soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 14 (2015) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/415/713.pdf


Christian Reutlinger:

Zur Wichtigkeit von Kontextualisierung!

Präzisierungen zum Festvortrag „Hellsehen Orakeln, Interpretieren – Ein Spiel mit den Zukünften der Sozialen Arbeit“ vom 25. April 2014, eine Replik auf die Replik von Michael Böwer und Jochem Kotthaus


„Das Burgenland ist gefallen! Nun gilt es, Wien zu verteidigen, mit vereinten Kräften!“ – eine solch kriegerisch anmutende Sprache, wie sie mir in informellen Gesprächen mit Fachkollegen und Fachkolleginnen begegnete, setzt sich in Österreich in den vergangenen zwei bis drei Jahren in verschiedenen sozialarbeiterischen Diskursen durch und verweist auf einen erbitterten Kampf, dessen Fronten nicht immer so klar verlaufen. Vielfach bleibt vernebelt, was Anlass, was Ziel, was Mittel, wer Freund, wer Feind, was lautere, was unlautere Kriegsführung ist (vgl. Schreier/Reutlinger 2013). Hintergrund ist der Fluch (für die einen) und Segen (für die anderen) der so genannten „Sozialraumorientierung“, respektive dem damit verbundenen Umbau(-plänen) in der Sozialhilfe, Sozialarbeit, Erziehungshilfe oder Behindertenarbeit in vielen österreichischen Kommunen und Bundesländern1. Als aktiver Player und im Selbstverständnis in der Position eines Analysten, insbesondere der bundesdeutschen und schweizerischen „sozialpädagogischen Rede von der Sozialraumorientierung“ (Kessl/Reutlinger 2010), und zugeordnet zum kritischen Lager (siehe ausführlich Kessl/Reutlinger 2015, in der vorliegenden Ausgabe von soziales_kapital), erhielt ich eine Einladung auf die Konferenz „Sozialarbeit – falsch verbunden? Zukunft von Praxis und Forschung, Profession und Wissenschaft“ vom 24. und 25. April 2014 an der FH Joanneum Graz. Ich sollte sowohl einen Workshop gestalten als auch die Festrede zum Schluss der beiden Konferenztage halten. In der vorgängigen Auseinandersetzung und Vorbereitung wurde deutlich, wie aufgeladen der Schauplatz Graz und Steiermark im Frühjahr 2014 war (siehe beispielhaft Höllmüller 2014, Krammer 2007). Vor diesem Hintergrund entschied ich mich für eine thematische Zweiteilung: Der Workshop mit dem Thema „Sozialraumorientierung – Wer drückt die Stopptaste?“ sollte überhaupt einmal einen Dialog zwischen verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten vor Ort, also betroffenen Fachkräften, Kolleginnen und Kollegen der FH Joanneum, aber auch Mitarbeitenden aus Verwaltung und politisch interessierten Personen, ermöglichen. Basis hierfür bildeten die Überlegungen, die ich gemeinsam mit meiner Kollegin Maren Schreier in soziales_kapital 10 (2013) veröffentlicht hatte und die damit verbundene Schwierigkeit der eignen Involviertheit in den Diskurs um Sozialraumorientierung (siehe Schreier/Reutlinger 2013). Schon im Vorfeld löste die geplante Durchführung des Workshops an der Tagung bei gewissen Protagonistinnen und Protagonisten Nervosität aus, so dass mein Ko-Organisator des Workshops von einflussreicher Stelle der Grazer Stadt einen persönlichen Telefonanruf kriegte mit der Frage: „Glauben Sie, was der Reutlinger erzählt?“ Doch im Workshop ging es gar nicht um die Vermittlung eines bestimmten (alternativen) Ansatzes oder um ein „bashing“ eines anderen, sondern es sollte ein Dialog ermöglicht werden auf der Basis von fachlichen Grundüberlegungen und übergeordneten (Reform-)Tendenzen, die mit der „sozialpädagogischen Rede von der Sozialraumorientierung“ (Kessl/Reutlinger 2010) verfolgt werden. Dieses Ziel wurde erreicht und erstmals konnten (nach Aussagen der Teilnehmenden) Betroffene über positive wie auch negative Aspekte des „Grazer Modells“, über die Konsequenzen für Kinder und Jugendliche und über die Rolle von Fachkräften, Verwaltung und Politik diskutieren – immer mit und in Beobachtung von politisch befürwortenden und negierenden Positionen des so genannten „Fachkonzepts Sozialraumorientierung“, die im Workshop ebenfalls präsent waren.

Für einen ganz anderen Weg entschied ich mich beim Festvortrag. Im Zentrum sollte das Tagungsthema „Zukunft von Praxis und Forschung, Profession und Wissenschaft“ stehen und Bezüge zur Entwicklung von Sozialarbeit in der Steiermark ermöglichen. Die Ankündigung der Tagung versprach folgendes:

„Aus der Vielzahl von Herausforderungen, denen sich Sozialarbeit gegenwärtig stellen muss, stehen die Folgen des globalisierten Neoliberalismus und die Entgrenzung von Lebensverhältnissen im Vordergrund. Schon immer stand Sozialarbeit im Spannungsfeld von Theorie und Praxis: ist das ein unauflösbarer Widerspruch oder kann sich daraus eine vernünftige Kooperationsbeziehung entwickeln? […] Die Tagung bietet die Möglichkeit, ausgehend von der Reflexion der rund 100-jährigen Geschichte der Sozialen Arbeit in Österreich, gegenwärtige Spannungsfelder zu beleuchten. Ziel der Tagung ist es, aus der Analyse der Vergangenheit – exemplarisch gezeigt am Werk von August Aichhorn – einen Blick in die Zukunft zu richten und gemeinsame Wege im Berufsfeld der Sozialen Arbeit zu entdecken“ (Einladung der Tagung „Sozialarbeit – falsch verbunden? Zukunft von Praxis und Forschung, Profession und Wissenschaft“ am 25.4.2014 an der FH JOANNEUM Graz).

Vom Format her sollte die zweitätige Tagung ermöglichen, dass die Teilnehmenden am Ende einige kritische und weiterführende Gedanken mitnehmen. Der Festvortrag sollte auf diesen Kontext passen und einen entsprechenden Beitrag leisten.

Dieser ausführliche Kontext ist wichtig, um zu verstehen, dass es sich beim Text, auf den Michael Böwer und Jochem Kotthaus (2015) in ihrer Replik Bezug nehmen, nicht um eine Rezension des Themenheftes zur „Zukunft der Sozialen Arbeit“ des Sozialmagazins handelt, sondern um einen Festvortrag. Zentral ist weiter – und das habe ich im verschriftlichten Referat deutlich formuliert –, dass ich mich nicht als Wissender gebären wollte (und dies auch heute nicht will), der Auskunft oder Prognosen über die Zukunft der Sozialen Arbeit abgeben kann. Vielmehr ging es mir darum, mich aus einer forschenden, d. h. erst einmal unwissenden und neugierigen Position der Auseinandersetzung über die Zukunft der Sozialen Arbeit zu nähern. Und dabei bin ich auf das Themenheft der beiden Kollegen gestoßen. Über die wichtigen Präzisierungen der Argumentationen in den Beiträgen, die in der Replik deutlich werden, bin ich ebenso dankbar, wie über das in Erinnerung Rufen der Intentionen, die mit dem Themenheft verfolgt wurden. Damit wird auch deutlich, dass das Heft in einem ganz anderen Kontext entstanden ist, den man genauer berücksichtigen müsste, wenn man das Heft und seine Inhalte als Ganzes bewerten wollte.

Abschließend zwei Gedanken: Die Hinweise von Michael Böwer und Jochem Kotthaus verdeutlichen, wie „verstrickt“ ich selber mit bestimmten Diskursen und Denkweisen bin. Also genau den Aspekt, den wir im Beitrag „Sozialraumorientierung Sozialer Arbeit: Folge Österreich. Wer drückt die Stopp-Taste?“ genauer zu beschreiben versuchten: Wie gelingt es, zentrale fachliche Argumente sichtbar und verhandelbar zu machen, wenn man selber schon a priori einer bestimmten Position zugeordnet wird und man dadurch keine Chance hat, sich anders zu verhalten als in der Rolle, die für einem vorgesehen ist? Andererseits ist es mir wichtig noch einmal zu betonen, dass alle Gedanken und Konzepte stets kontextualisiert werden müssen – da sonst Tor und Tür für Allmacht- und Kolonialisierungsphantasien geöffnet werden. Dies gilt sowohl für den Kontext, in welchem der Festvortrag stattfand, das gilt aber auch für die Anwendung von sozialarbeiterischen Konzeptionen und Ideologien: Kein Ansatz, keine Theorie und keine Methode ist in der Lage, alle sozialen Probleme an jedem Ort der Welt zu lösen!


Verweise
1 Die „Vorarlberger Nachrichten“ vom 23. Oktober 2013 titelten: „Sozialarbeit vor Totalumbau. Pläne zur Sozialraumorientierung: Große Institutionen bringen das Land in Zugzwang“. „Sozialraumorientierung ist das große Zauberwort in der Neuorientierung der Sozialpolitik, und Wolfgang Hinte ist sein Prophet“. (vgl. Matt 2013)
Der ORF zitierte am 04. August 2014 den Geschäftsführer des ifS (Institut für Sozialdienste), dass „die zuletzt so vieldiskutierte ‚Sozialraum-Orientierung‘ schon längst gelebte Praxis sei. Die sozialen Akteure hätten sich die Kritik nicht verdient, dass Soziale Arbeit im Land zu wenig auf den Lebensraum der Betroffenen ausgerichtet sei.“ (o.A. 2014a)
Die „Kleine Zeitung“ aus dem Bundesland Steiermark meldete am 15. Mai 2014: „Das österreichweit einzigartige Pilotprojekt der Sozialraumorientierung ist unter Druck.“ (o.A. 2014b)
Und „Der Standard“ berichtet am 17. September 2013 über die „Angstplätze“ von St. Pölten (Niederösterreich), die z. B. durch „Sozialraumbegehungen“ enttarnt werden könnten. Eine weitere Möglichkeit könne bspw. darin bestehen, „junge Menschen stärker an der Gestaltung ihres Sozialraums partizipieren zu lassen“ mithilfe eines „Jugend-BürgerInnen-Rats“. (vgl. Pumhösel 2013)


Literatur

Böwer, Michael / Kotthaus, Jochem (2015): Es kommt doch immer so, wie man es denkt – auch wenn es anders kommt, als man denkt. Eine Replik auf Christian Reutlingers Spiel mit den Zukünften der Sozialen Arbeit. In: soziales_kapital, 14 (2015), http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/414/709.pdf (25.9.2015).

Höllmüller, Hubert (2014): Modell Graz. Organisationstheoretische und entscheidungstheoretische Aspekte einer topdown Reform des Jugendamtes Graz. In: soziales_kapital, 11 (2014), http://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/322/565.pdf (02.07.2015).

Kessl, Fabian / Reutlinger, Christian (2015): „Sozialraumorientierung“: Von der Reformhoffnung zum Heilsversprechen. Die (bundesdeutsche) Situation am Anfang der 2010er-Jahre. In: soziales_kapital, 14 (2015), http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/401/711.pdf (25.9.2015).

Kessl, Fabian / Reutlinger, Christian (Hg.) (2010): Sozialraum. Eine Einführung. 2., durchgesehene Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Krammer, Ingrid (2007): Der Grazer Weg zur Sozialraumorientierung in der Jugendwohlfahrt. In: Haller, Dieter / Hinte, Wolfgang / Kummer, Bernhard (Hg.): Jenseits von Tradition und Postmoderne. Sozialraumorientierung in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Weinheim/München: Juventa (Reihe Votum), S. 151-160.

Matt, Thomas (2013): Sozialarbeit vor Totalumbau. In: Voarlberg Online, 23.10.2013, http://www.vol.at/sozialarbeit-vor-totalumbau/3743372 (24.9.2015).

o.A. (2014a): IfS stößt an Kapazitätsgrenze, In: ORF Vorarlberg, 4.8.2014, http://vorarlberg.orf.at/news/stories/2661326/ (24.9.2015).

o.A. (2014b): Kritik am “Grazer Weg“. In: Kleine Zeitung 15.5.2014, http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/graz/4154544/Jugendwohlfahrt_Kritik-am-Grazer-Weg (24.9.2015).

Pumhösel, Alois (2013): Die „Angstplätze“ von St. Pölten. Katharina Auer untersucht die Verbindung zwischen Orten und ihren Bewohnern. In: der Standard online, 17.9.2013, http://derstandard.at/1379291158219/Die-Angstplaetze-von-St-Poelten (24.9.2015).

Schreier, Maren / Reutlinger, Christian (2013): Sozialraumorientierung Sozialer Arbeit: Folge Österreich. Wer drückt die Stopp-Taste? In: soziales_kapital, 10 (2013), http://soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/300/501 (11.02.2015).


Über den Autor

Dr. Christian Reutlinger
christian.reutlinger@fhsg.ch

Hochschullehrer an der FHS St. Gallen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Leiter des Instituts für Soziale Arbeit (IFSA) und verantwortlich für das interdisziplinäre Kompetenzzentrum „Soziale Räume“.






System hosted at Graz University of Technology