soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 14 (2015) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/414/709.pdf


Michael Böwer & Jochem Kotthaus:

Es kommt doch immer so, wie man es denkt – auch wenn es anders kommt, als man denkt

Eine Replik auf Christian Reutlingers Spiel mit den Zukünften der Sozialen Arbeit


Zukunft, so könnte man vielleicht sagen, ist nichts als die Erwartung, dass und wie die Wirklichkeit sich wie bekannt oder in Variationen gestaltet. Diese Wirklichkeit ist nicht, sie wird gestaltet, ob diskursiv oder anders. Foucault (1974) verweist in der Ordnung der Dinge auf die Notwendigkeit des modernen Denken, von und über die Wirklichkeit zu sprechen, um sie durch diesen Vorgang überhaupt erst zu schaffen:

„Im Akt des Sprechens oder vielmehr (um näher an dem zu bleiben, was es für die klassische Erfahrung mit der Sprache an Wesentlichem gibt), im Akt des Benennens transformiert die menschliche Natur als Faltung der Repräsentation in sich selbst die lineare Folge der Gedanken in eine konstante Tafel von teilweise unterschiedlichen Wesen. Der Diskurs, in dem sie ihre Repräsentationen redupliziert und offenbart, verbindet sie mit der Natur“ (Foucault 1974: 374).

Die „Natur“ stellt uns damit eine „unbenannte“ Rohmasse zur Verfügung, aus dem ein „Ich“ und ein „Wir“ erst gebildet werden muss. Vor diesem Prozess ist eine Realität existent, diese muss jedoch unbenannt außerhalb der eigenen Erfahrungswelt unerkannt bleiben. Wirklichkeit ist damit ein Benennen der relevanten Gegenstände des individuellen Seins und auch immer mit der Erwartung verbunden, dass diese Gegenstände in ihrer Form und ihren Inhalten nicht nur weiter existieren, sondern in ihrem Sein auch für andere sind und verständlich bleiben.

Die von uns redaktionell betreute Ausgabe 1-2.2013 des Sozialmagazins stand unter dem Diktum und der selbstgewählten Verpflichtung, etwas über die „Zukunft der Sozialen Arbeit“ sagen zu wollen – und zu können. Neben einem Blick in die Zukunft, war es unser Ziel, ein wenig zur Schärfung des Bewusstseins des aktuellen Zustands unserer Profession beizutragen. Der Kollege Christian Reutlinger hat sich nun in seinem Beitrag „Hellsehen, Orakeln, Interpretieren“ (vgl. Reutlinger 2014) recht kritisch mit unserer Vorgehensweise auseinander gesetzt. Dies schätzen wir, da ein produktiver Streit durchaus geeignet sein kann, zu einer inhaltlichen oder disziplinären Klärung beizutragen. Im Gegenteil geben wir uns professionell oft streitbarer, als wir tatsächlich sind; insofern gebührt dem Kollegen unsere Anerkennung für sein Vorgehen. Wir möchten Christian Reutlingers Argumentationen nun aufnehmen und darlegen, warum die vorgetragenen Kritikpunkte unseres Erachtens zum großen Teil nicht zutreffend sind – und darüber hinaus die von dem Kollegen vorgetragenen Gedanken, so meinen wir, zur Depolitisierung unserer Profession beitragen können.

Der Austausch über die Zukunft ist, wie Reutlinger richtig ausführt (jedoch dazu ausgerechnet Matthias Horx zitiert) eine Vergewisserung des Gegenwärtigen und ein Abgleich mit der sozialen Umwelt ob der Richtigkeit (man könnte sagen: der Wahrheit) der Begriffe von den Gegenständen. Wir wollen erfahren, wer wir sind, wo wir stehen und ob diese Wirklichkeit von andern verstanden werden kann, ob sie Bestand haben wird. Sprechen wir also von der Zukunft und der Vergangenheit der Sozialen Arbeit, so sprechen wir im Wesentlichen von uns und versuchen, den flüchtigen Moment des Jetzt zu fixieren, indem wir ihn vom Damaligen und Erwartbaren abgrenzen.

Christian Reutlinger stellt dann zwei „Zukunftsentwürfe“ der Sozialen Arbeit einander entgegen: die von uns herausgegebenen Beiträge des Sozialmagazin, die sich mit der Ökonomisierung des Sozialen, der Entgrenzung von Gesellschaft im Rahmen der Globalisierung, Kostendruck und Entfachlichung sowie den Arbeits- und Ausbildungsbedingungen auseinander setzen (von Reutlinger 2014: 61 als „kleine und kleinste Trends“ tituliert) sowie – ja, was eigentlich? Einer Sammlung verschiedener Forschungsprojekte, die als verbindendes Merkmal vom Kollegen verantwortet sich auf ein Konzept des sozialen Nahraums beziehen. Während ersteres Gegenwart fatalistisch zeichne, so der Tenor, ist Reutlingers Nahraum wegweisend. Gegenwartskritik als Kleingeistigkeit vs. Kleinräumigkeit als Visionsärswerk also?

Die vorgenommene Entgegensetzung und ihr Vergleich hat zunächst einmal – trotz oder aufgrund der offensichtlichen Verschiedenheit ihrer Gegenstände – vor allem eine Botschaft: die Vorgehensweise sowohl in der redaktionellen Gestaltung insgesamt als auch innerhalb der einzelnen Beiträge wird als nicht legitim, sondern als ewig gestrig herausgestellt. Der zentrale Vorwurf lautet hier, dass trotzdem – oder gerade aufgrund dessen? – dass die einzelnen Beiträge (und das gesamte Heft) von einem „Krisendiskurs“ (Reutlinger 2014: 61) geprägt seien, diese Analysen nicht analytisch „sauber“ (ebd.: 70) durchgeführt und eher anhand „Beschreibung negativer Großwetterlagen“ (ebd.: 61) entwickelt worden sind. Mit anderen Worten beschreibe die Ausgabe, welche unter dem Diktum einer vorgeblichen Zukunftsbeschreibung der Sozialen Arbeit stehe und somit zumindest suggeriere, für die Profession als solcher Aussagen treffen zu können, eher gefühlte Eindrücke und Entwürfe des Scheiterns.

Richtig ist, dass sich die Beiträge durchgängig kapitalismus-kritisch zeigen, dieser Bezug ist zum Teil grundsätzlicher begründet, so wie im Beitrag von Böhnisch und Schröer, zum Teil ist die Bezugnahme jedoch auch wesentlich impliziter und angedeutet. Der Grundtenor, der einen Begründungszusammenhang zwischen Ungleichheit, Armut und Benachteiligung als kapitalistischem Effekt nicht nur für die Betroffenen, sondern sozusagen als Spiegelung auch für die Profession selbst unterstellt, ist sicherlich überall mehr oder minder deutlich zu lesen. Der theoretische Rahmen steht, auch unter Anschluss an aktuelle Diskurse um Wohlfahrtsstaatlichkeit und Moderne, außer Frage – und bereits in unserem Editorial wird deutlich, dass es uns nicht um generelle Aussagen zum Stand der Profession insgesamt geht, sondern wir ihre Ansprüche auf Eigenverantwortlichkeit und Eigensteuerung explizieren und an einzelnen Beispielen verdeutlichen wollen. Ob es sich hier, wie Christian Reutlinger etwas abschätzig bemerkt, um die „Lieblingsthemen oder die jeweiligen Arbeitsgebiete“ (ebd.: 61) der Autorinnen und Autoren handelt? Natürlich ist das so; die Gegenfrage ist, was daraus zu schließen wäre – vor allem vor dem Hintergrund, dass im Laufe seines eigenen Beitrags mit Christian Reutlinger ein Experte der Sozialraumorientierung die Sozialraumorientierung als Zukunftsentwurf der Sozialen Arbeit präsentiert. Reproduziert sich nicht auch hier selbstreferenziell ein Diskurs? Welchen Anspruch an Expertise erfüllt Christian Reutlinger, den unsere Autorinnen und Autoren nicht erreichen?

So jedenfalls arbeitet sich der Kollege daran ab, dass die „Forderungen“, d. h. die einige Beiträge beendenden Schlussfolgerungen, unspezifisch in den Raum gerichtet seien. Hier irrt der Kollege. Die Forderungen sind in die Profession hinein formuliert, sie stellen Diskussions- und Argumentationsanlässe in Praxis und Disziplin dar. Nicht anders referenziell verhält es sich mit dem Beitrag Reutlingers, der Verschriftlichung eines Vortrages, selbst auch: Sein Plädoyer für die Sozialraumorientierung ist an die gerichtet, die seinen Text lesen – oder ihn zuvor gehört haben.

Reutlinger kategorisiert die Beiträge unseres Heftes dann wie folgt: (1) Fremdlogiken gefährden die Standards des professionellen Handelns, (2) Sparzwänge gefährden die Sozialsysteme grundlegend, (3) Sparmaßnahmen tragen nicht zur Effizienzsteigerung bei (Eigenaktivierung der Klientinnen und Klienten), sondern entprofessionalisieren die Arbeit, wodurch (4) die Ausbildung leidet, Beschäftigungsverhältnisse prekär werden und die Tätigen erkranken können. Uns gefällt diese Systematisierung und wir würden ihr zustimmen. Nur, woher nimmt Reutlinger die Erkenntnis, dass dies bloß „kleine und kleinste Trends“ (ebd.: 61) seien? Reutlinger empfindet, so lesen wir seine Ausführungen, diesen ganzen politischen Schnickschnack hingegen als viel zu kompliziert und wenig utopisch:

„Soziale Arbeit scheint sich verstrickt zu haben – wirklich attraktive Szenarien für die Zukunft liegen keine vor. Wenn es positive Entwicklungen gibt, so scheinen diese klein, rückbezogen auf den Nahraum und angesichts der Weltlage unbedeutend“ (ebd.: 70).

Nimmt man die Argumentation näher unter die Lupe, ist zunächst auf eine Binsenweisheit hinzuweisen: Bei der Aufforderung, Utopien oder Szenarien der Veränderung zu entwerfen, handelt es sich um ein Totschlagargument, welches dazu angetan ist, einer berechtigten (oder auch unberechtigten) Kritik ihre Legitimation zu entziehen. „Macht es doch erst einmal besser!“, „Welche Ideen habt ihr denn?“, „Zu kompliziert!“ und „Nicht machbar!“ sind von jeher die konservativen Zaunpflöcke gewesen, welche Kritik als linkes oder pseudorevolutionäres Gebaren abkanzeln soll.

Die von uns bzw. unseren Autorinnen und Autoren aufgezeigten Befunde sind dabei ja nun keinesfalls esoterisch – oder auch nur übermäßig neu –, sondern geben im Gegenteil eine Wirklichkeit, einen als unhintergehbar richtig empfundenen Alltag Sozialer Arbeit wieder. Diese Soziale Arbeit hat sich in den letzten 25 Jahren grundlegend – und zwar mehrfach – transformiert und der Profession einer Ökonomisierung – vielleicht könnte man auch sagen: einem Quantifizierungsdruck – unterworfen, welcher grob gesprochen in der Tendenz dem Weniger an Mitteln und Handlungsspielräumen ein Mehr an Aufgaben, Fällen und Rechtfertigungsnotwendigkeiten entgegensetzt.

Dieser letzte Aspekt bringt uns zu unserem vielleicht zentralsten Punkt: Was sagt Christian Reutlinger, wenn er eine Orientierung und Konzentrierung auf den sozialen Nahraum dem „Krisendiskurs“ und dem Befund der Entprofessionalisierung entgegen setzt, und er diesen, seinen, Entwurf der Sozialen Arbeit als Gegenfolie formuliert? Bedeutet dies nicht in der Konsequenz, dass der Bezug auf den sozialen Nahraum die Lösung schlechthin darstellt, die von Reutlinger eingeforderte Utopie?! So zeichnete er diesen utopischen Raum als ein idealtypisch verwildertes Fußballfeld, das primär durch diesen seinen nahräumlichen Charakter neue Begegnungen und Zukünfte stifte. Hier macht uns die Formulierung und Betonung des sozialen Nahraums denken, dass ein Lösungsansatz sozialer Probleme schlechthin präsentiert werden soll. Für uns steht jedoch außer Frage, dass für das Individuum zentrale belastende, in seinen Grundbedürfnissen und Teilhabechancen benachteiligende Einflussfaktoren existieren, welche sich weder vor Ort im Nahraum begründen, noch sich überhaupt dort bearbeiten lassen. Eine Soziale Arbeit kann, nimmt man ihre Diskurse um ihren Gegenstand zur Kenntnis, sich nicht nur und erst gar nicht inselhaft (quasi philosophisch-romantisierend) auf den konkreten Raum beziehen, sondern muss natürlich – im Wortsinn: von ihrer Natur, von ihrem konstituierenden Werdegang her konsequent – strukturell und institutionell tätig sein. Soziale Räume sind wichtig, keine Frage, aber sie stellen weder den Anfang noch den Endpunkt Sozialer Arbeit dar. In ihnen erfüllt sich bestenfalls eine weitergehende Handlungsmaxime Sozialer Arbeit und Wohlfahrtsstaatlichkeit. Ohne diese selbst wirkt kein Raum, es entfaltet sich keine Aufforderung zur Selbsttätigkeit, keine Aneignung von Welt, kein Schutzmoment. Es bleibt Fallrealität: Warum erreichte der 200m entfernte Stadtteilbauernhof in Bremen-Gröpelingen nie Kevins Umfeld; warum rettete die „Arche“ nicht Chantal, die jeden Tag dorthin kam? Weil der Raum nicht von sich selbst aus funktioniert, weil es Hilfe- und Familiensysteme sind, die u. U. gegeneinander und in Parallelwelten wirken, weil die Kostenschere fachliche Perspektiven beschneidet und Budgets Hilfen verschließen, weil Kooperationen nicht aus sich selbst heraus entstehen, ebenso wie soziale Netze, Netzwerke, Institutionen – weil der Nahraum, der Lebensraum und der Aktivspielraum erst organisational und sozial konstruiert werden (vgl. Müller 2009) – also immer doch erst gestaltet werden muss, um ein sozialer und entwicklungsförderlicher sozialer Ort zu werden (vgl. Winkler 1988), ohne selbst auch nur im Ansatz mächtig genug zu sein, gelingendes Aufwachsen bewirken zu können.

Daran anschließend scheint Christian Reutlinger eine Kontradiktion zu eröffnen, die im Grunde keine ist: Selbst wenn die Orientierung am Nahraum eine Zukunftsvision der Sozialen Arbeit darstellen mag – welchen Grund kann es dafür geben, dass die Befunde der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und mit diesem einhergehend des Drucks auf die Soziale Arbeit bis hin zur Drohung des Verlusts ihrer Eigenlogiken und -verantwortungen nicht gleichzeitig zutreffen? Es scheint uns absolut notwendig, methodische Neuausrichtungen mit einer kritischen, professionellen Selbstreflexion zu verbinden. Christian Reutlinger selbst formuliert diesen Gedanken, denn er auf die Gefahr einer „verwaltungslogischen Diskussion“ (Reutlinger 2014: 69) hinweist, welche den „Nahraum ebenfalls als geeignete Größe für neue Steuerungsmodelle“ (ebd.) ansieht, nur um diesen Einfall sofort wieder zu beenden. Würde Reutlinger ihn explizieren, so wäre er vielleicht wieder bei unserer Themenausgabe gelandet, welche in gewisser Weise hemmungslos die Zukunft der Sozialen Arbeit politisiert und aus dem Abgleich mit dem Vergangenen einen Entwurf der Zukunft erstellt. Diese Verständigung ist, wie eingänglich ausgeführt, eine Verständigung über das Jetzt. Dieses Jetzt im bloßen Spiel nahräumlicher Inszenierungen zu entpolitisieren, ihm die Möglichkeit und die Verpflichtung der Kritik zu nehmen, halten wir für falsch und gefährlich.


Literatur

Foucault, M. (1974): Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp

Müller, B. (2009): Organisationspädagogik als Erfahrungslernen von Kindern. In: Göhlich, M./Weber, S. M./Wolff, S. (Hrsg.): Organisation und Erfahrung. Wiesbaden: VS, S. 251-263

Reutlinger, Christian (2014): Hellsehen, Orakeln, Interpretieren – Ein Spiel mit den Zukünften der Sozialen Arbeit. In: soziales_kapital, 12 (2014), http://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/view/333/573 (23.9.2015).

Winkler, M. (1988): Eine Theorie der Sozialpädagogik. Über Erziehung als Rekonstruktion der Subjektivität. Klett-Cotta, Stuttgart


Über die Autoren

Prof. Dr. Michael Böwer

Professor für Soziale Arbeit an der Kath. Hochschule NRW, Abt. Paderborn. Arbeitsschwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe, erzieherische Hilfen, Konzepte und Theorien Sozialer Arbeit. Letzte (einschl.) Veröffentlichung: Böwer, M./Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit (2010): Der kostensparende Sozialraum? Berufs- und fachpolitische Perspektiven des Sozialraumansatzes in der Sozialen Arbeit. Berlin: Schibri.

Prof. Dr. Jochem Kotthaus

Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Dortmund. Interessen und Arbeitsschwerpunkte: Jugend- und Familienhilfe (gerade abgeschlossen: Selbsthilfelandschaften. Die kommunale Selbsthilfe in Herne - mit Nina Erdmann), sozialwissenschaftliche Fanforschung (in Vorbereitung: Wettkampf im Fußball - Fußball im Wettkampf - mit Richard Göldner und Judith von der Heyde [erscheint zur EM 2016]) sowie Popkultur und Transgression (in 2015 erschienen: Sexuelle Gewalt im Film, Beltz).






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