soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 1 (2008) / Rubrik "Nachbarschaft" / Standortredaktion Linz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/40/32.pdf


Marianne Gumpinger:

Volkspflege. Sozialarbeit im Nationalsozialismus.¹

"Obwohl sich bisher im Wesen der Sidonie Berger (Adlersburg) nichts Zigeunerhaftes gezeigt hat, halte ich es doch für besser, wenn die Minderjährige schon jetzt zur Mutter kommt, denn je größer das Kind wird desto mehr wird und muß schließlich einmal der Abstand zwischen der Minderjährigen und ihren Altersgenossen zutage treten. Bei dem Ehrgeiz und der Empfindlichkeit des Mädchens ist es jetzt noch nicht abzusehen, wie sich die früher oder später doch auftretende Erkenntnis, dass sie den bisherigen Mitschülern und Mitschülerinnen nicht gleichgestellt werden kann, auswirkt. Schon aus diesem Grund halte ich es für besser, wenn das Kind schon jetzt zur Mutter kommt, denn später wird sie sich noch schwerer in die Verhältnisse, in die sie wegen ihrer Abstammung doch einmal verwiesen wird, finden.
Die Leiterin des Kreisjugendamtes Steyr."

Dieser Auszug aus dem Fürsorgeakt der damals 10 jährigen Sidonie Adlersburg, geschrieben am 18. März 1943 zeigt eindringlich die ideologische Ausrichtung der Arbeit der Fürsorgerin, die als Volkspflegerin die Reinheit der arischen Rasse zu wahren hatte. Für Sidonie waren die Folgen dieser Zeilen tödlich, sie starb wenige Wochen später im KZ Auschwitz.

Das nationalsozialistische Programm der "Auslese und Ausmerze" gab den Sozialarbeiterinnen der damaligen Zeit ein weites Betätigungsfeld und einen hohen Stellenwert. Stefan Schnurr schreibt (S. 39):

"Für die Umsetzung der staatlichen Aufartungskonzepte waren die Fachkräfte in den Gesundheits- und Sozialinstitutionen unverzichtbar, weil es erforderlich war, die rassenpolitischen Klassifikationsschemata und Steuerungsimperative mit dem diffusen (und daher generell ausdeutungsbedürftigen) Alltagsleben in seinen je spezifischen individuellen Ausprägungen zu vermitteln. Wer wenn nicht der fürsorgerische Außendienst, war in der Lage (und autorisiert), die für die Umsetzung der rassistischen Gesundheits- und Bevölkerungspolitik erforderlichen Informationen zu generieren bzw. zu beschaffen?"

Fürsorgerinnen, Sozialarbeiterinnen, Wohlfahrtspflegerinnen, Volkspflegerinnen hatten schon damals eine jahrzehntelange Berufstradition in Österreich. 1912 hatte Ilse Arlt mit der ersten Ausbildung, den Vereinigten Fachkursen für Volkspflege, in Wien mit großem Engagement einen zweijährigen Lehrgang für Frauen und Mädchen für berufliche und ehrenamtliche Arbeit in Fürsorge und Armenpflege ins Leben gerufen.

Aber auch die 1926 entstandene Landespflege- und Fürsorgeschule des Landes Oberösterreich im Säuglings- und Kleinkinderheim Riesenhof untergebracht, bestand zur Zeit des Nationalsozialismus in Österreich schon über 10 Jahre und auch diese Absolventinnen fühlten sich mit großer Mehrheit einer Ethik der mitmenschlichen Hilfe verantwortlich.

Wie konnte es geschehen, dass diese durchwegs idealistischen Fachkräfte mitspielten, mitarbeiteten an der Realisierung einer absurden Utopie eines Tausendjährigen Reiches, eines reinrassigen deutschen Herrenvolkes? Diese komplexe Fragestellung erfordert differenzierte Antworten, will man sich nicht auf die Ebene simpler Schuldzuweisungen begeben.

Mehrere Begründungsfragmente bieten sich an:

  • Die biografische Kontinuität der Wohlfahrtspflegerinnen
  • Sozialarbeit als Frauenberuf
  • Methodische und praktische Kontinuität
  • Neue Betätigungsfelder
  • Hoher Stellenwert der Sozialpädagogik in der nationalsozialistischen Ideologie
  • Wirksame politische Maßnahmen erleichtern den Fürsorgerinnen die Arbeit
  • Große Akzeptanz von eugenischen Überlegungen in Wissenschaft und Öffentlichkeit.


1. Die biografische Kontinuität der Wohlfahrtspflegerinnen
In den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts war es nur wenigen Frauen möglich eine solide Berufsausbildung zu erhalten. Zumeist waren hohe Kosten mit einem Studium verbunden. In der Landespflege- und Fürsorgeschule des Landes Oberösterreich wurde Schulgeld eingehoben, obwohl die angehenden Fürsorgeschwestern intensiv in der Betreuung der Säuglinge und Kleinkinder mitarbeiteten. Für viele der jungen Frauen war Fürsorgerin ein Traumberuf, für den sie große Entbehrungen auf sich nahmen. Hermine Jakobartl, eine der Pionierinnen der Jugendwohlfahrt in Oberösterreich schreibt dazu in ihrem unveröffentlichten Tagebuch (S.12 ff gekürzt):

"Viel bin ich in diesen Jahren in dem ausgedehnten Bezirk herumgewandert. Es war nicht eine leichte aber doch eine köstliche Zeit. Viele Leute gab es freilich, nach deren Begriff jede Fürsorgearbeit überflüssig ist, aber zumeist hat sich doch ein Vertrauensverhältnis angebahnt. Im Winter, wenn Eis und Schnee alle Wege säumten, war der Außendienst wohl oft recht schwer, aber auch am dankbarsten, da hatten die Leute Zeit, waren in ihrer Einschicht sogar froh über einen Besuch, man wurde in allen möglichen Dingen zu Rate gezogen. Nicht nur um die Kinder ging es da, auch gegen die Krampfadern der Großmutter, den Kropf des Bauern, einen Nabelbruch des Ferkels... wurde man um Rat gefragt. Auch handgreifliche Hilfe war oft zu leisten und das hat bei der einfachen Landbevölkerung am ehesten Eindruck gemacht...Am Anfang hatten wohlmeinende Freunde mir geraten Unterweißenbach rechtzeitig wieder zu verlassen, ich würde hier doch nichts erreichen und alle Anstrengungen würden zu keinem Erfolg führen. Solche Meinungen bestärkten mich aber nur in dem Willen auszuharren...und alle Schwierigkeiten konnten mich nicht entmutigen... So erfreulich der langsame Aufstieg unserer Fürsorgestelle war, so war er doch bedeutungslos im Vergleich zu den immer schlechter werdenden wirtschaftlichen Verhältnissen ringsum. Die Arbeitslosigkeit...machte sich bis in unsere Abgeschiedenheit bemerkbar. Meine langjährige Kanzleikraft war es, die durch einige Winter hindurch täglich einen großen Topf Suppe für die bedürftigsten Kinder kochte...Freilich war das nur ein Tropfen auf einen heißen Stein.
So stand es, als das Frühjahr 1938 kam mit seinem gewaltigen Umbruch. Ganz Österreich widerhallte von gewaltigen Schlagworten, eine Massensuggestion bemächtigte sich des Volkes, der auch das Mühlviertel nicht entging. Was wusste man schon von den wahren Gründen dieses Umbruches und wer konnte ahnen, was daraus noch entstehen würde. Beihilfen der verschiedensten Art wurden über mehr oder weniger Bedürftige ausgeschüttet, Arbeit gab es wieder allenthalben und es herrschte Freude darüber, weil es schien, als wäre eine durchgreifende und dauernde Hebung der wirtschaftlichen Verhältnisse angebahnt. Im Großen und Ganzen herrschte zunächst ein großes Durcheinander, viele Einrichtungen wurden umgestaltet, andere ganz aufgehoben. Ähnlich war es anfangs mit dem Jugendamt. In diesen Tagen kam der dringende Ruf an mich, den Mutterdienst für den ganzen politischen Bezirk Freistadt zu übernehmen...diese Arbeit lockte mich. Näh- Koch- und Säuglingspflegekurse...erfreuten sich mit der Zeit einer immer größeren Beliebtheit...nach einiger Zeit musste ich die Leitung des Kreisjugendamtes für den Bezirk Freistadt übernehmen.. . Im Herbst 1939 brach der Krieg aus und brachte auch für unsere Arbeit neue und große Schwierigkeiten mit sich....
Am 31. Mai 1945 traf mich ein schwerer Schlag: fristlose Entlassung. Hatte ich doch den Mutterdienst im Rahmen der nationalsozialistischen Partei versehen und dies war in jenen Tagen voll Unruhe und ohne feste Ordnung Grund genug, eine Frau aus einer leitenden Stellung zu entfernen."

Für die alleinstehende Frau Jakobartl war diese Aufbauarbeit in der Jugendwohlfahrt des Bezirkes Freistadt ihr Lebensinhalt, in die sie ihre ganze Kraft und ihr volles Engagement investierte. Subjektiv und objektiv gab es für sie in den Jahren des Nationalsozialismus keine Alternative ihr Lebenswerk fortzuführen, hatte doch damals der Staat für diese Art von sozialer Arbeit eine Monopolstellung. Im Sinne einer biografischen Kontinuität war es den vielfach auf ihr eigenes Einkommen angewiesenen Fürsorgerinnen nur durch das Akzeptieren der nationalsozialistischen Rahmenbedingungen möglich, ihre Arbeit, in der sie oft auch eine Berufung sahen, weiterhin verrichten zu können.


2. Sozialarbeit als Frauenberuf
Eine enge Verknüpfung zwischen bürgerlicher Frauenbewegung und den Begründerinnen der professionellen Sozialarbeit (Jane Addams, Alice Salomon, Ilse Arlt...) bewirkte unter anderem, dass sich die Wohlfahrtspflege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert zu einem klassischen Frauenberuf entwickelte. Kaum ein anderer Beruf bot Frauen, die ihr Heil nicht in der Gründung einer Familie sahen, ein so weites und vielfältiges Betätigungsfeld wie der der Fürsorgerin. Der hohen gesellschaftlichen Akzeptanz dieser traditionellen Frauenarbeit bediente sich auch die nationalsozialistische Ideologie und der diese umsetzende Parteiapparat. Obwohl weibliche Berufsarbeit prinzipiell abgelehnt wurde - war doch die eigentliche Bestimmung der deutschen Frauen, dem deutschen Volk und seinem Führer viele erbgesunde Kinder zu schenken - wurde die Wohlfahrtspflege als eine dem Wesen der Frau angemessene Berufstätigkeit betrachtet. Dies bot eine Alternative für unverheiratete Frauen, die ihren Lebensunterhalt selbst aufbringen mussten.

In einem Beitrag von David Kramer über die Wohlfahrtspflege im Dritten Reich veröffentlicht in dem Buch "Sozialarbeit und Soziale Reform" wird auf S.38 ein im Spiegel vom 17. März 1980 gedrucktes Hitlerzitat erwähnt:

"In keiner Ortsgruppe der Partei durfte eine Frau auch nur die kleinste Stelle haben. Man hat daher immer gesagt, die Partei sei frauenfeindlich. Wir würden in der Frau nur eine Gebärmaschine oder ein Lustobjekt sehen. Das ist nicht der Fall: In der Jugendpflege und auf karitativem Gebiet habe ich ihr viel Raum gegeben."

Neben diesen ideologischen Erwägungen konnte auf das Wissen und die Erfahrung der Frauen, die die Sozialarbeit jahrzehntelang mühevoll aufgebaut hatten, nicht verzichtet werden. Ersten Säuberungswellen unter den Fürsorgerinnen in der Zeit der Machtergreifung der NSDAP 1933 in Deutschland folgte rasch die Ernüchterung: Man konnte die fachlich ausgebildeten Frauen nicht einfach durch treue Parteigänger ersetzen, hatten diese doch weder das Know how noch die Kontakte zur Bevölkerung. Brigitte Kepplinger schreibt in ihrem Beitrag "Kommunale Sozialpolitik" in dem Buch "Nationalsozialismus in Linz" S.735

"Der Fürsorgeberuf forderte als von den Frauen die als weiblich eingeschätzten Eigenschaften und Verhaltensweisen in überhöhter Form. Die Fürsorgerin war mütterlich, helfend, ratend, tatkräftig, verständnisvoll aber auch bescheiden, maßvoll, angepasst. Hinsichtlich der Einstellung zu ihren beruflichen Aufgaben wurde von der Fürsorgerin einerseits selbständiges Agieren gefordert - sie sollte die Lage der Hilfsbedürftigen einschätzen, die geeignetsten fürsorgerischen Maßnahmen benennen, erzieherische Defizite feststellen, Abhilfe vorschlagen sowie die getroffenen Anordnungen überwachen - andererseits wurde durchgängig deutlich gemacht, dass sie lediglich das ausführende Organ der übergeordneten Stellen war...Auf diese Weise kommt es in Linz zu einer doch erstaunlichen personellen Kontinuität: Von 1920 bis 1945 sind hier im Wesentlichen dieselben Fürsorgerinnen im Einsatz, über alle politischen Brüche und politischen Systemwechsel hinweg".

Sozialarbeit war somit in der Zeit des Nationalsozialismus eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen berufstätig sein und einer angesehenen und anspruchsvollen Tätigkeit nachgehen zu können.


3. Methodische und praktische Kontinuität in der Arbeit
Dem Fürsorgeakt Sidonie ist selbst bei intensivem Studium kein methodischer oder inhaltlicher Bruch in der Aktenführung im Jahr des Anschlusses 1938 anzumerken. Engagiert versuchen die zuständigen Fürsorgerinnen, die Eltern des im Jahr 1933 im Krankenhaus Steyr abgegebenen Säuglings Sidonie auszuforschen und gehen dabei zielstrebig und konsequent jedem Hinweis nach. Regelmäßig finden Hausbesuche bei der Pflegefamilie Sidonies statt und werden durchaus sachlich und freundlich im Akt dokumentiert. Keine Spur von verbalen Entgleisungen oder demütigenden Beschreibungen des "Zigeunermädchens" Sidonie. Sogar das alles entscheidende Schreiben an die Kriminalpolizei Innsbruck (siehe einleitendes Zitat) ist getragen von einem wohlwollenden Unterton "Wir meinen es ja nur gut mit ihr! Besser jetzt, später wird es nur noch schwerer für sie".

Das Methodenspektrum der Sozialarbeit dieser Zeit wurde ziemlich unverändert in den neuen gesellschaftlichen Kontext gestellt:

  • Erheben der Lebensumstände, der Behinderung oder der angeblichen Erbkrankheit, der rassischen Hoch- oder Minderwertigkeit - je nach Ergebnis:
  • Gewährung von Unterstützungen wie Ehestandsdarlehen, Kinderbeihilfen etc. so die politischen Kriterien erfüllt wurden - oder aber
  • Ausmerzen, Aussondern, Zwangseinweisungen oder Deportationen, "Abdrosseln des kranken Erbstromes" mit der Konsequenz von unzähligen verstümmelten weil zwangssterilisierten oder getöteten Menschen.

Mit der Vertrautheit, der Alltäglichkeit der gewohnten Arbeit wurde ein Teil des Misstrauens gegen die neue Ideologie überdeckt. Die Routine in der Arbeitspraxis aber auch die Aufteilung der Verantwortung auf viele verschiedene Arbeitsschritte, die von vielen verschiedenen Menschen zu verantworten waren, machten es schwer, das "Mörderische" des eigenen Tuns wahrzunehmen.

Stefan Schnurr schreibt hiezu (S.204ff):

"Die fallspezifische Anwendung sozialer und medizinischer Definitionskriterien gehört zu den basalen Handlungsfiguren im routinisierten Alltagshandeln in der Sozialarbeit. Die Unterscheidung von Normalität und Abweichung, die Verobjektivierung des Klienten zum Fall, die Konstruktion von Fällen unter bestimmten Aufmerksamkeitsperspektiven - das kennzeichnet die klassische soziale Topik der sozialen Arbeit als "Ordnungsmacht"...Die Kontinuität der Praxisformen sicherte die Integration der Praktiker aus der sozialpädagogischen Bewegung nach zwei Richtungen hin. Sie immunisierte gegen Zweifel und auftretenden Legitimationsbedarf, wenn Berufsangehörige aus der sozialpädagogischen Bewegung in die Umsetzung von Programmen involviert waren, die mit den berufsethischen Grundüberzeugungen und Konzeptualisierungen regelrechten Berufshandelns konfligierten. Sie ermöglicht es jenen Berufsangehörigen, die in den Sektoren der "aufbauenden Volkspflege" und "Volkserziehung" tätig waren, ihre Berufstätigkeit im Nationalsozialismus als ungebrochene Fortsetzung ihrer spezifischen Kompetenz, wenn nicht sogar als zu begrüßende Erweiterung "pädagogischer Freiräume" zu erfahren. Bei dieser Gruppe von Berufsangehörigen immunisierte die Kontinuität der Praxisformen gegen die Erkenntnis, dass sie auf der Seite der "positiven Auslese" sich gleichwohl an der Umsetzung des rassistisch-selektionistischen Programms beteiligten, wenn sie auch in die Praxen aktiver Ausgrenzung selbst nicht eingebunden waren."

Zwar erfuhr die Berufskultur der Fürsorgerinnen durch die neuen politischen Rahmenbedingungen durchaus eine Irritation, die z.B. durch die Entlassung oder andere Sanktionierungen politisch nicht genehmer Kolleginnen entstand. Dies betraf aber nur Einzelpersonen und die Solidarität der Berufsgruppe umfasste anscheinend diese Opfer des Systems nicht (mehr). Die Mehrheit der Fürsorgerinnen passte sich den neuen politischen Gegebenheiten an, indem sie ihre Wertorientierungen adaptierten bzw. versuchten durch vorsichtigen, heimlichen Widerstand den neuen Verhältnissen etwas von der Destruktion zu nehmen. Das berufliche Selbstverständnis konnte jedenfalls ziemlich unbeschädigt in das 1000 Jährige Reich transformiert werden.


4. Hoher Stellenwert der (Sozial)Pädagogik in der nationalsozialistischen Ideologie
Der Erziehungsgedanke stand im dritten Reich stark im Vordergrund. Waren es doch nebst den eugenischen Maßnahmen Erziehungsmaßnahmen, die das neue Volk der Arier formen sollten. Erziehung wird aufgrund der biologischen Orientierung Hitlers und seiner Ideologen als Menschenformung und Züchtung verstanden. Wodurch die landläufige Bedeutung des Begriffes Erziehung als "Förderung und Vermittlung von Fähigkeiten, Bildung und Wissen" eine neue Bedeutung als "Gesinnungspflege". erhielt. Steinhauser zitiert Hehlmann (S.46):

"Die gegenwärtige deutsche Pädagogik erstrebt eine Zusammenfassung und innere Vereinheitlichung aller pädagogischen Sonderbereiche auf der Grundlage völkischer Besinnung. Sie will weder individualistisch noch universalistisch noch rationalistisch sein, sondern hat das Ziel, eine neue Menschenformung auf der verpflichtenden Haltung, der Zukunft und der Sicherung des Volkes zu dienen, aufzubauen. Sie beschreitet daher auch neue Wege einer ganzheitlichen Erziehung, wie sie aus den Gemeinschaften und Lebensordnungen des Volkes hervorwachsen. Einzelansichten knüpft sie an die teilweise verschütteten Erkenntnisse des geschichtlichen Erziehungsdenkens an, betrachtete die bisherigen erzieherischen Aufgaben jedoch nur als Teilziele innerhalb eines größeren und umfassenderen erzieherischen Aufgabenfeldes, sie ist grundsätzlich politische Pädagogik."

Wer sich als Teil dieses größeren Ganzen verstehen konnte, erlebte als VolkspflegerIn eine starke politische Aufwertung seiner Arbeit im Unterschied zur belächelten "Wohlfahrtsduselei" früherer Zeiten. Stand er/sie doch nun im Zentrum der professionellen Umsetzung der neuen Ideen und Programme. Erziehung als Formung des deutschen Volkes erhielt als wesentliches Umsetzungsinstrument zur Verbreitung der neuen Ideologien einen neuen Stellenwert. Wie in den verschiedensten nationalsozialistischen Organisationen an dem einen großen Ziel der Totalbeeinflussung des Menschen gearbeitet wurde, gibt ein Zitat Adolf Hitlers aus dem Jahr 1938 wieder (Steinhauser S.50):

"Und wenn nun dieser Knabe und dieses Mädchen mit zehn Jahren in eine Organisation hineinkommt und dort nur zu oft zum ersten Mal überhaupt eine frische Luft bekommt und fühlt, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hand unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront, in die SA oder SS, in das NSKK usw. Und wenn sie dort zwei Jahre oder eineinhalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort sechs oder sieben Monate geschliffen, alle mit einem Symbol, dem deutschen Spaten. Und wenn dann nach sechs oder sieben Monaten noch ein Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da und dort vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre. Und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben."


5. Neue Betätigungsfelder
Die Attraktivität des Nationalsozialismus für Fachleute im Sozialbereich entstand unter anderem auch aus dem Versprechen der Errichtung eines perfekten wohlfahrtsstaatlichen Systems. Hatten doch die Regierungen Schuschnigg/Dollfuß in der Absicherung von Arbeitslosen, aber auch generell in der Versorgung bedürftiger Menschen versagt und eine Reihe schier unlösbarer sozialer Probleme hinterlassen. Zwar bezeichnete auch Hitler in "Mein Kampf" die individuelle Förderung und Unterstützung Unwürdiger als "ebenso lächerliche wie zwecklose Wohlfahrtsduselei" (C.W. Müller S.214) wofür er durchaus auch Zustimmung von Wohlfahrtsfachleuten bekam. Es erhofften sich diese doch von der neuen Volkswohlfahrtspflege eine Befreiung "von einer irregeleiteten Fürsorge, die ihre Kraft in erster Linie einsetzt für alles Kranke und Schwache" Viele waren sich der Tragweite dieses Paradigmen-wechsels wohl nicht bewusst, erwarteten sich aber von den neuen Machthabern neue Ideen und wirkungsvollere Lösungsansätze.

Eine dieser Lösungsinstrumente bestand in der Etablierung von Gesundheitsämtern, die unter anderen auch für die erbgesundheitliche Beurteilung von Familien zuständig waren und somit für die Aussonderung nicht arischer, erblich minderwertiger Menschen. Brigitte Kepplinger schreibt (S.781):

"Das Linzer Gesundheitsamt unter der Leitung von Amtsarzt Dr. Karl Demelbauer gewann im Nationalsozialismus innerhalb der Stadtverwaltung gegenüber der Zeit davor deutlich an Gewicht. Neue zu bearbeitende Gebiete, wie der als sehr wichtig eingestufte Bereich Erb- und Rassenpflege, der Ausbau der TBC-Fürsorgestelle sowie die Einrichtung einer Beratungsstelle für Geschlechtskranke erforderten eine Aufstockung des Personals und eine Erweiterung der vorhandenen Räumlichkeiten. Im Juli 1940 bezog das Gesundheitsamt das Gebäude Wurmstraße 7, das zur Liegenschaft der Kreuzschwestern gehörte und von diesen käuflich erworben worden war. Auch wurden "im Zuge der Ausgestaltung des Gesundheitsamtes (...) aus dem Stande des Fürsorgeamtes" vier Beamte bzw. Angestellte ab dem 1. April dorthin abgegeben."

Politisch engagierten Systemkonformen eröffneten sich auch über den klassischen Bereich der Wohlfahrtspflege hinaus neue Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Die nationalsozialistische Volkswohlfahrt NSV bot mit ihren vielfältigen, zwar überwiegend auf ehrenamtliches Engagement aufbauenden Aktionen wie Winterhilfswerk, ein weites Feld auch für professionelle Aktivitäten. Besonders die immer wieder auftretenden Rivalitäten zwischen Jugendamt und NSV, was die Betreuung aber auch die Beeinflussung von Familien und Jugendlichen betraf, machte professionelles Agieren auch in der NSV notwendig - ein dankbarer Tätigkeitsbereich für nationalsozialistisch gesinnte Volkspfleger. Stefan Schnurr fasst auf S. 37 zusammen:

"Neue bzw. erweiterte Aufgabenfelder entstanden durch die Einrichtung des öffentlichen Gesundheitsdienstes und den flächendeckenden Ausbau von Gesundheitsämtern, in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), in der Jugenderziehung und im Bereich der Erziehung von Frauen zu "rationalem Reproduktionsverhalten" und rationalem Wirtschaften: in den Führungspositionen der nationalsozialistischen Jugendorganisationen HJ und BDM, im Reichsarbeitsdienst, im Landjahr, in der sozialen Betriebsarbeit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und in den Mütterschulungen des Reichmütterdienstes."

Wie ihrem Tagebuch zu entnehmen ist, konnte auch Frau Jakobartl der Versuchung bei Mütterschulungen mitzuarbeiten und diese aufzubauen, nicht widerstehen.


6. Wirksame politische Maßnahmen erleichtern die Arbeit der Volkspflegerinnen
Die große Weltwirtschaftskrise 1929 hat sowohl in Deutschland aber auch in Österreich sehr schwierige wirtschaftliche Verhältnisse mitverursacht. Hohe Arbeitslosigkeit bewirkte eine geringe Kaufkraft der Bevölkerung was, wiederum eine Reduktion der Produktion mit Erhöhung der Arbeitslosigkeit ergab. Ein Teufelskreis der von den regierenden Christlichsozialen nicht durchbrochen werden konnte. 1933 gelangten die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht. In diesem Jahr erreichte die Arbeitslosigkeit in Oberösterreich laut Landes Chronik (S. 335) die neue Rekordhöhe von 48.466 Arbeitslosen. Dem nationalsozialistischen Regime gelang es, in den nächsten Jahren durch hohe öffentliche Ausgaben in Autobahnbau, aber auch durch Aufrüstung und Arisierung jüdischer Vermögenswerte die Arbeitslosigkeit in Deutschland stark zu senken. Nach dem Anschluss erklärte Hitler Linz zu seiner Patenstadt und siedelte eine Reihe von Wirtschaftsbetrieben (Hermann Göring Werke etc.) an. Auch der Wohnbau wurde forciert ("Hitlerbauten") und einige Prestigegebäude wie die Nibelungenbrücke mit den beiden Brückenkopfgebäuden errichtet.

Zweifelsohne beeindruckten diese Maßnahmen die Zeitgenossen, aber sie erleichterten den Volkpflegerinnen auch die Arbeit wurden doch die unter sehr elenden Verhältnissen lebenden Klienten deutlich weniger. Zumindest für einige wenige Jahre war die ärgste Not eines Großteils der Bevölkerung gebannt. Auch nach Ausbruch des 2. Weltkrieges hielten die positiven Effekte noch einige Zeit an, bevor aufgrund der Lebensmittelknappheit und der Kriegszerstörungen neues und noch größeres Elend über die Bevölkerung und deren Volkspflegerinnen hereinbrach.

Mag sein, dass die propagandistisch enorm vermarkteten Verbesserungen der Lebenssituation der ÖsterreicherInnen knapp nach dem Anschluss, die sich bereits abzeichnenden gesellschaftlichen Brüche und Konflikte überstrahlten. Waren doch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (1933) und die Nürnberger Rassegesetze schon seit 1935 in Kraft und wurden mit unbarmherziger Strenge exekutiert. Trotzdem liegt die Vermutung nahe das bei mancher politisch nicht so interessierten Volkpflegerin, die so propagierten vordergründigen "Erfolge" des Nationalsozialismus den Blick auf die sich abzeichnenden Bedrohungen für jüdische und behinderte MitbürgerInnen trübte. Möglicherweise wurden in dieser allgemeinen Anschlusseuphorie die menschenverachtenden Elemente des Nationalsozialismus nicht ernst genug genommen.


7. Große Akzeptanz von eugenischen Überlegungen in Wissenschaft und Öffentlichkeit
Telegramm am 11. April 1938 von Gauleiter Eigruber an Adolf Hitler: "Mein Führer! Von den 576.533 Stimmberechtigten Oberösterreichs stimmten mit Ja 574.141 und mit Nein 627. Oberösterreich grüßt den Führer Großdeutschlands in immer gleicher Treue." (LandesChronik Oberösterreich S.344) Mag sein dass von den 627 Nein Stimmen überdurchschnittlich viele von Volkspflegerinnen abgegeben wurden, allerdings spricht nicht viel dafür. Tatsache ist, dass viele der Ideen des Nationalsozialismus von breiten Kreisen der Bevölkerung mit großer Überzeugung mitgetragen wurden.

Auch die in unserer Zeit besonders abstoßende Vorstellung, ein Volk "hochzüchten" zu können wie eine Rinderherde wurde in den Dreißigerjahren von vielen auch sehr angesehenen Wissenschaftlern geteilt. Selbst der Arzt und Politiker Julius Tandler, Mitbegründer des "roten Wien", der sich zweifelsohne große Verdienste um das Sozialsystem Österreichs erworben hat, war der Ansicht, dass öffentliche Investitionen in alte oder behinderte Menschen nur bedingt vertretbar seien. Dafür aber "eine der wichtigsten Bevölkerungsfragen z.B. die Frage nach der Reproduktion und die Frage der Aufzucht sei" (Tandler in Kepplinger S.725).

Ein weiterer prominenter Vertreter der Sozialwissenschaft und Sozialpolitik ist Hans Muthesius. Auch ihm gelang es, im Laufe seiner langen beruflichen Karriere alle ideologischen Strömungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland mitzutragen und mitzuentwickeln. Im Besonderen auch die Thesen des "sozialen Rassismus, der Menschen nach Nützlichen und Unbrauchbaren ordnet, der das Wohl des "Volkskörpers" bedingungslos über das Wohl des Individuums stellt, diagnostiziert schließlich "genetische Minderwertigkeit" als irreparabel und somit nur durch Sterilisation oder physische Vernichtung zu beseitigen.

Eugenik, als Lehre von den "guten Genen" betrachtet Volksgesundheit als "Züchtungserfolg" (Engelke S.253):

"Zahlreiche FürsorgerInnen, VolkswohlfahrtspflegerInnen und GesundheitspflegerInnen, nicht nur Muthesius, haben sich ebenfalls aktiv daran beteiligt. Wir kommen außerdem nicht umhin wahrzunehmen, dass der sozialarbeiterische Diskurs in der Zeit vor, während und auch nach dem "Dritten Reich" von sozialdarwinistischen und sozial-rassistischen Ideen geprägt war. ...In den Schulen für soziale Berufe haben LehrerInnen ihre SchülerInnen und an den Hochschulen haben HochschullehrerInnen ihre StudentInnen darin unterrichtet, und die ganz große Mehrheit hat Hitlers Lehren von der "sozial-rassistischen Volkspflege" für sich übernommen und später in die Praxis umgesetzt."

Diejenigen die von dieser dominanten Ideologie abwichen, hatten große Nachteile zu ertragen, so dass sich auch bei vielen Resignation breit machte. Manch Mutige/r machte sich durch sogenannte "Flüsterwitze" Luft wie z.B. (LandesChronik S.343)

"Du bist aus Oberdonau" wird ein Oberösterreicher von einem Feldwebel angeschrieen, "ihr seid ja alle zu 50% dämlich!" "Da ham ma uns aber sehr gebessert" antwortet der Oberösterreicher, "weil dös warn bei uns amal 99%!"


8. Schlussüberlegungen

"Die, die es wissen wollten, haben es gewusst" meinte Frau Diplomfürsorgerin Margarete Zach als Zeitzeugin in einem Interview. Was ist mit "es" gemeint? Was im schon 1933 eröffneten KZ Dachau geschah oder ab 1938 in Mauthausen, in Hartheim, im Kreisjugendamt Steyr? Die gesamten katastrophalen Auswirkungen des Nationalsozialistischen Regime sind wohl bis zum heutigen Tag noch nicht voll bekannt und verarbeitet. Aber Wissen allein genügt nicht.

"Soziale Arbeit verfolgt nach dem Selbstverständnis fast aller SozialarbeiterInnen ausschließlich gute und wertvolle Ziele. Zur selbstkritischen Reflexion sozialer Arbeit gehört es meines Erachtens auch Theorien und Praktiken mit "unmenschlichen" Zielen bzw. Werten zu bedenken und sie nicht - mit welcher Rechtfertigung auch immer - zu verdrängen oder "teuflischen Menschen" zuzuschreiben. Die Gefahr, die ich sehe, besteht darin, so zu tun als sei " so etwas heute nicht mehr möglich und als würden nur menschliche Monstren, die eigentlich gar keine Menschen sind, andere Menschen ausgrenzen und vernichten"

Wissen allein genügt nicht, aber es ist ein erste Schritt zu einem "Nie wieder Hartheim!"


Verweise
¹Aus: Wert des Lebens; Begleitpublikation zur Ausstellung im Schloss Hartheim 2003 S. 39-47


Literatur
Baron, Rüdeger,1983: Sozialarbeit und soziale Reform. Beltz
Engelke, Ernst, 1993: Soziale Arbeit als Wissenschaft. Lambertus
Engelke, Ernst, 1998: Theorien der Sozialen Arbeit. Lambertus
Hackl, Erich, 2000: Materialien zu Abschied von Sidonie. Diogenes
Landwehr, Rolf, et al. 1991: Geschichte der Sozialarbeit. Beltz
Lehr, Rudolf, 1987: LandesChronik Oberösterreich. Christian Brandstätter
Mayerhofer, Fritz, 2001: Nationalsozialismus in Linz. Band 1. Archiv der Stadt Linz
Müller, C. Wolfgang: 1991: Wie Helfen zum Beruf wurde. Band 1. Beltz
Schnurr, Stefan, 1997: Sozialpädagogen im Nationalsozialismus. Juventa
Steinhauser, Werner, 1992: Geschichte der Sozialarbeiterausbildung. ÖKSA


Über die Autorin

Marianne Gumpinger, Jg 1957
marianne.gumpinger@fh-linz.at

  • Seit 2002 Leitung des Studienganges Soziale Arbeit an der FHOÖ
  • Seit 2008 Vizedekanin für Lehre der Fakultät für Gesundheit und Soziales








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