soziales_kapital

soziales_kapital
wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 3 (2009) / Rubrik "Werkstatt" / Standortredaktion St. Pölten
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/153/219.pdf


Maria Ohling & Hans-Peter Heekerens:

Achtzig Jahre Kinderarmutsforschung

Ein Rückblick ins Wien der Zwischenkriegzeit
Im Jahre 1929 erschien als erster Band in der Reihe "Psychologie der Fürsorge" das Buch "Kindheit und Armut. Psychologische Methoden in Armutsforschung und Armutsbekämpfung" der Wiener Psychologin Hildegard Hetzer (1929). Mehr als ein zweiter Band dieser im Verlag von S. Hirzel in Leipzig erschienenen Reihe, nämlich "Pflegemutter und Pflegekind" (Danzinger, Hetzer & Löw-Beer, 1930) konnte nicht erscheinen; die Machtübernahme durch die Nazis machte diesem fortschrittlichen publizistischen Projekt ein frühes Ende. Wie vorsichtig der Leipziger Verlag agierte, ist an folgender Episode abzulesen: Als dort im Juni 1933 die erste Ausgabe der Marienthal-Studie erschien (Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle, 1933), trug sie auf dem Titelblatt nicht die vorgesehen Autorennamen - Marie Jahoda-Lazarsfeld und Hans Zeisl - sondern die Notiz "Bearbeitet und herausgegeben von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle", weil, wie Marie Jahoda später bezeugte, dem Verleger die Namen der Autoren "zu jüdisch" gewesen seien (Müller, 2008).

Diese erste Ausgabe der Marienthal-Studie erschien als Band 5 der Reihe "Psychologische Monographien", die von Karl Bühler heraus gegeben wurde. Er und seine Frau Charlotte Bühler, die beide damals am Psychologischen Institut der Universität Wien tätig und dort in der Zwischenkriegszeit die prägenden Personen ("Wiener Schule") waren, verwalteten in Österreich die Gelder der Rockefeller Foundation, aus denen auch die Forschungsarbeiten in und zu Marienthal mit finanziert wurden.

Charlotte Bühler war eine der drei Herausgeberinnen der Reihe "Psychologie der Armut", in der "Kindheit und Armut" erschien. Sie gilt heute als Bahn brechende Forscherin auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendlichenpsychologie und wird als Wegbereiterin der Humanistischen Psychologie angesehen. Wenig Nachklang findet sich für die zweite Herausgeberin Gertrud Bien, damals Leitende Ärztin der Wiener "Kinderübernahmestelle", die das Entstehen von "Kindheit und Armut" nach allen Kräften gefördert hat. Die dritte Herausgeberin war Hildegard Hetzer selbst. Im Jahre 1924 hatte sie begonnen, in Wien bei Charlotte und Karl Bühler Psychologie zu studieren, schon 1927 promovierte sie mit einer Arbeit zur Bestimmung der Schulreife und 1932 veröffentlichte sie zusammen mit Charlotte Bühler das Buch "Kleinkindertests" (Bühler & Hetzer, 1932), von dem Psychologiestudenten bis heute in Vorlesungen über Entwicklungspsychologie oder Psychologische Diagnostik zu hören bekommen.

Hildegard Hetzer - (auch) eine Pionierin der Sozialen Arbeit
Hildegard Hetzer gehört ein Stammplatz in der Geschichte der Entstehung der wissenschaftlichen Entwicklungspsychologie. Aber man sollte ihr auch einen Platz in der Galerie der Gründungsfiguren der Sozialen Arbeit zubilligen - und dies unabhängig davon, wie man ihr späteres Handeln und Verhalten in der Nazi-Zeit (vgl. dazu Benetka, 1997) beurteilen mag; Christian Schrapper (2005) hat bei der Würdigung von Andreas Mehringer eine vergleichbare Differenzierung angemahnt. Von ihrem Buch "Kindheit und Armut", das zu den Gründungsdokumenten der Armutsforschung zählt, sagt Hildegard Hetzer in der Einleitung selbst, dass es "nicht nur dem Fachpsychologen, sondern auch dem sozialen Arbeiter etwas zu sagen hat" (Hetzer, 1929: VIII). Die an der sozialen Frage praktisch wie wissenschaftlich interessierten Zeitgenossen waren sich der Bedeutung von "Kindheit und Armut" sehr bewusst. Hildegard Hetzer gehörte zwar nicht zum Projektteam der Marienthal-Studie, doch wurden ihre Forschungsarbeiten etwa zur Psychologie der Fürsorge durchaus für das Marienthal-Projekt genutzt, wie die kurze "Anweisung für Marienthal" (http://agso.uni-graz.at/marienthal/archiv/08_02_16_00_Lazarsfeld_Paul_Felix/08_02_16_01_Lazarsfeld_Anweisung_Marienthal.htm) belegt.

Überhaupt: "Kindheit und Armut" wäre wohl nie geschrieben worden, wenn Hildegard Hetzer eine "Nur-Psychologin" gewesen wäre. Im Vorwort notiert sie: "In dem vorliegenden Buch wird nicht bei der psychologischen Betrachtung der behandelten Armutsprobleme stehengeblieben, sondern es werden an vielen Stellen fürsorgerische Maßnahmen, die sich aus den psychologischen Tatsachen ergeben, ausführlich beschrieben. Dieser Schritt von der Theorie zur Praxis ergab sich für mich von selbst. Daß ich ihn tat, mag auch daher kommen, dass ich mich seinerzeit dem Studium der Psychologie zuwendete, als ich, mitten in der praktischen Fürsorgearbeit stehend, der vielen psychologischen Fragen, die mich täglich bestürmten, nicht mehr Herr werden konnte." (Hetzer 1929, S. VII-VIII) Dass Hildegard Hetzer sich überhaupt der Armut(sfrage) zuwandte, ist nur verständlich, wenn wir ihren ersten Beruf, den vor der Psychologie ins Auge fassen.

Die Arlt-Schülerin Hildegard Hetzer
Hildegard Hetzer besuchte nach ihrer Matura von 1919 bis 1922 die von Ilse Arlt (ausführlich: Frey 2005; Pantucek & Maiss 2009) geleiteten "Vereinigten Fachkurse für Volkspflege", die sie mit dem Examen als Volkspflegerin abschloss. Ilse Arlt hatte anlässlich des im Jahre 1910 abgehaltenen "Internationalen Kongresses für öffentliche Armenpflege und private Wohltätigkeit" in Kopenhagen vorgeschlagen, den Beruf einer Wohlfahrtspflegerin zu schaffen und für eine umfassende Schulung zu sorgen. Sie verwirklichte ihre Idee 1912 durch die Errichtung der Fachkurse für Volkspflege, der ersten österreichischen Fürsorgeschule. Während Hildegard Hetzers Ausbildungszeit bei Ilse Arlt veröffentlichte diese ihr Hauptwerk "Die Grundlagen der Fürsorge" (Arlt 1921). Ihr ging es nicht nur um die Profession sondern auch um die Disziplin Soziale Arbeit; sie verstand die von ihr gegründete Ausbildungsstätte von Anfang an nicht nur als Lehrstätte, sondern auch als Forschungseinrichtung, welche die Grundlagenforschung für wichtige Aufgaben der Sozialpolitik betreiben sollte.

Hildegard Hetzer arbeitete vor und neben ihrem Psychologiestudium von 1922 bis 1926 als Horterzieherin an verschiedenen Kindertagesstätten der Stadt Wien. Im Jahre 1925 wurde durch den Arzt und sozialdemokratischen Politiker Julius Tandler die schon oben erwähnte "Kinderübernahmestelle" in Wien gegründet. Sie war Durchgangsstelle für jene Kinder, die für kürzere oder längere Zeit in Gemeindepflege übernommen werden mussten. Sie war die erste derartige Institution in Europa, die für die Überweisung von verlassenen Kindern in Pflege- und Erziehungsanstalten oder an Pflegeeltern sorgte. In Folge dieser Neueinrichtung wurde Hildegard Hetzer 1926 von der Horterziehung abgezogen und von der Stadt Wien der neuen Fürsorgeeinrichtung als Assistentin Charlotte Bühlers zugeteilt. Sie übernahm hier die Leitung der kinderpsychologischen Praktika bis zu ihrem Weggang 1931; ihre Nachfolgerin wurde die bereits seit 1927 bei Charlotte Bühler arbeitende Lotte Schenk-Danzinger, die - und hier zeigt sich ein weiteres Mal die enge Verknüpfung der damaligen Wiener Armutsforscher - Ende 1931/Anfang 1932 den Großteil der Feldforschung für die Marienthal-Studie durchführte (Müller 2008). Das Material für "Kindheit und Armut" hat Hildegard Hetzer nach eigenem Bekunden (Hetzer 1929, S. VIII) zum größten Teil in den Jahren als Hortleiterin und Psychologin an der "Kinderübernahmestelle" gesammelt.

Die deutschsprachige Kinderarmutsforschung ist aus den praktischen Bedürfnissen der Sozialen Arbeit entstanden. Dies in Erinnerung zu rufen und zu behalten trägt zur Sicherung der historischen Identität der Sozialen Arbeit bei. Zugleich ist Hildegard Hetzers Vermächtnis bleibende Aufforderung an die Soziale Arbeit, sich Fragen der Kinderarmutsforschung (vgl. etwa Heekerens & Ohling, 2005, 2007, im Druck; Ohling & Heekerens 2005, 2007) verstärkt zuzuwenden.


Literatur / Quellen
Arlt, I. (1921): Die Grundlagen der Fürsorge. Wien: Österreichischer Schulbücherverlag.
Benetka, G. (1997): "Im Gefolge der Katastrophe ...". Psychologie im Nationalsozialismus. In: Mecheril, P. & Thomas, T. (Hrsg.): Psychologie und Rassismus. Reinbek: Rowohlt. S. 42-72.
Bühler, C. & Hetzer, H. (1932): Kleinkindertests. Entwicklungstests vom 1. bis 6. Lebensjahr. Leipzig: S. Hirzel.
Danzinger, L.; Hetzer, H. & Löw-Beer, H. (1930): Pflegemutter und Pflegekind (Psychologie der Fürsorge Bd. 2, Leipzig: S. Hirzel.
Frey, C. (2005): "Respekt vor der Kreativität der Menschen" - Ilse Arlt: Werk und Wirkung, Opladen: Budrich.
Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2005). Kinder, Armut und Sozialstaat. In: Unsere Jugend, 57. Jahrgang, S. 365-376.
Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2007): Fragwürdige Indikatoren bei der Beurteilung des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen. In: Unsere Jugend, 59. Jahrgang, S. 331-337.
Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (im Druck): Fragwürdige Indikatoren bei der Beurteilung des Wohlergehens von Kindern und Jugendlichen. In: Unsere Jugend, 61. Jahrgang.
Hetzer, H. (1929): Kindheit und Armut. Psychologische Methoden in Armutsforschung und Armutsbekämpfung (Psychologie der Fürsorge Bd. 1), Leipzig: S. Hirzel.
Müller, R. (2008): Die Marienthal-Studie. Online unter: http://agso.uni-graz.at/marienthal/studie/studie0.htm (aufgerufen am 1.10.2008).
Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle (Hrsg.) (1933): Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit (Psychologische Monographien Bd. 5), Leipzig: S. Hirzel.
Ohling, M. & Heekerens, H.-P. (2005): Die Kinderarmut in Deutschland wächst. In: Sozialmagazin 30. Jahrgang, Heft 9, S. 35-42.
Ohling, M. & Heekerens, H.-P.(2007): Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen im Spiegel internationaler Berichte. In: Sozialmagazin, 32. Jahrgang, Heft 5, S. 50-55.
Pantucek, P. & Maiss, M. (Hrsg) (2009): Die Aktualität von Ilse Arlt, Wiesbaden: VS Research.
Schrapper, C. (2005): Andreas Mehringer (1911-2004) - Ein Leben in zwei Welten. Anmerkungen und Fragen zu Leben und Werk. In: Unsere Jugend, 57. Jahrgang, S. 385-393.

Über die AutorInnen

Dr. phil., Dipl.-Soz.Päd., Dipl.-Päd. Maria Ohling, Jg. 1961
Maria.Ohling@fh-lanshut.de

Seit 2004 Professorin für Handlungs- und Methodenlehre der Sozialen Arbeit an der Fakultät Soziale Arbeit, Hochschule Landshut davor als Sozialarbeiterin, Sozialpädagogin und Pädagogin langjährig in verschiedenen psychiatrischen Handlungsfeldern sowie in der Erwachsenenbildung tätig.

Dr. theol., Dr. phil. habil., Dipl.-Psych. Hans-Peter Heekerens, Jg. 1947
Hans-Peter.Heekerens@hm.edu

Seit 1984 Professor für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, Hochschule München davor Leiter einer Erziehungsberatungsstelle sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU Berlin (Kinder- und Jugendpsychiatrie) und der TU Berlin (Psychologisches Institut)






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