soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 13 (2015) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/356/625.pdf


Johanna Enzendorfer & Vera Scheckenbach:

Weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Kontext der Wiener Wohnungslosenhilfe


1. Weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Kontext der Wiener Wohnungslosenhilfe
Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind, befinden sich oftmals in einer prekären Lebenssituation, die von multifaktoriellen Problemlagen gekennzeichnet ist. Die sogenannte verdeckte Wohnungslosigkeit, das heißt das zumindest vorübergehende Eingehen einer ungesicherten und daher prekären Wohnsituation, um die Obdachlosigkeit bzw. die sichtbare Wohnungslosigkeit zu vermeiden, gilt hierbei als vorrangig weibliches Phänomen oder auch weibliche Bewältigungsstrategie. (vgl. Planer/Weitzer 1992, Enders-Dragässer/Sellach 2005)

Ausgehend von praktischen Erfahrungswerten mit Frauen, die Angebote der Wohnungslosenhilfe nutzen, drängte sich die Frage auf, ob auch im Kontext der Wohnungslosenhilfe in Wien damit vergleichbare Dynamiken und Bewältigungsstrategien der Frauen bestehen. Nicht nur Frauen, die sich in der akuten (verdeckten) Wohnungslosigkeit befinden, sondern auch Frauen, die bereits an das Wohnungslosenhilfesystem angedockt sind, befinden sich oftmals in prekären (finanziellen) Lebenssituationen, die nach Bewältigung bzw. Lösung verlangen. Erfahrungen zeigten, dass beispielsweise in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe Anbahnungen stattfinden und Beziehungen seitens der fachlichen Mitarbeiter_innen als zweckgebunden und in Bezug auf ein gewisses Machtungleichgewicht kritisch hinterfragt werden. Der der Studie zugrunde liegende Kerngedanke war dementsprechend, dass (sexuelle) Beziehungen bzw. der Einsatz der Sexualität zur finanziellen oder auch materiellen Absicherung seitens wohnungsloser Frauen genutzt werden, wobei entsprechende Lebensumstände oft von einer ausgeprägten Abhängigkeitssituation ebendieser gekennzeichnet sind.

Konkret wurde im Rahmen eines studienimmanenten Forschungsprojekts erhoben, inwieweit die Themen Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen bei Klientinnen der Wiener Wohnungslosenhilfe (WWH) eine Rolle spielen und wie sich der Umgang der fachlichen Mitarbeiter_innen damit auf unterschiedlichen Ebenen gestaltet.

Da dieses Forschungsfeld bis dato wenig Beachtung im wissenschaftlichen Diskus gefunden hat, wurden hierbei die vorrangigen Ziele eines explorativen Ergründens des Forschungsgegenstandes und -feldes sowie die Darstellung der Ist-Situation verfolgt. Dies soll schlussendlich dazu dienen, Anregungen zur weiteren wissenschaftlichen sowie praxisbezogenen Beschäftigung mit dieser Thematik zu schaffen und in Folge das Bewusstsein gegenüber der Relevanz der Themen Sexarbeit und (sexuellen) Zweckbeziehungen zu schärfen, den Einblick in die Lebenswelt wohnungsloser Frauen zu erweitern und ggf. Handlungsbedarf sowie Empfehlungen seitens der Professionist_innen offenzulegen.


2. Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehung – Definition und Abgrenzung
Die begriffliche Klarstellung der Termini Sexarbeit sowie sexuelle Zweckbeziehung ist im Kontext des Forschungsthemas essentiell. Insbesondere der Begriff der sexuellen Zweckbeziehung muss vorab definitorisch abgesteckt werden, da er gemäß erster Assoziationen vieldeutig, kontrovers und auch gesellschaftlich tabuisiert erscheint.

Der Begriff Sexarbeit wird oft synonym mit dem Begriff Prostitution verwendet. Laut dem Wiener Prostitutionsgesetz ist ebendiese die „gewerbsmäßige Duldung sexueller Handlungen am eigenen Körper oder die gewerbsmäßige Vornahme sexueller Handlungen“ (WPG 2011, § 2 (1)). Abgesehen von der Begriffsverwendung im rechtlichen Kontext ist allgemein zu beobachten, dass der Prostitutionsbegriff zunehmend durch den der Sexarbeit ersetzt wird, da dieser Emanzipationsbestrebungen der selbstbestimmt agierenden Sexarbeiterinnen betont und die Aspekte Arbeit und Beruf in den Vordergrund rückt (vgl. www.sexworker.at, zit. in: Deutsch 2008: 12, ver.di 2005: 130). Da von den Verfasserinnen wohnungslose Frauen in ihrer materiell prekären Lebenssituation, in welcher Sexarbeit als Einkommen generierende und somit auch selbstbestimmte, bewältigungsstrategische Tätigkeit dienen kann, betrachtet werden, wurde auch für das Forschungsdesign die Begrifflichkeit Sexarbeit gewählt.

Zur näheren Bestimmung von Sexarbeit lässt sich sagen, dass die verschiedenen Formen hauptsächlich anhand ihrer unterschiedlichen Ausübungsorte, beispielsweise Bordelle, Laufhäuser oder Sauna-Clubs unterschieden werden (vgl. Bernhard 2013: 30ff). Sexarbeiterinnen waren und sind zeit- sowie ortsgebunden unterschiedlichen gesetzlichen Rahmenbedingungen in Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit ausgesetzt. Europa- und auch österreichweit sind diese äußerst heterogen. Generell wird zwischen abolitionistischen, reglementarischen – hierzu zählt auch Österreich – und Sexworker-Regimes unterschieden (vgl. Deutsch 2008: 17f).1

Zusammenfassend ist mit dem Begriff Sexarbeit im vorliegenden Artikel das erwerbsmäßige, professionelle Anbieten sexueller Dienstleistungen von Frauen gemeint, unabhängig davon, ob diese legal (angemeldet) oder illegal (unangemeldet) ausgeführt wird (vgl. Munk 2006: 57). Die Beschaffungsprostitution als das Anbieten sexueller Dienstleistungen mit dem vorrangigen Motiv der Finanzierung von (illegalen) Suchtmitteln wird in diesem Kontext von dem Begriff der Sexarbeit abgegrenzt, da diese spezifische Charakteristika aufweist (vgl. Brückner/Oppenheimer 2006: 24, Mehlhart 2002: 19).

Die Definition des zweiten zentralen Begriffs der sexuellen Zweckbeziehung lässt sich nicht anhand wissenschaftlicher Referenzquellen bewerkstelligen und ist aufgrund der subjektiv sehr heterogenen Assoziationen, die beim Versuch einer Begriffsbestimmung entstehen, nicht einfach abzugrenzen. Bereits zu Beginn des empirischen Forschungsprozesses wurde deutlich, dass Sexarbeit allein den Untersuchungszielen nicht genug Rechnung tragen kann, da es daneben noch eine etwas informellere Form der zweckgerichteten sexuellen Beziehungsstruktur gibt, die im Kontext der Wohnungslosenhilfe eine wesentliche Rolle spielt. Demnach wurden sexuelle Zweckbeziehungen als zusätzlicher Untersuchungsgegenstand bestimmt und vorab begrifflich durch das Forschungsteam klar wie folgt bestimmt.

Der Charakter der sexuellen Dienstleistungen innerhalb einer sexuellen Zweckbeziehung ist -– im Gegensatz zur Sexarbeit – meist informell, das heißt es herrscht nicht immer ein klar definierter Rahmen in Bezug auf ausgetauschte sexuelle Leistung und Gegenleistung. Innerhalb der sexuellen Zweckbeziehung wird ein mehr oder weniger konkreter Zweck oder auch das Ziel materieller Vorteile verfolgt. Durch die sexuelle Zweckbeziehung erhält die Frau dementsprechend (materiellen) Profit, ist aber auch Einschränkungen und Gefahren ausgesetzt. Maßgeblich für das Vorliegen einer Beziehung dieser Form ist das Vorhandensein eines gewissen Maßes an Abhängigkeit. Abschließend kann sie als kurzweilige oder längerfristige heterosexuelle Beziehung oder Kontakt verstanden werden, wobei beide Personen oder nur die Frau in einer Einrichtung der WWH leben.

Schlussfolgernd kann konstatiert werden, dass sexuelle Zweckbeziehungen eine extreme Komplexität bzw. Heterogenität aufweisen. Diese Aspekte wurden innerhalb des Untersuchungsprozesses der Studie besonders berücksichtigt, insofern, dass die Begriffsbestimmung zwischen den Verfasserinnen laufend diskutiert und präzisiert wurde.2


3. Forschungsdesign und Methodik
Um für das Forschungsvorhaben erste Informationen zu aggregieren und einen Einblick in das Forschungsfeld zu erlangen, wurde zunächst eine Voruntersuchung durchgeführt. Hierbei wurden insgesamt 48 Einrichtungen der WWH, die Wohn-, Schlaf- und/oder Aufenthaltsmöglichkeiten für obdachlose Menschen bieten, per E-Mail kontaktiert, über das Forschungsvorhaben informiert und gebeten, auf zwei Fragen kurz Bezug zu nehmen. Hier ging es einerseits um die Frage nach praxisbezogenen Erfahrungswerten mit dem Thema Sexarbeit bzw. sexuelle Zweckbeziehungen sowie darum, ob es von Seiten der Mitarbeiter_innen spezifische Umgangsweisen oder Zugänge zu ebendiesen Themen gibt. Bei der Auswahl der Einrichtungen wurde versucht, möglichst viele verschiedene Angebotsformen der WWH miteinzubeziehen, sodass sowohl Tageszentren, Notschlafstellen, Übergangswohnhäuser, sozial betreute Wohneinrichtungen, als auch Mutter-Kind-Einrichtungen kontaktiert wurden. Zudem wurden frauenspezifische, männerspezifische, wie auch gemischtgeschlechtliche Einrichtungen angeschrieben. Vorrangiges Ziel war das Sammeln erster Informationen und Eindrücke zur Überprüfung der Relevanz der Forschungsfragen. Weiterhin sollte auf das Forschungsvorhaben aufmerksam gemacht werden, das Interesse an einem ausführlichen Interview geweckt sowie Hinweise auf vermeintlich blinde Flecken bei der Erstellung des Leitfadens für die Expert_inneninterviews erlangt werden.

Im Anschluss an die Durchführung und Auswertung der Vorerhebung wurden insgesamt acht qualitative Expertinneninterviews mittels Leitfaden geführt. Im Forschungsfeld der Wohnungslosenhilfe gelten Mitarbeiter_innen der Einrichtungen der WWH als Expert_innen, da sie über ein spezialisiertes Wissen in Bezug auf obdach- und wohnungslose Menschen verfügen. Von einer Befragung von Klientinnen der WWH wurde aufgrund der Vermutung eines erschwerten Feldzuganges wegen der Tabuisierung des Themas Sexarbeit und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Marginalisierung abgesehen. Mittels eines Leitfadens wurden die qualitativen Interviews strukturiert und gleichzeitig versucht, einen offenen Erzählraum zu schaffen. Der Leitfaden teilte sich hierbei in drei große Themenblöcke: praxisbezogene Erfahrungswerte mit den Themen weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen im Rahmen der Mitarbeit in der WWH, institutionelle und persönliche Handlungsoptionen sowie Interventionsstrategien und -möglichkeiten auf verschiedenen Ebenen sowie Zukunftswünsche und -perspektiven in Zusammenhang mit dieser Thematik.

Der Feldzugang für die qualitativen Interviews ergab sich aus der Vorerhebung, wobei sich die Auswahl einerseits aus den Rückmeldungen der Einrichtungsvertreter_innen/Mitarbeiter_innen und einer damit einhergehenden erklärten Bereitschaft für ein ausführliches Interview sowie andererseits aus dem Versuch einer möglichst breiten Streuung in Bezug auf Zielgruppen sowie Zielsetzungen der Einrichtungen ergab. Daraus bildete sich ein Sample von acht Mitarbeiterinnen3 aus jeweils einem Mutter-Kind-Haus, einem Übergangswohnhaus für Frauen, einem Übergangswohnheim für Familien, einem gemischtgeschlechtlichen Übergangswohnhaus für junge Menschen, einem gemischtgeschlechtlichen Tageszentrum, einem gemischtgeschlechtlichen Tageszentrum mit Notquartier, einem gemischtgeschlechtlichen Übergangs- und sozial betreuten Wohnhaus sowie einem gemischtgeschlechtlichen sozial betreuten Wohnhaus.

Der Zeitraum der Erhebung erstreckte sich von November 2013 bis Jänner 2014, wobei die Interviews in Räumlichkeiten der jeweiligen Einrichtung durchgeführt wurden. Die Interviews wurden anschließend anonymisiert und vollständig sowie wortgetreu transkribiert.

Für die Auswertung der qualitativen Interviews wurden die Methoden der zusammenfassenden Inhaltsanalyse und induktiven Kategorienbildung in Anlehnung an Philipp Mayring verwendet (vgl. Mayring 2007). Nach der Transkription wurde dementsprechend mittels Paraphrasieren eine Materialreduzierung erlangt, die sich inhaltlich an dem Forschungsinteresse orientierte und das schrittweise Erstellen eines Kategoriensystems sowie der Festlegung von voneinander abgrenzbaren Zuordnungskriterien zu den entsprechenden Kategorien ermöglichte. Die abstrahierten und inhaltstragenden Paraphrasen wurden im Folgenden den bestehenden Kategorien untergeordnet. Eine Neubildung von Kategorien erwies sich im Laufe dessen als nicht notwendig. Das Kategoriensystem diente im Folgenden als Basis für einen zusammenfassenden Vergleich der Interviewaussagen und des Weiteren als Ausgangspunkt für die Formulierung und Beschreibung der Forschungsergebnisse bzw. der zentralen Aussagen der Erhebung.


4. Ergebnisse der Vorstudie und der qualitativen Befragung
4.1 Ergebnisse der Vorstudie

Insgesamt wurden von 11 Vertreter_innen der angeschriebenen 48 Einrichtungen die zwei gestellten Fragen beantwortet. Wurden sie bereits mit dem Thema Sexarbeit/sexuelle Zweckbeziehungen in ihrer Arbeit konfrontiert und wie wird mit dieser Thematik in ihrer Einrichtungen umgegangen? Die Auswertung der Vorerhebung machte hierbei deutlich, dass die Themen Sexarbeit bzw. sexuelle Zweckbeziehungen oftmals Teil der Lebenswelt der Klientinnen der WWH sind und dementsprechend diesen Themen im Bereich der Wohnungslosenhilfe eine gewisse Relevanz zugeschrieben werden kann. Die Wichtigkeit der Themen im Betreuungssetting wurde von den Vertreter_innen der Einrichtungen unterschiedlich eingeschätzt – manche beschrieben das Phänomen Sexarbeit/sexuelle Zweckbeziehungen als offensichtliches Thema, manche eher als Randthema bzw. begleitendes Betreuungsthema, das in erster Linie durch Beobachtungen und Erzählungen der Klientinnen an die Sozialarbeiter_innen herangetragen wird. Der Umgang mit Sexarbeit/sexuellen Zweckbeziehungen seitens der Mitarbeiter_innen wurde hierbei auf verschiedenen Handlungs- und Wirkungsebenen beschrieben, wie beispielsweise im Kontext von Betreuungsgesprächen, räumlichen Rahmenbedingungen der Einrichtungen oder Hausordnungen sowie in Bezug auf fachliche Vernetzungen mit spezialisierten Einrichtungen.


4.2 Ergebnisse der qualitativen Befragung
Die empirisch gewonnenen Ergebnisse der qualitativen Interviews wurden anhand eines Kategoriensystems geordnet und in Form fünf zentraler Aussagen zusammengefasst. Inhaltlich lassen sich zwei verschiedene Blöcke erkennen, welche die Struktur für die folgenden Ausführungen vorgeben sollen. Zum einen handelt es sich um die generelle Präsenz bzw. Relevanz von Sexarbeit und sexuellen Zweckbeziehungen in Einrichtungen der WWH aus der Sicht von Mitarbeiterinnen sowie die von ihnen beschriebene Rolle der jeweiligen Phänomene im Leben der Klientinnen. Zum anderen liegen Ergebnisse zum konkreten Umgang der Mitarbeiterinnen mit den angesprochenen Inhalten sowohl auf direkter Ebene mit den Bewohnerinnen als auch mithilfe einrichtungsinterner Regelungen und Praktiken sowie schließlich im Hinblick auf externe Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen vor.

Zusätzlich zu diesen beiden Blöcken konnten Einblicke in Veränderungswünsche und -vorschläge der befragten Interviewpartnerinnen hinsichtlich Strukturen und Angebote für wohnungslose Frauen in Zusammenhang mit Sexarbeit und sexuellen Zweckbeziehungen innerhalb der WWH geschaffen werden. Diese können als Anregungen hinsichtlich zukünftiger Umgangsformen mit den Themen weibliche Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen bei wohnungslosen Frauen verstanden werden.


4.2.1 Zur Präsenz und Relevanz von Sexarbeit und sexuellen Zweckbeziehungen
Die Annahme, dass Klientinnen der Sexarbeit nachgehen oder sich in einer sexuellen Zweckbeziehung befinden, beziehen die Mitarbeiterinnen entweder aus eigenen Beobachtungen und damit verknüpften Deutungen, durch Erzählungen Dritter, wie beispielsweise anderen Bewohner_innen sowie involvierten Behörden oder aus Gesprächen mit den betreffenden Klientinnen selbst. Die persönlichen Erfahrungen von Klientinnen mit Sexarbeit und sexuellen Zweckbeziehungen werden laut den Aussagen der Interviewpartnerinnen oft als schambesetzt empfunden und besitzen tabuisierenden Charakter.

„Diese Gespräche sind irrsinnig schwierig. Also wenn ich jetzt so zurück denke, dann wird das Thema ungern von der Frau behandelt, sie geniert sich auch dafür, (…) es kann dann sein, dass das Gespräch abgebrochen wird weil sie einfach weinen“,
meint eine Befragte dazu und veranschaulicht mit dieser Aussage den heiklen, emotionalisierten Gehalt des Themas. Nichtsdestotrotz berichten fast alle befragten Mitarbeiterinnen, dass am häufigsten die betreffenden Klientinnen selbst von ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterin oder dem Führen einer sexuellen Zweckbeziehung erzählen. „Manche gehen ganz offen damit um. Sagen das und das ist mein Job, dort und dort arbeite ich“, so eine Interviewpartnerin.

Den Befragten zufolge wird gewerbliche Sexarbeit eher selten in einem formellen Kontext ausgeführt, vielmehr wird vermutet, dass die Tätigkeit unregelmäßig und meist unangemeldet stattfindet. Die konkrete Form der Arbeit sowie ihre Ausübungsorte sind kaum bekannt. Allgemein wird vonseiten aller Mitarbeiterinnen bestätigt, dass Sexarbeit in Zusammenhang mit den Klientinnen in ihrer Einrichtung Thema ist, wobei eine Befragte zudem äußert: „also ich glaub, dass wir es bei vielen gar nicht wissen“. Häufigster Grund für das Ausüben von Sexarbeit ist die finanzielle Absicherung, welches für wohnungslose Frauen oft schwer aus anderen Erwerbsquellen bezogen werden kann. Folglich wird der Tätigkeit vonseiten der Interviewpartnerinnen tendenziell ökonomischer Zwang und Unfreiwilligkeit zugeschrieben: „also es wird sicher insofern unfreiwillig sein, dass kein Geld da ist oder dass halt das Geld so leichter verdient werden kann.“ Die Frauen agieren demnach wenig selbstbestimmt, weshalb auch der Begriff Sexarbeit einigen Befragten in Zusammenhang mit ihren Klientinnen unpassend erscheint. Darüber hinaus würde er von den Klientinnen selbst kaum verwendet werden. Zudem gibt es Erfahrungswerte der Mitarbeiterinnen mit Berichten von Klientinnen über die Ausübung sog. Beschaffungsprostitution. Hierbei wird die Ausübung von Sexarbeit zur Finanzierung des Konsums illegaler Suchtmittel verstanden. Die Aussagen hierüber sind vorrangig charakterisierende, das heißt es wird beschrieben, dass die Sexarbeit in diesen Fällen ausschließlich mit der Beschaffung von Suchtmitteln in Verbindung gesetzt wird und der Konsum illegaler Substanzen hier als Motivationsquelle für die Tätigkeit gesehen werden kann. Die Tätigkeit der Sexarbeit verlaufe hier besonders unregelmäßig und werde zumeist beendet, sobald die Sucht mit anderen Mitteln bezahlt werden kann.

In Bezug auf sexuelle Zweckbeziehungen fällt es den Befragten schwer, diese definitorisch zu bestimmen und ihre Häufigkeit sowie Relevanz zu beurteilen. Dies hat einerseits damit zu tun, dass meist andere Themen, beispielsweise eine langfristige Sicherstellung einer eigenen Wohnung, dringlicher erscheinen, als die mögliche Belastung durch das Führen einer sexuellen Zweckbeziehung. Außerdem, so meinen die Befragten, passiere es selten, dass sexuelle Zweckbeziehungen in der Praxis als solche erkannt und bestimmt werden. Wenn die Vermutung nahe liegt, dann stützt sie sich in der Regel mehr auf Beobachtungen und Spekulationen, als auf direkte Erzählungen seitens der Klientinnen. Dies hat, laut der Befragten, mitunter damit zu tun, dass der Begriff der sexuellen Zweckbeziehung grundsätzlich schwer zu fassen ist und individuell verschieden interpretiert werden kann. Sexuelle Zweckbeziehungen werden nichtsdestotrotz in vielfacher Form von den Mitarbeiterinnen wahrgenommen; in gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen, in Nachtquartieren und Einrichtungen für junge Wohnungslose werden sie auch zwischen Klienten und Klientinnen vermutet. Beispielsweise wird hier der unübliche Kontakt zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern („wo wir uns denken, warum hat der Bewohner jetzt gerade mit dieser Bewohnerin Kontakt, warum ist der gerade bei dieser auf dem Zimmer, was wir uns nicht erklären können, weil sich die sonst im Alltag sehr aus dem Weg gehen“) oder auch häufiger, zuweilen wechselnder Männerbesuch der Klientinnen angeführt. Ebenso gibt es Erfahrungen mit sexuellen Zweckbeziehungen in den Vorgeschichten der Klientinnen, oftmals kombiniert mit verdeckter Wohnungslosigkeit sowie mit Gewalterfahrungen in Partnerschaften. Als Motive für das Eingehen der Zweckpartnerschaften sehen die Mitarbeiterinnen den Austausch der sexuellen Leistung gegen Geld und materielle Geschenke, zum Beispiel Essenseinladungen oder Kleidung, aber auch immaterielle Gegenleistungen, etwa Zuwendung, Anerkennung oder der Wunsch, gegenüber dem anderen nicht in der Schuld stehen zu wollen. Hierbei wird sichtbar, dass die sexuellen Zweckbeziehungen in der Praxis nicht immer auf materielle Gegenleistungen abzielen, sondern emotionale Aspekte von ebenso großer Relevanz sind.

Von mehreren Gesprächspartnerinnen wird betont, dass das Eingehen einer sexuellen Zweckbeziehung als Bewältigungsstrategie in Bezug auf die (drohende) Wohnungslosigkeit bzw. die aktuelle finanzielle Situation und somit als eine selbst gewählte Strategie hinsichtlich einer akuten, augenscheinlichen Verbesserung ihrer Situation betrachtet werden kann. Die sexuelle Leistung „ist einfach ab und zu das Einzige um was zu kriegen für die Personen“, fasst dies eine Befragte zusammen. Oftmals fänden sexuelle Zweckbeziehungen unbewusst statt bzw. werden von den Frauen erst im Nachhinein als solche verstanden, weshalb potenzielle Gefahren währenddessen nicht gut wahrgenommen werden könnten. Besonders zentral ist der Umstand, dass sexuelle Zweckbeziehungen äußerst schwer von denjenigen Beziehungen abzugrenzen sind, die nicht vorrangig sexuelle Leistungen beinhalten. Dabei bilden der Wunsch nach emotionaler Zuwendung, die Angst vor dem Alleinsein und das Bedürfnis nach Schutz wichtige Gründe, um sich Beziehungen, die geprägt sind von Abhängigkeit und unter Umständen Belastungen oder Gefahren, auszusetzen. Die Relevanz in der Wohnungslosenhilfe sowie die grundsätzliche Heterogenität dieser teilweise belastenden, aber auch stärkenden Zweckbeziehungen wird immer wieder betont. Mehrere Gesprächspartnerinnen erinnern explizit daran, dass es in ihrer Einrichtung auch als positiv und angenehm wahrgenommene Beziehungen gibt, teilweise schwierige Beziehungen auch gute Elemente beinhalten und im Allgemeinen zweckhafte Elemente auch in sonst positiven Beziehungen vorkommen können – und versuchen so, zweckhaften sowie anderen belastenden Elemente in den Beziehungen wohnungsloser Frauen nicht zu viel Platz einzuräumen. In diesem Zusammenhang fällt es vielen Mitarbeiterinnen von Einrichtungen der WWH generell schwer, die Grenze zwischen Zweckbeziehungen und Beziehungen ohne vorrangige Zweckgebundenheit zu ziehen.4 „Da ist es auch schwierig zu sagen, ob das jetzt eine Zweckbeziehung ist, ja? Das will ich mir jetzt nicht zumuten, dass ich da das Urteil fälle“, bringt diesen Umstand eine Befragte auf den Punkt.


4.2.2 Zum fachlichen Umgang mit Sexarbeit und sexuellen Zweckbeziehungen
Wie die Themen Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehung innerhalb von Einrichtungen der WWH gehandhabt werden, das heißt auf welche Weise und durch welche Faktoren beeinflusst sich der Umgang damit gestaltet, soll im Folgenden skizziert werden. Zum einen handelt es sich hierbei um Interventionen der Mitarbeiterinnen selbst, das heißt ihre individuellen Gesprächs-, Beratungs- und Handlungspraktiken, welche von persönlichen Einstellungen und Erwartungen geprägt sind und das direkte Interaktionssetting mit den Klientinnen unmittelbar bestimmen. Zum anderen geht es um die Ebene der Einrichtung, also konzeptionelle und institutionelle Rahmenbedingungen sowie Regelungen, die den individuellen Umgang der Mitarbeiter_innen eines Hauses mit den Klient_innen maßgeblich strukturieren. Zum Beispiel welche (Haus-)Regeln und Praktiken in Bezug auf Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen, die Interventionen von Mitarbeiter_innen ermöglichen oder auch verhindern, zu erkennen sind. Zudem stellte sich auch die Frage von welchen Interventionsmöglichkeiten die über die konkrete Einrichtung hinaus reichen, wie etwa die Vernetzung mit anderen Organisationen, der Umgang mit der Thematik seitens der Mitarbeiter_innen beeinflusst wird.

Hinsichtlich der individuellen Handlungsweisen der befragten Mitarbeiterinnen zeichnet sich allem voran ab, dass sie sich, wenn sie von der Tätigkeit einer Klientin als Sexarbeiterin erfahren, zuallererst am subjektiven Empfinden der Frau und ihrer persönlichen Lage orientieren. Alleine die Information über die Beschäftigung zieht weder eine unbedingte Interventionshandlung nach sich, noch ist diese in jedem Fall gleich. Von einer Mitarbeiterin wird beispielhaft konstatiert, dass Sexarbeit

„nicht[s ist] (…) wo wir von vorneherein sagen das ist jetzt pfui Teufel das darf nicht sein. Das hängt sehr stark davon ab worum es sich jetzt handelt und wie das von der Frau erlebt wird“.

Sexarbeit wird von den Mitarbeiterinnen in der Regel so lange akzeptiert, bis die Vermutung aufkommt, die Klientin hätte einen hohen Leidensdruck oder sie ist von Gewalt in Zusammenhang mit der Tätigkeit bedroht oder betroffen. Auch der Grad an Freiwilligkeit, Sexarbeit auszuüben, scheint dafür ausschlaggebend zu sein, ob die Mitarbeiterinnen eine akzeptierende Haltung einnehmen (können) oder nicht. Tendenziell wird wenn dann eher daran gearbeitet, Alternativen aufzuzeigen, da in den wenigsten Fällen eine zugrundeliegende Freiwilligkeit vermutet wird. Äußert eine Klientin den Wunsch, aus der Sexarbeit auszusteigen wird diese „Frau darin bestärkt, dass sie aussteigen kann, wenn sie das möchte“, meint hierzu eine Mitarbeiterin. Auch hinsichtlich Beschaffungsprostitution werden die Klientinnen generell nur dann auf ihr Handeln angesprochen, wenn sie unter einem großen Leidensdruck stehen oder die Unterstützung konkret suchen.

Bei sexuellen Zweckbeziehungen reicht die akzeptierende Haltung ebenso nur bis zu einer augenscheinlich hohen Belastung der Klientin oder dem Vorhandensein von Gewalt. In diesen Fällen wird in der Regel vonseiten der Mitarbeiterinnen das persönliche Gespräch gesucht und versucht, eine Reflexion bezüglich der aktuellen Situation anzuregen. Dabei seien eine Vertrauensbasis sowie eine generell offene Haltung den Klientinnen gegenüber förderlich. Es geht darum, „behutsam das Thema anzusprechen“, die Klientinnen nicht „an den Pranger zu stellen“ und sie nicht zu „drängen (…) etwas zu erzählen“.

Generell kann festgehalten werden, dass Beziehungen, sowohl diejenigen, die innerhalb als auch diejenigen, die außerhalb der Einrichtung stattfinden, von den Mitarbeiterinnen nicht problematisiert werden, solange es zu keinen physischen und psychischen Gewaltvorfällen innerhalb der Paarbeziehung kommt.

Einrichtungsintern werden Erfahrungen vonseiten der Klientinnen mit Sexarbeit und sexuellen Zweckbeziehungen in den meisten Fällen diskret behandelt und der Austausch mit Kolleg_innen wird, je nach Ermessensentscheidung, nur selten gesucht. Mehrere befragte Mitarbeiterinnen stellen diesbezüglich klar, dass keinesfalls alle von den Klientinnen an sie herangetragenen Problemlagen, also auch Erfahrungen mit Sexarbeit oder sexuellen Zweckbeziehungen, im Team diskutiert werden müssen. Innerhalb der Einrichtung stattfindende Sexarbeit ist, so der Konsens der Interviewpartnerinnen, unerwünscht bzw. stellt einen klaren Verstoß gegen die Hausregeln dar und führt zu Konsequenzen, auch wenn sowohl sexuellen Zweckbeziehungen als auch Sexarbeit grundsätzlich mit Akzeptanz begegnet wird. Diesbezüglich gibt es also eine eindeutige regelgeleitete Handlungsweise der Mitarbeiter_innen in Bezug auf in der Einrichtung ausgeübte Sexarbeit. Von Mitarbeiterinnen dreier Einrichtungen wird angemerkt, dass es für die Klient_innen grundsätzlich möglich ist, Besuch von außen zu bekommen, die konkreten Regelungen gestalten sich hier jedoch unterschiedlich.

Bevorzugt wird vonseiten der Mitarbeiterinnen bei den Themen sexuelle Zweckbeziehung und Sexarbeit an andere, spezialisierte Einrichtungen, wie beispielsweise FEM, die Aidshilfe oder Sophie – Bildungsraum für Prostituierte, weiterverwiesen. Es wird jedoch diesbezüglich ein Mangel an geeigneten Stellen attestiert und auch darauf hingewiesen, dass viele Klientinnen möglicherweise die vorgeschlagenen Einrichtungen aufgrund von Hemmungen oder Unsicherheiten nicht besuchen. Der Zugang zu Unterstützungsangeboten wird als zu wenig niedrigschwellig beschrieben.


4.2.3 Zukunftsperspektiven und Ideen der Mitarbeiterinnen
Im Bereich der Vorschläge und Zukunftsvorstellungen wird von den Befragten besonders häufig die Notwendigkeit einer breit gefächerten, niedrigschwelligen Angebotsstruktur für Frauen genannt, die sich durch einen höheren Frauenanteil in gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen, die konsequente Einhaltung frauengerechter Standards und die Führung eines offeneren Diskurses bezüglich verdeckter Wohnungslosigkeit, Zweckbeziehungen und Sexualität auszeichnen sollte. Eine Mitarbeiterin meint dazu, dass es vor allem ein differenziertes Angebot für Frauen in der WWH geben sollte:

„sowohl Frauennotschlafplätze, spezifische Frauennotschlafplätze und zwar nicht nur irgendwo am Otto-Wagner-Spital oben, sondern auch gut in der Stadt, Übergangswohnen und sozial betreutes Wohnen, es bedarf einfach mehr Frauenplätze.“

Prinzipiell, so die weitgehende Mitarbeiterinnenmeinung, muss ein vielfältiger und offenerer Diskurs geführt werden, um eine passende Angebotsstruktur zu ermöglichen. Dieser solle nicht nur auf institutionell-politischer, sondern auch auf einrichtungsinterner Ebene stattfinden. Eine Interviewpartnerin spricht den konkreten Wunsch aus, Klient_innen in den Einrichtungen ihre Sexualität auf vielen verschiedenen Ebenen leben zu lassen und ganz generell dem Thema Sexualität in verschiedenen Kontexten mehr Raum zu geben.


5. Zentrale Aussagen der Mitarbeiterinnen
Die vorgestellten Ergebnisse lassen sich auf fünf zentrale Aussagen fokussieren, welche nun kurz vorgestellt werden sollen, um die wesentlichsten Sichtweisen der befragten Mitarbeiterinnen auf den Punkt zu bringen.

Wenn Frauen, die in der WWH leben, der gewerblichen Sexarbeit nachgehen, geschieht das aus ökonomischen Zwängen und nicht als Ausdruck des selbstbestimmten Handelns.

Frauen, die in Einrichtungen der WWH betreut werden, befinden sich zumeist in ökonomischen Notlagen. Allein aufgrund dessen sehen Mitarbeiterinnen die Entscheidungsfreiheiten der Betreffenden stark eingeschränkt. Daraus wird geschlossen, dass die Frauen vielmehr aufgrund ökonomischer und struktureller Benachteiligung der Sexarbeit nachgehen, als aufgrund selbstbestimmter Entscheidungen.


Gehen Frauen, die in der WWH leben, sexuelle Zweckbeziehungen ein, hat das materielle und/oder immaterielle Gründe.

Sexuelle Zweckbeziehungen werden von Klientinnen der WWH nicht nur aufgrund ökonomischer Zwecke eingegangen, sondern auch, um emotionale Bedürfnisse zu befriedigen. Die Mitarbeiterinnen betonen, dass sexuelle Zweckbeziehungen eine sehr komplexe Struktur aufweisen und von den Frauen nicht nur begonnen und aufrechterhalten werden, um sich materielle Absicherung zu verschaffen, sondern auch darum, um nicht alleine sein zu müssen oder um Zuwendung und Anerkennung zu erhalten. Diese Motivlagen sind sehr oft miteinander verwoben und es ist für Außenstehende, unter anderen die Mitarbeiter_innen der Einrichtungen, meist schwer, klare Einschätzungen zu treffen.


Sexuelle Zweckbeziehungen stehen in einem engen Zusammenhang mit ökonomischen Abhängigkeiten und finden sich oft im Bereich der verdeckten Obdachlosigkeit wieder.

In vielen Biografien von Klientinnen der WWH finden sich Erfahrungen mit verdeckter Obdachlosigkeit wieder. In diesen Beziehungsformen entsteht eine starke Abhängigkeit der Frau von ihrem Partner bzw. ein Machtungleichgewicht, da ihre Unterkunft, ihre finanzielle und materielle Absicherung nur durch ihn gewährleistet wird. Dieses Verhältnis wirkt sich tendenziell negativ auf das selbstbestimmte Handeln der betreffenden Frau aus.


Die WWH steht vor der Herausforderung, Frauen kurzfristig und niederschwellig mit Unterkünften zu versorgen, um Klientinnen schnell in Notsituationen aufzufangen. Gäbe es einen niederschwelligen Zugang zu allen Bereichen der WWH, könnte der verdeckten Wohnungslosigkeit und somit Abhängigkeitsverhältnissen präventiv und aktiv entgegengewirkt werden.

Laut den befragten Mitarbeiterinnen besteht ein enger Zusammenhang zwischen Abhängigkeit, sexuellen Zweckbeziehungen und verdeckter Obdachlosigkeit. Die betreffenden Frauen sind dabei Gefahren, wie etwa Gewalt, ausgesetzt, die sie oft nicht aktiv abwenden (können), um ihren Wohnplatz zu erhalten. Die WWH steht hier vor der Herausforderung bzw. besitzt die Möglichkeit, Frauen vor weiteren Übergriffen zu schützen, indem sie einen flächendeckenden niederschwelligen Zugang zu allen Bereichen der WWH anbietet. Dies könne – in den Augen der Mitarbeiterinnen – Frauen in der verdeckten Wohnungslosigkeit abfangen und somit möglicherweise den gefährlichen Kreislauf von Abhängigkeitsverhältnissen durchbrechen. Momentan ist dies aber noch nicht gewährleistet, was dazu führt, dass sexuelle Zweckbeziehungen aufrecht erhalten bleiben.

Die Interviewpartnerinnen verdeutlichen außerdem, dass eine Auseinandersetzung mit der verdeckten Wohnungslosigkeit und den Lebenswelten der Frauen in (sexuellen) Zweckbeziehungen, auf Seiten der Fördergeber_innen und auf wissenschaftlicher Ebene stattfinden muss. Kann dies erreicht werden, so könnte die Angebotsstruktur der WWH so gestaltet werden, dass Frauen besser erreicht und auf ihre Bedürfnisse adäquat eingegangen werden kann.


Die Mitarbeiterinnen der WWH nehmen gegenüber den Frauen, die der Sexarbeit nachgehen, tendenziell eine akzeptierende Haltung ein, setzen aber in der praktischen Arbeit keine offensiv unterstützenden oder begleitenden Angebote.

In den Interviews wurde deutlich, dass der Ausübung von Sexarbeit durch Klientinnen generell mit Akzeptanz begegnet wird, wenn die Mitarbeiterinnen in Beratungsgesprächen davon erfahren – außer sie erhalten den Eindruck, die Klientinnen praktizieren dies hauptsächlich unfreiwillig oder sie erleben Gewalt in Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit. Über die akzeptierende Haltung gegenüber der Thematik hinaus finden jedoch – außer der Weiterverweisung an spezialisierte Einrichtungen – keine praktischen Unterstützungsinterventionen statt. Es sollte angeregt werden, Klientinnen, welche als Sexarbeiterinnen arbeiten, mittels der zur Verfügung Stellung von Informationsmaterial über gesundheitliche und rechtliche Rahmenbedingungen, Kondomen etc. direkt in der Einrichtung gezielt zu unterstützen. Dies würde nicht nur den Sexarbeiterinnen mehr Schutz und Sicherheit geben, sondern allgemein einen offeneren, enttabuisierten Umgang mit dem Thema Sexarbeit signalisieren und fördern.


6. Schlussbemerkungen
Die durchgeführte Studie führte zu Erkenntnissen auf verschiedenen Ebenen. So stellen beispielsweise Sexarbeit und sexuelle Zweckbeziehungen relevante Phänomene im Leben wohnungsloser Frauen dar. Erfahrungen der Klientinnen diesbezüglich sind oftmals von Stigmatisierungen und damit einhergehenden Tabuisierungen geprägt oder finden in einem Kontext von Abhängigkeit statt, was die Thematisierung gegenüber den Mitarbeiterinnen erschwert. Es zeigte sich, dass das Ausüben gewerblicher Sexarbeit durch wohnungslose Frauen vordergründig in einem unfreiwilligen, von finanziellen Notlagen bestimmten Kontext stattfindet. Zudem wurde ersichtlich, dass sexuelle Zweckbeziehungen in einem komplexen und von außen meist schwer erkennbaren Zusammenhang ablaufen. Die Motive der wohnungslosen Frauen, eine sexuelle Zweckbeziehung einzugehen, sind sowohl materieller als auch immaterieller Art. Zudem treten sexuelle Zweckbeziehungen oft in Verbindung mit verdeckter Wohnungslosigkeit auf. Viele Klientinnen der WWH befanden sich in ihrer Vergangenheit in sexuellen Zweckbeziehungen, um die offene Wohnungslosigkeit zu vermeiden und begeben sich auch während der Betreuung durch die Wohnungslosenhilfe zeitweise in durch Abhängigkeit gekennzeichnete Zweckpartnerschaften. Der momentane Zugang zu allen Bereichen der Wohnungslosenhilfe ist für wohnungslose Frauen jedoch teilweise eingeschränkt. Vor allem in Notsituationen erscheint es wichtig, dass Frauen kurzfristig einen niederschwelligen Zugang zu Unterkunftsräumen erhalten, um eine sexuelle Zweckbeziehungen zu durchbrechen.

In Bezug auf das methodische Vorgehen im Rahmen der Forschungsarbeit lassen sich abschließend einige Punkte kritisch anmerken. Die acht Expertinneninterviews fanden ausschließlich mit Frauen statt. Dies ist keiner gezielten Strategie, sondern lediglich der zufälligen Gesprächsbereitschaft eben dieser Expertinnen geschuldet. Ob bzw. inwiefern dieser Umstand das Forschungsvorhaben beeinflusste ist unklar, es besteht jedoch die Vermutung, dass eine größere Heterogenität der Befragten sowie ein umfangreicheres Untersuchungssample den Erkenntnisraum erweitert hätten. Weiterhin kann angemerkt werden, dass für die Forschungsarbeit wesentliche Begriffe wie beispielsweise Zwang, Abhängigkeit, Freiwilligkeit oder Selbstbestimmung große (fachliche) Definitionsspielräume beinhalten und zumeist von Wert- und Normvorstellung geprägt sind. Bei letztgenanntem Begriff ist beispielsweise entscheidend, welches Verständnis von Selbstbestimmung vorliegt und dementsprechend, von welchem Menschenbild die fachliche Haltung diesbezüglich, bewusst oder auch unbewusst, geprägt ist. Zudem ist der Bereich Sexarbeit ein oftmals stark emotional und kontrovers diskutiertes Thema. Innerhalb des fachlichen Diskurses, aber auch unter den Praktiker_innen der Sozialen Arbeit wird ihm mit unterschiedlichen Haltungen begegnet, was eine laufende Herausforderung im Forschungsprozess darstellte.

Die Erkenntnisse dieser Studie können das Forschungsfeld bezüglich weiblicher Sexarbeit und sexueller Zweckbeziehungen im Kontext der WWH in vielfacher Hinsicht bereichern. Durch die Ergebnisse in Bezug auf die Rolle und Relevanz der Thematik und des Umgangs, welcher von den Mitarbeiter_innen der Einrichtungen bestimmt wird, kann sicherlich stärkeres Bewusstsein für den Forschungsgegenstand geschaffen werden. Wie genau die konkreten Bedürfnisse der Frauen, welche in der Sexarbeit tätig sind oder sich in sexuellen Zweckbeziehungen befinden, in der Praxis der WWH implementiert werden können, bleibt Gegenstand zukünftiger und unbedingt erforderlicher Forschung. Die Wohnungslosenhilfe und ihre sozialarbeiterische Praxis hat die Aufgabe, wohnungslose Frauen ausreichend zu schützen und für ihre Bedürfnisse aktiv einzutreten. Realitäten im Kontext von Sexarbeit und sexueller Zweckpartnerschaften müssen, auch wenn sie eventuell tabuisiert sind und im Gegensatz zu anderen Themen als wenig relevant betrachtet werden, erkannt und dementsprechend behandelt werden. Besonders dann, wenn damit Abhängigkeitsverhältnisse, unfreiwillige Beziehungsformen und fallweise sogar Gewalt vermieden werden können.


Verweise
1 Eine Ausführung dieser Regime und die sich daraus ableitenden Diskurse würde an dieser Stelle zu weit führen. Es kann diesbezüglich etwa beim Verein Sophie nachgelesen werden (vgl. http://v000702.vhost-vweb-02.sil.at/category/sexarbeit).
2 Die Verfasserinnen haben versucht, bei dieser Begriffsbestimmung soweit als möglich der Prämisse der Objektivität Rechnung zu tragen, wohlwissend, dass eine erneute intensive Beschäftigung mit den verwendeten Begrifflichkeiten eine weitere Präzisierung herbeiführen könnte.
3 Dass es sich bei dem Sample ausschließlich um weibliche Mitarbeiterinnen handelt, war, wie bereits erwähnt, nicht beabsichtigt und ergab sich ausschließlich aus der Bereitschaft für ein ausführliches Interview.
4 Diese Schwierigkeit begleitete auch die Verfasserinnen im Zuge des Forschungsprozesses.


Literatur

Brückner, Margit / Oppenheimer, Christa (2006): Lebenssituation Prostitution. Sicherheit, Gesundheit und soziale Hilfen. Wien: Verlag Ulrike Helmer.

Deutsch, Birgit (2008): Lebenswelt weiblicher Prostituierter in Wien und Soziale Arbeit. Diplomarbeit, FH Campus Wien.

Enders-Dragässer, Uta/ Sellach, Brigitte (2005): Frauen in dunklen Zeiten. Persönliche Berichte vom Wohnungsnotfall: Ursachen – Handlungsspielräume – Bewältigung. Frankfurt am Main: Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauenforschung e.V.

Gesetz, mit dem die Prostitution in Wien geregelt wird (Wiener Prostitutionsgesetz 2011 – WPG 2011), LGBl Nr 24/2011 i.d.F.v. LGBl Nr 33/2013

Mayring, Philipp (2007): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim/Basel: Beltz und Gelberg.

Mehlhart, Sandra (2002): Sexwork und Sozialarbeit. Wie wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Berufs- und Beschaffungsprostitution. Diplomarbeit, Bundesakademie für Sozialarbeit Wien.

Munk, Veronika (2005): Sexarbeit als Konsequenz der Migration. In: Drücker, Elisabeth von (Hg.): Sexarbeit. Prostitution, Lebenswelten und Mythen. Bremen: Verlag Ed Temmen.

Pichler, Bernhard (2013): Sex als Arbeit. Prostitution im Sinne des Arbeitsrechts. Hamburg: Disserta Verlag.

Planer, Martina / Weitzer, Barbara (1992): Wohnungslose Frauen. Entstehungsbedingungen und Verlaufsformen von Wohnungslosigkeit im weiblichen Lebenszusammenhang. Diplomarbeit, Universität Linz.

Przyborksi, Aglaja / Wohlrab-Sahr, Monika (2010): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg Verlag.

Sophie – BildungsRaum für Prostituierte (o. J.): Homepage, www.sophie.or.at (18.03.2014)

Ver.di (2005): Die Rechte von Prostituierten stärken! Frauenhandel bekämpfen! In: Mitrovic, Emilija (Hg.) (2006): Prostitution und Frauenhandel. Die Rechte von Sexarbeiterinnen stärken! Ausbeutung und Gewalt in Europa bekämpfen! Hamburg: VSA Verlag. S. 130-131


Über die Autorinnen

Johanna Enzendorfer, B.A. Internationale Entwicklung/B.A. Soziale Arbeit

Derzeit Masterstudium Gender Studies an der Universität Wien und als Betreuerin in einer Tagesstruktur für Menschen mit Beeinträchtigung in Wien tätig; bisherige Arbeits- und Themenschwerpunkte: Migration, frauenspezifische Themen, Jugendarbeit

Vera Scheckenbach, B.A. Sozialwissenschaften/B.A. Soziale Arbeit

Derzeit tätig in der niederschwelligen Sucht- und Drogenhilfe (Wien); bisherige Arbeits- & Themenschwerpunkte: Drogen/Sucht, frauenspezifische Themen

Forschungsteam: Johanna Enzendorfer, Vera Scheckenbach, Helena Lang, Kibar Dogan






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