soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 19 (2018) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/552/1006.pdf


Pflegerl, Johannes / Vyslouzil, Monika / Pantucek, Gertraud (Hg.) (2013): Passgenau helfen. Soziale Arbeit als Mitgestalterin gesellschaftlicher und sozialer Prozesse. Festschrift für Peter Pantuček. Wien: LIT-Verlag.


286 Seiten / 29,90 EUR

Eine Rezension zu einem Buch zu schreiben, welches bereits vor fünf Jahren erschienen ist, bedarf einer Begründung: das Buch erschien als Festschrift zum 60. Geburtstag von Peter Pantuček und gibt einen Einblick in sein indirektes Wirken beim Aufbau der Sozialarbeit in Österreich, welches im Erscheinungsjahr keineswegs abgeschlossen war und bis heute nicht ist. Eine genaue Lektüre der 31 Beiträge, die von 34 AutorInnen verfasst wurden, ermöglicht ein vertieftes Verstehen der Komplexität der Sozialarbeit und dazu gehört der Blick in die nahe Vergangenheit genauso wie der Analyse der gegenwärtigen Tendenzen. Im Gegenteil, gerade der Blick auf das in der nahen Vergangenheit Geschriebene ermöglicht ein tieferes Verstehen; bekanntlich startet die Eule ihren Flug in der Dämmerung und die Dämmerung lässt vieles erkennbar machen, was im grellen Licht der Gegenwart unkenntlich ist.

Die 31 Beiträge, inklusive der übersichtlichen Einleitung der HerausgeberInnen, sind vier Themenbereichen zugeordnet: Demokratie und Inklusion, Professionsentwicklung, Innovation, Forschung und internationale Projekte und nicht zuletzt Soziale Diagnostik. Alle Beiträge bestechen durch Prägnanz und Bezug zu Peter Pantučeks Arbeiten und sind lesenswert für diejenigen, die sich ernsthaft mit Theorie und Praxis der Sozialarbeit auseinandersetzen wollen.

Als Rezensent ist es mir aus Platzgründen nicht möglich, alle Beiträge der Festschrift zu rezensieren, ich musste eine Auswahl treffen, die ich allein zu verantworten habe. Bei der Auswahl spielen meine Interessen an der Weiterentwicklung einer kritisch-reflexiven psychoanalytischen Sozialarbeit eine wichtige Rolle und nicht zuletzt mein Interesse am fortgesetzten Dialog mit Peter Pantuček.

Dieter Röh entwickelte in seinem Beitrag über Inklusion, Demokratie und Menschenrechte ein Konzept von Sozialer Arbeit auf der Basis des „Capabilities Approachs“: Von SozialarbeiterInnen werden in erster Linie Personen betreut, die sozial vulnerabel sind und die Gefahr besteht, dass

„die Lebensführung nicht mehr gelingt und damit Daseinsmächtigkeit nicht gegeben ist. (…) Mit ihrer Expertise für die Zusammenhänge zwischen Handlung und Struktur, zwischen Person und Umwelt und schließlich zwischen Verhalten und Verhältnissen ist Soziale Arbeit die Instanz zur Unterstützung einer Lebensführung. Ihr Ziel ist es, gerechte, weil befähigende Strukturen zu bilden und gleichsam die subjektive Lebensführungskompetenz zu stärken.“ (S. 46)

Röh zeigt die theoretische Kapazität des Capabilities Approachs und macht neugierig, wie sich diese Theorie in der Praxis als Alternative zur affirmativen Sozialen Arbeit zeigt.

Gertraud Pantucek beschreibt in ihrem Beitrag sehr konkret, wie Peter Pantucek in seiner Praxis Professionsansprüche, Innovationsfreude und die Kunst, das Hier und Jetzt zu gestalten verbindet. Sie verweist auf ein Inklusionsverständnis, das sich daran orientiert „der Zeit voraus zu sein“. Das birgt kritischen Sprengstoff gegenüber einem Verständnis von Sozialarbeit, in dem die Folgen des Handelns der SozialarbeiterInnen für die Zukunft der KlientInnen weitgehend ausgeklammert werden. Dass die Instrumente der SozialarbeiterInnen mannigfaltig sind und einen weiten Bogen von personaler Face-to-face-Beratung bis struktureller Vernetzung im Städtebau zu spannen haben, wird hier wieder verdeutlicht; dass die Arbeit der SozialarbeiterInnen häufig mit Enttäuschungen auf allen Ebenen einhergehen, wird angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt.

Manuela Brandstetter orientiert sich bei ihrem Beitrag über die Entwicklung des methodischen Verständnisses von Sozialarbeit am Standort St. Pölten u. a. an der Frage, wie sich sozialarbeiterische Handlungspraxis mit Wissen über Struktur und sozialem Wandel verschränken lassen. Sie bewegt sich dabei im Bogen von Makro-, Meso- und Mikrosoziologie, wie sie Pierre Bourdieu in einer „Reflexiven Anthroplogie“ entwickelt hat: es geht auch darum, die KlientInnen zu befähigen, „den gesellschaftlichen Anteil an ihren persönlichen Schwierigkeiten zu begreifen.“ (S. 114) Wie lässt sich erkennen, ob das auch gelungen ist und welche Auswirkungen diese Art von Einsicht auf das weitere Leben der KlientInnen hat?

Wolfgang Gratz behandelt in seinem Beitrag mit dem Titel „Sozialarbeit-Macht-Führung“ Fragen, die in der Praxis der Sozialen Arbeit gerne unter den Tisch kehren, nämlich den Fragen nach der organisationellen Ausgestaltung von Sozialarbeit: „Nicht nur Führungskräfte führen“ (S. 135) lautet seine zentrale These, die zum Hinweis führt, dass in der Sozialen Arbeit Macht wenig thematisiert, aber vielseitig ausgeübt wird. Gratz bezieht sich auf die Arbeit von Heinrich Popitz über Phänomene der Macht und Anton Obholzer über die Wirkung des Unbewussten in Organisationen, die weit in die Beziehungen zwischen KlientInnen und SozialarbeiterInnen eingreifen:

„Wenn alle Prozesse standardisiert sind, das letzte Detail qualitätsmäßig erfasst ist, jegliche Art von Performance genau gemessen wird, wird man erkennen, dass die persönlichen Betreuungsbeziehungen wie auch die persönlichen Führungsbeziehungen dadurch nicht unbedingt besser geworden sind und somit zentrale Erfolgsfaktoren ausgeblendet werden.“ (S.141)

Harro Kähler und Christian Koch geben in ihrem Beitrag über Rezensionen als Ort der Fachdiskussion für das Sozialwesen Einblick in das Konzept des Internetportals socialnet, in dem bislang mehr als 12.000 Rezensionen erschienen sind. Sie zeigen u. a., dass die RezensentInnen überdurchschnittlich häufig im Hochschulbereich arbeiten, ein Hinweis, der aber nicht weiter verfolgt wird. Gerade die Rezension aus der Feder von PraxisexpertInnen der Sozialen Arbeit versprechen die Intensivierung des Diskurses zwischen Theorie und Praxis. Sie könnten ja auch von Arbeitsgruppen verfasst werden, die aus der Alltagserfahrung heraus Theoriekonstrukte kritisch beurteilen könnten. Noch aufschlussreicher wären natürlich Rezensionen aus der Feder von KlientInnen der Sozialarbeit. Die Definitionshoheit darüber, was eine „qualitätsvolle“ Rezension sei, muss ja nicht ungeschaut bis auf weiteres bei Personen liegen, die im Hochschulbereich arbeiten. Wer gibt den „AdressatInnen“ der Sozialen Arbeit eine Stimme im Wissenschaftsbereich der Sozialen Arbeit?

Nochmals: ich bitte alle AutorInnen um Verzeihung, dass ich nur eine Handvoll Beiträge in meiner Rezension behandelt habe. Aber ich möchte nicht verabsäumen, abschließend summarisch über die Festschrift für Peter Pantuček zu schreiben: Ohne Zweifel sind in den letzten Jahren viele Impulse für die Entwicklung der Sozialen Arbeit in Österreich vom Team der HerausgeberInnen und AutorInnen ausgegangen. Die Festschrift zeigt auch deutlich, dass der Horizont der Themen erweiterbar ist: auf der Theorieebene z. B., in dem die Impulse der Kritischen Theorie für die Sozialarbeit behandelt werden; theoretisch weiters, dass auch kritische innermarxistische Theorien aufgegriffen werden, Sartre, Lefebvre usw. Weiters sollte der kritisch-reflexiven empirischen Sozialforschung gegenüber der Auftragsforschung in der Sozialen Arbeit, die immer mehr oder weniger affirmativ sein wird, mehr Raum gegeben werden. Nicht zuletzt weise ich darauf hin, dass es in der rezensierten Festschrift keinen Beitrag gibt, der sich mit der Frage der Mitgestaltung der Sozialen Arbeit bei gesellschaftlichen und sozialen Prozessen theoretisch und empirisch auseinandersetzen würde. Das wäre doch ein Zukunftsprojekt!



Klaus Posch / klaus.posch@fh-joanneum.at





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