soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 15 (2016) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/439/790.pdf


David Köck:

Die Lebenssituation männlicher Sexarbeiter in Wien

Implementierung einer niederschwelligen Anlaufstelle


1. Einleitung
Männliche Sexarbeit in Wien passiert täglich und hat eine jahrzehntelange Geschichte. Diese (zumeist) jungen Männer, welche in Wien der Sexarbeit nachgehen, leben oftmals am sozialen Rand der Gesellschaft. Auch sind sie häufig mit multikomplexen Problemstellungen konfrontiert. Unter anderem durch die gesellschaftliche Tabuisierung dieses Themas ist in Wien bisher noch keine Einrichtung entstanden, welche sich explizit dieser Zielgruppe annimmt.

Im Fachdiskurs werden, in Bezug auf sexuell erwerbstätige Männer, zwei Gruppen unterschieden. Wenn in diesem Artikel von männlichen Sexarbeitern gesprochen wird, geht es um jene Zielgruppe, welche in Deutschland als „Stricher“ bezeichnet wird. Die zweite Gruppe der sexuell Erwerbstätigen wird in Deutschland als „Callboys“ bezeichnet. Der Begriff „Stricher“ ist im österreichischen Sprachgebrauch eher negativ besetzt, eine Unterscheidung dieser beiden Gruppen macht jedoch bei der Bearbeitung dieses Themas durchaus Sinn. Deshalb wurden sowohl in der Masterarbeit „Aktuelle Situation männlicher Sexarbeiter in Wien und die Hilfsmöglichkeiten Klinischer Sozialer Arbeit“ (Köck 2015) als auch in diesem Artikel anstatt der Begriffe „Stricher“ und „Callboy“, die Bezeichnungen „Sexarbeiter“ und „Sexdienstleister“ gewählt. (vgl. Köck 2015: 16) Obwohl der Übergang zwischen diesen beiden Gruppen oftmals fließend ist, kann in der Regel davon ausgegangen werden, dass die Sexarbeiter, im Vergleich zu Sexdienstleistern, wesentlich häufiger mit multikomplexen, biopsychosozialen Problemstellungen konfrontiert sind. (vgl. Fink 2013: 17) Ein weiterer Unterschied zwischen Sexarbeitern und Sexdienstleistern ist jener der Professionalität bzw. der professionellen Identität als sexuell Erwerbstätige. Im Gegensatz zu den Sexarbeitern haben die Sexdienstleister, in der Regel, eine professionelle Identität als sexuell Erwerbstätige und planen bewusst ihren Ein- bzw. Ausstieg aus diesem Bereich. (vgl. Fink/Werner 2005: 26, Wright 2001: 10)

Im Zuge der um die Mitte der 1980er-Jahre entstandenen Debatte um HIV und HIV-Prävention wurden in Deutschland die ersten Anlaufstellen für männliche Sexarbeiter eröffnet (bspw. BASIS-Projekt im Jahr 1991, Marikas 1994, Looks e. V. 1995 etc.). (vgl. Köck 2015: 56ff) Aktuell gibt es in Deutschland acht Anlaufstellen speziell für diese Zielgruppe. Diese sind im Arbeitskreis deutschsprachiger Stricherprojekte (AKSD) organisiert, welcher auch Leitlinien für die Arbeit mit dieser Gruppe formuliert hat. Andere Länder wie Tschechien oder Spanien haben sich ebenso der Sexarbeiter angenommen und niederschwellige Anlaufstellen für diese implementiert. In Österreich ist solch ein Angebot bisher noch nicht zustande gekommen, obwohl dieses dringend benötigt wird.


2. Forschungsdesign der Masterarbeit
Da es, bis auf eine Diplomarbeit von Nina Kuncic (2009), in Wien noch keine empirischen Forschungen zu dieser Thematik gab, war das Ziel der Masterarbeit, die Lebenssituation männlicher Sexarbeiter in Wien möglichst umfassend zu explorieren. Um dem Anspruch gerecht zu werden, einen explorativen Einblick in die Lebenswelt der bisher unerforschten Zielgruppe zu bekommen, wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Diesbezüglich wurden zunächst drei Experteninterviews geführt, welche die aktuelle Situation der Sexarbeiter aus einer jeweils anderen Perspektive beleuchten sollen. Ein Interview wurde mit dem Leiter der Meldestelle für Prostitutionsangelegenheiten in Wien geführt. In diesem Interview sollte vor allem der Aspekt der legalen Sexarbeit in Wien beleuchtet werden.

Ein weiteres Interview wurde mit einem Kunden männlicher Sexarbeit geführt. Dieser ist laut eigenen Angaben bereits seit über 40 Jahren Kunde männlicher Sexarbeit in Wien. Schließlich wurde noch ein Interview mit dem Lokalbesitzer des einzigen, nach dem Prostitutionsgesetz angemeldeten, mann-männlichen Lokalbetriebes in Wien organisiert. Die Auswahl der Interviewpartner erfolgte nach dem Prinzip des „selektiven Samplings“ nach Kelle/Kluge (1999).

Neben den drei Experteninterviews wurden noch vier Interviews ausgewertet, welche mit bulgarischen Sexarbeitern geführt wurden, die aktuell in Wien tätig sind. Diese Interviews wurden von Christoph Feurstein geführt, welcher zum Erhebungszeitpunkt einen Fernsehbeitrag für die Sendung THEMA zur männlichen Sexarbeit in Wien gestaltet hat. Auf eine Anfrage hat sich Christoph Feurstein dazu bereit erklärt, die mit den Sexarbeitern geführten Interviews für die Masterarbeit zur Verfügung zu stellen, sodass diese sekundäranalytisch ausgewertet werden konnten. Die vier Interviews wurden mit Unterstützung einer bulgarischen Dolmetscherin in der Muttersprache der Interviewten geführt und anschließend übersetzt. Auch wenn die Fragestellungen von Christoph Feurstein nicht identisch sind mit jenen, welche im Sinne des Forschungsvorhabens gestellt worden wären, so war der Inhalt jener Interviews ausreichend für die Beantwortung der gestellten Forschungsfragen. Die Auswertung aller Interviews wurde in Anlehnung an die Themenanalyse nach Froschauer/Lueger (2003) durchgeführt. Diese stellt sowohl eine Möglichkeit dar, eine induktive sowie deduktive Kategorisierung des Datenmaterials durchzuführen, als auch mit dem Codierverfahren latente Inhalte aus den Interviews herauszuarbeiten.

Zusätzlich zu den Interviews wurde die eigene Expertise zu dieser Thematik in die Masterarbeit eingebracht. Aufgrund der eigenen beruflichen Tätigkeit an einer beratenden Einrichtung für Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen konnten, durch Streetworkeinsätze in der Szene, diesbezüglich Erfahrungswerte generiert werden.


3. Ergebnisse der Forschungsarbeit
3.1 Arbeitsorte und Zielgruppengröße

Die Orte mann-männlicher Sexarbeit in Wien können grob in zwei Bereiche unterteilt werden: In jenen der öffentlichen Plätze wie z. B. U-Bahn-WC-Anlagen, Parks und Einkaufszentren bzw. jenen der privaten Lokalbetriebe und Saunen.

In Wien gibt es momentan ein einziges angemeldetes Prostitutionslokal, in welchem ausschließlich männliche Sexarbeiter tätig sind. Dieses Lokal ist wie eine Mischung aus Barbetrieb und Kaffeehaus organisiert und bietet zusätzlich zwei kleine Räume, welche gegen ein Entgelt zur Verfügung gestellt werden. In diesem Lokal sind an einem durchschnittlichen Abend rund 20 bis 30 Sexarbeiter anzutreffen. Die Männer, die in dem Betrieb arbeiten, wohnen meist auch in Wien, bis sie entweder in eine andere Stadt wechseln oder ihre Familie besuchen. (vgl. SAB1: Z. 99, SAB2: Z. 51) Der Vorteil, in einem angemeldeten Prostitutionslokal zu arbeiten, ist vor allem der geschützte Rahmen, in welchem die Sexarbeit stattfinden kann. Auch die hygienischen Bedingungen sind im Vergleich zum öffentlichen Raum wesentlich besser. So gibt es in besagtem Lokal etwa eine abgetrennte Dusche, welche den Sexarbeitern zur Verfügung steht.

Weiters gibt es in Wien noch diverse Bars und Lokale sowie Saunen, in welchen männliche Sexarbeiter tätig sind. Diese sind jedoch nicht offiziell als Prostitutionslokale genehmigt. In diesen Lokalen ist Prostitution auch meist eher nur geduldet als explizit erwünscht.

Im öffentlichen Bereich ist vor allem eine Parkanlage für mann-männliche Sexarbeit bekannt. In dieser sind bei schönem Wetter zumeist 10 bis 20 Sexarbeiter anwesend. Jene Sexarbeiter kommen zum großen Teil aus der Slowakei und pendeln teilweise täglich oder wöchentlich nach Wien. Nicht nur sind die Preise für die Dienstleistungen der Sexarbeiter hier niedriger als in den Lokalen, auch die generellen Arbeitsbedingungen (Hygiene, Sicherheit etc.) sind aufgrund der Gegebenheiten auf einem niedrigeren Standard als in den Betrieben. (vgl. Kunde: Z. 139)

Im öffentlichen bzw. halböffentlichen Bereich gibt es auch noch diverse U-Bahn-WCs, Bahnhöfe und Einkaufszentren, in denen mann-männliche Sexarbeit in Wien stattfindet. Diese Orte werden zusätzlich von Personen frequentiert, welche nicht ausschließlich von der Sexarbeit als Einkommensquelle leben, sondern auch oder eher durch Betteln ihr Einkommen generieren.

Wie groß die Zielgruppe in Wien genau ist, lässt sich zum aktuellen Forschungszeitpunkt nicht festlegen. Bisher wurde diesbezüglich noch keine Erhebung in der Szene Wiens durchgeführt. Es kann an dieser Stelle aufgrund von Interviewaussagen, Beobachtungen durch Streetworkeinsätze und durch den Vergleich zu anderen Großstädten mit ähnlicher Einwohnerzahl jedoch von einer Zahl zwischen 440 und 700 Personen ausgegangen werden. (vgl. Köck 2015: 26ff)


3.2 Herkunft, Ausbildung und Familie
Viele der Sexarbeiter Wiens haben einen direkten Migrationshintergrund und kommen aus dem östlichen EU-Raum wie zum Beispiel aus Bulgarien, Rumänien oder der Slowakei. (vgl. Betreiber: Z. 100)

„Der hohe Anteil von Migranten aus wirtschaftlich schwachen Regionen in der mann-männlichen Prostitutionsszene lässt sich vordergründig durch eine unbefriedigende ökonomische Situation mit z. T. beträchtlicher Korruption in den Heimatländern erklären.“ (Fink 2013: 27)

Im Jahr 2013 betrug beispielsweise das Nettodurchschnittseinkommen laut Eurostat (2015) in Rumänien €179,84, in Bulgarien €162,44 und in der Slowakei €450,82 pro Monat. Die wesentlich niedrigeren Lebenserhaltungskosten sind jedoch, auch laut Aussagen der jungen Männer, nicht gering genug, um mit einem Einkommen, welches beispielsweise durch eine Hilfstätigkeit generiert wird, auszukommen.

„In Bulgarien herrscht eine Krise, das weiß jeder. Man arbeitet den ganzen Tag und kriegt 10 Leva [5 Euro, Anm. d. Verf.]. Was sind 10 Leva? Die reichen nicht mal für Frühstück, Mittagessen und Zigaretten. Was bringst du dann nach Hause – 2 Leva?“ (SAB3: Z. 45)

Die ökonomische Situation bedingt in vielen Fällen einen vorzeitigen Abbruch der Schulausbildung bzw. einen frühen Eintritt in die, oftmals prekäre, Erwerbstätigkeit. Zwei der vier interviewten Sexarbeiter gingen bis zur achten Klasse in die Schule, was der bulgarischen Pflichtschulausbildung entspricht. (vgl. SAB1: Z. 14, SAB4: Z. 82) Ob ein Abschluss erreicht wurde, ist nicht bekannt, jedoch bestand bei einem der beiden jungen Männer zumindest der Wunsch, noch weiter in die Schule zu gehen. (vgl. SAB1: Z. 14) Jedoch nicht nur die Fortsetzung bzw. der Abschluss der Schulausbildung ist aufgrund der finanziellen Situation oft nicht möglich. Auch der regelmäßige Schulbesuch erfordert eine gewisse finanzielle Stabilität. Die beiden anderen mussten ihren Schulbesuch vorzeitig abbrechen, da sie entweder für ihre Frau und Kinder sorgen oder einen finanziellen Beitrag für die Herkunftsfamilie leisten mussten. (vgl. SAB3: Z. 29, SAB2: Z. 17)

Alle der vier interviewten Sexarbeiter sind verheiratet und haben ein oder mehrere Kinder in Bulgarien. (vgl. SAB1: Z. 92, SAB2: Z. 21, SAB3: Z. 26, SAB4: Z. 69) Trotz des jungen Alters der Sexarbeiter (20, 24, 25 bzw. 20 Jahre) haben alle bereits mit der Gründung ihrer eigenen Familie begonnen. Diese frühe Familiengründung bringt die jungen Männer in eine Situation, in welcher sie sich für zumindest drei Personen finanziell verantwortlich sehen.

„Aber es ist besser, diesen Job zu haben, als zu stehlen. Ich habe Frau und Kinder, ich habe keine andere Wahl. Wenn es einen Job für mich gibt, dann werde ich den auch arbeiten, verstehst du?“ (SAB2: Z. 33)

Neben dem Push-Faktor – der monetären Erhaltung der Kernfamilie – sind auch fehlende Perspektiven im Herkunftsland ein Grund für die jungen Männer, in Wien der Sexarbeit nachzugehen.

„Die desolate sozio-ökonomische Situation in den Heimatländern veranlasst Menschen auszureisen, um sich und die daheim gebliebenen Familien finanziell und materiell abzusichern.“ (Fink 2013: 20)

Wie bereits erwähnt, ist die Ausbildungssituation der jungen Männer eine oftmals unvollständige. Diese erschwert es natürlich, im Heimatland, aber auch anderswo, ein für sich und die Familie ausreichendes Einkommen zu generieren.


3.3 Einstieg und Wohnsituation
So unterschiedlich, wie die Menschen sind, welche in diesem Bereich arbeiten, so unterschiedlich scheinen auch die Wege, wie sie zu dieser Arbeit gefunden haben. Einige scheinen schon in ihrer Heimat zu wissen, was sie hier erwartet bzw. wie sie hier zu Geld kommen können. (vgl. SAB1: Z. 31) Auch der Betreiber des Lokals, in welchem sich die Sexarbeiter aufhalten, meint, dass das Wissen um die männliche Sexarbeit in Wien bereits ein Generationenwissen in den Herkunftsländern ist, über welches jedoch nicht offiziell gesprochen wird. (vgl. Betreiber: Z. 117) Dieses Wissen mag zwar ein offenes Geheimnis in den Herkunftsländern sein, jedoch sehen sich die Sexarbeiter oft gezwungen, ihre tatsächliche Tätigkeit vor ihren Familien geheim zu halten.

„Sie wissen, dass ich zum Arbeiten ausgehe. Sie wissen es nicht ganz genau, was ich arbeite. Aber sie wissen, dass ich in den Bars gehe.“ (SAB2: Z. 31)

Nicht selten sagen die jungen Männer auch, dass sie in Wien als Bauarbeiter oder Tagelöhner arbeiten. (vgl. Betreiber: Z. 117) Diese Diskrepanz zwischen tatsächlicher Tätigkeit und der Aufrechterhaltung einer scheinbar „normalen“ beruflichen Identität vor der eigenen Familie schafft wiederum einen zusätzlichen Stressor für die Sexarbeiter.

Die Wohnsituation der jungen Männer, welche der Sexarbeit in Wien nachgehen, scheint mehr als prekär zu sein. Da viele der Sexarbeiter berichten, zumindest anfangs in Wien in einer Massenunterkunft untergekommen zu sein, liegt die Vermutung nahe, dass die Informationen über solche Adressen in der Szene allgemein bekannt sind. (vgl. Betreiber: Z. 343)

„Im ersten Monat waren wir 12 Leute in einem Zimmer. Dann habe ich mich von ihnen getrennt. Jeder hat in diesem Job gearbeitet und wir haben die Wohnung gezahlt. Die Leute, bei denen wir geschlafen haben, haben fünf Euro pro Nacht von jedem verlangt.“ (SAB1: Z. 53)

Problematisch an diesen Unterkünften ist vor allem das Fehlen eines Mietvertrages bzw. damit einhergehend jedweder legaler Ansprüche auf den Verbleib in der Wohnung. Sie haben täglich einen Geldbetrag für die Nächtigung zu entrichten oder müssen diese Wohnung umgehend verlassen.

„Hat er das Geld nicht, ist er in einer Stunde draußen und kann verschwinden.“ (Betreiber: Z. 343)

Infolgedessen kommt es durchaus vor, dass die jungen Männer einmal auf der Straße übernachten müssen. (vgl. SAB1: Z. 42)

Ein sicherer Schlafplatz ist für die Sexarbeiter von großer Wichtigkeit. Nicht nur, um dem Druck zu entkommen, jeden Tag genug zu verdienen, um nicht im Freien oder in einer Notschlafstelle übernachten zu müssen, sondern auch, um einen sicheren Rückzugsort zu haben, an welchem sie sich ausruhen können.


3.4 Sexualität
Ein weiterer Faktor, welcher Einfluss auf die aktuelle Situation männlicher Sexarbeiter hat, ist jener der Sexualität. Dies ist ein Thema, das die jungen Männer in ihrer täglichen Arbeit betrifft. Sei dies nun ihre eigene Sexualität, deren Grenzen bzw. die Grenzen der Professionalität oder die Einstellung gegenüber Homosexualität im Allgemeinen. Oft auch aufgrund des soziokulturellen Hintergrundes der männlichen Sexarbeiter haben viele ein fixes Bild von Männlichkeit und „normaler“ männlicher Sexualität.

„Migranten in der Prostitution können durch ihre Sozialisation spezifische Männlichkeitsbilder in sich tragen, die sie in einem oftmals auffälligen heterosexuellen Lebensentwurf, in Verhalten und Gehabe zur Schau tragen.“ (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 19)

Dieses heteronorme Bild männlicher Identität und das damit einhergehende Bild heteronomer Sexualität kann, durch die Arbeit als Sexarbeiter in einem vorwiegend homosexuellen Milieu, Ambivalenzen verursachen. Schließlich besteht die Möglichkeit, dass die eigene sexuelle Orientierung nicht mit der beruflichen Tätigkeit als mann-männlicher Sexarbeiter konform geht. Wie bereits erwähnt, haben einige der Sexarbeiter eine Familie, in dieser nehmen sie auch eine klare Rolle als heterosexueller Mann ein. (vgl. SAB1: Z. 66) Diese Rolle wird dann möglicherweise durch die mann-männliche Sexarbeit bedroht, da Homosexualität durch die Sozialisation im Herkunftsland eventuell noch immer als „unmännlich“ gilt. (vgl. SAB2: Z. 42)

Auch fällt auf, dass alle interviewten Sexarbeiter klare Vorstellungen davon haben, was sie anbieten und wo in der Interaktion mit Kunden ihre Grenzen liegen, bzw. dass sie diese auch äußern. (vgl. SAB1: Z. 68, SAB3: Z. 17, SAB4: Z. 28) Mindestens so wichtig, wie die körperlichen Grenzen zu definieren und zu kommunizieren, ist es Intimitätsgrenzen zu ziehen. Gerade in einem Arbeitsbereich, in welchem die jungen Männer Sex mit Menschen haben, die ihnen meistens persönlich nicht nahestehen, ist es notwendig, einen gewissen Bereich an Intimität für jene Menschen zu reservieren, welche ihnen nahestehen. Während Sex eine Möglichkeit ist, ein Einkommen zu generieren, so ist Intimität etwas Besonderes, das über den körperlichen Akt hinausgeht.


3.5 Bio-psycho-soziale Gesundheit
Was die Gesundheit der befragten Sexarbeiter anbelangt, so sind diese von erheblichen Belastungsfaktoren betroffen. Diese machen sich sowohl auf der sozialen (z. B. prekäre Wohnsituation, ökonomischer Druck, Belastungen des Familiensystems) als auch auf der physischen (z. B. erhöhtes Risiko sich mit STIs/HIV anzustecken, körperliche Grenzziehung in der Arbeit) wie auch auf der psychischen (z. B. Perspektivenlosigkeit, Zukunftsängste, Konflikte mit sexueller Identität) Ebene bemerkbar. (vgl. Köck 2015: 37-42)

Ein großes Problem ist die derzeit unzureichende medizinische Versorgung für die Zielgruppe. Die meisten Sexarbeiter, welche in Wien tätig sind, haben keine Krankenversicherung in Österreich, auf welche sie, abseits einer privaten Versicherung, auch keinen Anspruch haben. Stattdessen sind die Sexarbeiter auf niederschwellige und kostenfreie Angebote wie z. B. AmberMed oder die Zahnarztpraxis Neunerhaus angewiesen. Diese werden teilweise auch in Anspruch genommen, jedoch sind sie nicht auf die speziellen Bedarfe der Zielgruppe männlicher Sexarbeiter ausgelegt. Erfahrungen des Arbeitskreises deutschsprachiger Stricherprojekte (AKSD) zeigen auch, dass es den Klienten teilweise sehr unangenehm ist, sich bei Spitälern oder niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten als Sexarbeiter zu outen bzw. die mit diesem Beruf verbundenen Gesundheitsrisiken zu thematisieren. Ebenfalls ist es wichtig, dass das medizinische Fachpersonal mit der Lebenswelt der Sexarbeiter vertraut ist und dieser akzeptierend gegenübersteht. Ansonsten kann es sein, dass diese moralisierend oder stigmatisierend gegenüber den Klienten auftreten, was sich wiederum negativ auf das Betreuungsverhältnis auswirkt. (vgl. Fink 2013: 60)

Abseits der Stressoren kann jedoch festgestellt werden, dass es im Leben der (jungen) Männer ebenso Ressourcen gibt, welche es in der Arbeit mit der Zielgruppe zu fördern gilt. So beweisen beispielsweise viele der in Wien tätigen Sexarbeiter ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber ihren Familien, welche sie mit dem hier generierten Einkommen versorgen. Auch der Zusammenhalt innerhalb der Zielgruppe scheint durchaus gegeben zu sein bzw. ist Konkurrenz unter den jungen Männern kaum ein Thema. (vgl. Köck 2015: 42f)


3.6 Soziale Netzwerke und Fluktuation
Der regelmäßige Kontakt zur Familie und zu den sozialen Bezugspersonen scheint für viele der in Wien tätigen Sexarbeiter einen hohen Stellenwert einzunehmen. Dieser Kontakt zu den Bezugspersonen im Herkunftsland ist, dank der Nutzung des Internets, mit keinem größeren Kostenaufwand verbunden und kann somit relativ einfach, zur Beziehungspflege, genutzt werden. Dennoch ist das Aufrechterhalten einer Beziehung über eine große Distanz mit Schwierigkeiten verbunden, was wiederum als Stressor auf die Lebenssituation der jungen Männer einwirken kann. (vgl. SAB1: Z. 111)

Wie bereits erwähnt ist auch der Zusammenhalt innerhalb der Zielgruppe meist ein guter. (vgl. Betreiber: Z. 344) So kennen sich drei der vier interviewten bereits aus ihrem Heimatland und sind auch ansonsten gut miteinander vernetzt. Auch wurde bei der Gruppe der Sexarbeiter im Park beobachtet, dass beispielsweise für alle dort tätigen Sexarbeiter Essen gekauft wird, sollte einer von ihnen etwas verdienen. (vgl. Kunde: Z. 433) Das vorher erwähnte Anbahnungslokal dient den jungen Männern nicht nur als Arbeitsort, sondern auch als sozialer Treffpunkt. (vgl. Kunde: Z. 505) Dennoch ist es wichtig, für die Sexarbeiter einen Aufenthaltsort zu schaffen, welcher abseits des Arbeitsorts liegt. Denn auch wenn im Anbahnungslokal die Möglichkeit besteht, Billard zu spielen oder etwas zu trinken, so steht der Druck, Einnahmen zu generieren, doch immer im Vordergrund.

Ein weiterer Aspekt, der Einfluss auf die Arbeit mit der Zielgruppe hat, ist jener der hohen Fluktuation in diesem Bereich. Die Sexarbeiter fahren nicht nur in regelmäßigen Abständen, sofern vorhanden, ihre Familien besuchen, sondern wechseln generell oftmals ihre Arbeitsorte. (vgl. SAB1: Z. 128) Diese regelmäßige Fluktuation bringt wiederum, in Bezug auf eine kontinuierliche Betreuung der Zielgruppe, Herausforderungen mit sich. Daher ist es wichtig, sich auch international mit niederschwelligen Einrichtungen für männliche Sexarbeiter zu vernetzen und auszutauschen.


4. Niederschwellige Anlaufstelle für männliche Sexarbeiter
In Deutschland gibt es, wie bereits erwähnt, acht Anlaufstellen speziell für die Zielgruppe der männlichen Sexarbeiter, da dort der Bedarf erkannt und dementsprechend gehandelt wurde. Die vorhandenen Unterstützungsangebote in Wien sind nicht auf die Zielgruppe zugeschnitten und werden deshalb oftmals nicht von den Sexarbeitern genutzt. Dies liegt nicht nur an den gesetzlichen Zugangsbarrieren, sondern auch daran, dass die jungen Männer oft von Stigmatisierung und Moralisierung betroffen sind, wenn bekannt wird, dass sie in der Sexarbeit tätig sind. (vgl. Köck 2015: 65) Daher wird auch in Wien eine niedrigschwellige Anlaufstelle, speziell für die Zielgruppe der männlichen Sexarbeiter, benötigt.


4.1 Grundversorgung
Solange Problemstellungen wie Hunger, Körperhygiene und Schlaf- bzw. Obdachlosigkeit nicht gelöst sind, sind die Menschen kaum zugänglich für Problemstellungen wie HIV/STD-Prävention, psychosoziale Entlastung oder weiterführende Qualifizierungsmaßnahmen. (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 26) Wichtig ist somit, dass jene Grundversorgung in der Anlaufstelle geleistet wird.

„Eine niedrigschwellige Anlaufstelle hat in erster Linie die Aufgabe, eine existentielle Grundversorgung für männliche Prostituierte bereitzustellen, denn viele von ihnen sind obdachlos. Daher ist praktische Hilfe zur Sicherstellung elementarer Bedürfnisse – wie Essen, Duschen und Waschen – der erste Baustein im Hilfesystem und zugleich die Basis für weiterführende Hilfen.“ (Fink 2013: 104)


4.1.1 Körperhygiene
Oftmals ist es schwierig für die jungen Männer, an ausreichend Dusch- bzw. Waschmöglichkeiten zu kommen. Auch eine Gelegenheit, ihre Wäsche zu waschen und zu trocknen, findet sich oft nicht. Wichtig ist deshalb sowohl Duschmöglichkeiten als auch eine Waschmaschine sowie einen Wäschetrockner zur Verfügung zu stellen. Die Erfahrungen der deutschen Anlaufstellen haben gezeigt, dass neben den Möglichkeiten, die eigene Wäsche zu waschen, auch eine Kleiderkammer notwendig ist, auf welche im Notfall zugegriffen werden kann. Diese sollte zumindest aus Second-Hand-Kleidung, neuer Unterwäsche und neuen Socken bestehen. (vgl. Fink 2013: 104) Wichtig ist hier, nach Möglichkeit auch den Jahreszeiten angepasste Kleidung zur Verfügung zu haben, da evtl. gerade im Winter Bedarf nach einer warmen Jacke und festem Schuhwerk besteht, was sich einige aus Kostengründen nicht selbst leisten können.


4.1.2 Essen
Gemeinsames Kochen bzw. die vorhergehende Planung von Einkäufen mit einem festgelegten Budget bietet neben der Versorgung mit Nahrung auch eine praktische Lebenshilfe für die jungen Erwachsenen. Nicht nur besteht so, durch die gemeinsame Tätigkeit, die Gelegenheit des Erprobens sozialer Fertigkeiten, sondern die Nahrungszubereitung im Besonderen bietet die Möglichkeit, in einer Gruppe essenzielle Lebenserhaltungsfertigkeiten zu erlernen und zu vermitteln. Das vorhergehende Planen ermöglicht außerdem, sich in Haushaltsführung bzw. Budgetplanung zu üben.


4.1.3 Schlafplätze und Tagesruhebetten
Aufgrund der oftmals prekären Wohn- bzw. Schlafsituation ist es notwendig, den Sexarbeitern eine Möglichkeit zur Verfügung zu stellen, ihr Schlafdefizit wieder aufzuholen. (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 49) Auch aufgrund der spärlichen Möglichkeiten, in Notschlafstellen unterzukommen, ist dies dringend notwendig. Zumindest Tagesruhebetten werden gebraucht, in welchen sich die Sexarbeiter nach ihrer beruflichen Tätigkeit, die üblicherweise vorwiegend in den Nacht- bzw. Morgenstunden stattfindet, ausschlafen können. Dies ist auch deshalb notwendig, um die Sexarbeiter vom Druck zu befreien, sich in defizitäre Situationen (z. B. Übernachtung bei einem Freier oder im öffentlichen Raum), einzig aufgrund der fehlenden Ruhemöglichkeit, zu begeben. Bestenfalls sollen, wie es z. B. schon bei der Anlaufstelle Nachtfalke in Essen erprobt ist, betreute WG-Zimmer für Sexarbeiter mit der Anlaufstelle verknüpft werden. Diese ermöglichen nicht nur eine bessere Grundversorgung, sondern schaffen auch Zugang zu völlig neuen Möglichkeiten des Empowerment.


4.1.4 Melde- bzw. Postadresse
Die Meldeadresse ist in Österreich eine wichtige Voraussetzung, um Ansprüche auf einen legalen Aufenthalt zu generieren. Daher ist es wichtig, dass die Sexarbeiter, falls ihnen nicht die Möglichkeit gegeben ist, sich in Österreich an einem ordentlichen Wohnsitz zu melden und falls sich diese ohnehin in einem Betreuungsverhältnis der Anlaufstelle befinden, ihren Hauptwohnsitz bei der Anlaufstelle melden können.


4.2 Schutz- und Erholungsraum
Die Anlaufstelle soll ein Schutz- und Erholungsraum für männliche Sexarbeiter sein. Keine Freier oder szenefremden Personen sollen während der Öffnungszeiten Zugang zu der Anlaufstelle haben. Dies ist besonders wichtig, um sich abseits gewerblicher Stressoren entspannen und austauschen zu können. (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 47) Weiters ist es wichtig, sich mit jungen Erwachsenen gleichen Alters oder auch alleine in einem Rahmen bewegen zu können, in welchem es weder um Existenzsicherung noch um Erfolgsdruck geht. Gleichzeitig ist es gut, dass alle Anwesenden einen ähnlichen Erfahrungshintergrund haben, was die Sexarbeit angeht. Dies begünstigt nicht nur den Erfahrungsaustausch in einer entspannten Umgebung, sondern schützt in gewissem Maße auch vor gegenseitiger Diskriminierung. Ebenso bietet dieser Raum die Möglichkeit eines sozialen Treffpunktes für die jungen Männer, an welchem sie sich ohne Konsumzwang austauschen bzw. in welchem sie ihre Freizeit verbringen können.


4.3 Medizinische Versorgung
Wie es auch bei den Anlaufstellen in Deutschland üblich ist, sollte zumindest einmal in der Woche eine Allgemeinmedizinerin/ein Allgemeinmediziner in der Anlaufstelle anwesend sein. Nicht nur wird dadurch der Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich vereinfacht, sondern eine kontinuierliche Betreuung durch eine Ärztin/einen Arzt ermöglicht auch den Aufbau eines intensiveren Vertrauensverhältnisses, welches wiederum das Anvertrauen von Beschwerden vereinfachen kann. Umgekehrt ermöglicht ein regelmäßiger Kontakt mit der Zielgruppe, dass sich die Ärztin/der Arzt besser auf die Bedürfnisse der Zielgruppe einstellen kann, was wiederum den Betreuungsverlauf günstig beeinflusst. Ebenfalls ist es wichtig, dass das medizinische Fachpersonal mit der Lebenswelt der Sexarbeiter vertraut ist und dieser akzeptierend gegenübersteht. Ansonsten kann es sein, dass diese moralisierend oder stigmatisierend gegenüber den Klienten auftreten, was sich negativ auf das Betreuungsverhältnis auswirkt.


4.4 Freizeitangebote
Das Anbieten verschiedener Freizeitaktivitäten ist auf mehreren Ebenen essenziell für die Anlaufstelle. Zum einen ermöglicht es den jungen Sexarbeitern, sich abseits ihrer Arbeitswelt positive Erfahrungen und Erlebnisse zu schaffen, was in beträchtlichem Maße zur psychischen Entlastung beitragen kann. Dies fördert nicht nur den Zusammenhalt innerhalb der Zielgruppe, sondern kann auch als Ankerpunkt für weitere Beratungseinheiten dienen. Zum anderen fördern diese das Vertrauensverhältnis zwischen Zielgruppe und (klinischer) Sozialarbeiterin/(klinischem) Sozialarbeiter, was sich wiederum positiv auf das Betreuungsverhältnis auswirkt. Auch bieten diese Aktivitäten die Möglichkeit, sich in sozialen Interaktionen zu üben, welche außerhalb des Arbeitskontextes liegen.

„Durch das gezielte Angebot gemeinsamer Aktivitäten in und außerhalb der Anlaufstelle kann eine sinnvolle Freizeitgestaltung als Alternative zum oftmals unstrukturierten Tagesablauf der Zielgruppe entworfen werden. Orientierungslosigkeit und Leere sind kennzeichnend für einen Mangel an Struktur. Durch gemeinsame Planung und Gestaltung von Freizeitaktivitäten können Klienten in der Gruppe lernen, eigenständig Ziele zu finden und diese zu verwirklichen.“ (Fink 2013: 105)


4.5 Psychosoziale Beratung und Begleitung
Ausgebildete klinische Sozialarbeiterinnen/klinische Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen/Sozialarbeiter sollen während der Öffnungszeiten der Anlaufstelle auf die psychosozialen Bedürfnisse der Zielgruppe eingehen. Nach einer gewissen Zeit, in welcher zunächst ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, sind mehrere Themenbereiche in den Beratungen möglich:

  • Safer-Sex
  • Entlastungsgespräche
  • Krisenintervention
  • Drogenberatung/Safer-Use
  • Zukunftsperspektiven
  • Weiterbildung
  • Rahmenbedingungen legaler Sexarbeit
  • Sexuelle Orientierung/sexuelle Identität
  • Sicheres Arbeiten in der Sexarbeit/Professionalisierung
  • etc. (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 49f)

Weiters ist die Begleitung der Sexarbeiter ein wichtiger Teil der Tätigkeit in der Anlaufstelle. Begleitung meint die Unterstützung bei Amtswegen und bei Erstkontakten diverser NGOs. Diese ist für die Klienten teilweise sehr wichtig, da sie nicht nur leicht, aufgrund der oftmals undurchsichtigen und umständlichen Behördengänge und nicht-muttersprachlicher Formulare, überfordert werden können, sondern auch manchmal einfach eine mentale Unterstützung brauchen, um diese Wege das erste Mal zu bewältigen. Wichtig ist jedoch, im Einzelfall abzuschätzen, ob eine Begleitung notwendig ist, oder ob es im Sinne des Empowerments nicht besser für den Klienten wäre, diesen Schritt alleine zu tätigen. (vgl. Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 51)

Ein weiterer Aspekt der psycho-sozialen Beratung in der Anlaufstelle ist die kompetente Vermittlung zu spezifischen Einrichtungen. Hier ist es notwendig, einen guten Überblick über die österreichische und evtl. auch internationale Hilfelandschaft zu haben, um im Bedarfsfall mit den entsprechenden Stellen in Kooperation zu treten. (vgl. Fink 2013: 109)

Auch ist es angezeigt, bei einrichtungsübergreifenden Fallkonstellationen eine professionelle, interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen (z. B. Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten, Psychiaterinnen/Psychiatern, Ärztinnen/Ärzten etc.) sicherzustellen. Allerdings ist hier darauf zu achten, das vorhergehende Einverständnis der Klienten zum Informationsaustausch einzuholen, sodass der Datenschutz gewahrt und das Vertrauensverhältnis nicht beeinträchtigt wird.


4.6 Streetwork
Regelmäßiges Streetwork in der Szene der jungen Männer ist ein essenzielles Element für eine niedrigschwellige Anlaufstelle in diesem Bereich. Durch das sensible Aufsuchen an den Arbeitsplätzen der Sexarbeiter wird nicht nur Kontaktpflege mit Sexarbeitern, welche bereits in der Anlaufstelle angekommen sind, betrieben. Auch Erstkontakte zu jungen Männern, welche neu in der Szene sind, können so hergestellt werden. (vgl. Fink 2013: 96) Des Weiteren ist Streetwork unbedingt notwendig, um Veränderungen zu erkennen oder Probleme im Milieu direkt und unmittelbar aufgreifen zu können. Es ist wichtig, ein fixer Punkt in der Szene zu werden, um bei den Sexarbeitern eine Vertrauensbildung zur Einrichtung bzw. zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu bewirken und nicht als „Szenefremde“ gesehen zu werden.

Wichtig ist, dass die aufsuchende Arbeit regelmäßig und in nicht allzu großen Abständen stattfindet. Regelmäßigkeit ist besonders wichtig, da die Lebensrealität der jungen Männer oftmals durch Unsicherheiten gekennzeichnet ist. (vgl. ebd.: 96f) Auch da, wie bereits erwähnt, nicht alle Sexarbeiter täglich arbeiten, ist es von Bedeutung, dass es fixe Tage in der Woche gibt, an denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Anlaufstelle vorbeikommen. Hat somit ein Sexarbeiter Hilfebedarf und schafft es, aus welchen Gründen auch immer, nicht in die Anlaufstelle zu kommen (Scham, Angst, Vorbehalte, Anfahrt etc.), so kann er sich dennoch auf die fixen Tage verlassen, an denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die entsprechenden Orte aufsuchen. (vgl. ebd.: 96f)

Durch das Eintreten in die Arbeits- und Lebenswelt der Klienten ist es beim Streetwork besonders wichtig, professionell gefestigt zu sein. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sowohl eine akzeptierende als auch reflektierte Haltung der Szene gegenüber aufweisen. Weiters ist es wichtig, authentisch zu sein und sich klar von der Klientel abgrenzen zu können. Auch sollten Streetworkeinsätze grundsätzlich mindestens zu zweit stattfinden. Nicht nur aufgrund von Sicherheitsaspekten, sondern auch, um sich in Krisensituationen mit einer Kollegin/einem Kollegen beraten zu können. (vgl. ebd.: 98)


4.7 Lobbyarbeit
Als niedrigschwellige Anlaufstelle für männliche Sexarbeiter ist es neben der direkten Einzelfallhilfe ebenso wichtig, sich auf einer gesellschaftlichen Ebene für die Zielgruppe der männlichen Sexarbeiter einzusetzen.

„Ausgrenzungs- und Diskriminierungstendenzen fanden und finden immer noch auf gesellschaftlicher, sozialer, pädagogischer, politischer, wissenschaftlicher Ebene und in subkulturellen Zusammenhängen statt.“ (Deutsche AIDS-Hilfe e. V. 2007: 15)

Wichtig ist es seitens der Sozialen Arbeit, auf politischer sowie gesellschaftlicher Ebene Lobbying für die Zielgruppe zu betreiben. Auch bei den psycho-sozialen Einrichtungen spielt das Thema der mann-männlichen Sexarbeit bisher noch eine untergeordnete Rolle, obwohl sie teilweise auch mit dieser Zielgruppe arbeiten. Unbedingt notwendig ist auch, die betroffenen Personen möglichst unmittelbar in diesen Diskurs miteinzubeziehen. Am besten wäre, nach dem Beispiel des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) Deutschland, eine Vertretungsgemeinschaft zu gründen, die stellvertretend für alle Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter an politischen und öffentlichkeitswirksamen Entscheidungsprozessen teilnimmt. Falls die Zielgruppe dies ablehnt, wäre es zumindest notwendig, nach dem Beispiel des Arbeitskreises der Strichereinrichtungen in Deutschland (AKSD) eine Vereinigung des professionellen Hilfesystems für die Zielgruppe zu installieren, welche die Interessen der Sexarbeiter bestmöglich vertritt. Hier ist es jedoch essenziell, dass ein ständiger Austausch mit der Zielgruppe erfolgt, um über die Bedürfnisse und Wünsche der Sexarbeiter bestmöglich informiert zu bleiben.


4.8 Onlineberatung
Für den Raum Wien sind über die Internetseite „Gay Romeo“ derzeit 589 Sexarbeiter/Sexdienstleister unter der Rubrik Escort angemeldet (Zugriff am 01.02.2016). Dies zeigt, dass ein beträchtlicher Anteil der Sexarbeiter/Sexdienstleister, welche in Wien tätig sind, über das Internet arbeitet. Unklar ist, ob und wie viele davon ihre Angebote ausschließlich bzw. zusätzlich ins Internet stellen. Außerdem ist nicht festzustellen, wie viele der auf Gay Romeo Angemeldeten tendenziell eher der Kategorie der Sexdienstleister oder jener der Sexarbeiter zuzuordnen sind.

Gespräche mit Sexarbeitern bzw. mit dem Lokalbesitzer des Anbahnungslokals für mann-männliche Sexarbeit in Wien haben ergeben, dass viele der jungen Männer tagsüber in Internetcafés zugegen sind. Daraus lässt sich schließen, dass zumindest der Zugang zum Internet gegeben ist.

Für ein erfolgreiches und umfangreiches Hilfsangebot einer niedrigschwelligen Anlaufstelle ist es somit wichtig, auch im virtuellen Raum präsent zu sein. Laut einer Studie von Wright und Noweski (2006) sollte es die Möglichkeit für die Sexarbeiter geben, sich auf einer Homepage über die Angebote der Einrichtung informieren zu können. Außerdem scheint der Wunsch zu bestehen, sich auf dieser mit anderen Sexarbeitern auszutauschen zu können. Weniger erwünscht wären E-Mails von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, da die Befragten lieber von sich aus Kontakt zu der Einrichtung aufnehmen möchten. (vgl. Wright/Noweski 2006: 23) In einer Zeit, in welcher der virtuelle Raum immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist es essenziell, dass die Soziale Arbeit sich dieses Mediums bedient, um ihre Klientinnen und Klienten zu erreichen. Für diese Zielgruppe braucht es Informationskampagnen auf den betreffenden Internetseiten, um den Bekanntheitsgrad der Einrichtungen zu erhöhen. Dies könnte vor allem mit Anzeigenschaltungen, welche z. B. auf Gay Romeo üblich sind, erreicht werden. Wie schon die Studie von Wright und Noweski (2006) gezeigt hat, ist es jedoch entscheidend, die Sexarbeiter nicht zu bedrängen, sondern ein eher passives Vorgehen zu wählen. Gut wäre zum Beispiel, ein „Organisationsprofil“, vergleichbar mit dem eines „normalen“ Users, anzulegen, verknüpft mit der Möglichkeit, die Organisation mittels integrierter Chat-Funktion direkt anzuschreiben.


4.9 Freierarbeit
Freierarbeit in der mann-männlichen Sexarbeitsszene ist ein sensibles, jedoch wichtiges Thema. Im Sinne der Klinischen Sozialen Arbeit und damit des „Person-in-Environment“-Ansatzes ist der Mensch nicht nur als in sich geschlossenes System, sondern als Mensch zu betrachten, welcher sich in ständigen, transaktionalen Wechselwirkungen mit seiner Umwelt befindet. (vgl. Pauls 2013: 64ff) Eine ganzheitliche Arbeit mit der Zielgruppe männlicher Sexarbeiter in Wien muss somit nicht nur mit den Sexarbeitern selbst, sondern auch mit deren Umfeld stattfinden, um die Lebensbedingungen der jungen Männer zu verbessern. So ist es beispielsweise wichtig, die Verantwortung für die Gesundheit beider Parteien nicht ausschließlich bei den Sexarbeitern zu belassen. Hier müssen die Freier ebenfalls mit in die Verantwortung genommen werden. Schwierig kann in diesem Zusammenhang die Parteilichkeit gegenüber den Sexarbeitern werden. Zum einen muss bei der Freierarbeit auch dieser Personengruppe gegenüber eine akzeptierende Grundhaltung gewählt werden. Geht man von einem Menschenbild des Freiers als „Täter“ aus, wird man diese Personengruppe kaum mit einem Angebot erreichen.

„Daraus erwachsende Konsequenzen sind, dass Freier nicht als ‚Gegenstück’ von Sexarbeitern gesehen werden können. Täterzuschreibungen durch Victimisierung der Stricher ermöglichen keine positiv besetzte Freieridentität. Präventionskonzepte und gesunde Lebenskonzepte hingegen bauen auf einer positiv besetzten Ich-Identität auf.“ (Chehata 2007: 12)

Zum anderen ist es ebenso wichtig, die Parteilichkeit gegenüber der Zielgruppe männlicher Sexarbeiter zu wahren.

„Damit entsteht die Gefahr, dass der parteiliche Auftrag verschwimmt und der geschützte Beziehungsrahmen zwischen den Streetworker/innen und den Jungs zerstört wird. Hier ist es wichtig, sowohl Freier und Barkeeper als auch die Jungs immer auf die Parteilichkeit und Schweigepflicht hinzuweisen, entsprechende Kontaktinhalte den Jungs transparent zu machen und die Kontaktanteile zu Freiern und Barkeepern auf ein angemessenes Maß zu begrenzen.“ (Looks e. V. 2014: 18)

Somit ist es einerseits wichtig, einen offenen und akzeptierenden Ansatz gegenüber den Freiern zu wählen und andererseits gegenüber den Sexarbeitern nicht den Eindruck entstehen zu lassen, man „verbünde“ sich mit diesen.

Ebenfalls ist es wichtig, den Kunden männlicher Sexarbeit ein Verständnis für die Lebenswelt der jungen Männer nahe zu bringen, um eine höhere Akzeptanz im Umgang mit diesen zu fördern. So können möglicherweise bereits präventiv Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen vermieden werden.

Gerade in einer Stadt, welche sich als eine „Stadt der Menschenrechte“ deklariert, ist es unabdingbar, sich um die basale Grundversorgung aller in Wien lebenden Menschen zu kümmern. In vielen Bereichen und bei vielen Zielgruppen ist dies auch schon gelungen. Für die Gruppe der männlichen Sexarbeiter gibt es bisher jedoch noch keine adäquaten Maßnahmen, um ihnen hier einen menschenwürdigen Aufenthalt zu gewährleisten. Während in anderen europäischen Ländern wie beispielsweise Deutschland, Tschechien, Spanien etc. längst spezifische Anlaufstellen für diese Zielgruppe implementiert wurden, ist dies in Österreich bisher noch nicht gelungen. Umso wichtiger ist es, dass nicht nur auf dieses Thema aufmerksam gemacht wird, sondern dass auch Maßnahmen für eine menschenwürdige Versorgung dieser Zielgruppe getroffen werden.


Literatur

Chehata, Yasmine (2007): Freier in der mann-männlichen Prostitution. In: Deutsche AIDS-Hilfe e. V. (Hg.) (2009): Dokumentation „Freierarbeit im Kontext von Aidshilfen“. http://www.aidshilfe.de/download_file/264 (01.02.2016).

Deutsche AIDS-Hilfe e. V. (Hg.) (2007): Leitlinien für die sozialpädagogische Arbeit mit Strichern. Berlin. http://www.basis-projekt.de/getFile.php?id=21 (11.12.2015).

Eurostat (2015): Annual net earnings. Last update: 18.12.2015. http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/show.do?dataset=earn_nt_net&lang=en (1.2.2016).

Fink, Karin (2013): Mann-männliche Prostitution. Handbuch zur sozialpädagogischen Arbeit. http://www.aksd.eu/download/AKSD-Handbuch_2013_1_Version.pdf (11.12.2015).

Fink, Karin / Werner, Wolfgang B. (2005): Stricher. Ein Sozialpädagogisches Handbuch zur mann-männlichen Prostitution. Lengerich: Pabst Science Publishers.

Froschauer, Ulrike / Lueger, Manfred (Hg.) (2003): Das Qualitative Interview. Zur Praxis interpretativer Analyse sozialer Systeme. Wien: WUV-UTB Verlag.

Kelle, Udo / Kluge, Susann (Hg.) (1999): Vom Einzelfall zum Typus: Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer Verlag.

Köck, David (2015): Aktuelle Situation männlicher Sexarbeiter in Wien und die Hilfsmöglichkeiten Klinischer Sozialer Arbeit. Masterarbeit, FH Campus Wien.

Kuncic, Nina (2009): Männliche Homosexuelle Prostitution. Diplomarbeit, FH Campus Wien.

Looks e. V. (2014): Konzeption Looks e. V. http://www.looks-ev.de/infoseite/downloads/ (01.02.2016).

Pauls, Helmuth (2013): Klinische Sozialarbeit. Grundlagen und Methoden psycho-sozialer Behandlung. Weinheim: Juventa-Verlag.

Wright, Michael T. (2001): Die Lebenslage von Strichern in Köln, Düsseldorf und im Ruhrgebiet: Eine Bedarfsanalyse. http://www2.looks-ev.com/fileadmin/downloads/studie_wright.pdf (01.02.2016)

Wright, Michael T. / Noweski, Michael (2006): Internetstricher. Eine Bestandsaufnahme der mann-männlichen Prostitution im Internet. Berlin, http://bibliothek.wzb.eu/pdf/2006/i06-312.pdf (01.02.2016).


Über den Autor

David Köck, MA
david.koeck@stud.fh-campuswien.ac.at

Sozialarbeiter






System hosted at Graz University of Technology