodik als in seinen Augen unpassend empfinden, was im Zuge eines vernünftigen akademischen Diskurses vollkommen legitim ist, allerdings wäre es hierbei schon wünschenswert, wenn einzelne Aspekte nicht völlig aus dem Zusammenhang gerissen würden und dieser obendrein nicht komplett ausgeblendet bliebe.

In aller Kürze sei deshalb angemerkt, dass in dem gewählten Evaluationsdesign, entsprechend der üblichen Vorgehensweise in quantitativen Forschungszusammenhängen9, der Evaluationsgegenstand, also zielgenaue, effektive und effiziente Hilfen, durch mehrere Hypothesen operationalisiert wurde und diese mit Hilfe von geeigneten Verfahren hinsichtlich ihrer wahrscheinlichen Gültigkeit überprüft worden sind. Dabei beruhten die Analysen auf insgesamt über 500 Fällen, in denen fachliche Standards, Zielerreichung und auch die Unabhängigkeit am Ende der Maßnahmen10 systematisch erhoben und auch mit Fällen aus der Zeit vor dem Modellprojekt und einem anderen Bezugssystem verglichen wurden. Außerdem sind noch Interviews mit verantwortlichen Akteuren geführt und knapp 50 ergänzende Projekte (sog. fallübergreifende und fallunspezifische Arbeit) erfasst und hinsichtlich ihrer Wirkung analysiert worden. An der Datenerhebung waren beinahe alle möglichen Akteure der Grazer Jugendwohlfahrt mehr oder weniger beteiligt. Der Umfang der Studie ist für eine solche Evaluation eher beispiellos. Letztendlich ergaben die Analysen, dass die Grazer Jugendwohlfahrt mit hoher Wahrscheinlichkeit seit der Einführung der Sozialraumorientierung zielgenau, effektiv und effizient die betroffenen Menschen erreicht. Gleichzeitig wird in dem Abschlussbericht der Evaluation11, dessen genaue Lektüre an dieser Stelle allen Interessierten dringend empfohlen wird, auch auf die Grenzen der berichteten empirischen Ergebnisse, auf kritische Aspekte und die Notwendigkeit von Folgeuntersuchungen hingewiesen, was Höllmüller wiederum mit keinem einzigen Wort erwähnt.12

Es sei noch einmal ausdrücklich betont, dass die Evaluation des Grazer Modellprojekts zur Sozialraumorientierung in der Jugendwohlfahrt lediglich Wahrscheinlichkeitsaussagen über die Gültigkeit der untersuchten Hypothesen getroffen hat, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Die gesamten Analysen haben ergeben, dass eine Vielzahl von äußerst unterschiedlichen Akteuren das veränderte System als positiv und förderlich im Sinne der betroffenen Menschen erlebt. Und natürlich gab und gibt es auch kritische Stimmen, die nicht untypisch für einen derartigen Veränderungsprozess sind und in der Regel für notwendige Kurskorrekturen genutzt werden können. Höllmüller hat sich ungefragt dieser kritischen Stimmen angenommen und sie – ähnlich wie in einem reichlich modernen Theaterstück – ohne akademische Choreographie auf einer ziemlich leeren Bühne Monologe sprechen lassen. Dort überlässt er diese „Minderheit“, wie er sie selber nennt, dann sich selbst, ihrer offensichtlichen Enttäuschung über berufliche Entwicklungen und vor allem dem mitunter voyeuristischen Blick altgedienter Skeptiker sozialer Neuorganisation, beinahe so wie in einer dieser früheren Nachmittags-Talkshows, wo es eigentlich nie wirklich um die Problem der Menschen ging, sondern immer nur um deren sensationelle Präsentation und die damit verbundene Einschaltquote.

Anstatt sich konstruktiv in den Prozess einzubringen oder vielleicht auch zu akzeptieren, dass dies gerade nicht unbedingt nötig ist, anstatt die Arbeit sehr vieler Akteure entsprechend zu würdigen und darauf aufbauend, vielleicht auch ungefragt, gut gemeinte Vorschläge zu unterbreiten, malt Höllmüller den Teufel an die Wand und vermittelt so ein Bild, als würden eben diese Akteure mit der „Faust in der Tasche“ gewissermaßen gute Miene zum bösen Spiel machen, da ihnen sonst erhebliches Ungemach droht. Dazu passend unterlegt er dieses Szenario mit einem theoretischen Klassiker der Sozialpsychologie aus den 1970er-Jahren, dem sog. „Groupthink“, ein Phänomen, das sich mit dem Konformitätsdruck in Gruppen befasst und üblicherweise z. B. als Erklärung für den Gleichklang in totalitären Systemen ins Feld geführt wird. Beim besten Willen, derartige Muster im Grazer Amt für Jugend und Familie zu vermuten, bei dessen Versuch, ein paar Hundert Hilfemaßnahmen anders als bisher zu organisieren, zeugt schon von einer beachtlichen Fantasie. Aber auch hier sollten sich die Interessierten natürlich selbst ihre Meinung bilden. Was die kritischen Stimmen betrifft, so bleibt zu hoffen, dass diese nun nicht „verbrannt“ sind und trotzdem noch und in geeigneterer Weise das seriöse Gehör finden, das ihnen eigentlich zustehen würde. Denn auch sie haben sicherlich etwas Wichtiges zum Gelingen des Ganzen beizutragen, auch wenn sie „nur“ eine Minderheit sind.

Vincent Richardt
Dipl.-Psych, Dipl.-Sozialpäd. (FH)

München, 10.04.2014


Verweise
1 http://www.fh-kaernten.at/fileadmin/media/gesundheit-soziales/Modellgraz.pdf
2 „Die Interviews legen nahe, dass kritische, aber aus Vorsicht nicht geäußerte Positionen zum Grazer Modell zumindest von einer Minderheit geteilt werden.“ (Höllmüller 2014: 3)
3 Zu den zentralen Prinzipien von qualitativer Sozialforschung siehe Lamnek (2010: 19ff, insbesondere „Offenheit“).
4 Auch wenn man gegenüber theoretischen Entwicklungen anderer noch so große Bedenken hat, so ist es doch, bei allem Recht auf fundierte Kritik, wirklich kein Zeichen eines angemessenen Stils, wenn man deren eigentliche Bezeichnung negiert und durch eine eigene ersetzt. Vermutlich gibt es kein einziges historisches Beispiel, wo eine solche respektlose Vorgehensweise zu irgendetwas Positivem geführt hätte.
5 Siehe hierzu z. B. Hinte (2012).
6 Einige Interviewpassagen bei Höllmüller (2014) zeigen mehr oder weniger deutlich, dass manche der Befragten solche „kompensatorischen“ Hilfen vermissen (z. B. ebd.: 22) und die Menschen lieber wieder, wie früher, mit viel Einsatz ausgiebig unterstützen wollen.
7 Ein Institut wie viasozial aus München (www.viasozial.de), das über langjährige Erfahrung mit der Evaluation von Sozialer Arbeit im deutschsprachigen Raum verfügt, „einfach so“ als Teil der Stadt Graz zu bezeichnen und ihm damit gewissermaßen die Unabhängigkeit abzusprechen, ist ebenfalls nicht nur kein Zeichen eines guten Stils, sondern auch als rufschädigend zu werten. Dazu passt, dass Höllmüller in seinem Beitrag weder den Evaluationsbericht korrekt angibt noch den Namen von dessen Autor richtig schreibt.
8 Siehe hierzu ausführlich den Abschlussbericht (Richardt 2013).
9 Siehe hierzu z. B. Bortz/Döring (2009).
10 Unabhängigkeit meint in diesem Kontext die Unabhängigkeit von weiteren Hilfemaßnahmen und wird im Sinne einer Gesamtzielerreichung verstanden.
11 Siehe hierzu Richardt (2013).
12 Ein Beispiel soll Höllmüllers (2014) „verzerrte“ Darstellung illustrieren: In seinem Beitrag heißt es, bei der Analyse der Projekte im Rahmen der fallübergreifenden und fallunspezifischen Arbeit würde der „offenbar angenommene kausale Zusammenhang“ mit der Vermeidung ineffizienter Hilfen nicht erläutert und eine Schätzung von 100-500 sei keine solche (ebd.: 9). Demgegenüber wird die Annahme der Kausalität im Abschlussbericht sehr wohl hinterfragt und gerade deshalb mit einer Schätzung gearbeitet, die sich zwischen einer konservativen Unter- und einer optimistischen Obergrenze bewegt („Konfidenzintervall“), was einer üblichen Vorgehensweise entspricht (Richardt 2013: 16f). Entweder wurde dieses Prinzip nicht verstanden oder bewusst falsch dargestellt. Derartige Beispiele ließen sich in beliebiger Zahl anführen.


Literatur

Bortz, J. / Döring, N. (2009): Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. 4., überarb. Aufl., Heidelberg: Springer.

Hinte, W. (2012): Das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“. In: SiÖ (Sozialarbeit in Österreich), Sondernummer 1/12, S. 4-9.

Höllmüller, H. (2014): Modell Graz – organisationstheoretische und entscheidungstheoretische Aspekte einer top-down Reform des Jugendamtes Graz. http://www.fh-kaernten.at/fileadmin/media/gesundheit-soziales/Modellgraz.pdf

Lamnek, S. (2010): Qualitative Sozialforschung. 5., überarb. Aufl., Weinheim: Beltz.

Richardt, V. (2013): Sozialraumorientierung in der Stadt Graz im Bereich Jugendwohlfahrt, Einführung eines Sozialraumbudgets. Evaluation des Pilotprojekts des Amtes für Jugend und Familie. Abschlussbericht. www.graz.at/cms/dokumente/10133592_4194118/a12e9fb1/Evaluation%20Abschlussbericht.pdf





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