soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 16 (2016) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/471/880.pdf


Eine sich als kritische Praxiswissenschaft verstehende Sozialarbeit bedarf u. a. der Auseinandersetzung mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext ihrer Theorie und Praxis. Ein Blick über ihre unmittelbaren Grenzen hinaus schadet ihr nicht nur nicht, sondern ist Voraussetzung für ihre Weiterentwicklung. Inter- und Transdisziplinarität sollen u. a. dazu verhelfen, sich nicht permanent zu überfordern. Der Blick auf sozialpsychologische Literatur vermag einerseits das Gefühl des verlorenen Einzelkämpfertums zu überwinden, andrerseits das Selbstbild der narzisstischen Größe zu korrigieren.

Das Buch von Rainer Gross, Sozialpsychiater und Psychoanalytiker über die Sozialpsychologie von Arbeit in den europäischen Gesellschaften vermag jenen Gefühlen der SozialarbeiterInnen Ausdruck verleihen, die sie im Hinblick auf die Strukturen und Vorgaben des eigenen Arbeitsplatzes ergreifen und im Buch von Götz Eisenberg werden ausgehend von Beobachtungen im Alltagsleben der Menschen Rahmenbedingungen unserer Lebenswelten einer Analyse unterzogen. Theoretischer Hintergrund beider Arbeiten ist die kritische Theorie, vor allem auf Theodor W. Adorno wird Bezug genommen. Als Leitidee kann einer Rezension folgender Gedanke aus Adornos „Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ (1951) vorangestellt werden:

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“.


Gross, Rainer (2015): Angst bei der Arbeit. Angst um die Arbeit. Psychische Belastungen im Berufsleben. Bern: Verlag Hans Huber.


259 Seiten / EUR 24,95

Rainer Gross analysiert das Phänomen der Angst am ersten Blick individualisierend, also psychologisch: Angst als erlerntes Fehlverhalten, Angststörungen, Panikattacken, Phobien, Angstabwehrmuster wie Arbeitssucht und kontraphobische Psychopathie. Für die PraktikerInnen unter den SozialarbeiterInnen kann diese Herangehensweise insofern hilfreich sein, als sie es ermöglicht, Ängste unterschiedlichen Dynamiken zuzuordnen und auf der Grundlage von psychosozialen Diagnosen Arbeitskonzepte für die einzelnen Beratungs- und Betreuungsaufgaben zu entwickeln. Damit ist auch ein Übergang zu den gesellschaftlichen Phänomen der Überbewertung von Arbeit („Laborisierung von Gesellschaft“) hergestellt, die Voraussetzung dafür ist, dass wir unsere Erfahrungen im Arbeitsleben nicht als kollektive, sondern als individuelle konnotieren. Der kritische Blick auf die Arbeitswelten und ihre Belastungen, die Auflösung der strukturbildenden Grenzen zwischen Arbeitswelt und Privatleben bildet den Ausgangspunkt weiterer Überlegungen zu einem gesellschaftsbezogenen Umgang mit dem Phänomen Angst bei der Arbeit und Angst um die Arbeit. Konsequenterweise geht Gross dann der Frage nach, was sich auf gesellschaftlicher Ebene ändern kann und muss, um aus der Angstfalle herauszukommen. In den Analysen bezieht sich Gross auf umfangreiche Literaturrecherchen, was das Lesen bisweilen beschwerlich macht, den geduldigeren LeserInnen jedoch umso mehr Gewinn bringt, als das Phänomen der Angst im Arbeitsleben nicht eindimensional, sondern mehrdimensional betrachtet wird.



Eisenberg, Götz (2015): Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus. Frankfurt a. M.: Verlag Brandes & Apsel.


292 Seiten / EUR 24,90

Götz Eisenberg, Politikwissenschaftler, Soziologe und Psychologe in einer Justizvollzugsanstalt, wirft in seinem Buch zunächst wie ein Ethnologe einen Blick auf Alltagsszenen: Er beobachtet Menschen im öffentlichen Raum, ihre Äußerungen, ihren Habitus, ihren Umgang miteinander. Eisenberg betreibt mit seinen Worten gesprochen eine „Ethnologie des Inlands“. Dazu ein Beispiel:

„Eine blinde Frau durchquert den Park vor meiner Haustür. Ihr Blindenhund geht, nicht angeleint, neben ihr. Ein paar Halbwüchsige, die auf Bänken sitzen, rauchen und Bier trinken, locken den Hund zu sich und halten ihn fest. Die blinde Frau vermisst irgendwann ihren Hund und beginnt nach ihm zu rufen. Sie bleibt stehen und ruft immer lauter nach ihm. Schließlich gerät sie in Panik und schreit den Namen des Hundes. Jetzt erst lassen die Jugendlichen den Hund laufen und zu seiner Besitzerin zurückkehren. Sie weiden sich an der Hilflosigkeit und Angst der Frau und lachen sich halbtot über ihre niederträchtige Aktion. (…) Eine allumfassende Rücksichtslosigkeit, ein zur Egomanie gesteigerter Individualismus, Zynismus, Gleichgültigkeit und Feindseligkeit prägen den menschlichen Umgang.“ (S. 228)

Eisenbergs Blick auf diese Szene ist kein individualisierender, sondern ein Blick auf gesellschaftliche Strukturen, die sich im individuellen Erleben und Verhalten zeigen, aber sich nicht psychologisierend auf dieses zurückführen lassen.

Die Fülle seiner Beobachtungen und Bezugnahmen auf theoretische Verstehens- und Erklärungsmuster ist atemberaubend, er ist ein Sammler alltagsweltlicher „Skandale“, die unterschiedlichste Themen umfassen: Vernetzungsmanie, Vermessung der Innenwelten, Straßenverkehr im Zeitalter der Deregulierung, Zerstörung des sozialen Immunsystems, Heimat und Entfremdung, Amok, gewalttätige Verzweiflung, Senilität und Demenz, maligner Narzissmus, Größenphantasien, Konsum als Selbstwertprothese, das Neuro-Orakel, der Virus der Leere, Handy-Wahnsinn, Tanz ums goldene Kind, Wut der „Überzähligen“, Psychopathie als gesellschaftlich anerkannte Lebensform, digitale Psychopathie, Bindungslosigkeit, Psychopathenproduktion, Psychopathen in Nadelstreifen usw. Rund um diese Themen entwickelt Eisenberg „Vignetten“, das sind Einblicke in die Gegenwartsgesellschaft, deren Signatur ein „entfesselter Kapitalismus“ ist. Das macht das Buch sehr lebendig und anschaulich und es regt dazu an, sich in die Themen zu vertiefen, die die einzelnen LeserInnen besonders interessiert. Aber Eisenberg macht es uns nicht leicht: das Buch hat kein Literaturverzeichnis, was im ersten Moment vielleicht ärgerlich macht. Im zweiten Blick bürstet er damit gegen den Konsumismus seiner LeserInnen…



Klaus Posch / Klaus.Posch@fh-joanneum.at





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