soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 13 (2015) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/373/637.pdf


Sozialraumforschung:

Diebäcker, Marc (2014): Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum. Wiesbaden: Springer VS.


295 Seiten / EUR 36,00

Ausgehend von einer Analyse der Beziehung Sozialer Arbeit und Staat, der Verortung der Diskussionen über die „Sozialraumorientierung“ und deren Rolle in den gegenwärtigen Transformationsprozessen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat entwickelt Marc Diebäcker eine Theorie sowie ein Analysekonzept von Sozialraumorientierung auf der Grundlage M. Foucaults Theorie von „Gouvernementalität“, deren Tragfähigkeit er anhand einer empirischen Untersuchung des öffentlichen Diskurses und der Sozialarbeitspraxis rund um den Wiener Praterstern nachweist – ein ehrgeiziges intellektuelles Projekt, welches – um die abschließende Beurteilung des Rezensenten vorweg zu nehmen – hervorragend gelungen ist und für weitere Diskussionen um die behandelten Themen jedenfalls herangezogen werden sollte.

Dass die Thematik und ihre Bearbeitung für Sozialarbeiter_Innen in Praxis, Lehre und Forschung sperrig ist, sollte kein Hindernis dafür sein, dass die von Diebäcker vorgelegten Argumentationsstränge und empirischen Evidenzen unbeachtet bleiben. Allein den Begriff der „Gouvernementalität“ zu verstehen bereitet uns allen Schwierigkeiten, was von M. Foucault – in der Sozialarbeit bekannt geworden vor allem durch sein Buch „Überwachen und Strafen“ (1975) – durchaus intendiert war. Geht es doch darum, eine „standhafte“ Kritik des „Regiert-Werdens“ neben einer Kritik gegenwärtigen vom Neoliberalismus bestimmten Form einer Kritik des „Regierens“ zu etablieren. Modernes Regieren operiert nicht nur über Verbote und Befehle sondern schafft vor allem Anreize, legt Handlungsweisen nahe und etabliert z. B. über die Gestaltung öffentlicher Räume, wie dem Wiener Praterstern, Rahmenbedingungen, ein so genanntes „Grenzbildungsensemble“, das „über ein komplexes Spiel mit Normalitäten und Abweichung gesellschaftliche Differenzen und Ungleichheiten bearbeitet.“ (S. 89). In diesem Rahmen etabliert sich Sozialarbeit als umkämpfte staatliche Praxis – insbesondere beteiligt sie sich an staatlicher Macht als „Sicherheitsdispositiv“ (Sozialarbeiter_innen als „Sanfte Kontrolleure“) und im strategischen Ordnungsmodus von Normalität und Abweichung. Unter anderem werden der Sozialarbeit bei der räumlichen Regulierung strategische Aufgaben zugeordnet. Diebäcker entfaltet aufbauend auf einer luziden Analyse der Foucaultschen Theorie von „Gouvernementalität“ Sozialarbeit als „raumrelationale Praxis“, die er anhand einer empirisch-qualitativen Studie über den städtischen Raum des Wiener Pratersterns nach folgenden Forschungsfragen ausdifferenziert:

  • Wie kann die sozialarbeiterische Praxis als staatliche Praxis im städtischen Raum gefasst werden?
  • Wie wird der Wiener Praterstern in der öffentlich-parlamentarischen und öffentlich-medialen Diskursausschnitten als Raum konstituiert und welche Bedeutung wird dabei Sozialer Arbeit als staatliche Praxis eingeräumt?
  • Wie ist die staatlich-räumliche Praxis eines konkreten sozialarbeiterischen Projekts am Praterstern ausgestaltet?

Die Ergebnisse von Diebäckers Forschung zeigen unter anderem, wie der öffentliche Diskurs zum Wiener Praterstern zwischen Aufweichung und Problematisierung von Devianz oszilliert, indem die „Zustände“ medial und politisch problematisiert und als polarisierte und territorial fragmentierte Räume identifiziert werden. Dementsprechend gestalten sich die Beziehungen zwischen Klient_Innen der Sozialarbeit und anderen Nutzer_Innen. (An dieser Stelle wäre eine Analyse auf der Grundlage von Goffmanns Theorie über das Individuum im öffentlichen Raum eine reizvolle weitere Forschungsperspektive). Weiters zeigt er, wie sich das sozialarbeiterische Konzept der (All-)Parteilichkeit als ambivalente soziale Interventionspraxis entfaltet, z. B. in der Relation zwischen Sozialarbeit und Polizeiarbeit. Die Perspektive Foucaults erweist sich als solide Grundlage für die empirischen Analysen, welche zahlreiche Aspekte von Sozialarbeit erhellt – nicht nur für gelernte Politolog_Innen, sondern auch für Praxisexpert_Innen der Sozialarbeit, die sich darum bemühen, geduldig politische Implikationen ihrer Arbeit zu reflektieren.

Es ist kein Buch für LeserInnen von Rezepten. Es handelt sich vielmehr um ein Buch, das ich gerne und mit Gewinn ein zweites Mal gelesen habe.

Klaus Posch / klaus.posch@fh-joanneum.at




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