soziales_kapital

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wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 20 (2018) / Rubrik "Editorial" / Redaktion soziales_kapital
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/578/1039.pdf


Editorial Online-Journal soziales_kapital

20. Ausgabe September 2018: Armut & Sozialstaat


Als sich die Redaktionsmitglieder für das Thema für die vorliegende Nummer entschieden haben, war zwar offensichtlich, dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht kleiner wird und dass die Vorteile eines Sozialstaats nicht unangefochten sind, die akute Aktualität des Themas war in der herrschenden Schärfe allerdings nicht absehbar. Ebenso wenig das rasante Tempo, mit dem die Bundesregierung Veränderungen vornimmt.

Dass Armut keine ausschließlich individuelle Problematik ist, argumentiert Nina Eckstein in ihrem Beitrag. Vielmehr sieht sie strukturelle und rechtliche Gegebenheiten, die u.a. auch im Gegensatz zu völkerrechtlichen Verpflichtungen Österreichs stehen und damit eine Menschenrechtsverletzung bedeuten. Sie ruft Sozialarbeiter*innen dazu auf, sich das nötige sozialrechtliche Wissen anzueignen und die gesellschaftspolitische Dimension und das damit verbundene Mandat professioneller Sozialarbeit wahrzunehmen.

Barbara Bühler vom NÖ Armutsnetzwerk beginnt ihre Ausführungen mit möglichen Definitionen des Begriffs Armut, um in weiterer Folge die Rolle der Sozialarbeit im Sozialstaat zu thematisieren. Auch sie ruft die Soziale Arbeit auf, sich in den sozialen und gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, damit Erfahrungswissen und fachliche Expertise der Sozialen Arbeit in die Verhandlungs- und Aushandlungsprozesse der Konkretisierung von „normativen Maßstäben“ Eingang finden.

Einen konkreten Vorschlag zur Bekämpfung von Kinderarmut und der damit verbundenen Verfestigung von Ungleichheit führen Erich Fenninger, Judith Ranftler und Dagmar Fenninger-Bucher in ihrem Beitrag zur Einführung einer Kindergrundsicherung aus. Das Modell wurde medial bereits vorgestellt. Der vorliegende Artikel gibt einen vertieften Einblick in die Intention und die theoretische und politische Verortung der Überlegungen.

Alexander Brunner beschäftigt sich mit einem anderen Gesichtspunkt der Verfestigung von Armut. Er sieht Soziale Arbeit in Gefahr, von Armut betroffene Personen zur Armut zu erziehen und ruft die kritisch-reflexive Soziale Arbeit dazu auf, diese Gefahr in Theorie und Praxis zu reflektieren und entsprechend zu handeln.

In einem Beitrag über Altersarmut in der Steiermark werden die in der Altensozialarbeit einer Privatstiftung mit den Bedürftigen erhobenen Nöte systematisch dokumentiert. Das Material ermöglicht laut Günther Gettinger bereits weitreichende Einsichten und steht darüber hinaus für weitere wissenschaftliche Bearbeitung zur Verfügung.

Tom Schmid beschreibt ausführlich Geschichte und Wert der Selbstverwaltung in der Sozialversicherung. Wissen, das in der aktuellen Diskussion wertvolle Argumente liefern kann.

Das betreute Konto, als hilfreiches Instrument für Menschen, die Schwierigkeiten im Umgang mit Geld haben, ist gut etabliert. Die Begleitung durch Soziale Arbeit erfordert allerdings entsprechend Aus- und Weiterbildung, so führt Thomas Valina aus. Wie er folgend aufzeigt, bringt auch das neue Erwachsenenschutzgesetz diesbezüglich Veränderungen mit sich.

Prohibitive Maßnahmen gegen die Drogen, die auch zur Kriminalisierung ohnehin marginalisierter Gruppen beitragen, erschweren auch niederschwellige Sozialarbeit, konstatiert Fabian Grümayer. In seinem Artikel geht er auch auf die mediale Darstellung des War on Drugs und die betroffenen Gruppen ein.

Sabine Klinger und Linda Kagerbauer versuchen in ihrem Artikel aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Veränderungsprozesse im Zuge der Professionalisierung von Protestpraxen und sozialpolitischen Individualisierungsmechanismen Geschlechterverhältnisse und Generationenkonflikte beeinflussen.

Wir fokussieren unsere Anstrengungen in Bezug auf Barrierefreiheit in der Praxis der Sozialarbeit auf (potentielle) Klient*innen und in der Lehre in eingeschränktem Ausmaß auf Studierende. Bei Lehrenden denken wir darüber in Richtung Zugang nach, wenig Augenmerk wurde bisher auf die Herausforderungen in der Umsetzung der Lehre gerichtet. Nina Eckstein gibt in ihrem Beitrag ein Beispiel, wie in der Lehre mit Hörbehinderung umgegangen werden kann.

Die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in Österreich stehen vor einem großen Umbau. Die Mindestsicherung soll reformiert werden, die Notstandshilfe steht vor der Abschaffung und die aktive Arbeitsmarktpolitik muss sich auf veränderte Schwerpunkte und neue Ziele einstellen. Welche Änderungen plant die österreichische Bundesregierung? Welche Entwicklungen beobachten Expert*innen aus dem Sozialbereich? Und was können wir aus den Erfahrungen in anderen Ländern Europas lernen? Mit diesen Fragen setzt sich Philipp Hammer in seinem Beitrag auseinander.

Aufgrund historisch unterschiedlich gewachsener Ausbildungszweige wird in Österreich in der Bewertung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik noch immer ein Unterschied gemacht. Marc Diebäcker und Manuela Hofer setzen sich damit im Zusammenhang mit der Einstufung beider Tätigkeiten laut SWÖ-KV auseinander und kommen zu dem Schluss, dass hohe fachliche Kompetenzen für beide Spezialisierungen in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit erforderlich sind und daher eine Differenzierung in der Bezahlung nicht sinnvoll ist.

Zwei Rezensionen runden die wie immer vielfältige, aufrüttelnde und interessante Nummer ab. Dem Editorial folgt eine Würdigung zum 100.Geburtstag von Maria Dorothea Simon, deren Einfluss auf die Sozialarbeitslandschaft dank ihrer Bescheidenheit wenig bekannt ist. Wir gratulieren mit diesem Beitrag und wünschen weitere Jahre in guter Gesundheit.



Monika Vyslouzil




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