Zur Hauptnavigation springen Zum Inhalt springen Zur Fußzeile springen
Band 34 Call for Papers

Die Zukunft des Kinder- und Jugendhilfesystems

Bei allen aktuellen Sparmaßnahmen und Einschnitten in der Sozialen Arbeit verzeichnet das größte Handlungsfeld immer noch Wachstum: die Kinder und Jugendhilfe. Auch wenn die rechtliche Lage durch die Verländerung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes uneinheitlicher geworden ist, ist sie über die Struktur der Kinder- und Jugendhilfeträger soweit klar, dass Soziale Arbeit tätig sein muss, um das Kindeswohl zu sichern bzw. dessen Entwicklung zu fördern. Die großenUnterschiede zwischen den Bundesländern was Gesetze und Angebotslandschaft betrifft, und auch zwischen den Bezirken und Magistraten in einzelnen Bundesländern, was die konkreten Umsetzungen anbelangt wären alleine ein enormes Forschungsfeld. Gesichert ist allerdings nur, dass diese Unterschiede bestehen, nicht jedoch, wie sie im Einzelnen aussehen und wie sie fachlich begründet sind. Denn Forschung wird, entgegen dem gesetzlichen Auftrag, wenn überhaupt, dann kleingeschrieben. Forschung ist aber die Grundlage dafür, unser Thema über die Zukunft des Kinder- und Jugendhilfesystems plausibel zu bearbeiten. Denn wenn, zugespitzt formuliert, die Kinder- und Jugendhilfe ein Blindflug ist, wie lässt sich dann wissen, wohin die Reise geht?

In einzelnen Projekten und Initiativen innovativ, stark nutzer*innenorientiert und evidenzbasiert, ist die Leitkultur der Kinder- und Jugendhilfe immer noch mehrheitlich paternalistisch und expertokratisch. Eine massive Kritik am System legt Mechthild Seite mit ihrem Schwarzbuch Kinder- und Jugendhilfe 2011 und in ihrer Publikation „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß“ 2025 vor. Ihre zentrale These ist, dass der Neoliberalismus Einzug in die Kinder- und Jugendhilfe gehalten hat und damit die Kinder, Familien und Sozialarbeitenden entmenschlicht. Eine weitere Kritik formuliert 2025 Rainer Orban: „Das System braucht nicht mehr Geld. Das System ist kaputt. Es braucht ein neues System. […] Das System Jugendhilfe wird sich nicht aus sich selbst heraus erneuern.“ (Orban 2025: 33) Von den Akteur*innen der KJH selbst ist 2023 ein offener Brief der Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst verfasst worden, der prägnant zusammenfasst:

„Das System der Kinder- und Jugendhilfe als kritische Infrastruktur kollabiert. Es kann seinen gesetzlichen Auftrag nicht mehr erfüllen! […] Zwischenzeitlich ist selbst der Kinderschutz in Teilen nicht mehr gemäß geltender Standards und rechtlicher Normen zu gewährleisten. Die Betreuungssituation der Kinder und Jugendlichen in Krisensituationen ist weder fachlich noch moralisch weiter vertretbar.“ (Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst 2023) Mit der neuen deutschen Bundesregierung wird offen über Einsparungen in der Kinder- und Jugendhilfe diskutiert.

Alle drei Quellen sind aus Deutschland, weil es in Österreich zur Kinder- und Jugendhilfe kaum Publikationen gibt, die den Anspruch einer Systemanalyse haben. Eine Ausnahme bildet die Volksanwaltschaft, die gerade den Bericht „Prüfschwerpunkt Kinder/Jugendliche: die Einrichtung als sicherer Ort“ zur stationären Kinder- und Jugendhilfe veröffentlicht hat. Zwei Kernaussagen: „Nur 16% der Einrichtungen sind ‚sehr sicher‘“ und „fast jede zweite Einrichtung entspricht nicht dem Bedarf der Kinder/Jugendlichen“ (Volksanwaltschaft 2026: 3). 

Besonders bemerkenswert für das System ist die ausgesprochene Fehlerfeindlichkeit. Und dies, obwohl die empirischen Befunde dazu inzwischen eindeutig sind:

„Fehler in der Sozialen Arbeit kommen darum auch häufiger vor, als man annimmt. Sie sind ein alltägliches Phänomen […] und können auf verschiedenen Ebenen lokalisiert werden: auf der Ebene von Fachkräften, Teams, Abteilungen, Organisationen und Hilfesystemen […]. Sie werden erst dann zum Problem, wenn sie unentdeckt und unbearbeitet bleiben und in der Folge zu Verletzungen und Schädigungen von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen führen.“ (Biesel/Brandhorst 2023: 230) 

Es fehlt dem sehr komplexen System eine Kontrolle von außen. Zusätzlich wird das zentrale Feedbackinstrument (jeder Dienstleistung) – die Rückmeldungen der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien (also derjenigen, für die die Dienstleistung erbracht wird) – mit verschiedenen Schutzbehauptungen systematisch abgewertet bzw. gar nicht erst gehört. Und das, obwohl eine enorme Macht in diesem System steckt: Hier werden neben erfolgreichen Interventionen durch Fehleinschätzungen (Hilfe/Nicht-Hilfe, ambulant/stationär, Obsorge-Entzug, Kontakt- und Aufenthaltsverbote) massive Schäden verursacht.

Bei aller Systemkritik freuen wir uns über Beiträge, die Veränderungen, Verbesserungen, Innovationen im bestehenden System behandeln genauso wie über Ideen und Pilotprojekte zu einem Umbau oder sogar Neubau der Kinder- und Jugendhilfe.

Mit dem Themenschwerpunkt wollen wir Raum für kritische Auseinandersetzungen schaffen, um die Zukunft des Kinder- und Jugendhilfesystems zumindest in eigen Dimensionen ausleuchten zu können. Wir suchen Beiträge aus Forschung, Praxis und Lehre mit spezifisch österreichischen Kontexten, Strukturen und Besonderheiten.


Themenvorschläge für den Call

Für Vorschläge zum Thema empfehlen wir das Positionspapier der AG Kindheit/Jugend der OGSA, die wir unten zusammengefasst haben:  https://www.ogsa.at/wp-content/uploads/2021/11/ogsa_AG-Kindheit_Jugend_Positionspapier2021.pdf


1.     Kinder- und Jugendhilfe im Wandel: Innovation, Partizipation und soziale Gerechtigkeit: 

Die Kinder- und Jugendhilfe steht vor der Herausforderung, auf gesellschaftliche Veränderungen, neue Problemlagen und veränderte Erwartungen von Kindern, Jugendlichen und Familien zu reagieren. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie innovative Ansätze mit den Prinzipien sozialer Gerechtigkeit und Partizipation verbunden werden können.

Mögliche Themen:

  • Innovative Konzepte in der Kinder- und Jugendhilfe 
  • Partizipation von Kindern, Jugendlichen und Familien 
  • Sozialraumorientierung und Gemeinwesenbezüge 
  • Armuts- und Ungleichheitslagen von Kindern und Jugendlichen 
  • Diversität, Intersektionalität und Diskriminierungserfahrungen 
  • Digitalisierung und digitale Lebenswelten 
  • Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Hilfesystemen

 

2.     Kinder- und Jugendhilfe zwischen Hilfe, Kontrolle und Menschenrechten:

Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen Unterstützung, Schutzauftrag und Eingriff in familiäre Lebensverhältnisse. Dieses Themenfeld lädt zur Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen, professioneller Ethik und menschenrechtlichen Perspektiven ein.

Mögliche Themen:

  • Hilfe und Kontrolle als professionelles Spannungsfeld 
  • Kinderschutz und Gefährdungsabklärung 
  • Kinderrechte und Menschenrechte in der Praxis 
  • Macht, Beteiligung und Beschwerdemöglichkeiten 
  • Zwangskontexte und freiwillige Hilfen 
  • Adressat*innenperspektiven auf Eingriffe und Unterstützungsleistungen 

3.     Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe: Aktuelle Diskurse, Herausforderungen, Widersprüche und Perspektiven:

Gesellschaftliche Krisen, demografische Veränderungen, Fachkräftemangel und steigende Anforderungen an die Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien stellen die Kinder- und Jugendhilfe vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig entstehen neue fachliche Konzepte und Zukunftsentwürfe.

Mögliche Themen:

  • Fachkräftemangel und Professionalisierung
  • Auswirkungen gesellschaftlicher Krisen auf Kinder, Jugendliche und Familien
  • Finanzierung und Steuerung der Kinder- und Jugendhilfe
  • De-Institutionalisierung und neue Unterstützungsformen
  • Care Leaving und Übergänge ins Erwachsenenleben
  • Zukunftsszenarien und Reformperspektiven

 

Wir freuen uns über Beitragsvorschläge als Abstract an eine der 10 Standortredaktionen zum Schwerpunktthema bis zum 01.09.2026. Darüber hinaus sind sozialarbeitswissenschaftliche Beiträge zu anderen Rubriken willkommen. Weitere Informationen zu Rubriken, Formalkriterien für Abstracts und zum Publikationsprozess finden sich hier:     https://sozialeskapital.at/index.php/sozialeskapital/einreichung

Die Rückmeldung zu den Abstracts und Einladungen zum Verfassen von Beiträgen werden bis 01.10.2026 versendet, am 01.03.2027 ist die Abgabefrist für den verfassten Beitrag, die Ausgabe #34 wird am 15.06.2027 erscheinen.

 

Quellen:

Biesel, Kay/; Brandhorst, Felix (2023): „Strategien für einen offenen Umgang mit Fehlern und Irrtümern in der Sozialen Arbeit.“ S.230 in: Beushausen, Jürgen, Rusert, Kirsten, Stummbaum, Martin (Hrsg.): Fehlerkulturen in der Sozialen Arbeit. Opladen/Toronto, Barbara Budrich

Bundesarbeitsgemeinschaft allgemeiner sozialer Dienst (2023): Anspruch und Wirklichkeit in den Hilfen zur Erziehung. https://www.bag-asd.de/bag-blog/brief-an-bundeskanzler-olaf-scholz, (29.04.2026).

Orban, Rainer. (2025): Jugendhilfe neu denken. Eine konstruktive Streitschrift., Heidelberg, Carl-Auer.

Seite, Mechthild (2011): Schwarzbuch Soziale Arbeit. Quo vadis Soziale Arbeit? 2. Auflage, Wiesbaden, Springer VS.

Seite, Mechthild. (2025): Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute: schwarz auf weiß, Wiesbaden, Springer VS.

Termine für Ausgabe 34

Abgabe Abstract 1. September 2026
Abgabe Beitrag 1. März 2027
Erscheinung 15. Juni 2027