soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 20 (2018) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/590/1068.pdf


Ott, Veronika (2017): Soziale Arbeit – Sexarbeit – Menschenhandel. Hamburg: Marta Press.


429 Seiten / 42,00 EUR

Veronika Ott behandelt in ihrem Buch Soziale Arbeit in den Feldern der Sexarbeit und des Menschenhandels und nimmt dazu die Tätigkeiten unterschiedlicher Beratungsstellen in Deutschland unter die Lupe. Sie geht der Frage nach, „[w]elches Wissen zu Sexarbeit und Menschenhandel […] im Feld der Beratungsstellen wie hervorgebracht [wird] und welche Wirkmächtigkeit […] diesem Wissen in der Aushandlung von Sexarbeit und Menschenhandel zu[kommt]“ (Ott 2017: 58). Sie arbeitet dabei sowohl theoretisch als auch empirisch-qualitativ in Form von Interviews mit Sozialarbeiterinnen.

Methodisch arbeitet Ott diskurs- und gouvernementalitätstheoretisch nach Michel Foucault. Dessen Überlegungen zu Mikromechanismen der Macht stellen für Ott den Ausgangspunkt für eine kritische Betrachtung der Wissensproduktion in den von ihr untersuchen Institutionen dar. Ott bedient sich ihres Werkzeugs kompetent und bietet so auch eine gute Einführung in Foucaults Ansätze.

Nach einem Überblick über feministische Standpunkte zu Sexarbeit (Ott 2017: 17ff), dem eine sympathische Selbstpositionierung der Autorin vorangeht, werden rechtliche Aspekte aufgezeigt und Grenzziehungen zwischen Sexarbeit und Zwangsprostitution verhandelt. Dass österreichische Autorinnen, die zu diesem Thema arbeiten wie Helga Amesberger (2014), Luzenir Caixeta, Melanie Hamen und Gergana Mineva (2012) nicht erwähnt werden, enttäuscht angesichts der ansonsten umfassenden theoretischen Bezüge.

Sexarbeit und Menschenhandel werden nicht nur im Berufsfeld der Sozialen Arbeit, sondern auch in einigen feministischen Debatten häufig als ein- und dasselbe dargestellt. Dass in diesem Buch beide Begriffe – so auch im Titel – nebeneinander verwendet werden, irritiert. Dies problematisieren auch interviewte Beraterinnen gegenüber der Autorin. (Ott 2017: 318) Ott interessiert jedoch genau die diskursive Grenzziehung zwischen den beiden Bereichen. Treffend verortet sie Prostitutionspolitiken im Kontext rassistischer Fremdengesetzgebungen und restriktiver Migrationspolitiken (Ott 2017: 47) und problematisiert, dass migrierte Sexarbeiterinnen in besonderem Maße von prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen betroffen sind (Ott 2017: 49). Sie zeigt auf, dass sich Anti-Migrationspolitiken oft als Anti-Menschenhandelspolitiken verkleiden (Ott 2017: 51) und weist darauf hin, dass auch lokale und internationale NGOs dieses Denken vielfach reproduzieren. Die Wirkmächtigkeit kapitalistischer Logiken wird anhand dessen diskutiert, dass Menschengruppen schon alleine deshalb als hilfsbedürftige Opfer konstruiert werden müssen, um Fördergelder zu bekommen. Allen Leser_innen, die im Rahmen ihrer Arbeit schon Projektanträge schreiben mussten, dürfte das bekannt vorkommen. Schwierige Themen wie die Zusammenarbeit mit der Polizei und die Frage nach der Freiwilligkeit der Inanspruchnahme von professioneller Hilfe werden ebenfalls im Buch behandelt (Ott 2017: 182ff). Mit diesen umfassenden Reflexionen liefert Ott einen wichtigen Beitrag zur kritischen Sozialarbeitsforschung.

Wie die Autorin selbst eingesteht, ist ihre Sprache im Zuge der theoretischen Darlegung oft „sperrig und schwer zugänglich“ (Ott 2017: 152). Sie begründet dies mit ihrer Strategie des „Lesen[s] gegen den Strich“ (Ott 2017: 153) im Sinne einer kritischen Analyse. Dennoch stellt sich die Frage, ob nicht auch Dissertationen komplexe Inhalte leichter verständlich vermitteln könnten und so – was auch bei dieser Arbeit wünschenswert wäre – mehr Leser_innen bis zum Ende durchhalten würden.

Ab Kapitel Vier, welches den Beginn der Auswertungen der durchgeführten Expertinneninterviews darstellt, gelingt es Ott, Interviewausschnitte mit Theorien zu verknüpfen ohne den Lesefluss zu verkomplizieren. Die gewählten Interviewpassagen sind besonders interessant, da sie Aufschluss zu den Denk- und Redegewohnheiten von Sozialarbeiter_innen im Handlungsfeld geben. Die Forscherin problematisiert, dass die Aussagen von NGOs oft als „authentische Stimmen“ (Ott 2017: 39) wahrgenommen werden und verortet die Beratungsstellen stattdessen im Spannungsfeld von staatlicher Normierung und Kontrolle.

Die gesellschaftliche Verwobenheit Sozialer Arbeit wird deutlich, als eine Interviewpartnerin darüber spricht, wie herausfordernd es ist, nicht rassistisch zu sein. (Ott 2017: 281) Eines der Forschungsergebnisse ist, dass insbesondere Sexarbeiterinnen aus Bulgarien und Rumänien häufig als die Anderen konstruiert werden und somit auch die Professionalität der Beraterinnen herausfordern. (Ott 2017: 390f.) Die Parteilichkeit der Sozialarbeiterinnen wird von Ott als widersprüchliche Praxis dargestellt, da einerseits Subjekte von den Beratungsstellen klar als Sexarbeiterinnen und/oder Opfer von Menschenhandel angerufen werden, gleichzeitig in den Beratungen aber Aufrufe zu Selbstbestimmung und zu einem Nicht-Folgen gesellschaftlicher Kategorisierungen stattfinden. (Ott 2017: 239)

Eine wichtige Erkenntnis, die Ott aus der Interviewanalyse zieht ist, dass ihre Interviewpartnerinnen oft keinen Bezug mehr zu den heterogenen Entstehungsgeschichten der Beratungsstellen haben, beziehungsweise dass ihnen diese Geschichten von politischem Engagement in der Anfangszeit teilweise nicht mehr präsent sind. (Ott 2017: 160) Insbesondere jenen Einrichtungen, die ihre Arbeit als Selbstorganisationen begonnen haben, sind auf dem Weg der Institutionalisierung kritische Mitarbeiterinnen verloren gegangen, was zur Folge hat, dass auch deren Erzählungen der Gründungsgeschichten fehlen: Es wäre auch für die heutige Soziale Arbeit inspirierend, wieder auf diese vielfältigen Geschichten des Widerstands zurückzuschauen. Interessant sind auch jene Interviewpassagen, in denen Sozialarbeiterinnen davon berichten, wie sich durch ihren persönlichen Kontakt zu Sexarbeiterinnen eigene Vorurteile sowie unkritische Viktimisierungen und Homogenisierungen verändert haben. (Ott 2017: 210) Dies beweist wieder einmal, dass ein Lernen und Verlernen im Beratungssetting in beide Richtungen stattfindet.

Insgesamt gelingt es Veronika Ott, diskursiv umkämpfte Arbeitsfelder Sozialer Arbeit kritisch zu untersuchen und dabei die Arbeit der NGOs weder zu glorifizieren, noch allzu vernichtende oder unkonstruktive Kritik zu äußern. Im Verlauf der gesamten Analyse wird kein Zweifel daran gelassen, was die Motivation für Ott ist. Sie formuliert – mit Rekurs auf Kathrin Schrader – ein Plädoyer für eine Soziale Arbeit, die herrschaftskritisch ist und nicht im Sinne der Mehrheitsgesellschaft, sondern der Klient_innen agiert. (Ott 2017: 55).



Tina Füchslbauer / tina.fuechslbauer@gmx.at


Verwendete und weiterführende Literatur

Amesberger, Helga (2014): Sexarbeit in Österreich. Ein Politikfeld zwischen Pragmatismus, Moralisierung und Resistenz. Wien: new academic press.

Caixeta, Luzenir/Hamen, Melanie/Mineva, Gergana (2012): For a change of perspective. Oder: Wie schaut Sexarbeit aus, wenn die Perspektive von Sexarbeiter_innen miteinbezogen wird. In: Greif, E. (Hg.): SexWork(s), verbieten – erlauben – schützen? Linz: Trauner. (= Linzer Schriften zur Frauenforschung, Band 51). S. 163–182.

Schrader, Kathrin (2013): Drogenprostitution: Eine Intersektionale Betrachtung zur Handlungsfähigkeit drogengebrauchender SexarbeiterInnen. Bielefeld: transcript.





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