soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 16 (2016) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/470/878.pdf


Riegler, Anna (2016): Anerkennende Beziehung in der Sozialen Arbeit. Ein Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wiesbaden: Springer VS.


336 Seiten / EUR 49,99

Bisweilen wird der Theorie der beziehungsorientierten Sozialarbeit bzw. der „Beziehungsarbeit“ der Vorwurf gemacht, sie sei nicht wissenschaftlich-theoretisch untermauert bzw. es gäbe dazu gegenwärtig keine wissenschaftlichen Arbeiten. Mit dem Erscheinen des rezensierten Buches liegt eine Arbeit vor, die wichtige Stränge gegenwärtiger Diskurse der Sozialarbeitsforschung und -wissenschaft zusammenführt.

Die Autorin geht von der Überlegung aus, wonach anerkennende Beziehungsgestaltung eine unabdingbare Voraussetzung für Sozialarbeit ist, sofern diese sich am Ziel der sozialen Gerechtigkeit orientiert. Dass sich die Autorin nicht damit begnügt, Schlagworte in die Diskussion zu werfen, zeigt die umfangreiche Referenzliteratur auf, die sie nicht nur zitiert, sondern kritisch referiert und umsichtig aufeinander bezieht: Honneth, Sen, Nussbaum, Elias, Bourdieu, Stojanow, Ricoeur, Butler, Winnicott und Buber sind AutorInnen, die gerne zitiert werden, in diesem Buch aber auch gründlich „verarbeitet“ sind. Darüber hinaus zeigt die Autorin, wie man anhand der von ihr entwickelten Theorie der „anerkennenden Beziehungsgestaltung“ reale Dialoge zwischen SozialarbeiterInnen und ihren KlientInnen nachvollziehbar analysieren kann. Somit verspricht sie auch, für die Praxis der Sozialarbeit und ihre kritische Reflexion in Intervisionen und Supervisionen ein theoretisch fundiertes Konzept zu entwickeln.

Riegler untersucht zunächst Theorien sozialer Gerechtigkeit mit Blick auf Befähigung und anerkennende Verhältnisse in interdisziplinärer Perspektive philosophischer, sozialpsychologischer und psychoanalytischer Anerkennungstheorien, die allesamt von der Erkenntnis ausgehen, wonach das Verlangen nach Anerkennung ein menschliches Grundbedürfnis ist. Damit grenzt sie sich von solipsistischen Modellen der Sozialarbeit wie der Willenskonzeption ab und öffnet die Argumentation auf den Gerechtigkeitsdiskurs hin: gerechte Gesellschaften gewährleisten den Individuen Befähigungen, die es ihnen ermöglichen, sich in Freiheit für ein gelingendes und gutes Leben zu entscheiden (Nussbaum/Sen). Subjekte sind weder nur „Produkt“ gesellschaftlicher Umstände, wie es die Strukturtheorien vorgeben, noch ausschließlich Produzenten, wie es Liberalismus und Neoliberalismus vortäuschen, sondern sie sind Produkte und (!) Produzenten und sie stehen in „Beziehungsfigurationen“ (Elias). Dieser Ansatz hat für die Theorien der Sozialarbeit weitreichende Folgen, schließt er doch die beiden Labyrinthe (Liberalismus und Strukturalismus in ihren unterschiedlichen Ausprägungen) aus. In welche Richtung geht der Weg?

Der weitere Argumentationsweg folgt den Fragen nach den Bedingungen von Subjektwerdung vor dem Hintergrund der Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse (Habituskonzept von Bourdieu) und Untersuchung der Veränderungspotenziale im Sinne Frasers Forderung nach Umverteilung und Anerkennung, der Bedeutung anerkennender Interaktionen als Grundlage der Entwicklung von Subjektivität (Stojanow; hier wäre Alfred Lorenzers Konzept einer materialistischer Psychoanalyse ergänzend zu berücksichtigen). Auf einem guten theoretischen Fundament entwickelt Riegler im zentralen Kapitel ihres Buches ihre Überlegungen zur „autonomen Subjektwerdung im Rahmen des Hilfeprozesses“, in deren Zentrum die Erzähltheorie Ricoeurs steht. Damit ergreift sie die Position des sprachlich vermittelten Anerkennungs- und Hilfeprozesses in der Sozialarbeit: im Zentrum stehen Sprechen und Zuhören, m. a. W. das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft (Apel). Die Theorie der Subjektwerdung zwischen Autonomie und Abhängigkeit findet darin ein praktisches wie theoretisches Fundament, das es ihr ermöglicht, ihre Theorie von Sozialarbeit als Gerechtigkeitsprofession in den Topoi Sozialarbeit und Beziehung, Sozialarbeit und Befähigung, Sozialarbeit und Menschenrechte, Sozialarbeit und differenzsensible Inklusion, anerkennende Beziehungsgestaltung in der Sozialarbeit, die Verständigungsorientierung der Sozialarbeit, das dialogische Prinzip der Sozialarbeit und nicht zuletzt die Ansprüche der Sozialarbeit an ihre Organisation auszudifferenzieren. Diese Themen werden im Einzelnen sorgfältig argumentiert und zugleich die Zusammenhänge untereinander hergestellt, sodass sich eine Theorie im praktischen Sinne ergibt.

Im zweiten Teil des Buches wird anhand von fünf Gesprächen zwischen SozialarbeiterInnen und KlientInnen die Tragfähigkeit des Ansatzes empirisch erprobt. Gut nachvollziehbar werden „Beziehungsfiguren“ herausgearbeitet, die durch die unterschiedlichen Modi von Anerkennungsakten definiert werden. Begriffe wie Normalisierung, Wertschätzung, Humor, Höflichkeit usw., die im praktischen Alltags der PraxisexpertInnen so verwendet werden, dass durch ihre Vagheit die Chance auf mögliche Veränderungsprozesse vertan wird, gewinnen Konturen und kritisches Gewicht. Der Bogen, der in der Untersuchung gespannt wird – zwischen Alltagspraxis und Forschung –, ist ein belastungsfähiger. Weitere Online- und Offline-Forschungen auf der Grundlage der vorgelegten Theorie wären daher sehr zu begrüßen.

Das Vorhaben Rieglers ist schwergewichtig; es liegt mit diesem Buch ein sehr gelungener erster Entwurf zu einer umfangreichen und tragfähigen Theorie vor, der Anlass vielfältiger Anregungen ist: eine Konflikttheorie auf der Grundlage von Anerkennungsakten, eine Psychopathologie im Sinne der Anerkennungstheorie um zwei theoretische Vorhaben anzuführen. In Zusammenhang der Ausbildung von SozialarbeiterInnen stellt sich erneut die Frage nach der Eigenanalyse als dritte Säule: die Erfahrung von Anerkennung der persönlichen Geschichte im Dialog ist anzunehmenderweise die Voraussetzung für die Fähigkeit, Anerkennungsakte gegenüber Menschen in psychosozialen Notsituationen zu setzen. Vorerst möchte ich festhalten, dass das rezensierte Buch der Sozialarbeit in Theorie und Praxis wertvollste Anstöße gibt.



Klaus Posch / Klaus.Posch@fh-joanneum.at





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