soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 22 (2019) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Eisenstadt
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/647/1165.pdf


Ebner, Julia (2017): The Rage: The Vicious Circle of Islamist and Far-Right Extremism. London: IB Tauris.


206 Seiten / 17,40 Euro

In den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit tritt das Thema der Radikalisierung und des politischen Extremismus immer wieder auf – z.B. in der Straffälligenhilfe, im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, in der offenen Jugendarbeit und in der Schulsozialarbeit. Während es in der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen Erfahrungen, unterschiedliche Konzepte und auch einen bestehenden Fachdiskurs innerhalb der Pädagogik und der Sozialen Arbeit gibt, ist dies im Umgang mit islamistischer Radikalisierung noch ausbaufähig. Auch in der Ausbildung von SozialarbeiterInnen sollte auf das Thema des islamistischen/rechten Extremismus und das Erkennen von Radikalisierungstendenzen bei KlientInnen mehr wert gelegt werden.

Die Terrorismus- und Extremismusforscherin Julia Ebner behandelt in ihrem Debütwerk die Gemeinsamkeiten rechtsextremer und islamistischer Ideologien. Sie erforscht ebenso die Wechselwirkungen dieser beiden Weltanschauungen. Neben analytischen Betrachtungen recherchierte Ebner undercover bei Treffen der rechtsextremen English Defense League und schleuste sich verdeckt bei der islamistischen Organisation Hizbut-Tharir ein.

Sowohl RechtsextremistInnen als auch IslamistInnen bedienen nach Ebner das Schwarz-weiß-Narrativ eines unvermeidbaren Krieges zwischen „dem Islam“ und „dem Westen“ und verstärken somit schon vorhandene Spannungen in der Gesellschaft. Islamistische Fraktionen beklagen eine „Verwestlichung des Islams“, ihre rechtsextremen GegenspielerInnen eine „Islamisierung des Westens“. Das Gewalt- und Bedrohungspotenzial beider extremistischen Fraktionen steigt mit jedem Terroranschlag und es besteht, so Ebner, die Gefahr einer self-fullfilling prophecy:

„We see that the war between Far-Right and Islamist extremists is increasingly turning into a war between the West and Islam. This is the vicious circle that we need to interrupt“. (198)


Ideologische Gemeinsamkeiten

Ebner führt aus, dass ein traditionelles Familienbild, die Ablehnung von nicht heterosexuellen Lebensentwürfen und eine patriarchale Abwertung von Frauen die ideologische Klammer von islamistischem und rechtsextremem Denken bilden. Antisemitische Verschwörungstheorien und die Feinbilder USA und Israel sind Bestandteil des islamistischen und des rechtsextremen Diskurses, so der Politikwissenschaftler und Soziologe Pfahl-Traughber (2006).

Darüber hinaus argumentiert Ebner, dass eine humanistische und liberale Gesellschaft, die auf demokratischen Strukturen aufbaut, abgelehnt wird. An ihre Stelle tritt im Islamismus die (imaginierte) weltweite Gemeinschaft aller Muslime, die Ummah, die extreme Rechte und auch Teile der populären Rechten, sehnt sich nach der Rückkehr zur Volksgemeinschaft (vgl. 138). Die Ideen der Ummah und der Volksgemeinschaft basieren auf einem illiberalen Verständnis von Gemeinschaft und Staatlichkeit. Im Rechtsextremismus wird die Zugehörigkeit über eine vermeintlich existierende Rasse hergestellt, im Islamismus hingegen über die vermeintliche Einheit der Muslime.


Die globale Identitätskrise

Unter dem Stichwort „the global identity crisis“ (77) beschreibt die Autorin die komplexen gesellschaftlichen Ursachen, die zum Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien und Bewegungen in Teilen Europas und der USA geführt haben. Entsprechend ihrer Darstellung hängt dies auch mit dem Erstarken des Islamismus im Nahen Osten und innerhalb muslimischer Communities in Europa zusammen.

Die neoliberale und krisenhafte Entwicklung des Kapitalismus benennt Ebner als eine weitere Ursache. Materielle Unsicherheit, ökonomischer Abstieg insbesondere der mittleren Schichten und steigende Arbeitslosigkeit haben Millionen Menschen verunsichert und Ängste ausgelöst. Auch die rasanten Entwicklungen im Bereich der Technologie und der künstlichen Intelligenz und die damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitswelt und der Identitätsbildung (besonders von jungen Menschen) führen zu einem Gefühl der Verunsicherung und des Identitätsverlusts bei vielen Menschen (vgl. 79f.). Die Verunsicherung der eigenen Identität und die meist legitimen Zukunftsängste werden von ExtremistInnen islamischer und rechter Couleur genutzt. Nach Ebner gelingt es beiden Fraktionen mit einem klaren Freund-Feind-Schema, scheinbar einfachen Lösungen und diversen Feindbildern insbesondere junge Menschen für sich zu gewinnen. Besonders in krisenhaften und unsicheren Zeiten steigt so die Anfälligkeit für Extremismus.

Im letzten Teil ihres Buches zeigt Ebner potenzielle Strategien gegen das Erstarken von Rechtsextremismus und Islamismus auf. Sie möchte und kann keine scheinbar einfachen Lösungen für komplexe gesellschafts- und sicherheitspolitische Fragen liefern, sondern den LeserInnen einige Denkansätze und Ideen mitgeben. Ebner führt aus, dass liberale MuslimInnen wie Seyran Ateş und all jene, die eine patriarchal-konservative Interpretation des Islams nicht teilen, wertvolle BündnispartnerInnen im Kampf gegen islamischen Extremismus sind (vgl. 201). Abschließend spricht die Autorin davon, dass Bildung und das damit einhergehende Erlernen kritischen Denkens und der Fähigkeit zur Reflexion die wichtigsten Mittel im Kampf gegen Extremismus sind (vgl. 204).

Insgesamt liefert Ebners Werk einen wertvollen Beitrag zur Extremismus- und der Radikalisierungsforschung. Insbesondere die Analyse der Wechselwirkungen zwischen islamischem und rechtem Extremismus ist ein Alleinstellungsmerkmal des Buches und macht es lesenswert. Für EinsteigerInnen in die Materie ist es jedoch teilweise etwas überladend, hier wäre z.B. Ahmad Mansours Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen (2015) zum Thema islamistische Radikalisierung zu empfehlen.



Markus Deutsch / 1710743043@fh-burgenland.at


Literatur

Mansour, Ahmad (2015): Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Frankfurt am Main: Fischer.

Pfahl-Traughber, Armin (2006): Das Verhältnis von Islamisten und Rechtsextremisten. Droht eine gemeinsame extremistische Front über den Antisemitismus? Bundeszentrale für politische Bildung. http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37977/islamismus-und-rechtsextremismus?p=all (01.10.2019).






© 2007-2019 soziales_kapital
System hosted at Graz University of Technology