soziales_kapital

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wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit
Nr. 6 (2010) / Rubrik "Junge Wissenschaft" / Standortredaktion Wien
Printversion: http://www.soziales-kapital.at/index.php/sozialeskapital/article/viewFile/193/305.pdf


Pia Politzer & Martin Pruckner:

Konflikte und Regulierungen im Wiener Gemeindebau.


Einige Thesen zur Rolle Sozialer Arbeit anlässlich einer BewohnerInnenbefragung


Problemaufriss
In den letzten Jahren konnte auf politischer, wie auch auf gesellschaftlicher Ebene beobachtet werden, dass das Thema "Sicherheit" an Interesse und Präsenz gewann. Diese Entwicklung gilt auch für Österreich auf regional eingegrenzter Ebene lässt sich dieses Phänomen verstärkt seit 2007 auch in Wien beobachten.

Rund um diesen Trend entwickelten sich verschiedene Diskurse. Fragen welches Verhalten im öffentlichen Raum bestraft werden soll und in welchem Ausmaß sind bis heute umstritten. Dieser Diskurs ist für die Sozialwissenschaften und die Soziale Arbeit im Speziellen von großem Interesse, da sie selbst eine Rolle als Regulierungsinstrument in öffentlichen Räumen einnehmen kann und gewandelte politische Ansprüche an die Sozialer Arbeit herangetragen werden.

Im gegenwärtigen Jahr 2010 befindet sich Wien im Wahlkampf. Themen rund um die Sauberkeit und Sicherheit der Stadt Wien werden im Ordnungsdiskurs von verschiedenen Parteien aufgegriffen. Hierbei spielt der Wiener Gemeindebau eine besondere Rolle, der seit jeher ein wichtiges politisches Symbol des Roten Wiens darstellt. So ist es bestimmt kein Zufall, dass kurz vor der Wahl die Stadt Wien verstärkt neue Projekte zur Regulierung des öffentlichen Raums und insbesondere des Gemeindebaus eingeführt hat.

1. Neue bzw. veränderte Regulierungsinstrumente des Wiener Gemeindebaus
Im Jahr 2010 wurde im Zuge einer Umstrukturierung der "Gebietsbetreuungen der städtischen Wohnhausanlagen" zu den "Wohnpartnern" das sozialarbeiterische Angebot in Wiener Gemeindebauten ausgeweitet. Diese Einrichtung der Stadt Wien soll vor allem der Mediation zwischen den BewohnerInnen im Gemeindebau dienen und als überparteilicher Vermittler1 bei Bedarf aktiv werden. Des Weiteren wurde das Pilotprojekt "Nightwatch" in einigen Gemeindebauten im Sommer 2009 getestet und evaluiert. In 2er Teams waren SozialarbeiterInnen vor allem in den Abendstunden unterwegs und gingen aktiv auf Probleme und Konflikte in öffentlichen Räumen zu, um zwischen den Parteien zu vermitteln. Im Rahmen des Projekts "Wohnpartner unterwegs" wurde auch dieses Programm in den Sommermonaten ausgeweitet.2

Zusätzlich zu den Angeboten der Sozialen Arbeit wurde auch die "Ordnungsberatung" etabliert. Hierbei handelt es sich nicht um Soziale Arbeit, sondern um spezialisierte "Waste Watcher". Die Mitarbeiter handeln nach dem Wiener Reinhaltungsgesetz und der Wiener Hausordnung und sind wie die "Wohnpartner" ebenfalls in 2er Teams unterwegs. Ein bedeutender Unterschied zu den sozialarbeiterischen Projekten stellt die Tatsache dar, dass sie für jegliche Verstöße gegen die Hausordnung oder das Wiener Reinhaltungsgesetz Strafen in Höhe von 36 Euro verhängen können und auch bei Verlangen die Personalien der betroffenen Menschen einfordern können (Politzer et al. (2010): 26f.).

2. Ziele und Forschungszugang
In den Jahren 2009/2010 führten wir, Pia Politzer, Martin Pruckner, Stefan Tatschl und Thomas Wallerberger, ein studentisches Forschungsprojekt am Studiengang Soziale Arbeit an der FH Campus Wien im Rahmen der Forschungswerkstätte "Regieren öffentlicher Räume. Soziale Arbeit als AkteurIn städtischer Sicherheits- und Ordnungspolitigen" durch.3

Diese Forschungsarbeit versucht festzustellen, ob und wie diese gesetzten Interventionen der Stadt Wien- Gebietsbetreuung/ Wohnpartner/ Nightwatch und OrdnungsberaterInnen- von den BewohnerInnen des Gemeindebaus wahrgenommen werden. Der Gemeindebau "Handelskai 214" wurde als Forschungsfeld gewählt, da an dieser Wohnanlage die drei Einrichtungen bzw. Projekte, die von uns untersucht wurden, aktiv sind. Zentrale Fragestellung dabei war, ob und wie die BewohnerInnen des Gemeindebaus "Handelskai 214" Unterschiede im Vorgehen und Handeln dieser Projekte bemerken, sowie ob diese Einrichtungen durch ihre Präsenz, wie von der Stadt Wien beabsichtigt, das Sicherheitsgefühl der betroffenen Personen beeinflussen. Zudem interessierte es uns, welche Konfliktlagen die BewohnerInnen in ihrem Wohnumfeld wahrnehmen und wie sie diese deuten.

Durch ExpertInneninterviews mit MitarbeiterInnen der "Gebietsbetreuung", der "Bassena 2" und der "Ordnungsberatung", wurden wir in unserem Entschluss bestätigt. Ausgangspunkt der Forschung im Feld waren zwei qualitative Leitfadeninterviews, durch die erste tiefere Einblicke in die Lebenswelt der BewohnerInnen möglich waren. Die Themen, die bei diesen fünf Gesprächen aufgegriffen wurden, flossen in die Konstruktion einer quantitativen Umfrage ein. Im Anschluss wurden im Zeitraum von Dezember 2009 bis März 2010 105 BewohnerInnen des Gemeindebaus "Handelskai 214" anhand eines Fragebogens interviewt, der sowohl offene als auch geschlossene Antwortformate enthielt.

3. Einschätzung der Institutionen/ Regulierungen und ihrer Tätigkeiten
Aufgrund der verschiedenen Antwortformate wurde deutlich, dass die BewohnerInnen der von uns untersuchten Wohnhausanlage, eine sehr differenzierte und unterschiedliche Wahrnehmung beziehungsweise Einschätzung zu den Einrichtungen der Stadt Wien haben. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass ungefähr die Hälfte der befragten Personen die "Gebietsbetreuung" und die "Ordnungsberatung" kannten, aber weniger als einem Drittel war das Projekt "Nigthwatch" bekannt.

Die "Gebietsbetreuung", beziehungsweise die heutigen "Wohnpartner" werden von den meisten InterviewparterInnen positiv bewertet, da ihr sozialarbeiterisches Angebot geschätzt wird (vgl. Politzer et al. (2010): 61). Sie wird als überparteilich beschrieben und als AnsprechpartnerIn bei Nachbarschaftskonflikten hervorgehoben. Ein öfters genannter negativer Aspekt der damaligen "Gebietsbetreuung" war die Präsenz und Verfügbarkeit der Einrichtung. Dies lässt sich möglicherweise dadurch erklären, da die "Gebietsbetreuung" meist erst bei häufigen Beschwerden oder lang andauernden Konflikten interveniert und nicht von sich aus aktiv auf die BewohnerInnen zu geht (vgl. Politzer et al. (2010): 59).

Die "Ordnungsberatung" wurde sehr differenziert wahrgenommen und eingeschätzt. So wurde sie zwar unter dem Aspekt, dass sie Sicherheit und Sauberkeit fördert positiv bewertet, aber ihre sanktionierende und kontrollierende Rolle wurde von vielen befragten Personen sehr kritisch beurteilt.

"Nigthwatch" wiederum wurde von mehr als der Hälfte der Personen, denen diese Einrichtung bekannt war, negativ bewertet. Vor allem Jugendliche kritisierten die kontrollierende Wirkung und warfen "Nightwatch" eine Parteilichkeit für die älteren BewohnerInnen des Gemeindebaus "Handelskai 214" vor.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die BewohnerInnen des Gemeindebaus Sanktionen eher skeptisch gegenüberstehen und überwiegend Konfliktbearbeitung, Gespräche und andere Maßnahmen bevorzugen. In den von der Forschungsgruppe ausgewählten Problemfeldern (vgl. Politzer et al. (2010): 62) sprach sich eine Mehrheit für kommunikative Konfliktlösungen aus. Lediglich bei Vandalismus und Verunreinigungen spricht sich eine klare Mehrheit für sanktionierende Maßnahmen aus und bestätigt somit den Auftrag der "Ordnungsberatung", die Einhaltung der Hausordnung stärker zu kontrollieren.

Im Zusammenleben mit Anderen wünschen sich die BewohnerInnen von den Einrichtungen mehr Präsenz und Verfügbarkeit, Überparteilichkeit, kommunikative Angebote und eher Konfliktbearbeitung als Sanktionierung.


(vgl. Politzer et al. (2010): Abbildung 19. 136)

4. Wahrnehmung des Raums und Konfliktpotentiale
Neben diesen Hauptaspekten der Forschungsarbeit, wurden vor allem durch die offenen Antwortkategorien noch weitere zentrale Themen und Phänomene aufgezeigt, die für die BewohnerInnen des Gemeindebaus "Handlelskai 214" von großer Bedeutung sind. Vordergründig wurden von uns zunächst die Raumwahrnehmung und die klassischen Nachbarschaftskonflikte untersucht.

Der Sozialraum "Handelskai 214" wurde von den Befragten sehr differenziert beschrieben. Der Großteil der InterviewpartnerInnen identifiziert sich mit der Umgebung und lebt gerne dort. Speziell die gute Infrastruktur, beziehungsweise die gute Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz, wird überwiegend positiv bewertet (vgl. Politzer et al. (2010): 39). Das Gebiet rund um den Gemeindebau und den Mexikoplatz wurde von anderen GesprächspartnerInnen auch als "Ghetto" bezeichnet. 40% der InterviewpartnerInnen gaben an, dass sie sich nachts nicht im öffentlichen und halböffentlichen Raum des Gemeindebaus aufhalten würden (vgl. Politzer et al. (2010): Abbildung 8., 130), da sie diesen subjektiv als unsicher wahrnehmen.

Abseits der allgemeinen Wahrnehmung des Raums war ein weiterer Schwerpunkt in der durchgeführten Erhebung das Konfliktpotential im Gemeindebau aus der Sicht der BewohnerInnen zu skizzieren. In den offenen Fragen zur Wahrnehmung des Gemeindebaus wurde nicht nur von den räumlichen Dimensionen der Wohnhausanlage gesprochen, sondern es wurde auch vom Umgang zwischen den Personen erzählt, der überwiegend als negativ beschrieben wurde. Für uns entstand der Eindruck, dass die schlechte beziehungsweise fehlende Kommunikation wohl die Ursache für die von vielen angesprochenen Nachbarschaftskonflikte bildet, die dann in Streitigkeiten über Lärm, Müll und ethnischer Herkunft eskalieren können.

5. Zu Hintergründen von Konfliktlagen
Neben den befragten Themen hinsichtlich der gemeinwesenorientierten Projekte und Einrichtungen im Gemeindebau, sowie der individuellen Wahrnehmung von Sicherheit im Wohngebiet, wurden von den InterviewpartnerInnen auch andere soziale Phänomene im Gemeindebau thematisiert.

Dabei sind wir auf drei wesentliche Tendenzen gestoßen, die in engem Zusammenhang stehen und die Hintergrundfolie zu den "klassischen" Nachbarschaftskonflikten bilden:

  • Anonymität zwischen den BewohnerInnen
  • Generationenkonflikte zwischen Alt- und NeumieterInnen, sowie Jung und Alt
  • Konflikte zwischen Alt- und NeuösterreicherInnen, die kulturalisiert bzw. ethnisiert werden.

5.1. Anonymität zwischen den BewohnerInnen
"Manchmal komme ich mir alleine vor. Was komisch ist, da ich ja nicht alleine bin. Im Gegenteil, es sind sehr viele Menschen da, aber viele kenne ich einfach nicht." (Frau B., Bewohnerin des Gemeindebaus. Interview: Dezember 2009)

Ein zentrales Charakteristikum für den gegenwärtigen Gemeindebau stellt die Anonymität zwischen den BewohnerInnen dar, die von den Befragten häufig als Problematik wahrgenommen und dargelegt wurde. Obwohl eine Vielzahl an Menschen in räumlicher Nähe leben, fällt die Kontaktaufnahme schwer und die Beziehungen erscheinen brüchig. Dabei legen Äußerungen der InterviewpartnerInnen nahe, dass Zugehörigkeitsgefühle schwinden und Auflösungstendenzen kollektiver Identitäten (z.B. bezogen auf Sozialdemokratie oder ArbeitnehmerInnenschaft) konstatiert werden.

So gab ein Gesprächspartner während eines Interviews bezeichnend an:
"Es gibt keine Solidarität und der Gemeindebau verfällt langsam." (vgl. Politzer et al.(2010): 66)

Gemeinschaftliche Zugehörigkeit in städtischen Wohnhausanlagen erscheint so zunehmend brüchig und die Betonung von Differenzen zu anderen scheint stärker in den Vordergrund gestellt zu werden. Diesbezüglich werden Reibungsflächen und Konflikte in der Nachbarschaft als anwachsend begriffen (vgl. Politzer et al. (2010): 50), was unserer Einschätzung nach, durch die fehlende Kommunikation zwischen Einzelnen und Gruppen begünstigt wird.

5.2. Generationenkonflikte
"Nightwatch mag ich nicht. Die helfen immer zu den Alten und sind auf ihrer Seite." (vgl. Politzer et al. (2010): 52)

Viele Nachbarschaftskonflikte werden auch vor dem Hintergrund eines bestehenden Generationenkonflikts gedeutet, da hier der Konflikt zwischen "Alt und Jung" im Mittelpunkt steht. Vor allem die fehlende Rücksichtnahme wird von beiden Seiten kritisiert. Der Vorwurf gegenseitiger Intoleranz scheint insbesondere derart zu eskalieren, dass ältere BewohnerInnen anscheinend als Ausweg schnell die Polizei rufen, wie junge Befragte betonen. So deuten Erzählungen der Befragten darauf hin, dass relativ starre "Feindbilder" des intoleranten Anderen bestehen und sich Konflikte eher manifestieren oder verschärfen, als dass sie gelöst oder bearbeitet werden.

Generationenkonflikte treten auf verschiedenen Ebenen auf und häufig werden die Schwierigkeiten zwischen Menschen verschiedener Altersgruppen als Konflikte zwischen "Alteingesessenen" und "NeumieterInnen" gedeutet, wobei der Begriff "NeumieterInnen" oft synonym für Menschen mit Migrationshintergrund verwendet wird.

Unseres Erachtens liegen den Konfliktlagen im Gemeindebau also nicht nur ein Konflikt zwischen den Generationen zugrunde, sondern dieser ist selbst von einer kulturellen bzw. kulturalisierten Deutungsebene durchzogen: etablierte ältere BewohnerInnen österreichischen Hintergrundes stehen mit neu zu gezogenen, jüngeren BewohnerInnen mit Migrationshintergrund in einer konflikthaften Beziehung (vgl. Elisas/ Scotson (1993).

5.3. Kulturalisierung von nachbarschaftlichen Konflikten
"Ich habe einen Wohnungstausch vor, weil die Nachbarn nicht tolerant sind. Wir sind ausländische Familie, mehr möchte ich dazu nicht sagen." (vgl. Politzer et al. (2010): 56)

In unserer Befragung kristallisierte sich heraus, dass Menschen mit Migrationshintergrund zunächst politisch korrekt als NeuösterreicherInnen bzw. NeumieterInnen bezeichnet werden. Problematische Zuschreibungen, die mit dem Begriff der NeumieterInnen verbunden werden, ergaben sich oft erst in längeren Interviewsequenzen.

Ein rassistischer Subtext, wird erst dann deutlich erkennbar, wenn Aussagen wie: "Die Neumieter sind laut und stinken." (Politzer et al. (2010): 56) getätigt werden. Ausgehend davon, dass die BewohnerInnen im Alltag, differenzbildende Aussagen leicht entcodieren können, ist anzunehmen, dass gerade rassistische Äußerungen zu einer Polarisierung und Eskalation unter den NachbarInnen führen. Solche verschärften Konfliktlagen stellen wiederum eine Bestätigung von existieren Stereotypen dar.

Wenn vereinzelte befragte AltösterreicherInnen den NachbarInnen mit Migrationshintergrund den angeblich fehlenden Willen zur Integration vorwerfen (vgl. Politzer et al. (2010): 54) wird der eigene Beitrag als koproduzierende Seite eines gelingenden Integrationsprozesses nicht mitproblematisiert. Ebenso wird behauptet, dass Menschen mit Migrationshintergrund keinen Respekt vor den AltösterreicherInnen haben und so erst die Konflikte entstehen, was wiederum deutlich macht, dass Respekt nicht als Beziehungsverhältnis gedacht wird (vgl. Sennet (2002), sondern der Außenseiter dem Etablierten Respekt zukommen zu lassen hat.

6. Herausforderungen für die Soziale Arbeit im Wiener Gemeindebau
Bezugnehmend auf den sicherheitspolitischen Trend der jüngeren Vergangenheit und deren Bedeutung und Umstrukturierungen der Sozialen Arbeit, stellt sich im konkreten Feld des "Handelskais 214" die Frage, welche Schlüsse für das Gemeinwesen und die Soziale Arbeit gezogen werden können.

6.1. Öffentlichkeits- und Informationsarbeit für die Soziale Arbeit
Ein Aspekt, der durch den Kontakt zu den BewohnerInnen des Gemeindebaus transparent wurde, ist die zum Teil fehlende Information über die Einrichtungen und Projekte rund um das Gemeinwesen. Auftrag und Intention ihrer Präsenz im öffentlichen Raum ist für die BewohnerInnen unklar- teilweise können die Projekte von ihnen nicht klar differenziert werden.

Auf das Pilotprojekt "Nightwatch" (heutige "Wohnpartner- unterwegs") ist besonderer Fokus zu legen. Besonders die jüngeren BewohnerInnen, die vermehrt im öffentlichen Raum des Gemeindebaus anzutreffen sind, verwechselten "Nightwatch" mit der "Ordnungsberatung". Es wurde nicht wahrgenommen, warum sich ProfessionalistInnen im Gemeindebau aufhalten. In Folge dessen wurde ihnen Parteilichkeit zugunsten der älteren Personen und eine Kontroll- und Regulierungsfunktion im öffentlichen Raum zugeordnet.

Wenn betroffenen Personen keine oder wenig Information zukommt, so können Interventionen, die der Konfliktvermittlung dienen sollen, auch Gegenteiliges bewirken. Hierbei zeigt sich unseres Ermessens, dass im Vorfeld nicht genügend Informationsarbeit, seitens der Sozialen Arbeit stattgefunden hat. Uns erscheint es wichtig darauf hinzuweisen, dass bei der Einführung von neuen Interventionsmaßnahmen in Räumen, zuvor eine Debatte in der BewohnerInnenschaft über die sogenannten sozialen Probleme und diesbezüglich angedachten Lösungsmaßnahmen geführt werden muss.

6.2. Kontaktförderung und Beziehungsaufbau angesichts einer multikulturellen Diversität
Die Ergebnisse dieser Umfrage deuten darauf hin, dass Anonymität und brüchige soziale Beziehungen einen Erklärungsansatz für Konflikte darstellen. Ein präventives Wirken im Sozialraum des Gemeindebaus würde für die Soziale Arbeit bedeuten, an den tieferliegenden Ursachen der Nachbarschaftskonflikte unter den BewohnerInnen aktiv zu werden.

Soziale Arbeit sollte einen kontaktaufbauenden und beziehungsfördernden Ansatz verfolgen. Sie sollte im Gemeinwesen nicht nur dann agieren, wenn Konflikte eingetreten sind, sondern im Vorfeld Differenzen bearbeiten und gemeinschaftsstärkende Interventionen setzen.

Für die Soziale Arbeit würde dies ein Schaffen von Rahmenbedingungen für solche sozialen Inszenierungen und gleichzeitiges Informieren über verschiedene vorhandene Hilfeleistungen bedeuten.

Der Wiener Gemeindebau stellt einen sozialen Raum dar, in dem Menschen mit vielfältigen persönlichen und kulturellen Hintergründen aufeinandertreffen. Angesichts ähnlicher finanzieller und sozioökonomischer Belastungen können Ängste vor Statusverlust zu verstärkten Differenzbildungsprozessen führen, die zunächst häufig auf der offensichtlichen Konfliktebene bearbeitet werden.

Subjektive Unsicherheitsgefühle lassen sich in diesem Gemeindebau bei einigen Befragten erkennen, wobei dies für Personen mit und ohne Migrationshintergrund zutrifft. Rassismus und ethnische Ausgrenzung wurden von den interviewten Personen größtenteils indirekt angesprochen.

Es bedarf unseres Erachtens eines sensiblen Vorgehens der Sozialen Arbeit um interkulturelle bzw. kulturalisierte Barrieren und Grenzen aufzubrechen. Auch hier gilt es für die Soziale Arbeit, ähnlich wie bei der Förderung von Partizipationsmöglichkeiten, einen längerfristigen Handlungsplan zu verfolgen. Angesichts der häufig diskreditierenden öffentlich- medialen Berichterstattung sind kurzfristige Interventionen zu wenig, um über Bildungsarbeit und interkulturellen Dialog das Zusammenleben abseits ethnisch- kultureller Differenzen zu fördern.

6.3. Das Gemeinwesen und Soziale Arbeit
Aus einer kommunitaristischen Perspektive betont Amitai Etzioni, dass das moralische Engagement von Eltern, Jugendlichen, NachbarInnen und BürgerInnen (vgl. Etzioni (1998): 289) für die Stärkung eines Gemeinwesens wesentlich ist. Die Mitglieder einer Gemeinschaft sollen ihre Pflicht aus Verantwortungsbewusstsein erfüllen und nicht aus Angst vor Strafen und Prozessen (vgl. ebd.).

Der Auftrag für eine Soziale Arbeit, die sich dem sozialen Zusammenhalt verpflichtet fühlt, besteht folglich darin, die Menschen im Gemeindebau in ihrer Kommunikation zu unterstützen und für gegenseitiges Verständnis von kultureller Diversität einzutreten. Zu überlegen ist folglich, ob ein niederschwelliges Angebot und vermehrte Präsenz der Sozialen Arbeit in öffentlichen Räumen, ähnlich wie es bei "Wohnpartner unterwegs" umgesetzt wird, für ein Miteinander im Gemeindebau förderlich wäre. Im Sinne einer nachhaltigen Sozialen Arbeit sollte es nicht um Strafen und Kontrolle gehen, sondern um die Förderung und Anregung gesellschaftlich reflexiver Prozesse. Dabei sollte die Soziale Arbeit als eine Profession gesehen werden, die auf horizontaler Ebene Rahmenbedingungen zur Selbstorganisation schafft und BewohnerInnen professionell begleitet, sowie eine menschenrechtsorientierte Bildungsarbeit verfolgt.

Dabei muss vor einem hohen Ausmaß an staatlicher Kontrolle und Regulierung gewarnt werden, die das Gemeinwesen eher schwächen als stärken (vgl. Etzioni (1998): 299) oder sozialarbeiterische und gemeinwesenorientierte Ansätze konterkarieren. Unseres Ermessens würde dies auch eine klare Positionierung der Sozialen Arbeit gegen ordnungspolitische Logiken, mit ihren diskreditierenden, sowie stigmatisierenden Tendenzen und sanktionierende Maßnahmen, die die Selbstorganisationskräfte des Gemeinwesens schwächen, bedeuten.


Verweise
1 http://www.wohnpartner-wien.at/home/wohnpartner-angebot [11.11.2010]
2 http://www.wien.gv.at/rk/msg/2010/0428/009.html [11.11.2010]
3 Politzer, Pruckner, Tatschl, Wallerberger (2010): "Regulierungsinstrumente im Wiener Gemeindebau"


Literatur
Elias, Norbert/ Scotson, John L. (1993): Etablierte und Außenseiter. Baden Baden.
Etzioni, Amitai (1998): Die Entdeckung des Gemeinwesens. Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus. Fischer Taschenbuch Verlag.
Sennet, Richard (2002): Respekt im Zeitalter der Ungleichheit. Berlin
Politzer, Pia/ Pruckner, Martin/ Tatschl, Stefan/ Wallerberger, Thomas (2010): Regulierungsinstrumente im Wiener Gemeindebau.
http://www.wien.gv.at/rk/msg/2010/0428/009.html [11.11.2010]
http://www.wohnpartner-wien.at/home/wohnpartner-angebot [11.11.2010]


Über die AutorInnen

Pia Politzer, BA, Jg. 1985
pia.politzer@gmx.at
Elementarpädagogin und Kindergartenpädagogin, sowie Sozialpädagogin (Abschluss 2007). Erfahrungen im pädagogischen und psychiatrischen Bereich. Abschluss des Bachelorstudiengangs "Soziale Arbeit" an der FH Campus Wien im Juni 2010. Seit August 2010 als Sozialarbeiterin bei der Stadt Wien in der Jugendwohlfahrt tätig. Derzeit inskribiert im Masterstudiengang "Sozialraumorientierte Soziale Arbeit" an der FH Campus Wien.

Martin Pruckner, Jg. 1985
Martin.Pruckner@gmx.at
Student an der FH Campus Wien, Abschluss des Bachelorstudiengangs "Soziale Arbeit" voraussichtlich im Jänner 2011. Derzeit inskribiert im Masterstudiengang "Sozialraumorientierte Soziale Arbeit". Erfahrungen im psychiatrischen Bereich und mit Menschen mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung.






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