soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 3 (2009) / Rubrik "Thema" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/147/207.pdf


Hans Volker Kieweler:

Soziale Verantwortung und grundlegende kulturelle Entwürfe europäischer Identität

1. Einleitung
Es gibt keine Sozialarbeit ohne ein kulturelles Bezugssystem. Eine Kultur kann unterschiedliche Bedeutungssysteme und Wissensinhalte beinhalten, die sich aus ganz verschiedenen Segmenten zusammensetzen. Dabei ist es durchaus möglich sein, dass unterschiedliche Systeme in einander flossen und ein neues aktuelles kulturelles System ergaben. Dieses Phänomen bezieht sich keineswegs ausschließlich auf die Kulturgeschichte, sondern auch auf die Gegenwart.

Kultur als Praxis, damals so wie heute, bezieht sich auf Fertigkeiten, den Alltag zu bewältigen und bestimmte Fertigkeiten zu entwickeln. So bedarf kulturelles Handeln einerseits der Kommunikation, um Relationen herzustellen und andererseits ethischer Spielregeln, die eine gedeihliche Entwicklung ermöglichen. Die heutige kulturelle und ethische Vielfalt ist keineswegs ein einzigartiges Phänomen, da sie durchaus vielfältige historische Vorbilder hat. So ist es immer wieder erstaunlich, dass sich Menschen heute mit ganz unterschiedlichen kulturellen Orientierungen auf gleiche oder ähnliche ethische Werte beziehen, die im Zusammenhang mit den Menschenrechten stehen.

Die Definition von Ethik oder besser gesagt von Ethiken ist relevant für ein umfassendes Verständnis der heutigen multikulturellen Welt auch in ihrer sozialen Ausprägung. Dabei sind für unseren europäischen Kulturkreis griechische bzw. die hellenistische Philosophie und Ethik bzw. die Schriften des Alte Testaments von Bedeutung.

Die heutige multikulturelle Welt ist keine Erfindung der Gegenwart. Ihre Wurzeln liegen tief in der Kulturgeschichte. Diese Kulturgeschichte ist durchaus als heterogen, also aus Ungleichartigkeit zusammengesetzt, anzusehen. Die Kulturgeschichte spiegelt aber auch die Sozialgeschichte in ihrer Entwicklung.

Die erzielten Standards in der Sozialgeschichte stehen in einem engen Zusammenhang mit der sich bildenden und formenden Ethik, die sich vom griechischen Wort Ethos ableitet und sich mit spekulativen oder vorgegebenen Normen oder deren praktische Anwendung beschäftigt. Die ethischen Prinzipien waren das Produkt langer Auseinandersetzungen und Kämpfe und mündeten schließlich in Dialog und Theorie.

Was haben nun SozialarbeiterInnen für eine Veranlassung, sich mit diesen Zusammenhängen zu beschäftigen? Die Hypothese könnte durchaus lauten, dass all das, was heute von Wert und auch an Standards für die soziale Arbeit von Bedeutung ist, wie Gerechtigkeit, soziale Verantwortung, Demokratie und Entwicklung der Zivilgesellschaft in langen Auseinandersetzungen im Hellenismus oder im Alten Orient entstand. Die sich entwickelnde Demokratie in Athen in ihrer kulturellen Ausrichtung mit den Prinzipien und Standards war das Produkt langer Kämpfe.

Die Kulturgeschichte spiegelt die Sozialgeschichte. Oder dürfen wir sagen, die Sozialgeschichte spiegelt die Kulturgeschichte? Der Bestand einer Zivilisation mit der damit verbundenen Kultur hat nicht zuletzt mit den erzielten Früchten zu tun. Daher war die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit und ihrer Realisierung bzw. die Neuformulierung in sich verändernden Gesellschaften von fundamentaler Bedeutung. Ein langer dialektischer Prozess führte zur Theorie und zur Praxis der sozialen Gerechtigkeit. Das Gespräch und der Dialog waren dabei lebensnotwendig, um nicht nur Krisen zu erkennen, sondern auch zu bewältigen. Im Gespräch und im Dialog wurden nicht nur Veränderungen erreicht, sondern auch Prinzipien der Kultur und der sich bildenden Ethik realisiert.

Immer wieder erinnerten sich Menschen in Krisenzeiten an diese alten Prinzipien und Standards, um zur Lösung auch gegenwärtiger Probleme zu kommen. Denn Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Entwicklung der Zivilgesellschaft sind von fundamentaler Bedeutung. So wundert es auch nicht, wenn diese beiden Wurzeln im Laufe der Kulturgeschichte immer wieder neu, z.B. durch die griechischen und lateinischen Kirchenväter, die Scholastiker, aber auch durch Reformatoren, die Gegenreformatoren und die Aufklärer interpretiert und definiert wurden. Für die sich bildende europäische Ethik war eine Verbindung von alttestamentlicher und hellenistischer Ethik bestimmend. Ethik wurde hier als Verantwortung für die Polis, also dem Stadtstaat, oder das eigene Volk gesehen. Die soziale Verantwortung innerhalb einer neuen europäischen Kultur orientierte sich aufgrund der vorliegenden Muster religiös.

Die Verantwortung inmitten des radikalen Umbruchs von Kulturen wurde im religiösen Bereich, wie es in der damaligen Zeit allgemein üblich war, als Wille Gottes verstanden. Dieses Verständnis galt sicherlich im ganzen Mittelalter, aber auch noch in den Zeitaltern der Reformation und Gegenreformation. Der Dreißigjährige Krieg offenbarte, dass die Verantwortung für die Menschen nicht mehr entsprechend wahrgenommen und dass eine Korrektur der Ethik notwendig wurde. Die zunächst philosophische Bewegung der Aufklärung führte zur Geburt einer Kultur der Vernunft. Die neuen Ansichten einer aufkommenden Vernunftkultur mündeten in allgemeinen gesellschaftlichen Ausprägungen. Die soziale Verantwortung wurde nun nicht mehr ausschließlich religiös, sondern gesellschaftlich verstanden und führte zu einer neuen säkularen Ethik.

Eine neue Kultur der Vernunft emanzipiert und entwickelte sich zu einer bestimmenden Kraft, die durchaus außerhalb der Kirchen wirksam werden konnte. Der aufkommende Säkularismus beschnitt den Einfluss der Kirchen und führte zu einer strikten Trennung von Kirche und Staat. Wenn noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts Georg Wilhelm Friedrich Hegel die gesellschaftliche Funktion der Kirchen nicht in Frage stellte, so sahen die Linkshegelianer, wie z.B. Karl Marx, in einer "freien Gesellschaft" keinen Platz mehr für Religionen und Kirchen. Die Aufhebung der Selbstentfremdung mache sie angeblich überflüssig.

Die sich daraus ableitenden neuen Ethiken zielten auf einen "neuen Menschen", der frei seinen Lebensweg wählen könne. Alte ethische Bindungen wurden radikal in Frage gestellt. Die Französische Revolution griff bereits auf Gewalt gegenüber Andersdenkenden zurück. Der "Staatsterror" zur Verwirklichung der gewählten, erwünschten Ziele wurde geboren und ließ sich in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten, insbesondere aber im 20. Jahrhundert, nicht mehr wegdenken.

Inmitten der Ruinen und der Trümmer am Ende des 2. Weltkrieges kam es zu einer grundlegenden Reflexion der sozialen Verantwort. Es wurde festgestellt, dass verantwortungsvolle Institutionen die Gestaltung der Gesellschaft mit übernehmen sollten. So kam es in gewisser Weise auch zu einer Restauration kirchlicher Modelle in West- und Mitteleuropa. Freie Kirchen in ihrer Verantwortung für den Menschen in einer freien Gesellschaft sollten ihren angestammten Platz haben.

Doch die Zeit bleibt niemals stehen und bekannter Weise verändern sich mit der Gesellschaft auch die sozialen Rahmenbedingungen. Die sich im sogenannten Wirtschaftswunder differenzierende Gesellschaft verlangte nach neuen Ansätzen und Modellen, insbesondere in der Jugend, die sich mit den Antworten der Vergangenheit nicht zufrieden gaben. Frankfurter Schule und Existentialismus waren in aller Munde. Es wurde wieder an die alte Tradition der Kritik abgeknüpft, die sich vor allem auf den gesellschaftlichen und sozialen Bereich bezog. So kam es zur Frage: Lassen sich noch Vernunft und Offenbarung gesellschaftlich in Einklang bringen? Oder sind neue Verhaltensmuster einer Angewandten Ethik aufzuzeigen?

Für Sozialarbeit und für SozialarbeiterInnen ist heute von Bedeutung, wie sie mit den komplexen Phänomen unserer Gesellschaft verantwortungsvoll umgehen können. Was verhilft zum Erkenntnisgewinn im eigenen Berufsfeld? Gibt es Methoden, die ein sinnvolles ethisches Handeln in komplexen Zusammenhängen zulassen?

2. Hellenistische Bildung und ihre Ausstrahlung
Hellenistische Bildung und Erziehung war die Grundlage der damals neuen für uns heute grundlegenden europäischen Kultur. Die Bedeutung von Padaia als "Bildung, Geistesbildung" entwickelte sich im 5. Jahrhundert. Griechische Bildung, genannt Padaia als Begriff wurde von Aischylos in Hepta 18 zum ersten Mal verwendet. Als ältester Beleg für Padaia1 gilt Aischylos in Hepta, noch in der Bedeutung "Trophae", "Kinderzucht". Eteokles weist darauf hin, dass die Stadt, die Muttererd, die liebste Nährerin, die Zuhörer, mit aller Mühe hegte und pflegte. Eteokles selbst tritt als selbstbewußter Lenker des Staates auf, der angesichts des heranrückenden Heeres ruhig seine Befehle erteilt. Dabei bezeichnet das Nomen Padaia einen geistigen Wachstumsprozess und die seelische Formung der Kalokagathie, die zur Bewältigung der Aufgaben notwendig sind. Erziehung wurde in der folgenden Entwicklung nicht mehr nur als eine häusliche Angelegenheit, sondern als eine öffentliche Angelegenheit der Polis, also des Stadtstaates, angesehen.

Aischylos, der Sohn des Euphorion, war von Geburt Athener und stammte aus dem Gau Eleusis; seine Familie gehörte zum altattischen Adel und war daher an öffentlichen Angelegenheiten interessiert. Als Soldat nahm Aischylos an den Schlachten von Marathon, Salamis und Plataiai teil. Hier konnte Athen mit seinen Verbündeten die Freiheit der Polis und letztendlich der griechischen Kultur verteidigen. Das Wagnis, die Freiheit zu verteidigen, zeitigte schöne Früchte eines neuen Menschenbildes. Aischylos beschäftigte sich mit ethischen und moralischen Fragen, die Macht und Größe aufwarfen. Das Maß darf nicht überschritten werden, wenn der Mensch nicht dem Hochmut verfallen will. Das Maß aber ist dem Menschen durch die Padaia zu vermitteln.

Die Entfaltung des Gymnasialwesens stand im 6. vorchristlichen Jahrhundert im engen Zusammenhang mit den großen Wettkämpfen Griechenlands. Die großen panhellenischen Spiele waren ein Ereignis für das Land. In der Zeit Pindars gab es neben den großen Wettkampfstätten mindestens 20 weitere Festspielorte.2 An diesen Orten waren berufsmäßige Trainer keine Seltenheit. Die Sportlehrer konnten bereits an die Ausbildung in den Gymnasien anknüpfen und darauf aufbauen, da zunächst die sportliche vor der intellektuellen Erziehung betont wurde. Als Ziel dieser schulischen Bildung galt das Ideal der Kalokagathie.

Dieses pädagogische Ziel, das sich im Laufe der Zeit, insbesondere im Demokratisierungsprozess, popularisiert hatte, stammte aus der alten Adelsethik. Nun hatten die Menschen Thebens, Spartas und Athens diese Werte3 zu ihren eigenen gemacht. Die Ephebie war die nächste Stufe der Ausbildung. Die 19- und 20 jährigen wurden im militärischen Bereich geschult, im Bogen-schießen, Speerwerfen und Waffenkampf geübt. Diese Ausbildung lag in den Händen der Paidotriben, die nach Phylen4 organisiert, die Übungen durchführten und dabei verschiedene Wettkämpfe veranstalteten. Überall in der griechischen Welt war diese Ausbildung der Mittelpunkt des kulturellen Lebens. Das Gymnasium und die sich abschließende Ephebie hatte ihre Bedeutung bei den Griechen Ägyptens genauso wie in Asien und Hellas selbst. Wer diese Ausbildung durchlaufen hatte, konnte sich als Hellene verstehen.

So bildeten die "Leute vom Gymnasium" die eigentliche Bildungsschicht der Diadochenmonarchien, die in der Lage war, die notwendigen Fachleute zu stellen. Die Gymnasiasten hatten eine solide Ausbildung erhalten, sich in den sportlichen Disziplinen geübt und die vorgeschriebene Lektüre kennengelernt. Der literarische Unterricht, der zunächst hinter der körperlichen Ertüchtigung und der Musikerziehung hinten anstand, konzentrierte sich auf die griechischen Bücher mit sozusagen kanonischen Charakter. Es wurden die epischen Werke Homers, aber auch Hesiods und anderer Klassiker gelesen. Gemessen an der Frühzeit gewann der Leseunterricht im Hellenismus an Bedeutung; zur griechischen Bildung gehörte nun einmal die griechische Literatur. Verschiedene Schulbücher aus dem 3. Jahrhundert v.Chr. zeigen, dass der Lesestoff u. a. die Odyssee von Homer, die Phönisse von Euripides oder auch Elegien auf die Einweihung eines Homer Tempels von Ptolemaios IV. Philopator war. In den höheren Stufen des Unterrichts griff man besonders gern auf die Tragödien zurück. Mit der ausgehenden klassischen und der beginnenden hellenistischen Zeit veränderte sich auch der Geschmack in der Beurteilung der Literatur. Die Überzeugung tat sich kund, dass der unbedingte Vorrang der attischen Bildung gehöre. Hier waren literarische Leistungen vollbracht, an die spätere Zeiten nicht mehr heranzukommen vermochten. In Athen war es seit 386 v.Chr. die Regel, jedes Jahr neben den neuen Tragödien auch die sogenannten "klassischen" aufzuführen. 339 v.Chr. wurde diese Regelung auch auf die Komödie übertragen. Die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides gehörten schließlich zum festen Programm vieler Städte.

Die meisten Athener konnten schreiben und lesen. Der Besuch eines Gymnasiums war eine Selbstverständlichkeit für einen Großteil der Athener Jugend. Die Großen der griechischen Literatur wurden auswendig gelernt, die Homerverse als Vorlage im Elementarunterricht verwendet. Während fröhlicher Symposien wurden die Verse des weisen Solon oder des adelsstolzen Theognis gern gesungen. Diese Verse erfuhren eine große Verbreitung und gingen vielfach in den Sprichwortschatz der Weltliteratur ein. Wenn sich die Zuschauermenge im Dionysostheater zusammenfand, um eine Tragödie anzuschauen, so konnte der Autor sicher sein, dass auch die feinsten Anspielungen aus der Mythologie vom Publikum verstanden wurden. Gedanken von einer Tiefe waren hier aufgezeichnet, die die späteren Generationen in dieser Form nicht auszudrücken wußten.

Die griechische Wissenschaft hatte in den Vorsokratikern ihren Ursprung und fand in den drei Athenern Sokrates, Platon und Aristoteles ihren Höhepunkt. Mensch, Natur und Kosmos wurden der Beobachtung unterworfen. Es wurde Wissen gesammelt, geordnet und bewertet. Der Mensch entwickelte sich zu einem denkenden Wesen. Gleichzeitig verloren der Mythos und der olympische Götterglaube ihre bindende Kraft. Der Einzelne wurde sich seiner selbst bewußt und erkannte neue Möglichkeiten, aber auch seine Verlorenheit, in der Welt. Immer mehr Spezialisten kamen auf, die ihre "Arete" in Kunst, Wissenschaft oder Rhetorik beherrschten. Die Sophisten durchzogen die griechischen Lande und vermittelten, vielfach gegen Bezahlung, ihr Wissen. Platons Schüler bereisten die Städte Großgriechenlands, um der Ökumene die neue Bildung zu vermitteln.

Im dritten Jahrhundert v. Chr, wurde Alexandria zur Heimstatt der hellenistischen Wissenschaft. Hier wirkten Männer wie der Geograph Eratosthenes von Kyrene. Die Zahl seiner Wissensgebiete kam fast an Aristoteles heran: Mathematik, Geographie, Astronomie, Philosophie, Chronologie und eine Geschichte der Komödie. Ihm gelang es, den Erdumfang zu berechnen. Unter dem Einfluß der Stoa machte Eratosthenes den Vorschlag, die Menschen nicht mehr nach Griechen und Barbaren zu unterscheiden, sondern sie nach ihrer Natur und ihrem Charakter zu beurteilen, da Schlechtigkeit (Kakia) auch bei den Griechen zu finden sei. Eratosthenes erkannte, dass der Mensch, unabhängig von seiner Herkunft, zur "Paideia" und damit auch zur sozialen Veranwortung fähig sei. Der Mensch konnte sich durch die Inhalte der Bildung formen lassen und damit zeigen, dass Humanität nicht nur leeres Gerede sei.

Der Komödiendichter Menander ließ sich in seinen Werken von dieser Bildungsabsicht und der sozialen Verantwortung leiten und wies damit weit über seine Zeit hinaus. Herkunft, Rasse und Volk wurden unter diesem neuen Humanitätsgedanken fragwürdig. Der Dichter zeigte, dass oft einfache Menschen oder gar Sklaven moralisch besser zu handeln verstanden als ihre reichen Herren. Dieses Bildungsgut erfuhr eine große Verbreitung und Internationalisierung.

Die Römer waren, wenn auch oft in vereinfachter Form, begierige Schüler der griechischen Komödiendichter. Spruchweisheiten konnten sich mit der Erkenntnis anderer Völker vergleichen lassen. Dabei waren Übereinstimmendes und Trennendes zwischen den Völkern und Kulturen festzustellen. Wer an der Paideia Anteil hatte konnte zu einem wahren Griechen in einem höheren Sinn werden. Völker, die ursprünglich keine Griechen waren, wie z.B. die Römer oder die Phönizier, hatten nun an dieser internationalen Kultur Anteil. Am Ende des 3. Jahrhunderts waren auch Römer und Phönizier an den großen panhellenischen Spielen beteiligt.

Die neuen Philosophen nach Platon und Aristoteles waren Zenon und Epikur. Sie wurden aus dem Geist einer Zeit "geboren". Nicht mehr die Polis und ihre Schicksalsgemeinschaft standen im Lichte der geistigen Leistung, sondern eine ausgesprochene internationale Kultur, die soviel unterschiedliche Menschen und Völker beheimatete. Seit Alexander gab es die Reiche der Diadochen und in Nachfolge das Römische Reich. Die beiden philosophischen Richtungen beschäftigten sich nicht mehr mit der Frage der Entstehung des Kosmos, sondern mit den Lebensnöten des Menschen, seiner Lebensführung, der sozialen Verantwortung und seiner seit Aristoteles gültigen Frage nach dem Glück. Beide Philosophen erstrebten die Freiheit von Leidenschaft und betonten damit die Verantwortung innerhalb ihrer Ethik. Die naturwissenschaftliche Fragestellung trat zurück.

Ein langer kulturgeschichtlicher Prozess ist zu erkennen. Demokratie und soziale Gerechtigkeit konnten nur erreicht werden, wenn ein großer Anteil der Bevölkerung an den Früchten der Kultur teilhaben konnte. Und hier sind klar Bildung, also die griechische Bildung als Padeia, also die Fähigkeit des Lesens, des Schreibens, der Dialog- und Theoriefähigkeit Voraussetzung für die Erkenntnis. Die Erkenntnis lässt Probleme und ihre Lösung erkennen. Diese Erkenntnis führt dann zu Normen, Verhaltensmuster und schließlich zur Praxis. Für SozialarbeiterInnen ist von Interesse, dass Menschen, die Anteil an Kultur und Bildung haben, nicht nur ihr Selbstwertgefühl entwickeln können, sondern auch eher in der Lage sind, Herausforderungen anzunehmen und Probleme in einer sich ständigen verändernden Welt zu lösen. Vielleicht gilt noch das alte Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.

3. Jüdische Bildung und ihre Bedeutung oder die Entstehung der Schriftgelehrtentradition und der Zusammenhang mit hellenistischen Einflüssen.
Als eine öffentliche Angelegenheit dürfen die Lehren Salomos für die jüdische Gemeinde im hellenistischen Alexandrien angesehen werden. Was war geschehen? Das Davidisch-salomonische Großreich zerbrach mit dem Tode Salomos und führte zu einer Reichsteilung. Die Nachfolgestaaten hießen Israel, das Nordreich mit der Hauptstadt Samaria, und Judäa, das Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Beide Kleinstaaten hatten keinen Bestand. Am Ende stand die Zerstörung mit dem Tod vieler Menschen, Sklaverei und Leid. Die berühmte Babylonische Gefangenschaft stellte die Frage nach Fortbestand des Volkes. Wie kann unter äußerst schwierigen Bedingungen das Volk überleben und die Menschen ihre soziale Verantwortung wahrnehmen? Das ging nur, wenn Bildung und Identität gesichert werden konnten, um die soziale Verantwortung für das Volk wahrzunehmen. Wer waren also die neuen Lehrer, die diese Fähigkeiten vermittelten und sicherten?

Im chronistischen Werk, hier handelt es sich um Geschichtswerk, das relativ spät nach der Babylonischen Gefangenschaft verfasst wurde, erscheint der Schreiberstand ganz an den Tempel gebunden.5 Doch auch aristokratische Laien wurden zur Ausbildung in einer Schreiberschule zugelassen. In 2. Chr. 34,13 war das Schreiberamt das Vorrecht der Leviten,6 doch die Weisheitsüberlieferung fand in persischer Zeit ihren Eingang in solche Schreiberschulen. Internationale Weisheitsüberlieferungen wurden aufgegriffen, überarbeitet und in den Dienst des eigenen Glaubens gestellt. Auch die Großen der israelitischen Vergangenheit wie David und Salome wurden nun als Weise und Schreiber bezeichnet. Das Schwergewicht dieser aufkommenden jüdischen Weisheit dürfte in der Zeit zwischen Esra 398 v.Chr. und Ben Sira 190 v.Chr. liegen. Und während sich noch der Prediger Salomos, also Qohelet, um die Mitte des 3. Jahrhunderts hinter seinem Pseudonym verbarg, wagte es Ben Sira zum ersten Mal, mit seinem Namen an die Öffentlichkeit zu treten.7 Auch darin zeigte sich die Entwicklung der neuen Zeit, denn die Betonung der Persönlichkeit des Lehrers entstammte ja ursprünglich nicht jüdischen Traditionen. In hellenistischer Zeit trat das Individuum stärker hervor und betonte seine eigenen Leistungen. Von nun an nennen auch jüdische Lehrerpersönlichkeiten ihren Namen, das jüdische Lehrhaus und den Sitz des Lehrers. Die erste Nachricht über eine Synagoge besitzen wir in Sir. 51,23.29. Ben Sira scharte Schüler um sich und gab diesen Erklärungen zum Gesetz.

Die Anfänge der Synagoge, dieser Einrichtung, die religiöse, soziale und pädagogische Aktivitäten beinhaltet, sind auch im chronistischen Geschichtswerk8 angedeutet. Die um eine Synagoge gescharte jüdische Gemeinde hatte einen festen Mittelpunkt und erlag nicht mehr so schnell fremden Einflüssen. Das Judentum bekam auch weiterhin die Einflüsse des Hellenismus zu spüren, konnte sich aber in diesem Rahmen erfolgreich mit dieser Geistesrichtung auseinandersetzen.

Wenn im chronistischen Werk der Schreiberstand noch an den Tempel gebunden erscheint, so tritt diese Bindung bereits beim Prediger Salomos, Qohelet, zurück. Und diese Entwicklung dürfte sich verstärkt haben. Zwar kann eingewendet werden, dass Qohelet ein ausgesprochener Außenseiter sei. Die Tendenz der Entwicklung aber ging vom Tempel weg in die Schreiberhäuser. Der Schreiber erscheint bei Ben Sira bereits in einer selbständigen Bedeutung9, auch wenn Aaron10 noch als der Gesetzeslehrer schlechthin geschildert wird. Die zunehmende Herausforderung hellenistischer Kultur11 sowie die indifferente Haltung vieler Priester und Adeliger bewirkte eine Verschärfung12 der Situation, die dazu beitrug, dass das Amt des Schreibers mehr und mehr aus der Exklusivität des Heiligtums heraustrat.

Die jüdischen Gelehrten und Weisen sind zwar Kinder ihrer Zeit und damit auch des Hellenismus, doch im Allgemeinen haben sie versucht, das Zentrum ihres Glaubens zu bewahren. Die vom Hellenismus beeinflußten jüdischen Weisen verwenden durchaus Denkkategorien des Hellenismus, doch nicht um den eigenen Glauben zu überwinden, sondern ihn neu zu interpretieren. Zwar schuf der Hellenismus erst die Voraussetzung zur Übernahme einer Religionsphilosophie, doch diese übernommene Religionsphilosophie wurde im Allgemeinen als eine jüdische verstanden, die den jüdischen Rahmen neu erklärte. Wie sehr sich auch Juden ihrer Umwelt anpassten und Kategorien des Hellenismus übernahmen, so schufen sie doch in den meisten Fällen etwas Eigenes, indem sie durch soziale Verantwortung ihrem Glauben, ihrer Tradition und ihrer Nation treu blieben. Tatsächlich wurden Kategorien der internationalen Weisheit und des hellenistischen Denkens insoweit übernommen, wie sie in Nähe zum eigenen Glauben13 und zur eigenen Identität gebracht werden konnten.

Die Verlockung hellenistischer Zivilisation stellte eine besondere Herausforderung dar. Dieser Herausforderung konnte zunächst nur mit "geistigen Waffen" begegnet werden. So rüstete das jüdische Volk sich mit diesen geistigen Waffen des Glaubens. Wollte man den Bildungsidealen des Hellenismus etwas entgegensetzen, so bedurfte es nicht nur eigener Bildungsvorstellungen, sondern auch des Weges ins Volk. Die "Unwissenden" wurden eingeladen, ins Lehrhaus zu kommen und der Tora zu lauschen. Zwar wollte Ben Sira als traditionsbewußter Weiser die Bauern- und Handwerker noch vom Studium der Weisheit ausschließen,14 doch klingen bei ihm auch neue Vorstellungen an:

"Auch gibt es einen Weisen, der sich für sein Volk als weise erweist, die Frucht seines Wissens kommt diesem zugute."15

Auch wird eine lange komplizierte Entwicklung deutlich, die nur deswegen ihr Ziel erreichte, weil Formen des Gesprächs und des Dialogs gepflegt wurden. Die Früchte zeigten sich nicht nur in der permanenten Thematisierung der Gerechtigkeit, sondern auch in der Realisierung der sozialen Gerechtigkeit. Bei allen Katastrophen und Schwierigkeiten lohnte sich ein Bekenntnis zu dieser Kultur, weil sie flexibel, veränderbar und sich immer auf neue Zeiten beziehen ließ. Niemand sollte aus Gemeinschaft verloren gehen. Die enge Verbindung von Religiösem und Gesellschaftlichem ist ihr Spezifikum. Dass das nicht nur Geschichte sein muss, erkennen wir heute an der Bedeutung von Religiösem bei vielem MigrantenInnen. Diese Menschen können ihre sozialen Herausforderungen nur über ihre Religion verstehen. Diese Einstellung ist charakteristisch für den Nahen und Mittleren Osten und damit für einen erheblichen Teil der Menschen. Es kann nicht angehen, die Bereiche Religion und den damit verbundenen Ethiken Fundamentalisten zu überlassen. Rechtzeitige und sachkompetente Gespräche und Dialoge vermögen nahezu Wunder zu bewirken.

4. Neuzeit und ihre relevanten Ethiken
Zu Beginn der Neuzeit und insbesondere im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg kam im Rahmen der Aufklärung eine neue, kirchenkritische Philosophie auf. Die Geburt unterschiedlicher Ethiken in den religiösen Welten der Konfessionen, aber auch der säkularen Welten war zu verzeichnen. Eine Vielzahl ethischer Theorien entstanden. Eine große Bedeutung hat dabei die normative Ethik, denn aus ihr leitet sich die angewandte Ethik, so auch unter anderem die Sozialethik ab. Die normative Ethik ist nicht beschreibend, sondern vorschreibend, das heißt sie stellt gewisse Normen und Regeln auf. Normative Aussagen geben vor, wie die Handlungen sein sollten, damit sich das Bewertungskriterium für gut und böse bildet. Ohne Zweifel ist heute eine gewichtige Grundlage der Ethik und der sozialen Verantwortung diese normative Ethik. Doch ohne Zweifel ist auch klar, dass sich das Rad der Zeit ständig dreht und dass alte Antworten nicht ausschließlich die Antworten der Gegenwart sein können. Wenn sich Geschichte soziale Strukturen permanent verändert, so sind diese Veränderungen zu berücksichtigen, zu thematisieren und in die neuen Überlegungen einzufügen.

An der idealistischen Philosophie des 18. Jahrhunderts, z.B. eines Immanuel Kants oder eines Wilhelm Humboldts werden nicht nur die Abstraktheit sichtbar, sondern oft auch die soziale Kontextlosigkeit. Zwar ist es schön, Erkenntnisse möglichst allgemeingültig zu formulieren, doch kann aber in keinem Fall eine Allgemeingültigkeit immer und überall angenommen werden. Denn die individuelle Innerlichkeit steht in Spannung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, insbesondere des Volkes. Da der sogenannte Idealismus oft eine alte Form der Geisteskultur repräsentiert, die die Ideen, nicht aber die gesellschaftliche Wirklichkeit betonten, weigerten sich ihre Begründer, die Schwierigkeiten wahrzunehmen, die ein Volk einfach hat, indem es sich den Alltag mit allen Herausforderung bewältigen muss. Eine Selektion trat in dem Sinne ein, dass intellektuelle und wirtschaftliche Eliten das Ihre bedachten, nicht aber die Bedürfnisse des gemeinen Volkes. Da also, wo Hunger und Elend herrschten, und Hunger und Elend waren im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitet, konnten Ideen der Innerlichkeit oder eines erdachten Idealzustandes nicht von Dauer sein. So war es nicht nur notwendig, Ethik Geltung zu verschaffen, sondern auch Sozialwissenschaft und Sozialarbeit zu entwickeln, um der sozialen Verantwortung endlich mehr Raum zu geben.

Dabei stellte sich heraus, dass die für die Sozialarbeit relevante Ethik eine Angewandte Ethik bleibt, die Teil der Normativen Ethik ist. Das erscheint als ein Widerspruch, der doch keiner ist. Die Angewandte Ethik ist einerseits in ihrer Terminologie und Begrifflichkeit ein Teil des Ganzen. Dieser Zusammenhang kann sie nicht zerreißen. Aber indem sie andererseits nicht in der Abstraktheit verbleibt, sondern überlegt wird, was denn Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter veränderten, schwierigen Bedingungen des Alltags bedeuten könnten, verlässt sie das Privileg der Schau ewiger Ideen und begibt sich in die Niederungen gesellschaftlicher Bedingungen im Kontext des Alltags von so vielen Menschen. Wie können wir soziale Verantwortung übernehmen, wenn die Solidarität unter den Menschen zerbricht oder erst gar nicht aufkommt? Wie haben wir mit Menschen umzugehen, die unbehaust in der Notdurft des Lebens sind? Ohne Zweifel können wir nicht nur in der Abstraktheit der Theorien verbleiben, sondern müssen lernen, die Realität von Menschen kennenzulernen und um auf sie professionell zu reagieren. Auch wenn das permanente Gespräch mit der Normativen Ethik, aber auch mit der Tradition und der Religion von Bedeutung ist, so müssen wir doch neue, zumindest veränderte Antworten auf die Herausforderung der Zeit geben. Es führt daher kein Weg an der Angewandten Ethik vorbei. Aber auch hier haben wir nicht letzte Ziele der Erkenntnis erreicht, sondern müssen im Labyrinth der Erkenntnis weiter zur Bereichsethik bzw. den einzelnen Bereichsethiken gehen.

Die Bereichsethik ließe sich weiter differenzieren. Die Arbeitsethiken der verschiedenen Beschäftigungen, u.a. auch der Sozialarbeit, fallen darunter. Relevant ist die Sozialethik, die sich mit dem sozialen Gebilde der Gesellschaft befasst, aber auch die Individualethik, die sich des Ethikverständnisses des einzelnen Individuums annimmt. Sie fragt nach dem moralisch richtigen Handeln einer Person. Die Individualethik zeigt die individuellen Ethikansätze angehender SozialarbeiterInnen auf. Hier sind vielerlei Ansätze und Überlegungen möglich.

Hier bewegen wir uns dann nicht nur im Eigentlichen der sozialen Verantwortung, sondern in der Sozialethik selbst. Die Bereichsethiken fragen nach den soziologischen und realen Bedingungen in den vielfältigen Ausprägungen unserer Gesellschaft und Kultur, indem sie die soziale Verantwortung zur Sprache bringen. So findet die Sozialethik ihren Platz in der Angewandten Ethik.

Auch hier erkennen wir einen langen Entwicklungsprozeß, der uns nicht eine, sondern viele Antworten gibt. Dieses scheinbare Wirrwarr lässt sich aber doch auf grundlegende Prinzipien wie Gerechtigkeit, soziale Verantwortung, Demokratie und Entwicklung der Zivilgesellschaft reduzieren. Diese Prinzipien sind permanent in einem Dialog zu diskutieren, ohne allzu schnell voreilige Antworten zu geben. Die voreiligen Antworten haben wir auch in der Sozialarbeit nicht. Aber wir haben unsere Standards als eine gute Voraussetzung zur Bewältigung anstehender Herausforderungen und zum mutigen Ausschreiten auf unserem Weg. Das mutige Beschreiten auf diesem Weg ist fast wichtiger als schnelle Antworten und Lösungen, die doch nicht lange halten und tragen werden.

5. Problemfelder der aktuellen Ethiken
Soziale Arbeit hat mit den sogenannten Schwächen unserer Kultur und Gesellschaft zu tun. Sie wendet sich den Menschen zu, die in Konkurrenz und Wettlauf unserer Zeit unter die Räder zu drohen kommen. Wie oben gezeigt wurde, ist der Kontext des Menschen im kulturellen und historischen Sinn zu berücksichtigen. Bildsamkeit oder Desinteresse zur Bildung und Wissen sind im sozioökonomischen, ökologischen und kulturellen zu sehen. Bildung, Einkommen, Beschäftigungsstatus, aber auch religiöse, politische ethnisch-nationale Herkunft waren und sind heute wichtig. Analysen und Erkenntnisse können nicht für alle Zeiten Anspruch auf Gültigkeit erheben, sondern müssen immer wieder verifiziert werden. Garant für diese Vorgangsweise ist ohne Zweifel der Dialog mit der Theorie, der Tradition und den Menschen. Der Dialog versetzt uns vielleicht in die Lage, nicht am Menschen vorbeizureden, sondern unsere soziale Verantwortung gerade für den Menschen wahrzunehmen. "In der Ethik ist das Denken ganz auf sich selber angewiesen. Es hat es nur mit dem Menschen selbst und seiner in innerer Kausalität verlaufender Selbstentwicklung zu tun. Warum kommt es dann nicht besser vorwärts? Gerade weil hier der Mensch selber die zu ergründende und zu gestaltende Wirklichkeit ist".16

Menschen damals so wie heute erfahren im Wandel des gesellschaftlichen Prozesses ihre Hilflosigkeit. Die Probleme der Ohnmacht und Abhängigkeitsbedingungen bestimmen ihr Leben. Dabei gibt es in der Anhilfe kein Patentrezept. Missachtung und Verschleuderung der menschlichen Ressourcen, gerade der Unterprivilegierten in Politik und Wirtschaft sind weitgehend Realität in Geschichte und Gegenwart. Dabei sind die Bemühungen gegen Armut, Krankheit, Unwissenheit, ungesunde, menschenunwürdige Wohnverhältnisse, durch die Not erzwungene Prostitution und zur Bekämpfung von Verbrechen und Gewalt zu setzen. Denn wenn z. B. die Probleme im 19. Jahrhundert miserable Wohnverhältnisse, Analphabetismus, schlechte Lern- und Bildungsprozesse, Armut, Erwerbslosigkeit, Gewalt, Verfügung über das Kapital, Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft sind, so ist in den Bereichen der Angewandten Ethik zu schauen, was wir tun können und wo Abänderungen von Nöten sind. Es geht um menschliche Bedürfnisbefriedigung und Reduktion der Probleme angesichts der Logik des Alltags. Klar zu sehen ist aber auch, dass in den sozialen Strukturen auch Destruktivitäten eingebaut sind. Was bedeuten Brüderlichkeit und Gleichheit, wenn man keine Möglichkeit und kein Recht hat, diese Reden in die Hilfsbeziehung konkret umzusetzen?

Zur Sozialen Arbeit gehört auch die Gewährung von Obdach und Schutz für Verfolgte: Hauptproblem ist dabei der Mensch ohne "Behausung", weshalb jeder/e BürgerIn, und nicht nur diejenigen an den Rändern der Gesellschaft in die Lage kommen könnten, Soziale Arbeit beanspruchen zu müssen. Dabei ist besonders der Mensch zu beklagen, der immer weniger im natürlichen Verband menschlicher Gesellschaft lebt.

Ausgehend von einem integralen Demokratieverständnis, das sowohl den Alltag, das politische und auch das Wirtschaftssystem umfasst, müssen wir neue Konzepte entwickeln und in unsere Ethiken einbauen. Denn jedes Individuum sollte inhaltlich in die Entscheidungsprozesse eingebunden und für das zu erzielende Resultat verantwortlich sein. Auch wollen Menschen in ihrer Arbeit einen bestimmten Standard erreichen. Eine ausschließliche Orientierung der Eliten an den individuellen Freiheitsrechten verhindert eine Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Kontextes. Empirische und konzeptionelle Klärungen sind in die Gestände der Sozialen Arbeit einzubeziehen.

Geschichte und Tradition bieten durchaus gute Ansätze und Ideen, die zur Reflexion im Zusammenhang einer Problemlösung von Nutzen sind. Wir brauchen das Rad nicht neu erfinden. Aber das Rad dreht sich weiter und immer neue Facetten in der Problemstellung sind zu erkennen, die wir keineswegs ignorieren dürfen. Hier ist einfach Professionalität gefragt.

So sind wir wieder auf die Erkenntnis verwiesen, die notwendig ist, um in veränderten Situationen Probleme zu lösen bzw., wenn es bescheidener ausgedrückt werden soll, Hilfestellungen anzubieten. Also, ohne menschliche Erkenntnis keine Entscheidungsfreiheit und keine Problemlösung. Die Wissenschaft kann sich auf die Erforschung und Bearbeitung von Ideen und Ideenabfolgen konzentrieren, die Sozialethik aber innerhalb der Angewandten Ethik hat auf die konkrete Situation zu schauen, um nicht von Humanität zu reden, um dann doch nur einen Stein anzubieten. Nein, beides ist notwendig, die Theorie und Anwendung der Theorie, die Reflexion und der Dialog, die neuen Lösungen und ihre Kritik. Permanent sind wissenschaftliche Theorien zu überprüfen. Was ist eine metaphysische oder philosophische Überprüfung? Was ist Erkenntnis? Was ist Wirklichkeit? Sozialwissenschaften und Sozialarbeit sind zutiefst in die ethische Ambivalenz der angewandten Wissenschaft eingebunden.


Verweise
1 Vgl. W. Jaeger 1959: 25.
2 Vgl. E.Weiler 1981: 5.42.
3 W. Jaeger 1959: 94f: "Mißverstanden wird die Kalokagathie vielfach auch deshalb, weil ihre unterschiedliche Beurteilung zu verschiedenen Zeiten und bei einzelnen Autoren, wie sie Jüthners Analyse des gegenständlichen Ausdrucks betont, dabei zuwenig in Rechnung gestellt wird. So versteht Aristophanes (Ran. 717) unter den Kalokagathoi 'die oberen Zehntausend' in Athen, während man im Kreis um Sokrates damit Menschen mit bestimmter geistig-ethischer Haltung meint (Xen. mein. 1,2,18; oik. 11,3); für Thukydides (8,48,6) bildet das Wort den Gegensatz zum Demos, und an anderer Stelle subsumiert Xenophon (Kyr. 4,3,23) unter diesem Begriff auch die vornehme Welt selbst bei den Nichtgriechen."
4 In Athen übernahm im 4. Jahrhundert die Ephebie die militärische Ausbildung der Jugend.
5 Vgl. A. Momigliano 1975: 82: "Unter der Führung Nehemias versuchten die Juden sich selbst von ihrer Umwelt zu isolieren. Sie vertrauten Gott und dem Gesetz. In gleicher Weise vertrauten die Griechen aber ihrer Intelligenz und Initiative."
6 M. Hengel 1973: 95f: "Obwohl Nehemia selbst vielfacher Gläubiger war, stellte er sich doch nicht auf die Seite seiner Standesgenossen, der 'Adeligen und Vorsteher (5,7.10), sondern der sozial Schwachen und erwirkte in der Volksversammlung einen allgemeinen Schuldenerlaß. Auch daß er sich bei seinen Reformen weniger auf die Priesterschaft als auf die Leviten stützte und für diese den Zehnten von der Ackerfrucht als Einkommen eintrieb, hat nicht nur einen religionspolitischen, sondern auch einen sozialen Hintergrund, und es ist bezeichnend, daß in hellenistischer Zeit die Priesterschaft den Anspruch auf den Zehnten an sich zog. Angesichts der ptolemäischen 'Wirtschafts- und Sozialpolitik' mußte der sich von Nehemia zu seiner Zeit mühsam bereinigte soziale Konflikt wesentlich verschärfen, zumal religiöse Motive darin wirksam waren. Die neuen Herren stützten sich auf jene Klasse der 'Adeligen und Vorsteher', der aristokratischen Großgrundbesitzer und Obersten der Priesterschaft, mit denen Nehemia vor über 150 Jahren so scharf ins Gericht gegangen war. In diesen Kreisen war man den Reformen eines Nehemia und Esra sowie dem daraus erwachsenden gesetzlichen Rigorismus und der Absonderungstendenz immer überwiegend ablehnend gegenübergestanden und hatte, obgleich man sich gegenüber der Mehrheit des Volkes nicht durchsetzen konnte, den Kontakt mit den erklärten Gegnern der Reform, dem Hause Sanballats in Samarien und der 'ammonitischen' Tobiaden, nie aufgegeben."
7 Vgl. Sir: 50,27
8 Vgl. die Gestzesverlesung: Neh. 8,1.12 u. Esra 7,24, die Bestellung von Schreibern zur Rechtssprechung und Gesetzesunterweisung.
9 Vgl.: das Lob des Schriftgelehrten in Sir. 51, 13-29 u. 38,24-29,11.
10 Vgl.ebd.: 45,17
11 M. Hengel 1973: 146: "Die Kampfsituation war es wohl, welche das Amt des 'sofer' mehr und mehr aus der Exklusivität des mit dem Heiligtum verbundenen, priviligierten Schreibers herausführte und breiteren Laienkreisen zugänglich machte. Prieser und Leviten, selbst wenigstens zum Teil von den hellenistischen Ideen infiziert, waren den neuen Aufgaben allein nicht mehr gewachsen. Der angebliche Wahlspruch der ' Männer der großen Synagoge': 'Stellt viele Schüler auf', weist auf diese Entwicklung hin; er ist zugleich die Grundlage für eines der Hauptziele des späteren Pharisäismus, die intensive Erziehung des ganzen Volkes uim Gesetz."
12 M. Rostovtzeff 1984: Bd. I, S.277: "Einen Nachhall der Gefühle der Bevölkerung von Judäa finden wir in den Äußerungen des Verfassers des Ekklesiastes, der um 200. V. Chr., wiewohl selbst ein Aristokrat, beschrieb, wie das Lamd erfüllt war von Tränen der Unterdrückten, und die Toten für glücklicher hielt als die Lebenden. Die Spione des Ptolemaios, die so allgegenwärtig waren, daß 'ein Vogel in der Luft die Stimme weitertragen würde', der den König im geheimen verfluchte, waren wohl μηνυται in politischen und fiskalischen Dingen zugleich."
13 Vgl. J. Fichtner 1933: 35, 46f
14 Vgl.: Sir. 38,25ff und dazu die Satire auf die verschiedenen Berufe.
15 Ebd.: 37,23.
16 A. Schweitzer 1923: Kultur und Ethik, München. 7. Auflage, 1948: 19, zitiert nach: Aristoteles 1989: .361.


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Über den Autor

Mag. Dr. Hans Volker Kieweler, Jg.
volker.kieweler@chello.at

AHS-Lehrer und Lektor am FH Campus Wien, Studiengang Sozialarbeit im städtischen Raum Arbeitsschwerpunkte: Hellenismus und hellenistisches Judentum, Geschichte des Alten Orients






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