soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 23 (2020) / Rubrik "Einwürfe/Positionen" / Standort St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/667/1205.pdf


Der Vorstoß des Sozialen

Dubrovnik-Manifest 20191


1. Das Soziale ist notwendig

Im September 2019 versammelten sich in Dubrovnik über hundert Menschen, die in der Praxis der Sozialen Arbeit tätig sind, um dringliche aktuelle Herausforderungen der Profession zu diskutieren, die Notwendigkeit Sozialer Arbeit zu bekräftigen und für gesellschaftliche Fragen nutzbar zu machen. Dieses Manifest, das vor, während und nach der Veranstaltung erarbeitet wurde, ist unsere gemeinsame Botschaft zur Bedeutung der Praxis Sozialer Arbeit im aktuellen gesellschaftlichen Kontext.

Angesichts einer zunehmenden Brutalisierung der Gesellschaft, die mit der Zerstörung von Sozialsystemen sowie mit alten und neuen Formen struktureller und konkreter Gewalt einhergeht, hat uns die Frage beschäftigt, wie wir dazu beitragen können, die kritische Tradition Sozialer Arbeit zu betonen, neu zu beleben und unsere Solidarität mit allen Unterdrückten, Gefährdeten und Schwachen zu stärken.

Nach Jahrzehnten des Rückbaus sozialer Agenden im Zuge des Aufschwungs neoliberaler Politiken, die alles Ökonomische bevorzugt und die soziale Dimension als Grundlage unserer Existenz vernachlässigt, marginalisiert und abgewertet haben, besteht die dringende Notwendigkeit für einen Vorstoß des Sozialen in ganz neuer Form, der mit der Ablösung des klassischen Liberalismus im globalen Norden am Ende des 19. Jahrhunderts verglichen werden kann.

Soziale Arbeit muss nicht nur Teil dieses Vorstoßes sein und Stärke aus dieser Entwicklung ziehen, um als wesentlicher Teil der Gesellschaft überleben zu können, sie muss auch eine aktive Rolle bei deren Verwirklichung spielen.

Um dies zu erreichen, müssen wir uns Vorstellungen von „professioneller Neutralität“ widersetzen und Soziale Arbeit als eine gemeinschafts- und beziehungsorientierte Tätigkeit zurückerobern, die weit über die Wissenschaft hinausgeht. Wir müssen starke Koalitionen mit Arbeiter*innen, Akademiker*innen, Nutzer*innen Sozialer Arbeit, Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen und allen anderen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen, bilden.


2. Radikale soziale Transformationen

Wir durchleben aktuell eine weitere große Transformation. Dabei handelt es sich um eine tiefgreifende Veränderung der Zukunft, die uns betrifft – ganz gleich, ob wir resignieren und den Zusammenbruch der Zivilisation nur beobachten, oder ob wir uns für eine sozial gerechtere Welt einsetzen. Wir müssen an einer Welt arbeiten, die auf der Grundlage von Gemeinwohl basiert, auf Werten des Füreinander-Sorgens (Care) und einem Zusammenleben, das zutiefst vom Bewusstsein für unsere Verletzlichkeit und unsere Stärken als Individuen und als Gesellschaft geprägt ist. Es gilt das Gute – einschließlich der Natur und der Ökosysteme – aktiv zu bewahren, und das, was nicht funktioniert, radikal zu verändern.

Globalisierung, Digitalisierung, Zwangsmigration, demographischer Wandel, eine sich wandelnde Arbeitsteilung u.v.m. führen dazu, dass wir auf unterschiedliche Weise beispiellosen und manchmal unsichtbaren Risiken ausgesetzt sind. Diese Risiken sind für jene, die von Privilegien ausgeschlossen sind und Ausbeutung, Diskriminierung und Armut erleben, am größten. Der gegenwärtige radikale Wandel schafft aber auch zahlreiche neue Möglichkeiten, u.a. in Bezug auf Kommunikation, Mobilität, Vielfalt, Produktionskapazitäten und Kultur. Dennoch sehnen wir uns nach sozialer als auch physischer Sicherheit und fürchten Gewalt, die in immer wieder neuen Formen und mit wachsender Intensität auftritt.

Die globale Erwärmung, die auf ausbeuterischen Kapitalismus und den Drang, natürliche Ressourcen rasch in Profit umzuwandeln, zurück zu führen ist, ist dabei Zeichen einer Verschmelzung von natürlichen und politischen Dimensionen der Katastrophe. Sie zeigt sich in Migrationsbewegungen, vor allem jenen, die durch Konflikte, Klimawandel und wirtschaftliches Elend erzwungen werden; in Ängsten, die von autoritärer Politik benutzt und von Fundamentalismen verschiedenster Art angetrieben werden; in wachsender Ungleichheit (Gentrifizierung für die Reichen – Immobilität für die Armen) und der Beschneidung von Freiheiten, die durch neoliberale Regime vorangetrieben werden; in zunehmendem Hass und Diskriminierung gegenüber allen, die nicht der männlichen, weißen, heterosexuellen Norm entsprechen; in wachsender Ausbeutung durch neue Arbeitsformen in der digitalen Arbeitswelt (Gig Economy) und in einem erweiterten Prekariat, das weitreichende psychische und soziale Folgen hat, die menschliche Existenzen bedrohen.

Nichtsdestotrotz sind auch wichtige Entwicklungen hin zu einer inklusiven Gesellschaft zu verzeichnen, wie etwa die klare Formulierung von Rechten von Menschen mit Behinderungen und Kindern, die in globalen Konventionen verankert wurden, auch wenn deren Umsetzung oft unvollständig und voller Schwierigkeiten ist. Die Etablierung von Deinstitutionalisierung und Langzeitpflege führt – wenn auch mit Hindernissen – zu einer Neubewertung von Alter (alt ist gut), Kindheit, „VerRücktheit“ und Behinderung.

Es entsteht eine Vielzahl neuer sozialer Bewegungen, die für ein besseres, würdigeres Leben kämpfen und die die lokale grassroot mit der globalen Ebene verbinden. Neue und alternative Formen von Wirtschaftsbeziehungen werden entwickelt und eine neue urbane Revolutionen scheint sich abzuzeichnen, wie sich nicht zuletzt in den Bewegungen der Fearless Cities zeigt. Gewerkschaften, darunter auch solche von Sozialarbeiter*innen, sollen, falls sie nicht existieren, aufgebaut und dort, wo es sie gibt, gestärkt werden. Sie müssen sich an neue Formen von Arbeitsverhältnissen anpassen und sich für Maßnahmen zum Wohl der gesamten Gesellschaft stark machen. Es entstehen neue Ansätze zur Bekämpfung von Rassismus, Sexismus und anderen Formen der Diskriminierung und des Kampfes gegen die globale, lebensbedrohliche Klimakrise. Sie alle zeigen, dass ein radikaler Systemwechsel nötig ist!

Auch wenn das Zeitalter der Austerität auszuklingen scheint, ist noch unklar wie sich die daran anschließenden Verhältnisse entwickeln werden.


3. Weisheit, die an den Schnittstellen Sozialer Arbeit entsteht

Damit im Rahmen der notwendigen Transformationen menschenfreundliche Lösungen entwickelt werden können, bedarf es praktischer Weisheit. Genau darin liegt die Aufgabe Sozialer Arbeit. Diese muss darüber hinaus marginalisiertes und missachtetes, lokales und indigenes Wissen schützen und fördern, damit es der globalen Regulierung durch abstrakte Schemata nicht nur standhält, sondern diese auch mitgestalten kann. Der Alltag – also die Lebenswelt von Menschen – sollte zum grundlegenden und pragmatischen Kriterium für politische Veränderungen und Anpassungen werden und die Souveränität der Menschen gewährleisten.

Neben dem unveräußerlichen Auftrag Sozialer Arbeit, der spezifischen Perspektive ihrer Nutzer*innen auf Leben und Welt und ihrer Alltagserfahrung Raum zu geben, liegt ihre Stärke in der ungeheuren Vielfalt an Wissen und Handlungslogiken und deren möglicher Kombination. Die gebündelte Kraft sozialarbeiterischen Handelns beruht auf Ethik, Organisierung und Politik. Wir müssen vorerst wissen, was das Richtige ist, wie Wandel organisiert werden kann und welches Mandat es dafür braucht.

Die Ethik der Inklusion und der Imperativ der Nicht-Ausgrenzung, die beide die Soziale Arbeit prägen, eröffnen die humanistische Synthese einer gebrochenen Dialektik von Vernunft und Unvernunft. Um den eigenen ethischen Imperativen zu folgen, müssen Formen des Selbstmanagements (und nicht des Managements sozialer Dienste) entwickelt werden. Das politische Engagement Sozialer Arbeit muss auf der Basis eines breiten Aktivismus und einer intersektionalen Haltung stehen. Wir benötigen eine Arbeitsweise, die Mobilisierung, gemeinsamen Kampf, Anerkennung und Suche nach Verständigung über Unterschiede als konstruktive kollektive Kraft für den Wandel nutzt.

Die praktische Stärke der Sozialen Arbeit liegt in ihrem transversalen, interdisziplinären Ansatz und ihrer sektorenübergreifenden Positionierung. Wohlfahrtsstaat und Wohlfahrtsgesellschaft müssen neu erfunden werden, und zwar auf Grundlage einer kritischen Bewertung postsozialistischer (und post-austeritärer) Systeme (Südosteuropa, Globaler Osten und Globaler Süden). Soziale Arbeit muss eine zentrale Rolle bei der Bottom-up-Konstruktion einer fortschrittlichen Sozialpolitik spielen.

Dabei müssen produktive Verbindungen zu anderen Disziplinen und Feldern gesucht werden. Im Bildungsbereich kann die Sozialarbeit zum handlungsorientierten Lernen beitragen und Lösungen für schulische Probleme entwickeln (Anti-Mobbing-Strategien, Unterstützung von Lehrer*innen beim Aufbau solidarischer Strukturen). Im Gesundheitswesen, das ständig in Bezug zur Sozialen Arbeit gesetzt werden muss, muss diese die Bedeutung der Nutzer*innen-Perspektive betonen und deren Engagement und Beteiligung stärken, damit es zu einem ganzheitlichen Ansatz für Gesundheit und Wohlbefinden, unter Berücksichtigung bestehender spezifischer Bedürfnisse, kommt. Rechtliche Rahmenbedingungen müssen kontinuierlich hinterfragt als auch gestärkt und mit sozialen Prozessen (in Recht und Verwaltung) verbunden werden, um einer Verschlechterung oder Bürokratisierung der Rechtspraxis entgegenzuwirken.


4. Praktische Utopien als Herausforderungen für Soziale Arbeit

Soziale Arbeit selbst muss als praktische, alltägliche Utopie verstanden werden, der es immer wieder darum geht, einen besseren, menschlicheren, sozialeren Ort zu finden. Dafür braucht sie ein (utopisches) Begehren, sei es, um das Gute zu bewahren oder um sich selbst zum Besseren zu verändern. Dabei muss sie der Maxime vom „Handeln als einziger Ausdrucksform von Ethik“ gerecht werden. Im Laufe der Geschichte der Sozialen Arbeit wurden viele produktive Werkzeuge entwickelt, die wieder gestärkt und mit neuer Bedeutung gefüllt werden müssen; neue Alternativen müssen gesucht und entwickelt werden. Die klassischen Instrumente und Geschichten Sozialer Arbeit müssen durch neue ergänzt werden, die vom Anspruch auf größere Freiheiten und Selbstbestimmung von Nutzer*innen und Gesellschaft bestimmt sind.

Relationale Sozialarbeit soll den Transfer und die Vermittlung bewährter Praktiken ermöglichen, nicht nur in verschiedenen nationalen und lokalen Kontexten, sondern auch während des gesamten Lebenszyklus, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, älteren Menschen, Familien und Gruppen, die vor vielfältigen Herausforderungen stehen, mit Menschen, die mit den unterschiedlichen Labels von Armut, Kriminalität, Behinderung, psychischer Krankheit u.v.m. bezeichnet werden. Eine intersektionale Arbeitsweise muss dabei die Wechselbeziehung zwischen Geschlecht, Alter, Ethnizität, Klasse, Sexualität und Behinderung ernst nehmen. Sie muss sich auf den Aufbau von Solidarität und auf das Knüpfen von Allianzen mit Netzwerken und Selbstorganisationen marginalisierter Gruppen konzentrieren, wie z.B. LGBTQ-identifizierten Personen, Geflüchteten und Migrant*innen, wohnungslosen Menschen sowie Initiativen und Kampagnen wie #MeToo, #MeTwo, #BlackLivesMatter u.v.m.

Ansätze der Deinstitutionalisierung, die in den letzten Jahrzehnten global vorangetrieben wurden, müssen nicht nur ausgewertet und kontextualisiert werden. Es gilt darüber hinaus, den damit verbundenen Leistungen, Hindernissen und Fallen Wertschätzung auszudrücken und eine Vision zu entwickeln, wie diese Ansätze als Instrument und ethischer Imperativ weiter zu handhaben sind. Gleichzeitig muss Soziale Arbeit sowohl sensibel wie auch streitbar gegenüber den verbleibenden Elementen von Unterdrückung – Internierung, Zwang, Bestrafung und sogar Folter im Pflegesystem und darüber hinaus – sein. Auch Ansätze der Langzeitpflege, die eine universelle Versorgung anstreben, stellen eine Herausforderung dar und müssen konsequent und radikal umgesetzt werden, um mit den bestehenden Formen der Versorgung kombiniert und allgemein verfügbar gemacht zu werden. Dabei gilt es darauf zu achten, dass die Macht der Nutzer*innen von Dienstleistungen gestärkt wird (z.B. durch gemeinsame Entscheidungsfindung, Co-Management, Co-Training und Co-Forschung) und dass mehr kooperative Arbeitsweisen auf der Grundlage von Selbstbestimmung und Selbstvertretung realisiert werden.

Es gibt neue Bereiche, in die die Soziale Arbeit eintritt (z.B. ökologische Soziale Arbeit) und neue Möglichkeiten, Soziale Arbeit zu praktizieren (z.B. durch Social Media und neue Technologien). Es besteht ein ständiger Kampf zwischen Sozialer Arbeit und der Fragmentierung durch Governance und Management. In den letzten Jahrzehnten wurde die Sozialarbeit durch Schematisierung und zunehmende Projektarbeit zwar angegriffen, fand jedoch zugleich immer wieder praktische Lösungen zur Aufhebung der formalen Widersprüche zwischen Schutz (Zuwendung) und Freiheit.

Die zunehmende Atomisierung und Individualisierung einer Praxis, die fast ausschließlich auf Einzelfallhilfe basiert, erfordert eine Neuerfindung der gemeinwesenorientierten Sozialen Arbeit und des gemeinschaftlichen Handelns – auch um das Aufkommen religiöser Fundamentalismen und autoritärer Neoliberalismen herauszufordern.

Die Aufgabe für die Soziale Arbeit besteht heute darin, eine Vision zu entwickeln, die uns durch neue Gebiete leitet, Freiheiten auf der Grundlage von sozialer Sicherheit fördern und bewahren hilft. Basierend auf einer solchen Vision soll gleichzeitig und umfassend mit verschiedenen Widrigkeiten umgegangen werden können und es soll Menschen (sowohl Fachleuten als auch Nutzer*innen) ermöglicht werden, Lebensfragen transversal und intersektional anzugehen. Auf diese Weise wird es die Soziale Arbeit den Menschen ermöglichen, mit minimaler Ausgrenzung und maximaler Verfügbarkeit von Unterstützung für persönliche und kommunale Projekte zusammenzuleben, ohne Unterdrückung befürchten zu müssen und ohne Opfer autoritärer Macht zu werden.

Neutral zu bleiben ist keine Option. Leidenschaftlich und furchtlos daran zu arbeiten, unsere sozialen Utopien in die Realität eines guten Lebens für alle zu verwandeln, ist heute das, was gebraucht wird!


Verweis
1 Das Manifest basiert auf Ideen für die Konferenz The Breakthrough of the Social: Praktische Utopien, Weisheit und radikale Veränderungen – Soziale Arbeit @IUC: Lessons Learned and Future Challenges; die vom 2. bis 6. September 2019 im Interuniversitären Zentrum in Dubrovnik stattfand und von der IUC School of Social Work Theory and Practice organisiert wurde. Die hier vorgelegte deutschsprachige Übersetzung von Michaela Moser und Eva Grigori basiert auf der Version 3.3, November 2019. Die englischsprachige Fassung findet sich unter: http://vitoflakeragenda.blogspot.com/2019/10/the-breakthrough-of-social.html.







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