soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 1 (2008) / Editorial
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/61/70.pdf


Editorial Online-Journal "soziales_kapital" - für die 1. Ausgabe Juli 2008

Seit Putnams "Gesellschaft und Gemeinsinn - Sozialkapital im internationalen Vergleich" (2001) in deutscher Sprache vorliegt, werden Begriff und Modell von "Sozialkapital" oder "sozialem Kapital" verstärkt inter- und transdisziplinär diskutiert. In Anlehnung an die OECD-Definition (2004) können wir darunter den Bestand an gemeinsam geteilten Normen, Werten und Überzeugungen verstehen; diese führen zu sozialem Vertrauen und förderlichen sozialen Netzwerken, geprägt von verbindlichen zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen im sozialen Nahraum.

Das Sozialkapital-Konzept kann vielseitig begründet werden: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht reduziert Sozialkapital die auf Märkten anfallenden Transaktionskosten und führt damit zu effizienteren ökonomisch-sozialen Austauschprozessen (vgl. Knack & Keefer 1997). Aus volkswirtschaftlicher Sicht entwickeln Regionen mit ausgeprägtem Sozialkapital höhere Formen von Lebensqualität und Prosperität. Aus soziologischer und sozialarbeitswissenschaftlicher Sicht kann Sozialkapital in einer zunehmend zur Konfliktgesellschaft mutierenden Wissensgesellschaft (vgl. Denz 2008 in dieser Ausgabe), im sozialen Nahraum einen ethisch fundierten und handlungspraktisch erprobten Gegenpol zu Vereinzelungen, Egoismen und Exklusionen bilden.

Gelebte Solidarität und Integration - also das Teilen eigener emotionaler, zeitlicher und sogar materieller Ressourcen mit anderen sowie die normative und emotionale Verbindung mit anderen und das Mitwirken in lokalen Netzwerken und Aktivitäten - sind daher mit dem Ansatz des sozialen Kapitals eng verbunden. Einerseits bilden sie eine notwendige Grundlage um soziales Kapital zu verbreiten; zugleich sind sie aber auch konstruktive Folge, wenn sich Sozialkapital im Nahraum entwickelt. Die positiven Wirkungen gut funktionierender sozialer Netzwerke sind empirisch gut belegt - ihr Gegenteil auch: Sozial isolierte und einsame Menschen sind häufiger krank als sozial integrierte. Dagegen steigern funktionierende familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke die individuelle Lebenserwartung aufgrund organisatorischer Entlastungen; mit ihnen sind beispielsweise belastende Lebensereignisse besser zu bewältigen. Vielfalt, Größe, Dichte, Intensität und Dauerhaftigkeit sozialer Netze sind hierzu die empirisch relevanten Meßgrößen (vgl. Hurrelmann 2006: 49 f. und 81-84).

Die "Sozialkapital-Metapher" ist von den bezugswissenschaftlichen AutorInnen gezielt gewählt, weil sie die Wahrnehmung auf drei wesentliche Aspekte lenkt (vgl. ebd.: 83):

  1. soziale Unterstützungs- und Integrationsnetzwerke können gestaltet werden,
  2. damit sind sie auch gezielt von innen wie außen steuerbar,
  3. und sie liefern im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung einen systemischen Mehrwert, der über die individuelle Gesundheit und Lebensqualität hinausgeht und Gemeinnutzen stiftet.

Österreichs Leiterinnen und Leiter der Fachhochschul-Studiengänge "Soziale Arbeit / Sozialarbeit"1 einigten sich nach einer durchaus kontrovers geführten Diskussion darauf, diesen schillernden Terminus in seiner sprachlichen Abwandlung "soziales_kapital" programmatisch zu verwenden. Sie gründeten einen "Verein zur Förderung wissenschaftlicher Publikationen zur Sozialarbeit" und damit zugleich das neue sozialarbeitswissenschaftliche Online-Journal mit dem Titel "soziales_kapital"2.

"soziales_kapital" verfolgt sechs zentrale Ziele:

  1. will es wissenschaftliche Beiträge zu einer Sozialarbeitswissenschaft und angewandten Forschung in der Sozialen Arbeit im weiteren Sinne veröffentlichen. Hierbei sollen sich selbst als sozialarbeiterisch und/oder sozialpädagogisch verstehende Beiträge und Aufsätze aus Nachbarwissenschaften mit Bezug zur Sozialarbeit verbreitet werden.
  2. möchte es ein Publikationsforum für österreichische AutorInnen bieten, die Studien im thematischen Bereich der Disziplin der Sozialen Arbeit (Sozialarbeit, Sozialmanagement, Sozialpädagogik) durchführen. So dient das Journal auch dazu, eine wissenschaftliche Community rund um die Disziplin heranzubilden und die Publikationstätigkeit von Lehrenden der FH-Studiengänge Sozialarbeit in Österreich zu fördern.
  3. stellt es ein Forum für Innovation und Reflexion in der genannten Disziplin dar.
  4. lädt es Kolleginnen und Kollegen aus dem deutschen und englischen Sprachraum ein, sich am Diskurs zu beteiligen und ihn zu erweitern.
  5. ergänzt es "Sozialarbeit in Österreich", die Zeitschrift des Österreichischen Berufsverbandes der SozialarbeiterInnen durch seine spezifischen Schwerpunkte und der Nutzung des Internets zur Verbreitung.
  6. bietet es einen freien Zugang zum Zeitungsinhalt und verfolgt damit den Grundsatz, dass eine für die Öffentlichkeit frei zugängliche Forschung einen globalen Wissensaustausch unterstützt.


"soziales_kapital" präsentiert acht Rubriken:

Die Rubrik "Thema" stellt den ersten Schwerpunkt dar. Hier publizieren österreichische AutorInnen sozialarbeitswissenschaftliche Beiträge zum jeweils angekündigten zentralen Thema der Ausgabe. Die ersten vier Zentralthemen stehen bereits fest: Frühjahr 2008: Sozialarbeit und Soziales Kapital / Herbst 2008: Qualität in der Sozialen Arbeit / Frühjahr 2009: Soziale Arbeit und Soziale Verantwortung / Herbst 2009: Der Organisationsdiskurs in der Sozialen Arbeit. Die Rubrik zielt darauf ab, den österreichischen Fachdiskurs anzuregen und damit die nationale Sozialarbeitswissenschaft zu fördern. In ihr können vielfältige Beiträge publiziert werden zwischen theoretischen Analysen, Fachdiskursen, Best-Practice-Darstellungen und empirischen Studien.

Die für die Rubrik "Thema" eingereichten Beiträge werden einem Peer-Review-Verfahren unterzogen. Um diese Verfahren durchführen zu können, wurden renommierte SozialwissenschaftlerInnen dafür gewonnen, Mitglieder unseres wissenschaftlichen Beirats zu werden und Beiträge, die für diese Rubrik eingereicht wurden, hinsichtlich der Kriterien von Wissenschaftlichkeit zu prüfen und eine Expertise dazu zu erstellen. Zu jedem Beitrag werden zwei Beiräte gebeten, diese Arbeit zu leisten. Bereits bei der Herausgabe der ersten Nummer unserer Zeitschrift stellte sich heraus, dass sehr unterschiedliche Meinungen und Beurteilungen zu den eingereichten Beiträgen aus dem wissenschaftlichen Beirat bei der Redaktion eingingen. Nach langen Diskussionen entschied sich die vierköpfige Redaktion dazu, Beiträge auch dann zu veröffentlichen, wenn eines der Gutachten negativ ausfiel. Es ist uns klar, dass sich mit einer solchen Entscheidung jene GutachterIn, die wohlbegründet von der Veröffentlichung des Beitrags abrät, durch die Veröffentlichung desavouiert fühlen kann. Dem wäre entgegen zu halten, dass das zweite Gutachten positiv ist, die AutorIn mit großem Engagement einen Beitrag geschrieben hat (was in der Startphase des Journals auch diesem nützt) und nicht zuletzt, unseren LeserInnen das letzte Urteil über den Beitrag zukommen soll.

Als Redaktion werden wir uns weiterhin bemühen, unseren AutorInnen die erforderliche Unterstützung zukommen zu lassen, damit aus interessanten, innovativen Überlegungen gut argumentierte Beiträge werden. Es geht uns darüber hinaus aber auch darum, dass der Wissenschaftsbegriff in der jungen Sozialarbeitswissenschaft nicht autoritativ eingeengt wird. Aus Erfahrung wissen wir, dass Qualitätsstandards in der Wissenschaft deren Freiheit bedrohen können.

"Junge Wissenschaft" bietet herausragenden Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus dem sozialarbeitswissenschaftlichen Bereich eine Möglichkeit, ihre Werke online zu publizieren. Sie gibt dem sozialarbeitswissenschaftlichen Nachwuchs eine Plattform, um sich in der Scientific Community bekannt zu machen. Zielgruppe sind entsprechende AbsolventInnen mit Diplom oder Master-Graduierung und wissenschaftliche MitarbeiterInnen in sozialarbeitswissenschaftlichen Gebieten. Beiträge in der Rubrik "Junge Wissenschaft" können demnach zusammenfassende Darstellungen von Diplom- und Master-Arbeiten oder von anschließenden Forschungs- und Entwicklungsprojekten sein.

"Werkstatt" ist eine Rubrik, die wissenschaftliche und Fachbeiträge abseits des Schwerpunktthemas ermöglicht. Hier können Artikel über Forschungs- und Entwicklungsprojekte ebenso publiziert werden wie Konzepte und Werkstattberichte aus der Praxis Sozialer Arbeit. Mit der Rubrik "Werkstatt" bietet das Online-Journal Kolleginnen und Kollegen aus dem deutschen und englischen Sprachraum die Möglichkeit, aktuelle sozialarbeitswissenschaftliche Produkte der Fachöffentlichkeit zu präsentieren. Besonders PraxisexpertInnen der Sozialen Arbeit sind an dieser Stelle aufgefordert, ihre evidenzbasierten Fachbeiträge in den Diskurs einzubringen. Mit dieser Rubrik zielt das Online Journal "Soziales Kapital" darauf ab, Theorie und Praxis der Sozialarbeitswissenschaft wenn nicht sogleich zu verknüpfen, so doch zu vermitteln und einander anzunähern.

Die Rubrik "Nachbarschaft" greift wissenschaftliche und fachspezifische Beiträge aus angrenzenden Disziplinen auf und bindet sie in den sozialarbeitswissenschaftlichen Diskurs ein. Damit wird die Nähe der multiperspektivischen und transdisziplinären Sozialen Arbeit zu den traditionellen Sozial- und Humanwissenschaften betont. Zugleich formuliert das Online-Journal mit dieser Rubrik den Anspruch, Sozialarbeitswissenschaft als eigenständige Disziplin zu etablieren und dabei Gemeinsamkeiten wie Unterschiede zu anderen Disziplinen im Diskurs herauszuarbeiten.

"Rezensionen" bietet etliche Übersichten über aktuelle und relevante Fachliteratur.

"News" liefert aktuelle Informationen aus der sozialarbeitswissenschaftlichen "Szene".

Und die Rubrik "Termine" verweist auf aktuell anstehende Veranstaltungen aus dem Fachspektrum.

Allen registrierten LeserInnen von "soziales_kapital" steht zusätzlich die Rubrik "Einwurf" zur Verfügung, um Artikel zu kommentieren. Eine Registrierung bietet weiters die Möglichkeit, per Email von dem Erscheinen einer neuen Ausgabe informiert zu werden.

Unter www.soziales-kapital.at erscheint das Online-Journal "soziales_kapital" ab Juli 2008 zweimal im Jahr.

Die redaktionelle Arbeit wird von den lokalen Redaktionen und von der Gesamtredaktion geleistet. Als vom Vorstand bestellte Mitglieder der Gesamtredaktion werden bis September 2009 Barbara Bittner, Frederic Fredersdorf, Peter Pantucek und Klaus Posch verantwortlich sein. Als Redaktionskoordinatorin fungiert Katja Hartl, als Editing Manager Sabine Sommer. Wir Herausgeberinnen und Herausgeber wünschen uns eine breite regionale, nationale und internationale Beteiligung, die zu einem umfassenden sozialen Kapital für die Professionsentwicklung der Sozialen Arbeit beiträgt.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und Mitgestalten unseres Online-Journals.

Die Herausgeberinnen und Herausgeber                im Juli 2008


Literatur
Hurrelmann, Klaus (2006): Gesundheitssoziologie. Weinheim.
Knack, Stephen & Keefer, Philip (1997): Does Social Capital Have an Economic Payoff? A Cross-Country Investigation. In: Quarterly Journal of Economics, Vol. 112(4), 1251-1288.
OECD (2004): Vom Wohlergehen der Nationen - die Rolle von Human- und Sozialkapital -Ausbildung und Kompetenzen. Paris. http://213.253.134.43/oecd/pdfs/browseit/9601015E.PDF; download am 25.04.2008.
Putnam, Robert D. (2001): Gesellschaft und Gemeinsinn - Sozialkapital im internationalen Vergleich. Gütersloh.


Verweise
1Barbara Bittner, FH Campus Wien / Karl Dvorak, FH St. Pölten / Frederic Fredersdorf, FH Vorarlberg / Christine Gruber, FH Campus Wien / Marianne Gumpinger, FH Oberösterreich / Michael Klassen, FH MCI / Peter Pantucek, FH St. Pölten / Klaus Posch, FH Joanneum / Bringfriede Scheu, FH Kärnten / Heinz Wilfing, FH Campus Wien .

2Verein zur Förderung wissenschaftlicher Publikationen zur Sozialarbeit / Vereinsadresse: 1100 Wien, Ettenreichgasse 45b / Postadresse: Dr. Klaus Posch, FH-Joanneum, 8020 Graz, Eggenberger Allee 11 / Email: redaktion@soziales-kapital.at




System hosted at Graz University of Technology