soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 19 (2018) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/561/1004.pdf


Kukovetz, Brigitte (2017): Irreguläre Leben. Handlungspraxen zwischen Abschiebung und Niederlassung. Bielefeld: Transcript Verlag


288 Seiten / 29,99 EUR

Die tagespolitischen Debatten zu Abschiebungen sind häufig sehr emotional besetzt, sachliche Argumentationen sind selten. Einige der wenigen wissenschaftlichen Arbeiten zur Situation in Österreich liegt mit dem Buch von Brigitte Kukovetz vor. Die Autorin ist Soziologin und am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Graz tätig. Was bedeutet eine drohende Abschiebung und wie (re-)agieren die Abschiebegefährdeten und andere Akteur_innen? Mit diesen Fragen setzt sich Brigitte Kukovetz in ihrer Forschungsarbeit auseinander. Im einleitenden Kapitel macht sie ihre persönliche Positionierung explizit, sie tritt einer supranationalen Gerechtigkeitsvorstellung folgend für ein allgemeines Recht auf Ein- und Auswanderung ein. Nachdem Handlungspraxen ein zentrales Konzept der Arbeit darstellen, werden des Weiteren die gewählten theoretischen Zugänge vorgestellt. Sie bezieht sich dabei v. a. auf die Theorie von Barry Barnes, der soziale Praktiken als kollektives Handeln beschreibt. Außerdem stellt sie ihre methodologischen Verortungen umfassend dar. Im Rahmen der an der Grounded Theory angelehnten Studie führte Brigitte Kukovetz Interviews mit unautorisierten Migrant_innen (d. h. Menschen, die über einen längeren Zeitraum ohne Aufenthaltsrecht in Österreich leben und von Abschiebung bedroht sind), Mitarbeiter_innen von Behörden und Nichtregierungsorganisationen sowie privaten Unterstützer_innen durch. Sie machte auch die Erfahrung, dass sich der Zugang zum Feld und die Datenerhebung schwierig gestalteten, u. a. weil sich die undokumentierten Migrant_innen (d. h. Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus) in einer schwer belastenden Lebenssituation befinden, die Unterstützer_innen sich manchmal an der Grenze der Legalität bewegen bzw. Behördenmitarbeiter_innen oft nur ungern Einblicke in ihre Arbeit gewähren.

In ihren Analysen des Datenmaterials arbeitet Brigitte Kukovetz heraus, dass sich die Menschen nach dem Erhalt eines aufenthaltsbeendenden Bescheids und einer Ausreiseaufforderung in einem unlösbaren Dilemma befinden. Diese paradoxe Situation bezeichnet sie als „Catch 22 des irregulären Aufenthalts“. Damit versucht sie folgendes Phänomen zu fassen: Die einzige Möglichkeit für irreguläre Migrant_innen, ihren Aufenthalt zu legalisieren, ist eine Niederlassungsbewilligung zu erhalten. Dafür ist es notwendig, gute Deutschkenntnisse, finanzielle Ressourcen, soziales Engagement und Kontakte mit Österreicher_innen nachzuweisen; d. h. sie müssen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Gleichzeitig müssen sie allerdings versuchen, einer Abschiebung zu entgehen, indem sie z. B. öffentliche Plätze oder Außenkontakte meiden; d. h. je weniger sie an der Gesellschaft teilhaben, umso unwahrscheinlicher ist eine Abschiebung. Dies wird auch anhand von vier Personen konkret dargestellt, deren Handlungspraktiken sich zwischen Inklusion und Partizipation und Unsichtbarmachung bewegen.

Darüber hinaus geht Brigitte Kukovetz auch auf die Interaktionen mit Behörden und Unterstützer_innen ein. Dabei wird deutlich, dass alle involvierten Akteur_innen in ihrem Gestaltungsspielraum besonders von politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen abhängig sind. Die von der Autorin entwickelte Grafik, in der die verschiedenen Ausprägungen des Phänomens Catch-22 visualisiert werden, bringt die Komplexität zum Ausdruck. Sie veranschaulicht, dass ein irregulärer Aufenthalt für Personen mit bzw. ohne Dokumente und mit Status abschiebbar bzw. nicht abschiebbar unterschiedliche Konsequenzen hat. Ein weiterer interessanter Aspekt, den sie herausarbeitet, ist die Rolle der Unterstützer_innen, die im Sinn einer „stellvertretenden Agency“ eine wichtige Ressource für die Abschiebungsgefährdeten darstellen.

Brigitte Kukovetz bleibt nicht bei einer wissenschaftlichen Analyse der Situation stehen, sondern diskutiert drei Modelle von zukünftigen Migrationspolitiken, die je nach „konservativen“, „rigiden“ oder „liberaleren“ Ausrichtung unterschiedliche gesellschaftlichen Folgen haben. Abschließend plädiert sie – in Verbindung mit ihrer persönlichen Positionierung – für einen vorurteilsfreien Diskurs, in dem neue Szenarien des Zusammenlebens gezeichnet werden und der auch das Recht auf Einwanderung beinhaltet.

In dem Buch findet eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Lebensrealitäten unautorisierter Migrant_innen statt. Es wird eine Systematisierung der vielschichtigen Situation vorgenommen und verschiedene Handlungsoptionen herausgearbeitet. Damit ist die Lektüre auch für Praktiker_innen wie Unterstützer_innen interessant; denn sie bietet einen Über- und Einblick zur Orientierung in einem Feld, das von einer sehr komplexen Gesetzeslage geprägt ist und oftmals als undurchschaubar erscheint, was auch zu Unwissenheit von Akteur_innen führt. Für diese kann auch der ausführliche Anhang sehr hilfreich sein. In diesem wird einerseits der Ablauf von Abschiebungen genau dargestellt, andererseits enthält er ein umfangreiches Glossar; beides allerdings mit Stand bis zur Anführung des Bundesamts für Fremdenwesen und Asyl (BFA)-Einrichtungsgesetzes 2014. Die Autorin konstatiert aber, dass die meisten Aspekte des Catch-22 weiterhin ihre Gültigkeit haben.

In ihrem Forschungsausblick thematisiert Brigitte Kukovetz verschiedene Bereiche und Felder, in denen weitere Arbeiten zu der Thematik sinnvoll wären. Die Soziale Arbeit kommt darin leider nicht vor. Mit der Studie wird eine Gruppe von Menschen am Rand der Gesellschaft in den Blick genommen, die auch von der Sozialen Arbeit nur marginal wahrgenommen wird. Daher wäre die Unterstützung von undokumentierten Migrant_innen im Sinn von Sozialer Arbeit als politische Arbeit erforderlich. Spannend wäre es des Weiteren, das in der Studie erarbeitete Konzept „Catch-22 des irregulären Aufenthalts“ und den damit einhergehenden Ansatz der Identifizierung von Handlungspraxen auch auf die Arbeit mit anderen in irregulären oder prekären Verhältnissen lebenden Gruppen umzulegen.



Helga Moser / helga.moser@fh-joanneum.at





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