soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 20 (2018) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/599/1077.pdf


Oelschläger, Thomas/Danzinger, Rainer/Benzenhöfer, Udo (2015): Die Ermordung psychiatrischer Patienten aus der Steiermark in der NS-Zeit. Linz: pro mente edition Sozialpsychiatrie.


219 Seiten / 19,90 EUR

Kurt V. wurde am 15.12.1940 in Graz geboren. Sein Vater war Gendarmeriehauptmann. Er wurde im August 1948 in das psychiatrische Krankenhaus Graz-Feldhof verbracht. In seiner Krankengeschichte steht u.a. folgendes über ihn: „Schädel groß (hydrocephal), kann nicht sprechen, unrein; zeigt Interesse für die Umgebung, lächelt, wenn man mit ihm spielt; auf der Abteilung gemütlich, steht und geht in der Gehschule herum. […] Sterbedatum 27.9.1943.“ (Oelschläger/Danzinger/Benzenhöfer 2015: 131) Eine Pflegerin der Kinderstation erinnerte sich:

„Die Abteilung hat Post gekriegt, die und die muss hinüberkommen, in die Ambulanz haben sie sie hinübergetragen und dann haben’s es gespritzt; was sie gespritzt haben, das weiß man nicht, da hast ja niemanden fragen dürfen oder was, da hast Du nur schauen dürfen Fragen oder was, da hast nur schauen dürfen. Ja und dann haben’s gespritzt, haben’s wieder zurückgetragen; sind sie so gleich gestorben.“ (Oelschläger et al.: 121)

So müssen wir uns die Ermordung des noch nicht dreijährigen Kurt wohl vorstellen. In mehreren Kapiteln wird das Thema des Buches, die Tötung von PatientInnen des früheren Feldhofs, der heutigen Sigmund-Freud Klinik, aufgerollt: die Geschichte des „Feldhofs“ bis 1933, die Entwicklung zwischen 1933 und 1945, die NS-„Euthanasie“, die „Aktion T 4“, die Kinder- und Jugendlichen-„Euthanasie“ im Feldhof, das Schicksal der psychisch kranken polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter, die Ereignisse im Feldhof am Kriegsende und in der Nachkriegszeit sowie nicht zuletzt acht Interviews mit ZeitzeugInnen. Auf diese Weise gewinnen die LeserInnen einen detaillierten und übersichtlichen Einblick in das Thema.

Aus Sicht der Sozialarbeit sind die Ausführungen zur Ermordung von Kindern und Jugendlichen von besonderer Bedeutung, sind doch Kinder- und Jugendhilfe essentielle Handlungsfelder der Sozialen Arbeit. So erfahren wir, dass am Feldhof zwischen 1938 und 1945 1.345 Kinder und Jugendliche aufgenommen wurden, 272 von ihnen wurden in diesem Zeitraum im Feldhof ermordet (Oelschläger et al.: 111). Zwischen 1940 und 1941 wurden eine bisher unbekannte Zahl von ihnen im Rahmen der so genannten „Aktion T4“ nach Hartheim und Niedernhart/Linz verbracht und dort ermordet. Und es gibt Krankengeschichten von 19 „Reichsausschuss“-Minderjährigen, die nachweisbar in Graz ermordet wurden – wie Kurt V. Über die für die Geschichte der Sozialarbeit relevante Frage der Mitwirkung der Fürsorgerinnen an der Verbringung der Kinder und Jugendlichen in Feldhof fehlen bis heute wissenschaftliche Forschungen. Das ist nicht nur ein Mangel des Buches. Der Versuch, Zeitzeuginnen aus dem Bereich der Kinder- und Jugendfürsorge zu interviewen, ist weitgehend gescheitert. In einem der Interviews mit einer ehemaligen Schwester am Feldhof sagte diese zur Frage des Schweigens über das Thema der systematischen Ermordung: „…das soll man nicht vergessen, das kann man nicht vergessen, das vergisst man nie. Ja, das ist wichtig und die Welt soll’s wissen. … Ja, ja, das kann ich ja jetzt erzählen. Jetzt sind’s ja alle tot.“ (Oelschläger et al.: 212)

2017 feierte das „Amt für Jugend und Familie Graz“ seinen 100. Geburtstag und in Soziale Arbeit in Österreich (1/2017 S. 42) erschien ein Beitrag unter dem Titel „100 Jahre Miteinander“. Mit keinem Wort wird hier der Beitrag der MitarbeiterInnen des Jugendamtes zur Kinder- und Jugendlichen-„Euthanasie“ in der NS-Zeit erwähnt. Wichtiger ist es, über Auszeichnungen zu referieren, die das Amt in den letzten Jahren erhalten hat. Eine bewusste Auseinandersetzung mit der Thematik im Rahmen des Beitrags wäre notwendig gewesen, u.a. um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Kinder- und Jugendhilfearbeit auch gegenwärtig reflektieren zu können. Von „100 Jahre Miteinander“ zu sprechen, ist schlicht skandalös.

Für SozialarbeiterInnen, die sich mit den gesellschaftlichen Einflüssen auf Sozialarbeit theoretisch und praktisch auseinandersetzen wollen, ist das rezensierte Buch „Pflichtlektüre“.



Klaus Posch / klaus.posch@fh-joanneum.at"





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