soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 15 (2016) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/452/810.pdf


Pantuček-Eisenbacher, Peter / Vyslouzil, Monika (Hg.) (2015): 30 Tage Sozialarbeit. Berichte aus der Praxis. Wien: LiT-Verlag.


288 Seiten / EUR 29,90

Mit der Veröffentlichung von 30 kurz gehaltenen Berichten aus der Praxis, geschrieben von PraxisexpertInnen der Sozialarbeit „soll ein Bild des ‚gewöhnlichen’ Alltags entstehen.“ So das Ziel der beiden Herausgeber Peter Pantuček-Eisenbacher und Monika Vyslouzil. Und weiter: „Das Buch ist ein erster Versuch, das breite Betätigungsfeld der Sozialarbeit in leicht lesbaren Artikeln darzustellen.“ Vorweg eine kritische Anmerkung des Rezensenten: Ich warne vor der Aussicht, „leicht lesbare Artikel“ serviert zu bekommen, denn das leicht Lesbare entpuppt sich bei genauem Lesen als in der Regel höchst anspruchsvolle, theoretisch aufgeladene Beiträge über die Praxis gegenwärtiger Sozialarbeit. Beiträge über Alltagswissen, Alltagstheorien und Alltagspraxen mögen zwar leicht lesbar sein, was aber keinesfalls gleichbedeutend ist mit „leicht verständlich“, „leicht konsumierbar“ „leichter Kost“. Daher mein Hinweis für LeserInnen: Wer diese Alltagsgeschichten verstehen will, soll sich die Zeit nehmen, einzelne Beiträge jedenfalls zweimal zu lesen, einmal als kurze Novellen, ein zweites Mal als wissenschaftliche Berichte. Damit sollen bei den LeserInnen kleinere und größere Verwirrungen entstehen, die wiederum Anstöße für gelingende Theorie- und Praxisarbeit sein können.

30 Berichte aus unterschiedlichen Handlungsfeldern gegenwärtiger Sozialarbeit können und sollen nicht das gesamte Spektrum abdecken. Es ist eine Auswahl, die wohl „entstanden“ ist und nicht konzeptiv geplant wurde. Hier spiegelt sich der bestimmende Praxistyp der Sozialarbeit wieder: Wollen SozialarbeiterInnen wirksam sein, werden sie nicht nur Einfluss auf ihre KlientInnen nehmen, sondern müssen auch bereit sein, Rollen zu übernehmen, die ihnen ihre KlientInnen bewusst und unbewusst zuschreiben. Dies zeigt sich in den beschriebenen Szenen, die von beiden mitgestaltet sind. Manche Beschreibungen ziehen die LeserInnen unmittelbar in das Geschehen, das liegt an den Beteiligten aber auch an den unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten der AutorInnen, ihre „Geschichten“ zu schreiben. Erfreulich ist, dass bis auf wenige Ausnahmen, die AutorInnen den Mut aufbringen, sich selbst als AutorInnen zu zeigen, und nicht in den üblichen objektivierenden Marketing-Stil der sozialwirtschaftlichen Betriebe und Konzerne verfallen. Vielleicht wird manche Leserin, mancher Leser das Buch enttäuscht weglegen, da es zu wenig wissenschaftlich sei, zu wenig „Reflexionen“ über Effizienz, Effektivität, Konzept und Methode der eigenen Arbeit enthalte und wieder einmal der Nachweis erbracht worden wäre, dass die Sozialarbeitswissenschaft noch immer zu wenig wissenschaftlich und die SozialarbeiterInnen wissenschaftlich schlecht ausgebildet seien. Um welche Art von Wissenschaft handelt es sich in dieser Art von Argumentation?

Die 30 Alltagsgeschichten wurden vier Kapiteln zugeordnet: der behördlichen Sozialarbeit und der Sozialarbeit in Zwangskontexten, den mobilen und niederschwelligen Angeboten, den spezialisierten Formen von Beratung und Begleitung und zuletzt der Vermittlung von Sozialarbeit in Hochschulen und Weiterentwicklung. Damit wird jungen Menschen, die sich für den Beruf der Sozialarbeiterin und des Sozialarbeiters interessieren, die Möglichkeit gegeben, sich ein Bild von der Vielfalt der gegenwärtigen Sozialarbeit in Österreich zu machen. Den ExpertInnen der Sozialarbeit, seien sie primär in der KlientInnenarbeit, in der Organisationsarbeit oder als Lehrende und Forschende tätig, bietet das Buch die Möglichkeit, den mit jeglicher Form von Professionalisierung und Spezialisierung verbundenen Prozess eines zunehmenden Tunnelblicks hinter sich zu lassen und wieder neugierig darauf zu werden, was denn so in der Praxis alles geschieht. Eine Fortsetzung der Buchreihe ist auch aus dieser Sicht jedenfalls erwünscht.


Klaus Posch / klaus.posch@fh-joanneum.at





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