soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 23 (2020) / Rubrik "Rezensionen" / Standort Graz
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/672/1215.pdf


Hochschild, Arley Russel (2016): Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten. Frankfurt/New York: Campus.


429 Seiten / 29,95 Euro

Auch in Österreich haben es Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, sofern sie in den Lebenswelten ihrer Klientinnen und Klienten arbeiten, häufig mit Situationen zu tun, die sie als haarsträubend empfinden, weil sie mit rassistischen, minderheitenfeindlichen, rechtspopulistischen, neo-nationalistischen usw. Äußerungen von Klientinnen und Klienten konfrontiert werden. Wie können wir damit umgehen? Gelten auch dann die Grundsätze Pierre Bourdieus, die er seinem Buch Das Elend der Welt (1993) vorangestellt hat: „Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen“?

Dem hier rezensierten Buch der amerikanischen Soziologin Arley Russel Hochschild liegt ein verstehender Zugang zum sozialen Phänomen der amerikanischen Rechten zugrunde, melodramatisch gesprochen: die Autorin berichtet von ihrer „Reise in das Herz der amerikanischen Rechten“. Sie entdeckte bei dieser Reise vieles, was für die gegenwärtige Theorie und Praxis von Sozialarbeit aus meiner Sicht – nach jahrzehntelanger Praxiserfahrung als Bewährungshelfer u.a. von rechtsorientierten Straftätern – von erheblicher Bedeutung ist.

In vier Kapiteln nimmt sie die Leserinnen und Leser mit auf ihre Reise: vom „großen Paradox“ über die Analyse des gesellschaftlichen Umfelds zur, so der Begriff bei Hochschild, Tiefengeschichte der Menschen und ihre unterschiedlichen Verwobenheiten in diesen bis zum Versuch, auf nationaler Ebene Vorschläge zu entwickeln, die dazu führen sollen, die gesellschaftlich Kluft in den USA zu verringern. Hochschild sammelte

„im Laufe von fünf Jahren […] Interviews, die verschriftet 4690 Seiten füllten: Gespräche mit einem Kern von vierzig Tea-Party-Anhängern und zwanzig Personen aus verschiedenen Lebensbereichen – Lehrer, Sozialarbeiter, Anwälte und Beamte -, die meinen Blick auf meine Kerngruppe erweiterten.“ (S. 38)

Daraus kondensierte sie sogenannte Tiefengeschichten, worunter sie Darstellungen versteht, die sich für die Akteurinnen und Akteure wahr anfühlen: „Die Tiefengeschichte sollte mich zu den gefühlsmäßigen Geboten und Verboten, zum Gefühlsmanagement und den Kerngefühlen führen, die charismatische Führer schüren.“ (S. 35) Tiefengeschichten sind in sich nicht widerspruchsfrei, im Gegenteil, sie ermöglichen es den Menschen im Alltag, Widersprüche nicht nur auszuhalten, sondern diese auch zu leben und in politischen Diskursen zu vertreten. Tiefengeschichten bestehen also aus Paradoxien, die nicht durch logische Auseinandersetzung aufgelöst werden können. Besonders beeindruckende Beispiele für Paradoxien, denen Hochschild bei ihrer Reise zu den amerikanischen Rechten begegnet ist, veranschaulichen das:

  • Beispiel 1: „[I]n Louisiana sprang mir das große Paradox förmlich in die Augen: erhebliche Umweltverschmutzung und beträchtlicher Widerstand gegen eine staatliche Regulierung der Umweltverschmutzer.“ (S. 42)
  • Beispiel 2: „Wie konnte die nette Madonna gegen staatliche Unterstützung für die Armen sein? (S. 45)
  • Beispiel 3: „Wie konnte ein warmherziger, kluger, nachdenklicher Mann wie Mike Schaff, ein Opfer von Konzernvergehen und willkürlicher Zerstörung, seinen Zorn so stark gegen den Staat richten?“ (S. 45)
  • Beispiel 4: „Wie konnte ein Bundesstaat, der mit zu den anfälligsten für Wetterkapriolen gehörte, ein Zentrum der Verleugnung des Klimawandels sein?“ (S. 45)
  • Beispiel 5: „Die Ölpest macht uns traurig, aber das Moratorium macht uns wütend.“ (S. 98)

Hochschild sind in den Gegenden, in denen sie ihre soziologischen Forschungen betrieb, Personen begegnet, die besonders anfällig für diese Paradoxien waren. Sie fasst deren soziologischen Merkmale wie folgt zusammen: alteingesessene Einwohner und Einwohnerinnen von Kleinstädten in den Südstaaten oder im Mittelwesten, nur High-School-Bildung, katholisch, nicht gesellschaftlich engagiert und ohne aktivistische Kultur, beschäftigt in Bergbau, Landwirtschaft, Viehzucht, konservativ, republikanisch, Verfechter und Verfechterinnen des freien Marktes.

Als (qualitative) Sozialforscherin stand Hochschild vor der schwierigen Aufgabe, Empathie für diese Personen aufzubringen. Sie versuchte bei ihren Forschungen, die „schlüpfrige Empathiemauer zu erklimmen“ (S. 131). Wie ihr das gelang, zeigt sie an verschiedenen Beispielen z.B. anhand der Erzählung über Hardey, einen Mann, der in einer Chemiefabrik arbeitete, die die Umwelt zerstörte:

„Das Unternehmen hat ihm geholfen, seine eigenen Talente zu entdecken, sich anerkannt zu fühlen und gut für seine Familie zu sorgen, ohne die Heimat seiner Vorfahren verlassen zu müssen – also den amerikanischen Traum zu verwirklichen.“(S. 134)

Die Chemiefabrik ist das Unternehmen, das es Hardey ermöglichte, seine Ideale zu verwirklichen – und nicht der Staat. Der Staat unterstütze, so Hardey, mit seinen sozialen Leistungen nur Personen, die es nicht verdienen, unterstützt zu werden. Was, so fragt Hochschild weiter, folgt aber aus diesem Weltbild?

„Also fragte ich mich: Erwuchs die Malaise, die ich sah, vielleicht teilweise aus einem Klassenkonflikt, der an einer Stelle zutage trat, an der man ihn am wenigsten erwartete (im Bereich des Staates), und zwar zwischen Gruppen (zwischen Mittel-/Arbeiterschicht und den Armen), die Liberale nicht im Blick hatten? War das eine Hauptquelle für den Groll, der das Feuer der Rechten schürte?“ (S. 162)

Dem „Feuer der Rechten“ versucht Hochschild nicht psychologisch-individualistisch, sondern soziologisch-gesellschaftskritisch nachzugehen. Sie zeigt, wie es von vielen Organisationen und Institutionen geschürt wird. Manche Kirchen und Medien bedienen die Tiefengeschichten der Menschen in ihrem Kampf um das (symbolische) Überleben und darum, dem „Teufelskreis einer lebenslangen Abwärtsmobilität“ (S. 195) zu entkommen. Eine der am häufigsten bedienten Tiefengeschichten ist die Geschichte von der Warteschlange:

„Du wartest geduldig in einer langen Schlange, die wie bei einer Wallfahrt auf einen Berg führt. Du stehst mitten in dieser Schlange zusammen mit anderen, die ebenfalls weiße ältere Christen und mehrheitlich Männer sind und von denen manche einen College-Abschluss haben, andere nicht. […] Gleich hinter der Bergkuppe befindet sich der amerikanische Traum, das Ziel aller, die in der Schlange warten.“ (S. 188)

Aber es tauchen auch Personen auf, die an der Warteschlange vorbei gehen, die Vordrängler: „Die Schwarzen, die Frauen, die Einwanderer, die Flüchtlinge, der Braunpelikan.“ (S. 190) Und Hochschild schildert weiter:

„Dann wirst du misstrauisch. Wenn Leute sich in der Schlange vordrängen, muss ihnen ja wohl irgendjemand dabei helfen. Wer? […] Der Aufseher möchte, dass du Mitgefühl mit den Vordränglern hast, aber das willst du nicht. Es ist einfach nicht fair […]. Du fühlst dich verraten.“ (S. 193)

„Am liebsten möchtest du rufen: „Ich gehöre auch einer Minderheit an!“ (S. 200)

Schuld am Verrat – so die erzählte Tiefengeschichte der Rechten – sind die Instanzen des Staates, denen der freie Markt gegenübergestellt wird: „Der freie Markt ist der unerschütterliche Verbündete der guten Bürger, die in der Schlange vor dem amerikanischen Traum warten. Der Staat steht auf der Seite derjenigen, die sich unberechtigterweise ‚vordrängeln‘“. (S. 207)

Unter den Personen, die mit dieser Tiefengeschichten leben, gibt es nach Hochschild unterschiedliche Typen: die Teamplayer (S. 210ff.), denen Loyalität gegenüber ihrer Familie, Freundinnen und Freunden und Nachbarinnen und Nachbarn über alles geht; die Gläubigen (S. 230ff.), vor allem Frauen, die sich im stillen Verzicht ihren Männern unterordnen; die Cowboys (S. 245ff.), die als „echte“ Menschen ein stoisches Leben führen, und die Rebellen (S. 259ff.), die sich als loyale Teamplayer für ein gemeinsames Anliegen einsetzen. An der Wortwahl zu dieser Typologie ist das Bemühen Hochschilds zu erkennen, diese Menschen in ihren Selbstwertgefühlen nicht zu kränken und zu verletzen. Denn gekränkt und verletzt zu werden, gehört auch zu ihrer Tiefengeschichte, wie Hochschild eindrücklich darlegt:

„[…] Liberale halten bibeltreue Südstaatler für ignorante, zurückgebliebene Hinterwäldler und Verlierer. Sie halten uns für rassistisch, sexistisch, homophob und vielleicht auch noch für fett.“ (S. 45)

„Regelmäßig werden weiße Arbeiter inzwischen als dämlich dargestellt, während Schwarze oft äußerst redegewandt, lebensklug […] und reich sind. […] Also suchst du andere Quellen der Anerkennung […] wenn du stolz bist ein verheirateter, heterosexueller Mann zu sein, gilt dieser Stolz mittlerweile als potenzielles Anzeichen für Homophobie – eine Quelle der Schande. (S. 199)

„Bei den Rechten, die ich kennenlernte, herrschten zwei Gefühle vor: Erstens empfanden sie die Tiefengeschichte als zutreffend. Zweitens hatten sie den Eindruck, dass Liberale behaupteten, diese Darstellung entspräche nicht der Wahrheit und sie hätten nicht die richtigen Gefühle […]“ (S. 304)

Im letzten Teil des Buches geht Hochschild der Frage nach, auf welche Weise in den USA die Kluft zwischen den Rechten und den Linke, zu denen sie sich selbst zählt, verringert werden könnte. Sie vertritt die Auffassung, dass Linke und Rechte eines gemeinsam hätten: beide fühlen sich fremd in ihrem Land (S. 316). Sie spricht sich dafür aus, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. An die Adresse der Demokratischen Partei richtet sie den Apell, dass sie „sich entschiedener um die tatsächlichen Sorgen und Nöte von Familien kümmer[n]“ soll und betont „die Notwendigkeit, gute, sichere Arbeitsplätze und Umschulungsmaßnahmen zu schaffen.“ (S. 332)

Zum Abschluss ihres Buches reflektiert Hochschild, die sich politisch den Linksliberalen zurechnet, die persönlichen Voraussetzungen ihrer Forschungsarbeit bei rechtsorientierten Personen:

„Ich denke, es war hilfreich, dass ich weiß, weiblich und grauhaarig war und ein Buch über eine Kluft schrieb, die auch alle beunruhigte, die ich kennenlernte. Was mir den Zugang erleichterte, war jedoch vor allem ihre große Warmherzigkeit und die berühmte Südstaatengastfreundschaft, für die ich zutiefst dankbar bin.“ (S. 343)

Hier und in vielen anderen Passagen der Forschungsarbeit zeigt sich, wie sehr sich Hochschild bemüht einen Text zu schreiben, der von den von ihr portraitierten Personen nicht weggelegt, sondern bis zum Ende gelesen wird. Dass sie sich intensiv mit Forschungsmethodik und dem Forschungsgegenstand auseinandergesetzt hat, zeigen der Anhang zur Forschungsmethode (S. 339ff.) und der Faktencheck zu gängigen Ansichten ihrer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner (S. 348ff.).

Als Rezensent empfehle ich die Lektüre dieses Buches allen, die sich gegenwärtig im Handlungsfeld Sozialarbeit bewegen, den Expertinnen und Experten in der Praxis und Organisation und allen Forscherinnen und Forschern. Für alle – inklusive den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern – bietet es wichtige Beobachtungen und anregende Interpretationen an. Es schließt an die Tradition der kritisch-reflexiven psychoanalytisch orientierten Sozialforschung an, aus der zum gleichen Thema bereits 1950 Theodor W. Adornos Studien zum autoritären Charakter in den USA erschienen sind.



Klaus Posch / posch.klaus@gmx.net / www.klausposch.at/publikationen/


Literatur

Bourdieu Pierre (Hg.) (1997): Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: Universitäts-Verlag.





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